Postpartum-Thyreoiditis
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Postpartum-Thyreoiditis ist eine mehrphasige Entzündung der Schilddrüse, die unmittelbar nach einer Schwangerschaft auftreten kann und mittlerweile als eine Sonderform der autoimmunen Hashimoto-Thyreoiditis angesehen wird. In der ersten Phase der Erkrankung leiden die Betroffenen an einer Überfunktion der Hormondrüse, die von einer Unterfunktion gefolgt ist. Die Normalisierung stellt sich meist ohne Behandlung ein. Bei einem erheblichen Teil der Betroffenen bleibt jedoch eine dauerhafte Schilddrüsenunterfunktion zurück, die mit Schilddrüsenhormonen behandelt werden muss. Eine Kontrolle der Schilddrüsenwerte ist deshalb in jedem Fall angezeigt.
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Was ist eine Postpartum-Thyreoiditis?
Die Schilddrüse ist eine der relevantesten Hormondrüsen im menschlichen Körper. Die Drüse produziert die Schilddrüsenhormone Trijodthyronin T3 und Thyroxin T4, die auf annähernd alle Körperzellen wirken und in den Zellen den lebenswichtigen Energiestoffwechsel anregen. Die Schilddrüse wird in ihrer Tätigkeit durch das Hypothalamushormon TRH (Thyreotropin-Releasing-Hormon) geregelt und zusätzlich vom Hypophysenhormon TSH funktionell reguliert.
Unterschiedliche Erkrankungen können die Schilddrüse in ihrer Funktion beeinträchtigen. Eine davon ist die Thyreoiditis oder Schilddrüsenentzündung. Unterschiedliche Erkrankungen mit verschiedenen Ursachen zeichnen sich durch Entzündungen der Schilddrüse aus.
Die postpartum-Thyreoiditis oder postpartale Thyreoiditis ist eine solche Erkrankung und tritt meist kurz nach einer Schwangerschaft auf. Etwa sieben Prozent aller frischgebackenen Mütter erkranken an einer Postpartum-Thyreoiditis. Bei der Erkrankung handelt es sich um eine Schilddrüsenentzündung mit vergleichsweise mildem Verlauf. Die akute Phase klingt meist von selbst ab; ein erheblicher Teil der Frauen behält jedoch eine dauerhafte Unterfunktion zurück.
Ursachen
Einige Risikofaktoren können das Auftreten einer Postpartum-Thyreoiditis nach einer Schwangerschaft begünstigen. Frauen mit Diabetes mellitus Typ I erkranken beispielsweise in bis zu 25 Prozent aller Fälle an der Schilddrüsenentzündung. Auch Patientinnen mit Schilddrüsenantikörpern besitzen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko.
Für autoimmune Schilddrüsenerkrankungen und im Speziellen die Postpartum-Thyreoiditis wurde von familiärer Häufung berichtet. Daher sind auch Frauen mit entsprechenden Fällen in der Familie von erhöhtem Risiko betroffen. Ist die Postpartum-Thyreoiditis nach einer vorausgegangenen Schwangerschaft aufgetreten, so erkranken die Betroffenen in ihren Folgeschwangerschaften mit einer Wahrscheinlichkeit von bis zu 70 Prozent abermals.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Frauen mit Postpartum-Thyreoiditis leiden an einem variabel klinischen Bild, das der Silent-Thyreoiditis ähnlich sein kann. Klassischerweise verläuft die Erkrankung in drei Phasen. Bis zu sechs Monate nach der Entbindung eines Kindes entwickeln die frisch gebackenen Mütter eine rund zwei Monate andauernde Überfunktion der Schilddrüse, die von einer vier- bis achtmonatigen Schilddrüsenunterfunktion gefolgt ist.
Nach den ersten beiden Phasen normalisiert sich die Schilddrüsenfunktion vorerst. In anderen Fällen hat sich die entzündliche Erkrankung ausschließlich in Form einer Schilddrüsenunterfunktion oder einer Schilddrüsenüberfunktion manifestiert. Nach einem Jahr ist der überwiegende Teil der Patientinnen wieder beschwerdefrei. Der Übergang in eine anhaltende Schilddrüsenunterfunktion ist allerdings nicht selten.
