Strahlennekrose

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 27. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

Sie sind hier: Startseite Krankheiten Strahlennekrose

Wird ein Krebspatient bestrahlt, löst die ionisierende Strahlung in den umliegenden Geweben unterschiedliche biologische und biochemische Reaktionen aus. Die Strahlennekrose wird auch als Radionekrose bezeichnet, die das Absterben von lebenden Zellen im Organismus verursacht. Die Fachsprache spricht von einem pathologischen Untergang des Gewebes. Radionekrosen stellen die schwerste Komplikation radiochirurgischer Therapien im Bereich der Hirntumore dar.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Strahlennekrose?

Strahlennekrose
Die freigesetzte Energie der Bestrahlung schädigt die Erbsubstanz der Tumorzellen. Sie behindert wichtige Stoffwechselwege und die Teilung der Tumorzellen. Sie kann jedoch auch unerwünschte Nebenwirkungen wie Strahlennekrosen nach der Behandlung von zerebralen Tumoren verursachen.
© Thomas Hecker – stock.adobe.com

Strahlennekrosen sind eine späte Nebenwirkung der Strahlentherapie, die Krebspatienten erhalten, um die Tumorzellen im Körper zu zerstören. Diese wurde in den letzten Jahren stetig verbessert, um gesundheitliche Belastungen und Nebenwirkungen so gering wie möglich zu halten. Der individuelle Gesundheitszustand des Patienten spielt eine wichtige Rolle.

Tumore und Zellen, die krebstypische Veränderungen aufweisen, reagieren auf die ionisierende Strahlung und die dadurch freigesetzte Energie wesentlich empfindlicher als gesundes Gewebe. Kommt es zu einer Strahlennekrose, wird auch gesundes Gewebe nachhaltig geschädigt beziehungsweise zerstört. Ein besonderes klinisches Merkmal besteht darin, dass eine Strahlennekrose häufig erst viele Monate oder Jahre nach der Strahlentherapie auftritt.

Ursachen

Die freigesetzte Energie der Bestrahlung schädigt die Erbsubstanz der Tumorzellen. Sie behindert wichtige Stoffwechselwege und die Teilung der Tumorzellen. Sie kann jedoch auch unerwünschte Nebenwirkungen wie Strahlennekrosen nach der Behandlung von zerebralen Tumoren verursachen.

Auch bei einer gezielt geplanten Radiotherapie lässt sich eine Strahlenbelastung des umliegenden gesunden Gewebes nicht vollständig vermeiden. Die Latenzzeit beträgt in der Regel 14 Monate. Es sind jedoch auch Latenzzeiten von mehr als zwanzig Jahren bekannt.

Pathologisch gesehen handelt es sich bei einer Strahlennekrose um eine Koagulationsnekrose, die den Untergang des betroffenen Gewebes verursacht. Es können sowohl einzelne als auch zahlreiche lebende Zellen betroffen sein, die unterschiedlich große nekrotische Gewebeareale verursachen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Strahlennekrose der sogenannten „Weißen Substanz“ (Substantia alba) wird als raumfordernd beschrieben und führt zu einem pathologisch erhöhten Hirndruck, epileptischen Anfällen und fokal-neurologischen Defiziten, die durch örtlich begrenzte Veränderungen im Gehirn Funktionsstörungen in weiteren Körperbereichen hervorrufen.

Durch die gestörte Blut-Hirn-Schranke im nekrotischen Areal ruft die Strahlennekrose Ödeme hervor. Makrophagen sind Fresszellen, die als Leukozyten (Weiße Blutkörperchen) für ein intaktes Immunsystem sorgen und schädliche Mikroorganismen vernichten. In dieser Ausgangssituation können sie die Strahlennekrose jedoch nicht abbauen.

