Retina-Implantat
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Retina-Implantate können bei stark sehbehinderten oder blinden Menschen bis zu einem gewissen Grad die Funktion der durch Netzhautdegeneration zerstörten Fotorezeptoren übernehmen, sofern die Sehnerven und Sehbahnen des Gehirns funktionstüchtig sind. Je nach Zerstörungsgrad der Netzhaut kommen unterschiedliche Techniken zum Einsatz, die teilweise mit eigener Kamera arbeiten.
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Was ist das Retina-Implantat?
Die bislang entwickelten Retina-Implantate, auch als visuelle Prothesen bezeichnet, nutzen zwar unterschiedliche Techniken, haben aber immer zum Ziel, Bilder des zentralen Gesichtsfeldes so in elektrische Impulse zu verwandeln, dass sie von den der Retina nachgeordneten Ganglien, Bipolarzellen und Nerven anstelle der Signale der Fotorezeptoren weiter verarbeitet und an die Sehzentren des Gehirns geleitet werden können.
Die Sehzentren erzeugen letztlich das virtuelle Bild, das wir unter „Sehen“ verstehen. Die Retina-Implantate übernehmen – soweit das möglich ist – die Funktion der Fotorezeptoren. Unabhängig von der angewandten Technik sind Retina-Implantate immer dann sinnvoll, wenn die den Fotorezeptoren nachgelagerten Ganglien, Bipolarzellen und Nervenbahnen zum Gehirn und die Sehbahnen im Gehirn intakt sind und ihre Funktion wahrnehmen können. Prinzipiell wird zwischen subretinalen und epiretinalen Implantaten unterschieden.
Andere Implantate wie Optikusimplantate setzen dagegen nicht an der Netzhaut an, sondern leiten die Signale direkt am Sehnerv ein und lassen sich deshalb weder als epiretinal noch als subretinal einordnen. Die subretinalen Implantate nutzen das natürliche Auge zur „Bildbeschaffung“, so dass sie ohne separate Kamera auskommen. Die epiretinalen Implantate sind auf eine externe Kamera angewiesen, die an einer Brille montiert sein kann.
Die Netzhaut ist in mehreren Schichten aufgebaut. Ganz außen, der Aderhaut zugewandt, liegen die Fotorezeptoren – Stäbchen und Zapfen –, die das einfallende Licht in elektrische Signale umsetzen. Nach innen folgen die Bipolarzellen als Zwischenstation und schließlich die Ganglienzellen, deren Fortsätze sich zum Sehnerv bündeln. Bei den erblichen Netzhautdegenerationen gehen zuerst die Fotorezeptoren zugrunde, während die nachgeschalteten Schichten über lange Zeit erhalten bleiben. Genau diese Konstellation macht die Implantate überhaupt erst möglich: Sie ersetzen nicht das Sehen als Ganzes, sondern nur den ersten Schritt der Signalkette.
Aus der Schichtung erklärt sich auch die Lage der verschiedenen Implantattypen. Ein subretinales Implantat wird unter die Netzhaut geschoben, dorthin, wo die zerstörten Fotorezeptoren lagen, und reizt von dieser Position aus die Bipolarzellen. Ein epiretinales Implantat liegt der Netzhaut von innen, also vom Glaskörper her, auf und reizt die Ganglienzellen unmittelbar. Daneben wurden suprachoroidale Implantate erprobt, die außerhalb der Aderhaut sitzen: Der Eingriff am Auge fällt dabei geringer aus, dafür ist der Abstand zu den Zielzellen größer. Noch weiter von der Netzhaut entfernt setzen die bereits erwähnten Optikusimplantate sowie kortikale Implantate an, die den Sehnerv beziehungsweise die Sehrinde des Gehirns direkt reizen.
