Religiöser Wahn


Medizinische Qualitätssicherung am 16. Mai 2019 von Dr. med. Nonnenmacher

Religiöser Wahn ist eine inhaltliche Wahnsymptomatik, die häufig mit Schizophrenie in Zusammenhang gebracht wird. Oftmals geht der Wahn mit einem Heilsauftrag einher. Die Behandlung der Patienten gestaltet sich aufgrund der Ich-Syntonie meist schwierig.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Religiöser Wahn?

Wahn ist ein Symptom psychiatrischer Erkrankungen. Im psychopathologischen Befund ist Wahn eine inhaltlich geartete Denkstörung im Rahmen unterschiedlicher Störungen der Psyche. Wahnerkrankungen stören die Lebensführung durch Überzeugungen in Unvereinbarkeit mit der objektiven Realität. Die Urteilsfähigkeit der Betroffenen ist gestört.

Ähnliche Denkstörungen sind überwertige Ideen und Zwangsgedanken. Im Unterschied zu Wahnpatienten wissen die Patienten dieser Denkstörung allerdings meist, dass ihre Gedanken im Konflikt mit der objektiven Realität und Normalität stehen. Der Wahn kennzeichnet vor allem Erkrankungen wie die Schizophrenie. Wahnvorstellungen können inhaltlich unterschiedlicher Art sein. Ein relativ weit verbreiteter Inhalt sind religiöse Themen.

Diese religiös geprägte Form des Wahns wird als religiöser Wahn bezeichnet. Die Patienten eines solchen Wahns leiden an falschen, aber unerschütterlichen Ideen in Form von Glaubensvorstellungen, die dem persönlichen Bildungsstand und dem kulturellen oder sozialen Hintergrund des Betroffenen widersprechen. Die Patienten vertreten ihren Glauben mit außergewöhnlicher Überzeugung und Ich-Syntonie. Gegenteiligen Beweisen hält ihre persönliche Gewissheit Stand.

Ursachen

Laut aktueller Studien sind religiöse Themen der Inhalt von bis zu 30 Prozent aller schizophrenen Wahnereignisse. Damit ist der religiöse Wahn eine der häufigsten Wahn-Thematiken. Neben Schizophrenie gehen viele weitere Erkrankungen mit Wahnsymptomen einher. Das gilt zum Beispiel für affektive Störungen wie schweren Depression oder Manie und bipolare Störung.

Die primäre Ursache sind oft Demenzen oder Hirnschädigungen. Im Rahmen von Demenzen verursacht vor allem Morbus Alzheimer oft Wahnsymptome. Fast ebenso oft kommt der Wahn bei der vaskulären Demenz, der Lewy-Body-Demenz und der fronto-temporalen Demenz vor. Der religiöse Wahn wird demnach meist nicht durch rein psychische Erscheinungen verursacht, sondern steht im Großteil aller Fälle mit hirnorganischen Schädigungen in Zusammenhang.

Andererseits sind auch Fälle des religiösen Wahns bekannt, die nicht mit hirnorganischen Veränderungen assoziiert sind. Abhängig von der primär ursächlichen Erkrankung existieren unterschiedliche Formen des religiösen Wahns. Letztlich ist der religiöse Wahn als Symptom zu verstehen, in dem die genannten Erkrankungen Ausdruck finden.

Oft entstehen die religiösen Wahnthematiken nicht aus einem persönlich religiösen Erleben. Eher entstehen sie im Rahmen von menschlichen Konflikten, wie Eheproblemen oder Todesangst.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Menschen mit religiösem Wahn sind häufig davon überzeugt, mit Gott in unmittelbarer Kommunikation zu stehen. In einigen Fällen glauben sie auch daran, selbst als neuer Messias auserwählt worden zu sein und zur Erlösung der Welt auf die Erde geschickt zu werden. In einem solchen Fall ist von einem religiösen Wahn mit Heilsauftrag die Rede.

Die Patienten sind vollständig auf ihre Wahninhalte fixiert und speisen die Gesamtheit ihres Denkens und Handelns daraus. In ihrem Wahn-System sind sie gänzlich immun gegen kritische Gegenargumente. Bei der paranoiden Schizophrenie erleben die Patienten häufig ein großes Mitteilungs- und Verbreitungsbedürfnis ihrer wahnhaft religiösen Ideen.

In vielen Fällen wechselt ein Patient mit religiösem Wahn zwischen Dialog-Formen und Monolog-Strukturen desselben Inhalts. In den meisten Fällen ergibt sich aus dem Wahn eine Entfremdung oder Teilentfremdung der Umwelt. Der Patient steht der Umwelt meist isoliert gegenüber, da niemand außer ihm den Inhalt der Wahnvorstellung vertritt.

