Elektroglottographie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Behandlungen Elektroglottographie
Die Elektroglottographie ist ein nicht-invasives Verfahren der Kehlkopf-Stimmlippen-Diagnostik, das insbesondere zur Kontrolle von Behandlungserfolgen bei einer Kehlkopf-Stimmlippen-Therapie verwendet wird.
Die zwei oberflächlich auf den Schildknorpelflügeln angebrachten Elektroden ermitteln dabei die veränderten Elektroimpedanzen bei vibrierenden Stimmlippen und stellen den Gebrauch der Stimme grafisch in einem so genannten Elektroglottogramm dar. Bei der Auswertung dieses Elektroglottogramms wird die aufgezeichnete Lx-Wellenform der Stimmlippenvibration auf Abnormalitäten, wie unvollständige Vibrationen überprüft, was den Arzt dazu befähigt, Dysphonien und Stimmbildungsstörungen näher einzuordnen.
Was ist die Elektroglottographie?
Die Elektroglottographie stellt den Vibrationszyklus der Stimmlippen und des Kehlkopfes bei normalem und gestörtem Sprechen und Singen mittels eines Laryngographen dar. Das Verfahren ist ein nicht-invasives Messverfahren, das vorwiegend über zwei oberflächlich angebrachte Elektroden funktioniert. Es lässt sich daher auch als EGG bezeichnen und registriert insbesondere veränderte Elektroimpedanzen der vibrierenden Stimmlippen.
Die Aufzeichnungen des Laryngographen werden als Elektroglottogramme bezeichnet und geben Informationen über die Qualität und Quantität der Stimmlippenvibration. So wird letztlich der linguistische Gebrauch der Stimme veranschaulicht. Früh eingesetzt wurde die Elektroglottographie in der Arbeit mit hörgeschädigten Menschen, denen sie die eigene Stimmgebung sichtbar machte. Das Verfahren ist mittlerweile aber auch klinisch instrumental für die visuelle Feedback-Therapie. Fabre hatte schon 1957 die Grundlagen des Messverfahrens beschrieben. Nach dieser ersten Idee wurde die Elektroglottographie abgewandelt und verfeinert, bis sie dem heute gängigen Bild entspricht.
Funktion, Wirkung & Ziele
Auf den Flügeln des Schildknorpels werden vorbereitend zur Messung zwei Elektroden in symmetrischer Anordnung angebracht. Beim Sprechen, Singen oder Lautsingen nimmt der Laryngograph schließlich eine Messung des Wechselstromwiderstands zwischen diesen beiden Elektroden vor. Das Gerät hält seine Messungen in Form einer Lx-Wellenform fest, wobei Lx für das aufgezeichnete Laryngogramm steht. Die Wellenform bewegt sich bei zunehmendem Verschluss der Stimmlippen in einem positiven Bereich. Jede Spitze der Welle markiert einen maximalen Kontakt der beiden Stimmlippen.
Die Wellenhauptkante gibt unterdes Informationen über den Beginn jeder Schließphase. Über die Öffnungsweite der Stimmritze liefert das Elektroglottogramm dagegen keine definitiven Informationen. Horizontale Öffnungs- und Schließbewegungen der Kehlkopfstimmlippen von und zu der Mittellinie lassen sich dagegen gut beobachten und sind daher die Hauptkomponente in der Wellenform des Laryngographen.
Die vertikalen Bestandteile des Vibrationszyklus lassen sich allerdings kaum beschreiben. Die aufgezeichnete Wellenform wird nach der Messung medizinisch bewertet. Abnormale Wellenformen treten bei körperlichen Veränderungen auf und lassen den Arzt so eine medizinisch bedingte Stimmstörung vermuten.
Eine solche Störung kann sich zum Beispiel in durchweg irregulären oder auch teilweise unvollständigen Vibrationen äußern. Schon kürzere Abschnitte solcher gestörten Vibrationen können ein Hinweis auf Stimmstörungen sein. Am deutlichsten lassen sich irreguläre Vibrationen als Hinweis auf Stimmstörungen an Haupt-Tonhöhenänderungen und an der Artikulation velarer Konsonanten nachvollziehen. Abnorme Erscheinungen können sich im Elektroglottogramm neben dissymmetrischen Stimmlippenvibrationen aber auch über luftstromaerodynamische Störungen äußern.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Eines der bekanntesten Alternativverfahren ist die klassische indirekte Laryngoskopie. Bei diesem visuellen Verfahren führt der Arzt einen Spiegel oder ein Lupenendoskop in den Rachen ein. Bei starkem Würgereflex ist unter Umständen eine Lokalanästhesie der Rachenwand angezeigt. Verglichen mit diesem Verfahren ist die Elektroglottographie deutlich angenehmer und einfacher für den Patienten, aber auch den Mediziner. Beim Alternativverfahren der direkten Laryngoskopie führt der Arzt wiederum ein Stützlaryngoskop und ein Endoskop ein, das zusätzlich meist mit einem Mikroskop verbunden ist.
