SISI-Test
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der SISI-Test ist ein audiometrisches und gänzlich risikoloses Testverfahren der HNO-Heilkunde, das einer Vereinfachung des Lüscher-Tests entspricht und bei der Einschätzung einer Schallempfindungsschwerhörigkeit Anwendung findet.
Im Testverlauf spielt man über ein Audiometer überschwellige Lautstärkesprünge in die Ohren des Patienten, die von der Testperson entweder erkannt werden oder unerkannt bleiben. Der ausgewertete Prozentsatz der erkannten Lautstärkeerhöhungen hilft bei der Beurteilung, ob ein positives oder negatives Recruitment vorliegt.
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Was ist der SISI-Test?
SISI steht für "short increment sensitivity index" und bezeichnet ein subjektives und audiometrisches Testverfahren der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Der Test ist der Gruppe der überschwelligen Hörtests zuzuordnen, da dem Patienten dabei Lautstärkeschwankungen über der Hörschwelle angeboten werden. Das Verfahren hat vor allem eine Relevanz für das Recruitment, also ein psychoakustisches Phänomen bei Innenohrerkrankungen.
Mit dem SISI lassen sich so Rückschlüsse über die Ursache einer Schallempfindungsschwerhörigkeit ziehen. Anhand der Testergebnisse lässt sich positives oder negatives Recruitment diagnostizieren. Entwickelt wurde der Test 1959 von James Jerger und Kollegen. Die Basis dieser Entwicklung war damals der Lüscher-Test, der zwar auf denselben Grundsätzen beruht, für die Patienten und das Testpersonal allerdings mit deutlich höherem Aufwand verbunden ist.
Die Abkürzung SISI hat sich international durchgesetzt und wird auch im deutschen Sprachraum nicht übersetzt. Gelegentlich findet sich die umständlichere Bezeichnung Kurzzeit-Intensitäts-Differenzlimen-Test, die den Inhalt des Verfahrens genauer beschreibt. Gemeint ist in beiden Fällen dasselbe: die Empfindlichkeit für kurze und kleine Intensitätsunterschiede oberhalb der Hörschwelle.
Der Begriff Recruitment, im Deutschen auch Lautheitsausgleich genannt, bezeichnet ein Missverhältnis zwischen dem gemessenen Hörverlust und dem tatsächlichen Lautheitsempfinden. Wer an einer Schädigung der Haarzellen im Innenohr leidet, hört leise Geräusche schlechter als ein Normalhörender, empfindet laute Geräusche aber ähnlich laut oder sogar als unangenehm laut. Der nutzbare Bereich zwischen Hörschwelle und Unbehaglichkeitsschwelle ist bei diesen Patienten also eingeengt. Genau darauf setzt der SISI: Wo der Lautheitsanstieg oberhalb der Schwelle steiler verläuft als beim Gesunden, fallen auch sehr kleine Pegelsprünge stärker auf.
Diagnostisch dient der Test damit einer Weichenstellung. Eine Schallempfindungsschwerhörigkeit kann ihren Ursprung im Innenohr selbst haben, also cochleär sein, oder auf der Weiterleitung im Hörnerv und den nachgeschalteten Bahnen beruhen, also retrocochleär. Für das weitere Vorgehen ist dieser Unterschied entscheidend, denn hinter einer retrocochleären Störung kann eine raumfordernde Ursache wie ein Akustikusneurinom stehen, während cochleäre Schäden etwa nach einem Hörsturz, bei Morbus Menière oder infolge einer Lärmschwerhörigkeit entstehen.
Der SISI steht dabei nie für sich allein. Er ist Teil einer Untersuchungsreihe, die mit der Befragung des Patienten und der Ohrmikroskopie beginnt und über die Ton- und Sprachaudiometrie sowie die Tympanometrie weiterführt. Die klassischen Stimmgabelprüfungen, der Weber-Versuch und der Rinne-Versuch, klären vorab, ob überhaupt eine Schallempfindungs- und nicht doch eine Schallleitungsstörung vorliegt. Erst wenn diese Vorentscheidung gefallen ist, ergibt der SISI überhaupt einen Sinn.