In den meisten Fällen sind Betroffene mit religiösem Wahn auch in religiösen Gemeinden nicht integriert, da sich ihre Vorstellungen nicht mit den verbreiteten vereinbaren lassen. In der klinischen Praxis führt der religiöse Wahn oftmals zu körperlich schwerer Selbstverletzung.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der religiöse Wahn ist im Rahmen der Diagnostik vom religiösen Glauben zu unterscheiden. In einer Wahnäußerung wird statt Glauben Wissen behauptet. Sie treffen keine Glaubensbekenntnisse, sondern teilen sich in objektiv unmöglichen Realitätswahrnehmungen mit. Beim religiösen Glauben ist eine realistische Selbsteinschätzung noch möglich.

Patienten mit religiösem Wahn leiden dagegen an überheblicher Selbsteinschätzung. Im religiösen Glauben sind die Patienten darüber hinaus zu Distanzierung und zur Infragestellung der religiösen Inhalte in der Lage. Patienten mit religiösem Wahn sind zur Distanzierung von ihrer fixen Ideen nicht in der Lage und sehen keinerlei Ansatzpunkt zur Infragestellung ihrer Ideen.

Die Prognose hängt für Patienten mit religiöser Wahnsymptomatik von der ursächlichen Erkrankung ab. In vielen Fällen kann eine vollständige Heilung aufgrund der Ich-Syntonie nicht erzielt werden.

Komplikationen

Im Zuge des religiösen Wahns kann es zu zahlreichen Komplikationen kommen, die vor allem sozialer Natur sind. Aber auch schwere Selbstverletzungen sind möglich. So wird die wahnhafte Vorstellung des Betroffenen in den meisten Fällen zu einer sozialen Isolierung führen. Ein Beharren auf das Wissen um einen bestimmten religösen Sachverhalt, kann zudem dabei zu schweren Konflikten führen, die sich unter anderem auf Familienverhältnisse, sonstige Sozialkontakte und das Arbeitsumfeld auswirken können.

Die Fixierung auf die Inhalte des Wahns kann zudem zu einer Vernachlässigung anderer Lebensbereiche führen, was in Arbeitsunfähigkeit und der Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse enden kann. Einhergehend damit, dass selbst religiöse Gemeinden bei der Integration von derartigen Psychotikern überfordert sein können, führen der Konflikt zwischen dem, was die Umwelt glaubt und dem, was der Psychotiker zu wissen meint, nicht selten auch zu einer Selbstisolierung.

Selbstverletzendes Verhalten kann dadurch bedingt sein, dass der Betroffene sich beispielsweise mit einem Märtyrer aus den religiösen Traditionen identifiziert oder sich mit diesem gleichsetzt und entsprechend dessen Handlungen nachzuahmen bereit ist. Befeuert wird die Neigung zum Eingehen von Risiken - häufig gespeist aus einer wahninduzierten Selbstüberschätzung - wenn der Betroffene sich im Auftrag Gottes als Heilsbringer versteht.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Ein religiöser Wahn ist für sich allein gestellt keine Erkrankung. Er tritt im Normalfall mit anderen Beschwerden auf, die ein Gesamtbild ergeben. Charakteristisch ist, dass der Betroffene oftmals keine Krankheitseinsicht zeigt. Daher sind Eltern, Angehörige oder Menschen aus dem sozialen Umfeld in der Verantwortung, einen Arztbesuch zu initiieren.

Steht der Betroffene in einer Kommunikation zu imaginären Wesenheiten, ist dies allein noch kein Merkmal, das besorgniserregend ist. Handlungen im Namen Gottes werden ebenfalls seit vielen Jahrtausenden ausgeführt und nicht als Krankheitsanzeichen gedeutet.

Die Grenze zu einer Erkrankung wird überschritten, wenn der Betroffene von Stimmenhören oder selbst ernannten Heilsaufträgen scheinbar ohne einen Anlass berichtet. Es findet eine Fixierung der Wahninhalte statt, die das Denken und Handeln wesentlich verändern. Das Verhalten des Betroffenen wird als ab der Norm bezeichnet und sollte einem Arzt vorgestellt werden.

Zu den weiteren Anzeichen gehören Monologe sowie eine ungefragte Beeinflussung des Umfeldes. Es finden Belästigungen statt, die soziale Konflikte auslösen. Die geäußerten Thesen entbehren häufig einer soliden Grundlage und werden von dem Betroffenen mit aller Vehemenz verteidigt. Kommt es zu Beleidigungen, aggressiven Verhaltenstendenzen oder Selbstverletzungen, muss ein Arzt aufgesucht werden.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung von Patienten mit religiösem Wahn hängt von der ursächlichen Erkrankung ab. Zur konservativ medikamentösen Therapie stehen vor allem Psychopharmaka zur Verfügung. Bei Schizophrenie wird seit der jüngsten Vergangenheit außerdem Elektrokrampftherapie angewandt, bei der unter Narkose Krampfanfälle stimuliert werden. Der Nutzen dieser Therapieform bleibt allerdings umstritten.