So lässt sich die Schleimhaut des Kehlkopfes betrachten. Auch Veränderungen und Auflagerungen lassen sich auf diese Weise sichtbar machen. Bei der Diagnose von Lähmungen sowie Karzinomen oder anderen Veränderungen dieser Art, macht dieses Verfahren unter Umständen mehr Sinn als die reine Elektroglottographie. Ein drittes Alternativverfahren bietet sich mit der so genannten Laryngostroboskopie, bei der kurze Lichtblitze erzeugt und durch ein Kehlkopf-Mikrofon mit den Schwingungen der Stimmlippen synchronisiert werden. Anschließend verändert der Arzt die Frequenz der Blitze und visualisiert damit unter Umständen einen verlangsamten Schwingungsablauf.
Wie auch die Elektroglottographie macht dieses Verfahren nicht die vertikale Komponente der Schwingungen sichtbar, sondern konzentriert sich auf die Stimmlippenoberfläche. Die Elektroglottographie hat allen genannten Methoden etwas voraus, denn das nicht-invasive Verfahren erfordert weder komplexe Auswertungen von akustischen Signalen während des Sprechens, noch zwingt es den Arzt zu einem Eingreifen in den Vorgang des Sprechens an sich. Aus diesen Gründen findet die Elektroglottographie bei der Kehlkopf-Stimmlippen-Diagnostik trotz der potenziellen Alternativverfahren besonders gerne Verwendung. Bei tumorösen Veränderungen wird das Verfahren unter Umständen aber mit der direkten Laryngoskopie kombiniert.
Geschichte & Entwicklung
Die Idee, den Verschluss der Stimmlippen über den elektrischen Widerstand des Halses sichtbar zu machen, geht auf den französischen Arzt Philippe Fabre zurück, der die Grundlagen 1957 beschrieb. Sein Gedanke war so einfach wie tragfähig: Gewebe leitet den Strom besser als Luft. Berühren sich die Stimmlippen, schließt sich zwischen den beiden Halsseiten eine leitende Brücke; öffnen sie sich, tritt Luft dazwischen und der Widerstand steigt. Was zwischen den Elektroden geschieht, lässt sich damit indirekt aus dem Stromfluss ablesen, ohne dass ein Gerät in den Hals eingeführt werden muss.
Zur praktisch nutzbaren Untersuchungsmethode wurde das Verfahren erst in den folgenden Jahrzehnten. In Großbritannien entstand ab den 1960er Jahren um den Phonetiker Adrian Fourcin am University College London eine Gerätefamilie, für die sich der Name Laryngograph durchsetzte; von dort stammt auch die bis heute übliche Bezeichnung der aufgezeichneten Kurve als Lx-Signal. Der Anwendungsschwerpunkt lag zunächst nicht in der Diagnostik, sondern in der Therapie: Gehörlose und schwerhörige Menschen sollten am Bildschirm sehen, was sie nicht hören konnten, und ihre Stimmgebung daran ausrichten.
Erst danach fand die Elektroglottographie ihren Weg in die Phoniatrie, die Sprachwissenschaft und die Gesangsforschung. Die Verbreitung digitaler Aufzeichnungstechnik hat diesen Weg begünstigt, weil sich die Kurve seither zusammen mit dem Schallsignal aufnehmen, zeitgleich darstellen und rechnerisch auswerten lässt.
Was gemessen wird
Die beiden Elektroden liegen außen am Hals, jeweils auf einem Flügel des Schildknorpels, und damit auf Höhe der Stimmlippen. Zwischen ihnen wird ein sehr schwacher hochfrequenter Wechselstrom geschickt. Der Mensch spürt davon nichts; wahrgenommen wird lediglich das leichte Anliegen der Elektroden.
