Geistige Behinderung

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 19. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Eine geistige Behinderung liegt vor, wenn ein Mensch neue Informationen nur stark eingeschränkt verarbeiten und anwenden kann. Neben einer Verminderung der Intelligenz ist auch die soziale Kompetenz stark beeinträchtigt. Eine geistige Behinderung kann sowohl angeboren als auch erworben sein. Eine geistige Behinderung ist keine Krankheit und deshalb auch nicht heilbar; behandelt werden Begleiterkrankungen, und eine gezielte Förderung ermöglicht vielen Betroffenen je nach Ausprägung ein weitgehend selbstbestimmtes Leben.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine geistige Behinderung?

Geistige Behinderung
Eine geistige Behinderung kann sich auch auf die emotionale Verarbeitung und Bewältigung auswirken. Geistig Behinderte fühlen wie jeder andere Mensch, doch sie sind manchmal nicht in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren.
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Eine geistige Behinderung liegt vor, wenn die Fähigkeit, neue oder schon bekannte Informationen zu verstehen oder anzuwenden stark beeinträchtigt ist. Des Weiteren liegt eine Verminderung der Fähigkeit vor, neue Fertigkeiten zu erlernen und diese anzuwenden. Aufgrund der verminderten oder gestörten Intelligenz ist es Betroffenen je nach Ausprägung erschwert oder unmöglich, ein autarkes (selbstständiges) Leben zu führen. Durch die geistige Behinderung ist auch die soziale Kompetenz beeinträchtigt.

In der aktuellen internationalen Krankheitsklassifikation ICD-11 wird der Begriff „geistige Behinderung“ nicht mehr als Diagnose verwendet; das Krankheitsbild heißt dort „Störungen der Intelligenzentwicklung“ (disorders of intellectual development), im amerikanischen Diagnosesystem DSM-5 „intellektuelle Entwicklungsstörung“. Ältere Bezeichnungen wie „Debilität“, „Imbezillität“, „Idiotie“ oder „Schwachsinn“ stammen aus früheren Klassifikationen, sind fachlich überholt und werden heute als diskriminierend abgelehnt.

Der Artikel Intelligenzminderung behandelt dasselbe Feld aus Sicht der medizinischen Diagnostik, also die messbar verminderte geistige Leistungsfähigkeit. „Geistige Behinderung“ ist der weiter gefasste Begriff: Er schließt das Anpassungsverhalten im Alltag und den daraus entstehenden Unterstützungsbedarf mit ein.

Seit der UN-Behindertenrechtskonvention wird Behinderung zudem nicht mehr als bloße Eigenschaft des einzelnen Menschen verstanden, sondern als Ergebnis des Zusammenwirkens von Beeinträchtigung und den Barrieren der Umwelt. Im Vordergrund steht daher nicht das Defizit, sondern die Teilhabe.

Der Begriff „geistige Behinderung“ ist auch von der Gesellschaft und ihren Normen abhängig. Geistige Behinderung kann schon vor der Geburt im Mutterleib beginnen. Der Autismus wird nicht zur geistigen Behinderung gerechnet, sondern als eigenständige Entwicklungsstörung eingeordnet. Beides kann gemeinsam auftreten, die Mehrzahl der autistischen Menschen hat jedoch keine verminderte Intelligenz.

Auch Entwicklungsstörungen sowie psychologische Probleme werden dem Begriff mitunter zugerechnet, wobei umstritten ist, ob diese als geistige Behinderung einzustufen sind. Bei der Krankheit Demenz gehen vorher erlernte Fähigkeiten verloren, so dass man hierbei von einer psychischen Behinderung spricht. Die Abgrenzung zwischen psychischer und geistiger Behinderung ist fließend, so dass eine eindeutige Zuordnung oftmals nicht erfolgen kann.