Symptomatisch für die Erkrankung können Stoffwechselanomalien, Hyperthyreose, Hypothyreose, Stimmungsschwankungen, gestörtes Temperaturempfinden und ähnliche Beschwerden sein. Schmerzen treten im Rahmen der Postpartum-Thyreoiditis in aller Regel nicht auf.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Die Diagnose der Postpartum-Thyreoiditis wird vom Arzt auf Basis der Anamnese und des Hormonstatus gestellt. Über den Hormonstatus lässt sich abhängig von der jeweiligen Phase eine Schilddrüsenüberfunktion oder -unterfunktion nachweisen. Um die entzündliche Basis nachzuweisen, können Bildgebungen der Schilddrüse sowie histologische Untersuchungen des befallenen Schilddrüsengewebes durchgeführt werden. Wegweisend ist zudem der Nachweis von Antikörpern gegen die Schilddrüsenperoxidase (TPO-Antikörper), der bei der Postpartum-Thyreoiditis meist positiv ausfällt. Eine Gewebeentnahme ist für die Diagnose in der Regel nicht erforderlich.
Grundsätzlich besteht für betroffene Frauen eine günstige Prognose. Die Symptome legen sich im Normalfall innerhalb der nächsten Monate von selbst. Bei einem erheblichen Teil der Frauen bleibt die Unterfunktion jedoch bestehen und muss dann lebenslang mit Schilddrüsenhormonen ausgeglichen werden.
Komplikationen
Die Dauer dieser Erkrankung kann im Allgemeinen nicht vorausgesagt werden. Die Hormonproduktion der Schilddrüse normalisiert sich allerdings in den meisten Fällen wieder. Es kann während der Postpartum-Thyreoiditis allerdings zu einem leichten Übergewicht und zu einem gestörten Stoffwechsel kommen. Auch Stimmungsschwankungen oder ein gestörtes Temperaturempfinden können dabei auftreten und sich negativ auf die Lebensqualität des Betroffenen auswirken.
Die meisten Patienten leiden aufgrund der Postpartum-Thyreoiditis nicht an Schmerzen. Eine direkte Behandlung ist in vielen Fällen nicht notwendig. Die Behandlung kann allerdings durch die Einnahme von Hormonen und anderen Medikamenten unterstützt werden.
Im Falle von Depressionen oder anderen psychischen Beschwerden ist eine entsprechende Therapie notwendig. Allerdings stellt sich bei der Postpartum-Thyreoiditis in den meisten Fällen ein positiver Krankheitsverlauf ein. Die Lebenserwartung der Patientin wird von der Krankheit bei rechtzeitiger Behandlung in der Regel nicht beeinflusst.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Unmittelbar nach der Niederkunft findet eine Umstellung des Hormonsystems im weiblichen Organismus statt. Das führt zu Veränderungen, gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Unregelmäßigkeiten. Bei der Postpartum-Thyreoiditis regulieren sich die Störungen im weiteren Verlauf häufig selbständig, eine besondere Behandlung ist dann nicht nötig. Ärztlich abgeklärt und kontrolliert werden sollten sie dennoch: Ohne eine Bestimmung der Schilddrüsenwerte bleibt offen, ob sich die Funktion tatsächlich normalisiert hat oder ob eine dauerhafte Unterfunktion zurückbleibt, die behandelt werden muss. Anhaltende Erschöpfung, Herzrasen, Zittern, deutliche Gewichtsveränderungen oder eine gedrückte Stimmung nach der Geburt sollten deshalb nicht als selbstverständliche Begleiterscheinung des Wochenbetts abgetan werden.
Eine rechtzeitige umfangreiche Aufklärung über die körperlichen Veränderungen nach der Geburt ist anzuraten. Diese kann virtuell durch entsprechende Beiträge im Internet erfolgen oder durch die Nutzung von Fachliteratur rund um die Geburt. Darüber hinaus helfen Gespräche im Vorfeld mit dem Frauenarzt oder der Hebamme. Der Austausch mit Frauen, die bereits ein Kind zur Welt gebracht haben, kann dabei entlasten und offene Fragen klären. Er ersetzt jedoch nicht die Bestimmung der Schilddrüsenwerte, denn ob eine Postpartum-Thyreoiditis vorliegt und ob sie ausgeheilt ist, lässt sich nur im Blut feststellen.