Darüber hinaus kommen Soziotherapie, Ergotherapie und Arbeitstherapie zur Normalisierung der Tagesabläufe zum Einsatz. Dasselbe gilt für Bewegungstherapien. In der Psychotherapie wird die individuelle Vulnerabilität gelindert, äußere Stressoren werden abgebaut und die Krankheitsbewältigung wird supportiv unterstützt.

Die Akzeptanz, das Selbstmanagement und die Problem-Bewältigung stehen bei der Therapie im Vordergrund. Verhaltenstherapeutische und kognitiv therapeutische Elemente können in die Sitzungen integriert werden. In den meisten Fällen findet eine Familientherapie statt.

Dies ist darin begründet, dass der religiöse Wahn auf die Angehörigen des Psychotikers nicht nur extreme Auswirkungen zeigt, sondern die Wahnsymptomatik häufig auch auf dem Nährboden von zwischenmenschlichen Problemen im näheren Kreis entsteht. Die eigentliche Schwierigkeit bei religiöser Wahnsymptomatik ist die Einsicht der Erkrankung. Die Ich-Syntonie des Wahns muss zu einer Ich-Dystonie werden, damit der Patient überhaupt Leidensdruck empfindet.

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Vorbeugung

Religiöse Wahnsymptomatik ist lediglich das Symptom einer übergeordneten Erkrankung und lässt sich daher nur insoweit vorbeugen, wie den ursächlichen Erkrankungen vorgebeugt werden kann.

Nachsorge

Die Nachsorge beim religiösen Wahn ist größtenteils von der zugrunde liegenden Ursache abhängig. In Frage kommen hier vor allem Schizophrenie, Depressionen, Substanzmissbrauch und Manie. Entsprechend ist der religiöse Wahn in der Regel ein Ausdruck dieser Leiden und erfordert selten eine gezielte Nachsorge, die sich nur auf dieses Symptom beschränken würde.

Eine Nachsorge kann beim religiösen Wahn allerdings notwendig werden, wenn dieser zu Aktionen seitens des Betroffenen geführt hat. Selbstverletzungen, Straftaten im Wahn und ähnliche Dinge werden von Menschen im religiösen Wahn teilweise ausgeführt. Die Nachsorge erstreckt sich hier von der Wundversorgung über erste Hilfe bis hin zum Rechtsbeistand.

Der religiöse Wahn, der sich lediglich auf eine verbal ausgedrückte Wahnvorstellung durch Monologe, Heilsbotschaften und ähnliches beschränkt, führt in der Regel lediglich zu sozialen Problemen. Hier gilt wieder, dass die Nachsorge sich nach dem Grundleiden richten sollte. Weiterhin kann religiöser Wahn auch abhängig von Triggern sein.

Diese bestehen beispielsweise in religiösen Symbolen, bestimmten Aussagen und ähnlichen Dingen. Im Interesse des sozialen Miteinanders und beim Zweifel daran, dass die Wahnvorstellungen komplett verflogen sind, ist ein Meiden dieser Trigger sinnvoll. Hierbei sollte im Sinne der sozialen Nachsorge auch das Umfeld mitwirken.

Das können Sie selbst tun

Es gibt beim religiösen Wahn keine Selbsthilfemaßnahme, die das Problem ursächlich angehen könnte. Der religiöse Wahn als solcher ist in allen Fällen ein Symptom eines anderen psychischen Leidens. Sehr wohl gibt es aber Möglichkeiten für Betroffene, den Umfang der und den Umgang mit dem Wahn zu verbessern.

Grundsätzlich ist es für Betroffene sinnvoll, wenn sie die Trigger ihres religiösen Wahns kennenlernen und benennen können. Stellt es sich (im Verlauf einer Therapie) heraus, dass es bestimmte Schlüsselreize gibt, die eher zu einer Wahnvorstellung führen, sollten diese Reize konsequent gemieden werden. Das Meiden von Triggern ist allerdings nur dann effektiv, wenn es sich beim religiösen Wahn nicht um einen dauerhaften Zustand handelt, sondern um einen phasenweise auftretenden Geisteszustand.

In dem Falle, in dem Betroffene dauerhaft in ihrer Wahnvorstellung leben, können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. So sind Selbsthilfegruppen in vielen Fällen sinnvoll, da hier gemeinsam mit anderen Betroffenen Coping-Strategien erörtert werden können. Zudem ist es auch in diesen Fällen angebracht, Dinge, die Teil des Wahns sind - etwa religiöse Objekte - außer Reichweite des Betroffenen zu schaffen.

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015


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