Manche Betroffene können mit entsprechender Therapie durchaus ein selbständiges Leben führen. Je schwerer die geistige Behinderung ausgeprägt ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass Betroffene ein Leben lang auf Hilfe und Pflege durch Dritte angewiesen sind.

Ursachen

Eine geistige Behinderung kann viele Ursachen haben. Man unterscheidet zwischen endogenen und exogenen Faktoren.

Endogene Faktoren beinhalten die genetische Komponente. Erkrankungen, die durch Veränderungen des Erbguts hervorgerufen werden, wie z. B. das Down-Syndrom, entstehen entweder neu oder werden von Generation zu Generation vererbt. Das Down-Syndrom beruht in über 95 Prozent der Fälle auf einer zufälligen Fehlverteilung der Chromosomen bei der Keimzellbildung und ist damit gerade nicht vererbt; die häufigste erbliche Form der geistigen Behinderung ist das Fragile-X-Syndrom.

Exogene Faktoren beinhalten Ursachen, die schon während der Schwangerschaft eingetreten sind und den Embryo nachhaltig geschädigt haben. Neben Alkohol- und Drogenmissbrauch können auch Essstörungen die cerebrale Entwicklung stören. Alkohol in der Schwangerschaft ist dabei die häufigste vermeidbare Ursache einer geistigen Behinderung; die dadurch ausgelöste Alkoholembryopathie lässt sich nur durch vollständigen Verzicht sicher ausschließen.

Eine geistige Behinderung können auch Chemo- und Strahlentherapien nach sich ziehen. Wird bei Schwangeren Krebs diagnostiziert, so sollte zusammen mit allen behandelnden Ärzten überlegt werden, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um das Leben von Mutter und Kind zu schützen.

Das menschliche Gehirn reagiert sehr empfindlich auf Sauerstoffmangel. Vor allem bei Risikoschwangerschaften kann während der Geburt ein Sauerstoffmangel auftreten, der oftmals eine mehr oder weniger stark ausgeprägte geistige Behinderung nach sich ziehen kann.

Auch nach der Geburt können noch Schädigungen entstehen, etwa durch eine Hirnhautentzündung, eine Gehirnentzündung, einen schweren Sauerstoffmangel nach einem Ertrinkungsunfall oder eine Schädel-Hirn-Verletzung. Trotz aller Untersuchungsmöglichkeiten bleibt die Ursache jedoch in bis zu einem Drittel der Fälle ungeklärt.


Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Da die geistige Behinderung nicht über ein einzelnes Merkmal, sondern über eine allgemein verminderte geistige Leistungsfähigkeit definiert ist, treten typischerweise viele unterschiedliche Symptome auf. Geistig behinderte Kinder denken und handeln oft, als wären sie jünger als sie eigentlich sind. Je nachdem, wie stark die geistige Behinderung ausgeprägt ist, können zwischen dem tatsächlichen Alter und dem „geistigen Alter“ mehrere Jahre liegen. Auch bei Erwachsenen ist eine solche Abweichung möglich.

Die Ursache für diese scheinbare Altersverschiebung liegt in den kognitiven und anderen psychischen Fähigkeiten. Diese sind bei Menschen mit einer geistigen Behinderung schlechter entwickelt als bei den meisten anderen Menschen. Infolgedessen treten häufig Schwierigkeiten beim Lesenlernen, Zählen oder Rechnen auf. Im Kleinkindalter ist ein mögliches frühes Anzeichen eine unzureichende oder späte Sprachentwicklung – allerdings reicht dieses Symptom allein nicht aus, um von einer geistigen Behinderung zu sprechen.

Eine geistige Behinderung kann sich auch auf die emotionale Verarbeitung und Bewältigung auswirken. Geistig Behinderte fühlen wie jeder andere Mensch, doch sie sind manchmal nicht in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren. Dadurch wirken sie oft impulsiv und ungehemmt. Sie können anfälliger für die emotionale Ansteckung sein, bei der sie Emotionen aus ihrem Umfeld aufgreifen und selbst empfinden.