In der heutigen Praxis hat der Test an Gewicht verloren. Für die Frage nach einer retrocochleären Ursache gelten die Hirnstammaudiometrie und vor allem die Magnetresonanztomographie als deutlich zuverlässiger. Der SISI wird deshalb überwiegend als ergänzendes, orientierendes Verfahren eingesetzt, das rasch durchführbar ist, über das ohnehin vorhandene Audiometer hinaus keine besondere Ausstattung verlangt und dem untersuchenden Arzt ein zusätzliches Mosaiksteinchen liefert. Sein historischer Rang bleibt davon unberührt: Er gehört zu den ersten überschwelligen Verfahren, die aus dem Labor in die tägliche HNO-Sprechstunde gefunden haben.
Durchgeführt wird der Test in der HNO-Praxis oder in einer audiologischen Abteilung, häufig von einer medizinischen Fachangestellten mit audiometrischer Ausbildung; die Beurteilung des Ergebnisses bleibt dem Arzt vorbehalten. Der apparative Aufwand ist gering, denn moderne Audiometer bringen das SISI-Programm serienmäßig mit und führen die Pegelsprünge nach dem Start selbsttätig aus.
Funktion, Wirkung & Ziele
Über ein solches Audiometer verfügen neben vielen Krankenhäusern auch die meisten HNO-Kliniken und -Praxen. In der Regel wird der SISI nur an Patienten durchgeführt, die an einer Hörstörung von mindestens 40 dB leiden. Bei geringeren Hörschwellen wird der Test nicht angewandt, da es dem Testverfahren dann an Aussagekraft mangelt. Die Schwelle von 60 dB sollte im gesamten Testverlauf nicht überschritten werden. Da der Test den subjektiven, audiometrischen Testverfahren angehört, wird die Mitarbeit des Patienten während des SISI ausdrücklich verlangt und ist sogar für die Zuverlässigkeit der Ergebnisse entscheidend.
Der Testperson werden im Testverlauf über Kopfhörer Töne verschiedenen Pegels auf die Ohren gegeben, die um winzige dB-Sprünge immer lauter werden. Der Patient wird dazu aufgefordert, erkannte dB-Sprünge zu kommentieren. Eröffnet wird der Test von einem Prüftonpegel, der rund 20 dB über der individuellen Hörschwelle liegt. Dieser Prüftonpegel verstärkt sich regelmäßig für kurze Dauer. In der Regel beträgt der Zeitabstand zwischen den Lautstärkeveränderungen rund fünf Sekunden.
Die Amplitude der Intensitätsveränderung beträgt normalerweise jeweils ein dB. Die einzelnen Tonverstärkungen dauern dabei jeweils nur rund 200 Millisekunden. Der Patient gibt nach jeder Veränderung der Tonintensität an, ob er einen Sprung im Pegel erkannt hat. Zu Beginn der Audiometrie ist der Sprung für ihn in der Regel deutlich erkennbar. Oft verliert sich gegen Ende der Untersuchung aber die Erkennbarkeit. Die während der Untersuchung erhobenen Daten werden noch während des SISI dokumentiert und später vom Personal im Bezug auf Recruitment ausgewertet. Für Normalhörende ist bei 20 dB über der Hörschwelle eine Pegeländerung von einem dB nicht zu erkennen.
Wenn dagegen eine cochleäre Schallempfindungsschwerhörigkeit vorliegt, dann erkennt der Patient 20 dB über der Hörschwelle auch Lautstärkeänderungen um ein dB meist zweifellos. Liegen für die Schallempfindungsschwerhörigkeit dagegen retrocochleäre Ursachen vor, so zum Beispiel durch eine Schädigung des Hörnervs, werden die Intensitätsänderungen im SISI-Test nicht erkannt.
Das ausgewertete Testergebnis entspricht den Prozent erkannter Lautstärkeveränderungen und dient der Diagnose des Recruitments. Werte zwischen 60 und 100 Prozent werden mit einem positiven Recruitment in Verbindung gesetzt. Bei Werten zwischen 0 und 15 Prozent liegt negatives Recruitment vor. Im Testbereich von 0 bis 15 Prozent liegt damit mit hoher Sicherheit keine cochleäre Schwerhörigkeit vor. Im Bereich zwischen 60 und 100 Prozent lässt sich dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer cochleären Schwerhörigkeit ausgehen.