Die Nachfrage bei einem Arzt ist zu empfehlen, wenn es zu anhaltenden Unsicherheiten oder Ängsten kommt. Können die vorhandenen Fragen nicht von Menschen aus dem Umfeld geklärt werden, ist eine Rücksprache mit dem Arzt anzuraten. Nehmen Sorgen, Nöte oder Unregelmäßigkeiten an Intensität oder Umfang zu, wird empfohlen, sich Hilfe zu suchen. Kommt es aufgrund der Beschwerden zu Unregelmäßigkeiten im Umgang mit dem Säugling ist ebenfalls ein Arztbesuch zu empfehlen.
Behandlung & Therapie
In den meisten Fällen benötigen Frauen mit Postpartum-Thyreoiditis keine weiterführende Therapie. Die Beschwerden bilden sich meist im Lauf einiger Monate vollständig zurück. Eine normale Schilddrüsenfunktion stellt sich wieder ein. Da die Ursachen der Erkrankung bislang nicht abschließend geklärt sind, steht eine kausale Therapie ohnehin nicht zur Verfügung.
In schweren Fällen kann allerdings eine symptomatische Therapie Sinn machen. Diese symptomatische Therapie entspricht bei einer Unterfunktion der Schilddrüse in der Regel einer konservativ medikamentösen Hormonsubstitution mit Medikamenten wie Levothyroxin. Bei einer Überfunktion der Schilddrüse wurde lange Zeit eine symptomatische Behandlung mit Thyreostatika angestrebt. Heute werden in dieser Phase stattdessen vor allem Betablocker eingesetzt, die Herzrasen, Unruhe und Zittern lindern, ohne in die Hormonbildung einzugreifen.
Thyreostatika hemmen die Produktion der Schilddrüsenhormone. Schwefelhaltige Thyreostatika wie Propylthiouracil oder Carbimazol besitzen eine Wirklatenz von ein bis zwei Wochen und müssen für schnellere Wirkung mit weiteren Medikamenten kombiniert werden. Allerdings haben sich Thyreostatika bei Hyperthyreosen im Rahmen von Schilddrüsenentzündungen in der Vergangenheit oft als wenig wirksam herausgestellt.
Innerhalb der Schilddrüse sind Hormone gespeichert, die trotz der gehemmten Bildung freigesetzt werden können. Aus diesem Grund stellt sich die symptomatische Behandlung einer entzündungsbedingten Überfunktion als deutlich schwieriger heraus als die symptomatische Therapie einer entzündungsbedingten Unterfunktion.
Falls durch die Schilddrüsendysfunktion Gemütsschwankungen oder gar depressive Verstimmungen eintreten, ist eine psychotherapeutische Betreuung der betroffenen Frauen denkbar. Da viele Frauen unmittelbar nach einer Schwangerschaft ohnehin an Stimmungskrisen leiden, macht der Schritt der Psychotherapie umso mehr Sinn.
Vorbeugung
Der Postpartum-Thyreoiditis lässt sich bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum vorbeugen. Die Ursachen sind bislang noch zu wenig geklärt, als dass bereits präventive Maßnahmen existieren würden. Der familiäre Zusammenhang lässt zwar die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung abschätzen, liefert aber keine Ansatzpunkte zur Prävention.
Die betroffenen Frauen können ihr eigenes Risiko für die Postpartum-Thyreoiditis mittlerweile mehr oder weniger genau abschätzen lassen; der Erkrankung aktiv entgehen können sie bislang aber nicht. Der Nutzen liegt darin, die Schilddrüsenwerte nach der Geburt gezielt kontrollieren zu lassen, damit eine Über- oder Unterfunktion früh erkannt und behandelt wird.