Auf seinem Weg von einer Halsseite zur anderen durchquert dieser Strom den Kehlkopf. Wie leicht er hindurchkommt, hängt davon ab, ob sich die Stimmlippen gerade berühren. Bei geschlossener Stimmritze ist die leitende Fläche groß und der Widerstand gering; bei geöffneter Stimmritze liegt Luft im Weg, die den Strom kaum leitet. Da sich die Stimmlippen beim Sprechen und Singen viele Male in der Sekunde öffnen und schließen, entsteht eine regelmäßig schwankende Messgröße – eben die Lx-Kurve.
Aus dieser Kurve lassen sich mehrere Größen ableiten. Die Zahl der Schwingungen pro Sekunde ergibt die Grundfrequenz und damit die wahrgenommene Tonhöhe. Der Anteil einer Schwingung, in dem sich die Stimmlippen berühren, wird als Kontaktanteil beschrieben und verändert sich mit der Art der Stimmgebung: Eine gepresste Stimme zeigt ein anderes Bild als eine behauchte. Auch die Regelmäßigkeit von Schwingung zu Schwingung lässt sich beurteilen. Weil die Kurve unmittelbar aus der Bewegung der Stimmlippen entsteht und nicht aus dem abgestrahlten Schall, ist sie vom Raum, vom Mikrofonabstand und von der Artikulation im Mund weitgehend unabhängig.
Ablauf der Untersuchung
Eine besondere Vorbereitung ist nicht nötig. Der Untersuchte sitzt aufrecht; die beiden Elektroden werden meist mit einem elastischen Band um den Hals gelegt und so verschoben, dass sie beidseits auf dem Schildknorpel liegen. Die richtige Lage wird am Bildschirm überprüft, denn nur bei guter Ankopplung entsteht ein sauberes Signal. Bei kräftigem Hals, ausgeprägtem Unterhautfettgewebe oder starkem Bartwuchs kann das Auffinden der richtigen Stelle länger dauern; gelegentlich bleibt das Signal dann schwach.
Anschließend wird der Untersuchte gebeten, bestimmte Aufgaben auszuführen: einen Vokal gleichmäßig zu halten, in gewohnter Lautstärke zu sprechen, leiser und lauter zu werden oder eine Tonfolge zu singen. Häufig wird gleichzeitig über ein Mikrofon der Schall aufgezeichnet, sodass Kurve und Klang nebeneinander beurteilt werden können. Die Aufzeichnung ist schmerzfrei, es wird nichts in Mund oder Rachen eingeführt, und ein Würgereiz entsteht nicht. Auch bei Kindern ist das Verfahren deshalb gut anwendbar.
Nach der Aufzeichnung ist keine Nachsorge erforderlich. Der Untersuchte kann unmittelbar danach sprechen, essen und trinken wie zuvor; ein Fahrverbot oder eine Einschränkung des Tagesablaufs besteht nicht. Ist eine Verlaufsbeobachtung geplant, wird die Untersuchung unter möglichst gleichen Bedingungen wiederholt, damit die Aufzeichnungen vergleichbar bleiben.
Wer das Verfahren einsetzt
Im medizinischen Bereich ist die Elektroglottographie vor allem in der Phoniatrie zu Hause, dem Teilgebiet der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, das sich mit Stimme, Sprechen, Sprache und Schlucken befasst. Eng damit verbunden arbeitet die Logopädie; dort dient die Kurve häufig als sichtbare Rückmeldung, an der eine Patientin oder ein Patient während der Stimmtherapie die eigene Stimmgebung ablesen kann.
Außerhalb der Medizin wird das Verfahren in der Phonetik und der Sprachwissenschaft genutzt, etwa um den Stimmeinsatz am Wortanfang oder den Unterschied zwischen stimmhaften und stimmlosen Lauten zu untersuchen. In der Sprachtechnologie dient das Lx-Signal als verlässlicher Vergleichsmaßstab, wenn Rechenverfahren zur Bestimmung der Grundfrequenz aus dem Schallsignal geprüft werden sollen. Auch in der Gesangsforschung und in der Gesangspädagogik findet die Elektroglottographie Verwendung, weil sich Registerwechsel und Änderungen der Stimmgebung darin abbilden.
Ein eigener Anwendungsbereich betrifft Menschen, deren Beruf die Stimme stark beansprucht – etwa Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Sängerinnen und Sänger, Schauspieler oder Beschäftigte in Telefondiensten. Bei ihnen können wiederholte Aufzeichnungen dazu dienen, Veränderungen der Stimmgebung über die Zeit zu verfolgen.