Wie sich der Termin für den Patienten anfühlt, lässt sich in wenigen Sätzen beschreiben. Vorbereitungen muss er kaum treffen: Er wird nicht betäubt, es wird ihm nichts gespritzt, und er braucht weder nüchtern zu erscheinen noch etwas mitzubringen. Sinnvoll ist lediglich ein freier Gehörgang, weshalb festsitzendes Ohrenschmalz vor der Messung entfernt wird. Die Untersuchung findet in einer schallgedämmten Kabine oder zumindest in einem sehr ruhigen Raum statt, denn Umgebungsgeräusche würden die Wahrnehmung der winzigen Pegelsprünge stören. Der Patient sitzt dabei, trägt einen Kopfhörer auf beiden Ohren und meldet jede bemerkte Änderung der Lautstärke, meist durch Drücken eines Tasters oder durch ein Handzeichen.
Vor der eigentlichen Messung wird er mit der Aufgabe vertraut gemacht. Dazu bietet der Untersucher zunächst deutlich größere Pegelsprünge an, die auch ein Normalhörender ohne Weiteres bemerkt. Erst wenn erkennbar ist, dass der Patient verstanden hat, worauf er achten soll, wird auf die kleinen Sprünge umgestellt, die den eigentlichen Test ausmachen. Dieser Übungsdurchgang ist mehr als eine Höflichkeit: Wer die Aufgabe missversteht, liefert ein Ergebnis, das rechnerisch sauber aussieht und trotzdem nichts aussagt.
Gewertet werden üblicherweise zwanzig angebotene Pegelsprünge. Jeder erkannte Sprung zählt fünf Prozent, sodass sich das Endergebnis unmittelbar als Prozentwert ablesen lässt. Die Messung erfolgt für jedes Ohr getrennt und wird in der Regel bei mehreren Prüffrequenzen wiederholt, weil ein Innenohrschaden nicht alle Frequenzbereiche gleichmäßig betrifft. Für den Patienten dauert der Vorgang je Ohr nur wenige Minuten; die gesamte Sitzung samt Erklärung und Frequenzwechseln bleibt meist deutlich unter einer halben Stunde.
Neben der klassischen Form gibt es eine hochpegelige Variante, bei der die Prüftöne nicht knapp über der Hörschwelle, sondern bei einem hohen Pegel angeboten werden. Normalhörende erkennen die kleinen Sprünge dann ebenfalls, sodass sich die Aussage umkehrt: Auffällig ist hier nicht mehr ein hoher, sondern ein niedriger Wert. Entwickelt wurde diese Abwandlung, weil der klassische SISI bei tiefen Prüffrequenzen und bei geringem Hörverlust an Trennschärfe verliert.
Die Auswertung kommt ohne Rechenaufwand aus, ihre Deutung aber nicht ohne Zusammenhang. Ein hoher SISI-Wert stützt die Annahme eines Innenohrschadens, er beweist sie nicht; ein niedriger Wert schließt einen Innenohrschaden nicht sicher aus. Der Befund wird deshalb zusammen mit dem Tonaudiogramm, dem Sprachverstehen und den Ergebnissen der übrigen Verfahren beurteilt. Erhärtet sich der Verdacht auf eine retrocochleäre Störung, schließen sich weiterführende Untersuchungen an, an deren Ende häufig eine Bildgebung des Übergangs zwischen Kleinhirn und Hirnstamm steht.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Letztlich entspricht der SISI einer methodischen Vereinfachung des Lüscher-Testvorgangs und hat die Grundlage des Lüscher-Tests erst im Großen anwendbar werden lassen. Der SISI ist demzufolge weder mit großem Aufwand, noch mit Risiken oder Nebenwirkungen für den Patienten verbunden. Trotzdem wendet man den SISI in der Regel weder bei Kleinkindern, noch Menschen mit einer geistigen Behinderung an.
Ebenso wenig ist der subjektive Test für unwillige Testpersonen geeignet. Da die Mitarbeit des Patienten für die Richtigkeit der erhobenen Daten entscheidend ist, muss der Patient den Testvorgang verstehen können und sich zusätzlich bereitwillig verhalten. Die Ergebnisse des SISI sind allerdings auch an bereitwilligen Patienten nicht immer aussagekräftig. Im Übergangsbereich zwischen 15 Prozent und 60 Prozent erkannter Lautstärkeveränderung ist zum Beispiel keine klare Aussage hinsichtlich des Recruitments oder der Wahrscheinlichkeit einer Innenohrschwerhörigkeit möglich.