Nachsorge
Die Nachsorge der postpartumen Thyreoiditis beläuft sich vor allem auf die regelmäßige Vorstellung beim Hausarzt oder Endokrinologen. Auch der behandelnde Gynäkologe kann hier eine optimale Anlaufstelle sein. In der Nachsorge geht es vor allem um die in kurzen Abständen erfolgende Blutentnahme, um festzustellen, ob die Thyreoiditis ausgeheilt ist.
Kommt es zu einer dauerhaften Folgeerkrankung, kann eine lebenslange Behandlung mit Schilddrüsenmedikamenten erforderlich sein. Ein weiterer Punkt der Nachsorgebehandlung ist die Darstellung der Schilddrüse im bildgebenden Verfahren. Hier wird als erstes der Ultraschall angewandt, dies kann oft direkt beim Hausarzt erfolgen. Es können hier Spätfolgeveränderungen an der Schilddrüse festgestellt werden, wie zum Beispiel eine Vergrößerung oder Verkleinerung beziehungsweise die Bildung von Knoten.
In manchen Fällen kann auch eine Untersuchung durch einen Radiologen erforderlich sein. Dies ist vor allem dann angezeigt, wenn es Hinweise auf eine unzureichende Ausheilung, unklare Befunde im Ultraschall oder ein erneutes Aufflammen der postpartumen Thyreoiditis beziehungsweise das Auftreten einer Folgeerkrankung gibt. Die Patientin sollte gewissenhaft zu den vereinbarten Nachsorgeuntersuchungen erscheinen, da eine nicht oder nicht ausreichend behandelte Schilddrüsenerkrankung erhebliche Folgen auf den gesamten Körper und die Stoffwechselvorgänge haben kann.
Das können Sie selbst tun
Nahe Angehörige sollten über den Verlauf der postpartalen Thyreoiditis informiert werden. Depressive Verstimmungen, innere Unruhe, Gewichtsveränderungen und Haarausfall stoßen dadurch auf Verständnis im Umfeld der Patientin. Zusätzlicher Stress und Schuldgefühle werden vermieden. Hilfe bei der Betreuung des Säuglings erleichtert der Patientin den Alltag ebenfalls. Die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen zur Alltagsbewältigung richtet sich nach den Symptomen. Bei vorliegender Euthyreose sind über die vereinbarten Kontrolluntersuchungen hinaus keine weiteren Maßnahmen notwendig.
Eine übermäßige Gewichtszunahme bei vorliegender Hypothyreose kann durch eine Anpassung der Essgewohnheiten an das verminderte Hungergefühl verringert werden. Ruhe und ausreichender Schlaf ermöglichen die Bewältigung des Alltags trotz verlangsamtem Stoffwechsel. Bei Muskelverspannungen helfen Massagen und warme Auflagen. Bei trockener Haut empfehlen sich Feuchtigkeitscremes und eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme. Verstopfungssymptomen wirken eine hohe Flüssigkeitszufuhr, ballaststoffreiche und stuhlfördernde Ernährung, Bewegung, Bauchmassagen und die Vermeidung stopfender Lebensmittel entgegen.
Bei vorliegender Hyperthyreose eignen sich Sport, Yoga, Pilates und Entspannungsübungen zur Bewältigung innerer Unruhe. Eine dem größeren Appetit entsprechend erhöhte Kalorienaufnahme verhindert eine übermäßige Gewichtsabnahme durch den beschleunigten Metabolismus. Die Unterrichtung medizinischen Fachpersonals über weiteren Kinderwunsch stellt die Einstellung der Schilddrüsenwerte im Normalbereich vor erneuter Empfängnis sicher.
Quellen
- Stalla, G. K. (Hrsg.): Rationelle Diagnostik und Therapie in der Inneren Medizin - Endokrinologie und Stoffwechsel.
ISBN: 9783437211843
- Lehnert, H., Anlauf, M. (Hrsg.): Rationelle Diagnostik und Therapie in Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel.
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- van de Loo, I., Harbeck, B.: Facharztwissen Endokrinologie und Diabetologie.
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- Kaisenberg, C. von (Hrsg.): Die Geburtshilfe.
ISBN: 9783662635056
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655