Was Trägerinnen und Träger eines Retina-Implantats wahrnehmen, unterscheidet sich deutlich vom natürlichen Sehen. Die elektrisch gereizten Zellen lösen Lichtempfindungen aus, sogenannte Phosphene, die als helle Punkte, Streifen oder Flecken erscheinen. Aus ihnen setzt sich ein grobes Muster in Helligkeitsstufen zusammen; Farben werden nicht vermittelt. Der Nutzen liegt deshalb weniger im Erkennen von Einzelheiten als in der Orientierung: hell und dunkel unterscheiden, Türen, Fenster und größere Umrisse ausmachen, sich an Kanten entlang bewegen, einen Gegenstand auf einem Tisch lokalisieren. Einzelne Anwender konnten unter günstigen Bedingungen große Buchstaben zusammensetzen; die Regel war das nicht.
Ein Vergleich macht die Grenzen der Technik anschaulich: Die menschliche Netzhaut enthält etwa 120 Millionen Stäbchen und rund sechs Millionen Zapfen, ein Implantat dagegen einige hundert bis wenige tausend Reizpunkte. Selbst ein technisch einwandfrei arbeitendes System liefert deshalb ein Bild, das um Größenordnungen gröber ist als das natürliche Sehen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Bei einer Erkrankung an der RP ist in der Regel sichergestellt, dass die nachgelagerten Ganglien, Bipolarzellen und Axone sowie die gesamten Sehbahnen nicht in Mitleidenschaft gezogen werden, sondern ihre Funktionalität behalten. Das ist eine Vorbedingung für die nachhaltige Funktionalität eines Retina-Implantats. In fortgeschrittenen Stadien kann es allerdings auch in den inneren Netzhautschichten zu Umbauvorgängen kommen, die den Nutzen eines Implantats begrenzen. Unter Experten wird auch der Einsatz von Retina-Implantaten bei der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) diskutiert. Die Entscheidung, ob ein subretinales oder epiretinales Implantat eingesetzt wird, sollte ausführlich mit dem Patienten unter Abwägung des Für und Wider besprochen werden. Die wichtigste Unterscheidung zwischen einem subretinalen und einem epiretinalen Implantat besteht darin, dass das subretinale Implantat ohne separate Kamera auskommt.
Das Auge selbst wird genutzt, um auf einem direkt zwischen Netzhaut und Aderhaut angebrachten Implantatareal mit einer größtmöglichen Vielzahl von Photozellen je nach Lichteinfall elektrische Impulse zu erzeugen. Die Bildauflösung, die erzielt werden kann, hängt davon ab, wie dicht die Photozellen (Dioden) auf dem Implantat gepackt sind. Nach dem Stand der Technik können etwa 1.500 Dioden auf dem 3 mm x 3 mm großen Implantat untergebracht werden. Es kann damit ein Gesichtsfeld von etwa 10 Grad bis 12 Grad abgedeckt werden. Die elektrischen Signale, die in den Dioden erzeugt werden, stimulieren nach Verstärkung durch einen Mikrochip mittels Stimulationselektroden die jeweils zuständigen Bipolarzellen.
Das epiretinale Implantat kann das Auge nicht als Bildquelle nutzen, sondern ist auf eine separate Kamera angewiesen, die an einem Brillengestell befestigt werden kann. Das eigentliche Implantat ist mit einer möglichst großen Zahl von Stimulations-Elektroden ausgestattet und wird direkt auf der Netzhaut befestigt. Anders als das subretinale Implantat empfängt das epiretinale Implantat keine Lichtimpulse, sondern die bereits von der Kamera in elektrische Impulse umgewandelten Bildpunkte. Jeder einzelne Bildpunkt ist bereits von einem Chip verstärkt und verortet, so dass die implantierten Stimulationselektroden individuelle elektrische Impulse empfangen, die sie an „ihr“ Ganglion und an „ihre“ Bipolarzelle direkt weiterreichen.
Die Weiterleitung und Weiterverarbeitung der elektrischen Nervenimpulse zu dem virtuellen Bild, das die zuständigen Sehzentren im Gehirn erzeugen, läuft analog zu gesunden Personen ab. Das mit den Implantaten anvisierte Ziel besteht darin, den Menschen, die erblinden, weil sie unter einer Degeneration der Netzhaut leiden, aber über ein intaktes Nervensystem und intaktes Sehzentrum verfügen, ihr Sehvermögen so gut wie möglich zurückzugeben. Die verwendeten Retina-Implantate werden ständig technisch weiter entwickelt, um dem Ziel einer höheren Bildauflösung näher zu kommen. Die beiden lange Zeit verfügbaren Systeme – das epiretinale Argus II und das subretinale Alpha AMS – werden allerdings seit 2019 nicht mehr hergestellt, weil die Herstellerfirmen ihre Produktion einstellten. Retina-Implantate sind deshalb derzeit vor allem im Rahmen von Studien verfügbar, in denen neuere subretinale Chips erprobt werden.