In dem nekrotischen Areal treten stark aufgeweitete Blutgefäße auf, die Störungen in der Blutströmung bewirken. Das betroffene Gewebe wird nicht ordnungsgemäß durchblutet, es kommt zu Blutstauungen, die endogene (innere) Entzündungsvorgänge im betroffenen Gewebe verursachen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Aufgrund der häufig sehr langen Latenzzeiten ist eine abschließende Diagnose nicht einfach, denn die pathologischen Vorgänge, die zu einer Strahlennekrose führen, sind bisher noch unklar. Fest steht jedoch, dass zelluläre und molekulare Mechanismen beteiligt sind. Inflammatorische Genprodukte und Zytokine, die für die Differenzierung und die Regulierung des Zellwachstums zuständig sind, spielen eine wesentliche Rolle.

Erschwerend kommt hinzu, dass bisher noch keine verlässliche Datenlage existiert, da viele an Hirntumoren erkrankte Patienten sterben, bevor sich eine Strahlennekrose einstellt. Aus diesem Grund ist die Unterscheidung zwischen Tumorrezidiv und Strahlennekrose schwierig. Sowohl der erneute Tumor als auch die Strahlennekrose treten im Bereich des zuvor entfernten Tumors oder seiner unmittelbaren Umgebung auf.

Nekrose und Rezidiv sind raumfordernd und stellen sich innerhalb einer ähnlichen Latenzzeit ein. Um eine abschließende Diagnose zu ermöglichen, stehen verschiedene bildgebende Verfahren zur Verfügung. Die Magnetresonanzspektroskopie (MRS) kann zur Unterscheidung zwischen Tumorrezidiv und Strahlennekrose beitragen. Während der erneute Tumor einen erhöhten Gehalt an Cholin aufweist, zeichnet sich das nekrotische Gewebe durch eine reduzierte Menge an Cholin, Creatin und N-Acetyl-Aspartat (NAA) aus.

Ein weiteres Diagnoseverfahren ist die Computertomografie (CT). Die Aufnahmen beider Verfahren zeigen die Strahlennekrose als ringförmige, von einem Ödem umgebene Struktur. Ein Kontrastmittel kann den Unterschied zum Tumorrezidiv verdeutlichen. Mit der Positronen-Emissions-Tomografie bekommt der Patient den Radiotracer F-Fluordesoxyglucose (FDG) verabreicht.

Die von dem Tumor befallenen Zellen zeigen eine erhöhte Aufnahme von FDG, während das nekrotische Gewebe kein FDG mehr benötigt. Bei der PET liegt die Auflösung im Bereich weniger Millimeter, so dass sich ein Tumorrezidiv nur im Fall eines erhöhten Stoffwechsels sicher nachweisen lässt. Ein weiteres Diagnoseverfahren auf der Grundlage von Radiotracern ist die Einzelphotonen-Emissionscomputertomografie (SPECT) mit Thallium-201-Chlorid.

Auch in diesem Fall nimmt das erkrankte Gewebe eine erhöhte Menge des Radiotracers auf. Eine Differenzialdiagnose schließt ferner ähnlich verlaufende Erkrankungen wie Abszesse und Metastasen sowie Multiple Sklerose, die in Verbindung mit einem Hirntumor auftreten kann, aus.

Komplikationen

Aufgrund der Strahlennekrose können die Betroffenen im schlimmsten Fall versterben. In der Regel tritt dies allerdings nur bei einer unpräzisen Bestrahlung oder bei sehr hohen Strahlendosen auf. Die Betroffenen leiden dabei an einem deutlich erhöhten Druck im Gehirn und damit auch an starken Kopfschmerzen. Weiterhin treten auch epileptische Anfälle auf, die zum Tod führen können.

Die Veränderungen im Gehirn begünstigen neurologische und psychische Einschränkungen, die auch das Bewusstsein des Patienten beeinflussen. Die Betroffenen sind verwirrt oder können sich an andere Menschen oder Vorgänge nicht mehr erinnern. Auch Entzündungen oder Störungen der Durchblutung können krankheitsbedingt auftreten und sich negativ auf die Lebensqualität des Patienten auswirken.