Weil der SISI ohne Strahlung, ohne Kontrastmittel und ohne jeden Eingriff in den Körper auskommt, gibt es weder Nachwirkungen noch eine Nachsorge. Der Patient kann die Praxis unmittelbar nach der Untersuchung verlassen, ist uneingeschränkt verkehrstüchtig und muss weder auf Sport noch auf Arbeit verzichten. Auch eine Wiederholung ist beliebig oft möglich, was den Test für Verlaufskontrollen brauchbar macht, etwa wenn nach einem Hörsturz beobachtet werden soll, wie sich das Hörvermögen erholt.
Die eigentlichen Schwächen des Verfahrens liegen deshalb nicht bei den Nebenwirkungen, sondern bei der Aussagekraft. Der SISI ist ein subjektiver Test: Er erfasst nicht das Innenohr, sondern die Antwort des Patienten. Müdigkeit, nachlassende Konzentration, Nervosität oder ein Missverständnis der Aufgabe können das Ergebnis in beide Richtungen verschieben. Wer auf Nummer sicher gehen will und im Zweifel meldet, erzeugt einen zu hohen Wert; wer sehr zurückhaltend antwortet, einen zu niedrigen. Auffällige Ergebnisse werden aus diesem Grund gern an einem zweiten Termin überprüft.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von der Prüffrequenz. Im Bereich der hohen Töne trennt der Test zwischen cochleären und retrocochleären Ursachen besser als bei tiefen Frequenzen, wo auch Gesunde gelegentlich einen Teil der Sprünge bemerken. Ebenso schränkt eine sehr ausgeprägte Schwerhörigkeit die Verwertbarkeit ein, weil der erforderliche Prüfpegel dann als unangenehm laut empfunden werden kann.
Eine praktische Bedeutung über die Diagnostik hinaus hat das Recruitment bei der Versorgung mit einem Hörgerät. Ist der Bereich zwischen Hör- und Unbehaglichkeitsschwelle eingeengt, darf ein Hörgerät nicht einfach alles gleichmäßig lauter machen, sondern muss leise Anteile stärker verstärken als laute. Ein auffälliger SISI-Befund erklärt damit auch, warum die Anpassung eines Hörgeräts bei Innenohrschwerhörigkeit besonders sorgfältig erfolgen muss und warum ein zu laut eingestelltes Gerät als quälend empfunden wird.
Schließlich gilt für den SISI wie für jeden Hörtest, dass ein unauffälliger Befund vorhandene Beschwerden nicht entwertet. Wer über Tinnitus, Schwindel oder ein Druckgefühl im Ohr klagt, sollte diese Angaben weiterverfolgt sehen, auch wenn Tonaudiogramm und SISI unauffällig ausfallen.
Wo der SISI wegen fehlender Mitarbeit oder unklarer Werte nicht weiterhilft, stehen objektive Verfahren bereit, die ohne aktive Beteiligung des Patienten auskommen. Die Messung otoakustischer Emissionen prüft die Funktion der äußeren Haarzellen, indem sie den vom Innenohr selbst erzeugten Schall auffängt; die Hirnstammaudiometrie zeichnet die Antwort der Hörbahn auf einen Reiz auf und ist deshalb auch bei schlafenden Kleinkindern anwendbar. Diese Verfahren beantworten die Frage nach der Ebene der Schädigung genauer, als es ein überschwelliger Test vermag. Der SISI behält daneben den Vorzug, dass er in jeder audiometrisch ausgestatteten HNO-Praxis ohne besonderen Vorlauf möglich ist und binnen weniger Minuten einen ersten Anhaltspunkt liefert. Genau darin liegt seine bleibende Rolle: nicht als Beweis, sondern als rascher Hinweis darauf, welche aufwendigeren Untersuchungen sich lohnen.
Quellen
- Mrowinski, D., Scholz, G., Steffens, T.: Audiometrie.
ISBN: 9783132452459
- Lehnhardt, E., Laszig, R. (Hrsg.): Praxis der Audiometrie.
ISBN: 9783133690096
- Kompis, M.: Audiologie.
ISBN: 9783456862453
- Probst, R., Grevers, G., Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783131190338
- Wendler, J. (Hrsg.): Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie.
ISBN: 9783131022950