Die Retinitis pigmentosa ist eine seltene Erkrankung, von der jeweils nur einer von einigen tausend Menschen betroffen ist. Ihr Verlauf zieht sich meist über Jahrzehnte hin: Zuerst fallen Nachtblindheit und eine langsam fortschreitende Einengung des Gesichtsfeldes auf, erst spät ist auch das Zentrum betroffen. Ein Implantat kommt regelmäßig erst am Ende dieses Weges in Betracht, wenn kaum noch brauchbares Sehvermögen vorhanden ist. Wer über nutzbares Restsehen verfügt, kommt dafür nicht infrage, weil der Eingriff genau dieses Restsehen gefährden würde.
Vor einer Versorgung steht deshalb eine ausführliche Voruntersuchung. Sie klärt, ob die inneren Netzhautschichten, der Sehnerv und die Sehbahn noch funktionsfähig sind, ob die Netzhaut anatomisch für das gewählte Implantat geeignet ist und ob das Auge frei von weiteren Erkrankungen ist, die den Erfolg von vornherein zunichtemachen würden. Dazu gehören die Untersuchung des Augenhintergrunds, die Schichtaufnahme der Netzhaut mit der optischen Kohärenztomographie, elektrophysiologische Messungen sowie die Prüfung, ob sich durch elektrische Reizung überhaupt noch Lichtempfindungen auslösen lassen. Besprochen werden im Vorfeld auch die Erwartungen der Patientin oder des Patienten, denn zwischen dem, was ein Implantat leisten kann, und dem, was das Wort „Sehen“ nahelegt, liegt ein erheblicher Abstand.
Der Eingriff selbst ist eine anspruchsvolle Netzhautoperation, die in spezialisierten Zentren und in der Regel in Vollnarkose vorgenommen wird. Beim epiretinalen System wird zunächst der Glaskörper entfernt, anschließend wird die Elektrodenanordnung auf der Netzhaut befestigt. Beim subretinalen System muss zusätzlich der Raum unter der Netzhaut erreicht werden, um den Chip an der vorgesehenen Stelle zu platzieren; hinzu kommt die Verlegung der Energieversorgung bis hinter das Ohr. Beide Eingriffe dauern mehrere Stunden und schließen einen stationären Aufenthalt ein.
Eingeschaltet wird das System nicht sofort, sondern erst, wenn das Auge abgeheilt ist. Danach folgt eine Anpassung, bei der die Reizstärke für die einzelnen Elektroden eingestellt wird, und ein Training, das sich über Monate ziehen kann. Die Betroffenen müssen lernen, die ungewohnten Lichtmuster zu deuten, den Kopf oder – bei kameragestützten Systemen – die Kamera gezielt zu führen und das Gerät im Alltag einzusetzen. Der Erfolg hängt daher nicht allein an der Technik, sondern ebenso an der Rehabilitation und an der Ausdauer der Anwender. Die erreichten Ergebnisse fielen von Person zu Person sehr unterschiedlich aus.