In vielen Fällen ist allerdings der Hirntumor selbst für den weiteren Verlauf bestimmend, bevor sich Folgen und Komplikationen der Strahlennekrose entwickeln. Die Behandlung der Strahlennekrose erfolgt mit Hilfe eines operativen Eingriffes oder durch die Gabe von Medikamenten. Ein solcher Eingriff am Gehirn ist mit Risiken wie Blutungen, Infektionen und neurologischen Ausfällen verbunden; die hochdosierten Corticosteroide können unter anderem erhöhte Blutzuckerwerte, eine erhöhte Infektanfälligkeit und eine Muskelschwäche hervorrufen. Allerdings können bereits geschädigte Areale des Gehirns nicht mehr ohne Weiteres wiederhergestellt werden, sodass der Betroffene in der Regel auch in Zukunft an Einschränkungen leidet.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Eine Strahlennekrose muss von einem Arzt behandelt werden. Es kann durch diese Krankheit zu schwerwiegenden Komplikationen und Beschwerden kommen, die im schlimmsten Fall bleibende Schäden des Gehirns nach sich ziehen, wodurch es auch zum Tod des Betroffenen kommen kann. Schon bei den ersten Beschwerden oder Anzeichen einer Strahlennekrose sollte ein Arzt aufgesucht werden, damit es nicht zu diesen Komplikationen kommt.

Ein Arzt ist dann aufzusuchen, wenn der Betroffene unter sehr starken Kopfschmerzen leidet. In der Regel treten diese Kopfschmerzen dauerhaft auf und verschwinden nicht wieder von alleine. Sie können auch nicht durch Maßnahmen der Selbsthilfe behandelt werden. Weiterhin deuten auch epileptische Anfälle auf eine Strahlennekrose hin und müssen ebenso von einem Arzt untersucht werden. Auch starke Entzündungen am Körper können auf diese Erkrankung hindeuten.

Die Strahlennekrose kann in einem Krankenhaus behandelt werden. Ob die Krankheit vollständig geheilt werden kann, kann nicht universell vorhergesagt werden. Sollte es zu einem epileptischen Anfall kommen, ist über den Notruf 112 sofort ein Notarzt zu rufen. Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes sollte der Betroffene vor Verletzungen geschützt und nach dem Anfall in die stabile Seitenlage gebracht werden.

Behandlung & Therapie

Raumfordernde zerebrale Strahlennekrosen werden mit hochdosierten Corticosteroiden behandelt. Corticosteroide sind eine Gruppe von Steroidhormonen, die in der Nebennierenrinde gebildet werden. Häufig wird das Medikament Dexamethason verwendet. Es handelt sich um ein synthetisches Glukokortikoid, das dämpfend und entzündungshemmend auf das Immunsystem einwirkt. Zugängliche Radionekrosen werden durch einen chirurgischen Eingriff entfernt. Sprechen die Beschwerden auf Corticosteroide nicht an, kann im Einzelfall der Antikörper Bevacizumab eingesetzt werden, der das begleitende Ödem zurückdrängen kann; für diese Anwendung ist er nicht zugelassen, sie erfolgt daher außerhalb der Zulassung. Bei Strahlennekrosen außerhalb des Gehirns, etwa am Kieferknochen, an der Harnblase oder am Enddarm, kann ergänzend eine hyperbare Sauerstofftherapie erwogen werden; für Nekrosen im Gehirn ist ihr Nutzen nicht ausreichend belegt.


Vorbeugung

Vorbeugen lässt sich einer Strahlennekrose vor allem durch eine sorgfältige Bestrahlungsplanung, durch die Aufteilung der Gesamtdosis auf mehrere Sitzungen (Fraktionierung) und durch eine möglichst genaue Begrenzung des Bestrahlungsfeldes auf den Tumor. Ab welcher Dosis eine Strahlentherapie nachhaltige Gesundheitsschäden verursacht, hängt davon ab, welches Gewebe bestrahlt wird. Blutzellen und Zellen des Immunsystems reagieren besonders sensibel auf die Strahleneinwirkung. Die moderne Strahlentherapie ruft in den Tumorzellen und krebstypischen Zellen indirekte Molekülveränderungen hervor, um eine direkte Zellvernichtung zu vermeiden.