Wann eine Stimmuntersuchung angezeigt ist
Eine belegte Stimme nach einem Infekt oder nach einem lauten Abend ist alltäglich und vergeht von selbst. Als Faustregel gilt in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde jedoch, dass eine Heiserkeit, die über mehrere Wochen anhält, abgeklärt werden sollte. Auch eine zunehmende Kraftlosigkeit der Stimme, ein hörbar veränderter Klang, Schmerzen beim Sprechen oder ein Verlust der Stimme (Aphonie) sind Anlässe für eine ärztliche Vorstellung.
Hinter einer anhaltenden Dysphonie können sehr verschiedene Ursachen stehen. Häufig sind gutartige Veränderungen an den Stimmlippen wie Stimmlippenknötchen oder ein Reinke-Ödem, das insbesondere bei starkem Rauchen auftritt. Ebenso kommen eine Kehlkopfentzündung, eine Lähmung des Stimmlippennervs oder eine Reizung der Kehlkopfschleimhaut durch aufsteigende Magensäure (Refluxkrankheit) in Betracht. Ernst zu nehmen ist auch die Möglichkeit eines Kehlkopfkrebses, dessen frühe Erkennung für den weiteren Verlauf bedeutsam ist.
Die Elektroglottographie kann diese Ursachen nicht auseinanderhalten, denn sie zeigt nicht den Kehlkopf, sondern nur das Ergebnis seiner Bewegung. Sie steht deshalb neben der Betrachtung des Kehlkopfes und nicht an ihrer Stelle. Ihr Beitrag liegt darin, die Stimmgebung in Zahlen und Kurven zu fassen – vor einer Behandlung, in ihrem Verlauf und nach ihrem Abschluss.
Grenzen und Fehlerquellen
Neben den bereits genannten Einschränkungen gibt es eine Reihe praktischer Fehlerquellen, die bei der Deutung der Kurve bedacht werden müssen. Der Kehlkopf bleibt beim Sprechen und besonders beim Singen nicht an derselben Stelle: Er hebt und senkt sich mit der Tonhöhe. Dadurch verschieben sich die Stimmlippen gegenüber den fest angebrachten Elektroden, und die Kurve kann sich in ihrer Grundlinie verschieben, ohne dass sich an der Stimmgebung selbst etwas geändert hätte.
Auch die Qualität des Signals ist nicht bei jedem Menschen gleich. Sehr leise, behauchte oder sehr hohe Stimmgebung führt zu geringeren Widerstandsänderungen und damit zu einer flacheren Kurve. Bewegungen des Kopfes, Schluckvorgänge und das Verrutschen des Halsbandes erzeugen Störungen, die als Artefakt erkannt werden müssen und nicht als Befund.
Schließlich sagt eine unauffällige Kurve nichts darüber aus, wie der Kehlkopf aussieht. Eine Veränderung, die die Schwingung nur wenig beeinträchtigt, kann in der Elektroglottographie unbemerkt bleiben. Aus diesem Grund wird die Untersuchung als ergänzendes Verfahren verstanden, das der Betrachtung des Kehlkopfes und der übrigen Diagnostik zuarbeitet.
Kombination mit anderen Messungen
Ihren Wert entfaltet die Elektroglottographie meist im Verbund. Häufig wird die Lx-Kurve zusammen mit dem über ein Mikrofon aufgenommenen Schallsignal dargestellt, sodass sich die Bewegung der Stimmlippen und der daraus entstehende Klang unmittelbar aufeinander beziehen lassen. Ergänzend wird in der Stimmdiagnostik oft ein Stimmfeld erhoben, in dem für verschiedene Tonhöhen die erreichbaren Lautstärken eingetragen werden und das den Umfang der Stimme als Ganzes abbildet.
Auch die Verbindung mit der Betrachtung des Kehlkopfes ist gebräuchlich: Wird die Stimmlippenschwingung mit kurzen Lichtblitzen sichtbar gemacht, kann das Lx-Signal die Blitzfolge steuern und so ein stabiles Bild erzeugen. Aus diesem Zusammenspiel ergibt sich ein Gesamteindruck, den keines der Verfahren für sich allein liefern könnte.
Typische & häufige Kehlkopferkrankungen
Quellen
- Eichel, H. W.: HNO-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie.
ISBN: 9783437061226
- Brügge, W., Mohs, K.: Therapie funktioneller Stimmstörungen.
ISBN: 9783497618170
- Lenarz, T., Boenninghaus, H.-G.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783642211300
- Mrowinski, D., Scholz, G., Steffens, T.: Audiometrie.
ISBN: 9783132452459
- Silbernagl, S., Despopoulos, A., Draguhn, A.: Taschenatlas Physiologie.
ISBN: 9783132410305