Von den Implantaten abzugrenzen sind Ansätze, die an der Ursache der Netzhautdegeneration selbst ansetzen. Für eine bestimmte, sehr seltene erbliche Netzhauterkrankung steht inzwischen eine Gentherapie zur Verfügung; sie setzt allerdings voraus, dass noch funktionsfähige Fotorezeptoren vorhanden sind, und kommt damit in einem deutlich früheren Stadium infrage als ein Implantat. Untersucht werden außerdem Zellersatzverfahren mit Stammzellen sowie Verfahren, bei denen verbliebene Netzhautzellen lichtempfindlich gemacht werden. Keiner dieser Wege ersetzt gegenwärtig das Retina-Implantat. Umgekehrt hilft ein Implantat dort nicht weiter, wo nicht die Fotorezeptoren, sondern der Sehnerv geschädigt ist – etwa bei einer fortgeschrittenen Sehnervenschädigung durch den Grünen Star.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Das leichte Schmerzempfinden am Tag nach der OP entspricht dem Verlauf anderer Eingriffe im Bereich der Netzhaut. Eine Besonderheit und technische Herausforderung besteht bei subretinalen Implantaten in der Stromversorgung. Das Stromversorgungskabel wird seitlich aus dem Augapfel herausgeführt und verläuft im Bereich der Schläfe weiter nach hinten, wo die Sekundärspule am Schädelknochen befestigt ist. Die Sekundärspule erhält den notwendigen Strom von der außen angebrachten Primärspule über Induktion, so dass keine mechanische Kabelverbindung zwischen Primär- und Sekundärspule notwendig ist.
Subretinale Implantate bieten den Vorteil, dass sie auch die natürlichen Augenbewegungen nutzen, was bei epiretinalen Implantaten mit separater Kamera nicht der Fall sein kann. Beide Implantat-Techniken beinhalten spezifische Herausforderungen, an denen gearbeitet wird.
Die Risiken eines Retina-Implantats setzen sich aus zwei Anteilen zusammen: aus denen der Operation und aus denen, die das dauerhaft im Auge verbleibende Gerät mit sich bringt. Zum ersten Anteil gehören die Komplikationen jeder größeren Netzhautoperation. Dazu zählen Blutungen in den Glaskörper, ein Anstieg oder auch ein Abfall des Augeninnendrucks, eine Netzhautablösung sowie eine Trübung der Augenlinse, die später als Grauer Star behandelt werden muss. Selten, aber gefürchtet ist eine Infektion des Augeninneren, die sofort behandelt werden muss.
Der zweite Anteil betrifft das Implantat selbst. Es kann sich verschieben, seine Verankerung kann sich lockern, und die Elektroden können den Kontakt zum Gewebe verlieren. Bei Systemen mit einer Kabeldurchführung durch die Augenhülle kann die darüberliegende Bindehaut ausdünnen oder aufgehen, so dass das Material freiliegt. Auch ein technisches Versagen der Elektronik ist möglich. Ein Ausbau oder ein Austausch des Systems ist grundsätzlich machbar, bedeutet aber einen erneuten Eingriff am ohnehin vorgeschädigten Auge.
Ein weiteres Risiko liegt nicht im Gerät, sondern in der Erwartung. Die Rückkehr zu einem normalen Sehvermögen ist mit keinem der bisherigen Systeme möglich, und der Gewinn kann so gering ausfallen, dass er den Aufwand aus Sicht der Betroffenen nicht rechtfertigt. Eine nüchterne Aufklärung vor der Entscheidung und eine psychologische Begleitung danach gehören deshalb zum Verfahren.
Nach der Versorgung ist eine dauerhafte augenärztliche Nachsorge nötig. Kontrolliert werden der Sitz des Implantats, der Zustand von Netzhaut und Bindehaut sowie die Funktion der Elektronik. Vor anderen Untersuchungen und Eingriffen sollten Betroffene auf ihr Implantat hinweisen, damit es berücksichtigt werden kann. Da die beiden lange verfügbaren Systeme nicht mehr hergestellt werden, stellt sich für die bereits versorgten Trägerinnen und Träger zusätzlich die Frage, wie lange sich Ersatzteile und äußere Komponenten noch beschaffen lassen. Dieses Problem ist keine Besonderheit der Augenheilkunde: Es kann bei jeder implantierten Technik auftreten, deren Hersteller den Markt verlässt.
Quellen
- Pfeiffer, N., Cursiefen, C., Holz, F. G., et al. (Hrsg.): Die Augenheilkunde.
ISBN: 9783662658239
- Lang, G. K., Lang, S. J. (Hrsg.): Augenheilkunde.
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- Grehn, F.: Augenheilkunde.
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- Salmon, J. F.: Kanskis Klinische Ophthalmologie.
ISBN: 9783437234859
- Walter, P., Plange, N.: Basiswissen Augenheilkunde.
ISBN: 9783662528006