Die Tumorzellen werden durch Bestrahlung mit aggressiven Teilchen, sogenannten Ionen, überschüttet. Sauerstoffgesättigte und gut durchblutete Tumorzellen werden durch freie Radikale der Ionen angegriffen und durch reaktive Moleküle geschädigt. Die Tumorzellen können sich nicht mehr teilen und sterben ab. Die geschädigten Tumorzellen leiten daraufhin den programmierten Zelltod (Apoptose) ein.

Nachsorge

In der Regel sind die Maßnahmen einer Nachsorge bei einer Strahlennekrose deutlich eingeschränkt oder stehen dem Patienten gar nicht erst zur Verfügung. Dabei ist der Patient in erster Linie auf eine schnelle und vor allem auf eine frühzeitige Diagnose dieser Krankheit angewiesen, damit es im weiteren Verlauf nicht zu Komplikationen oder zu einer weiteren Ausbreitung der Nekrose kommt. Eine Selbstheilung kann sich bei dieser Krankheit in der Regel nicht einstellen.

Die meisten Patienten sind bei der Strahlennekrose auf die Einnahme von verschiedenen Medikamenten angewiesen. Dabei ist immer eine richtige Dosierung und ebenso eine regelmäßige Einnahme der Arzneimittel zu beachten, um die Beschwerden dauerhaft einzuschränken. Weiterhin sollte der Betroffene einen Arzt dann kontaktieren, wenn es zu Nebenwirkungen oder zu Unklarheiten kommt.

Allerdings kann die Krankheit nicht immer vollständig geheilt werden. Der weitere Verlauf ist sehr stark vom Zeitpunkt der Diagnose abhängig, sodass eine allgemeine Voraussage in der Regel nicht möglich ist. Je nach Ausdehnung und Lage kann die Strahlennekrose die Lebenserwartung des Betroffenen verringern. Weiterhin sind regelmäßige Kontrollen und Untersuchungen durch einen Arzt sehr wichtig, um weitere Schäden durch die Strahlennekrose schon früh zu erkennen.

Das können Sie selbst tun

Im Falle einer Strahlennekrose gibt es keinerlei Selbsthilfemaßnahmen, die das Krankheitsbild in irgendeiner Form bessern würden. Auch eine veränderte Ernährung, alternative Heilmittel oder auch nicht verschriebene Medikamente erzielen keinen Effekt. Diese Form von Nekrose wird sich in der Regel immer weiter ausweiten, was je nach Lokalisation auch tödlich enden kann.

Entsprechend sollten Betroffene überhaupt nichts selbst zu unternehmen versuchen. Vielmehr besteht die allerbeste Form der Selbsthilfe darin, sich schnellstmöglich ärztlich beraten und behandeln zu lassen. Da Strahlennekrosen unbehandelt fortschreiten, ärztlich aber behandelt werden können, ist dies auch der sinnvollste Weg.

Ist die Diagnose gestellt und eine ärztliche Meinung bezüglich einer Behandlung und Operation eingeholt, besteht die einzige Aufgabe des Patienten in der Schonung. Dies meint zum einen den Patienten selbst, der sich eventuell innerlich auf eine Operation vorbereiten muss. Zum anderen meint dies bei stark vorangeschrittenen Nekrosen oder einer akut bemerkbar gewordenen das Schonen des Gewebes. Liegt die Strahlennekrose ausnahmsweise in einem oberflächlich gelegenen, zuvor bestrahlten Gewebebereich, sollte dieser nicht zusätzlich belastet werden, da dies das Gewebe weiter schädigen würde.

Quellen

  • Wannenmacher, M., Debus, J., Wenz, F. (Hrsg.): Strahlentherapie.
    ISBN: 9783540883043
  • Reiser, M.: Radiologie.
    ISBN: 9783131253248
  • Plewig, G., Ruzicka, T., Kaufmann, R., Hertl, M. (Hrsg.): Braun-Falco's Dermatologie, Venerologie und Allergologie.
    ISBN: 9783662495445
  • Diener, H.-C., Gerloff, C., Dieterich, M., Endres, M. (Hrsg.): Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen.
    ISBN: 9783170399662
  • Herold, G.: Innere Medizin 2026.
    ISBN: 9783982116655

Das könnte Sie auch interessieren