Auch die sozialen Kompetenzen können unterentwickelt sein. Zu den Symptomen einer geistigen Behinderung können zudem motorische Beeinträchtigungen hinzukommen.

Diagnose & Verlauf

Diagnostiziert wird die geistige Behinderung durch den Neurologen und Psychologen. Hierbei wird die Intelligenz mithilfe von Intelligenztests gemessen. Eingeteilt wird die geistige Behinderung wie folgt: leichte geistige Behinderung (IQ zwischen 50 und 69), mittelgradige geistige Behinderung (IQ zwischen 35 und 49), schwere geistige Behinderung (IQ zwischen 20 und 34), schwerste geistige Behinderung (IQ unter 20).

Diese IQ-Grenzen allein genügen für die Einstufung heute nicht mehr. Gleichrangig beurteilt wird das Anpassungsverhalten, also die adaptiven Funktionen in den drei Bereichen Begriffsbildung (Sprache, Lesen, Rechnen), soziale Fähigkeiten (Beziehungen gestalten, Regeln verstehen) und praktische Fähigkeiten (Körperpflege, Haushalt, Umgang mit Geld). Maßgeblich für den Schweregrad ist der Unterstützungsbedarf, der sich daraus im Alltag ergibt, nicht die Zahl im Testergebnis.

Da neben der Intelligenz oftmals auch eine körperliche Behinderung vorliegt, ist ein traditioneller Intelligenztest manchmal nicht möglich. Deshalb werden auch andere spezifische Tests durchgeführt, um festzustellen, inwieweit der Betroffene sich selbständig versorgen kann, wie z. B. Ankleiden, Essen oder Ausführung leichter Tätigkeiten.

Die Beurteilung einer geistigen Behinderung mittels eines Intelligenztests ist äußerst umstritten. Inzwischen haben sich die Diagnostikmethoden z. T. schon angepasst, so dass der individuelle Patient mithilfe einer systemischen Mensch-Umfeld-Verhältnis-Analyse beurteilt wird.

Zur Unterstützung der Diagnose werden weitere Untersuchungen durchgeführt. Neben einer Chromosomenanalyse und einer Subtelomeranalyse erfolgt auch ein Test auf das Fragile-X-Syndrom. Die Subtelomeranalyse ist inzwischen weitgehend durch die Chromosomen-Mikroarray-Analyse (Array-CGH) abgelöst worden, die auch deutlich kleinere Verluste und Zugewinne von Erbmaterial aufspürt. Bleibt sie ohne Befund, schließt sich heute häufig eine Exomsequenzierung an, bei der die eiweißkodierenden Abschnitte des Erbguts abgelesen werden.

Der Verlauf bei einer geistigen Behinderung ist schwer einzustufen. Vor allem bei einer leichten geistigen Behinderung kann durch eine adäquate Therapie durchaus ein normales Leben geführt werden. Bei stärkerer Ausprägung sind Betroffene jedoch ein Leben lang auf Hilfe Dritter angewiesen. Je nachdem wie ausgeprägt die geistige Behinderung ist, sollte über Einrichtungen nachgedacht werden, die eine adäquate Betreuung rund um die Uhr gewährleisten können.

Im Hinblick auf die Lebenserwartung gibt es keine Unterschiede zu Menschen ohne Behinderung. Bei einigen Arten von geistigen Behinderungen, welche vor allem mit körperlichen Beeinträchtigungen einhergehen, kann die Lebenserwartung verkürzt sein.

Komplikationen

Eine geistige Behinderung ist eine starke Einschränkung in der emotionalen oder kognitiven Leistung eines Menschen. Das kann sich in Denkstörungen, Intelligenzminderung und in Defiziten im sozialen Zusammenleben ausdrücken. Zu den Ursachen zählen zum Beispiel das Down-Syndrom oder eine im Säuglingsalter durchgemachte Hirnhautentzündung.

In einigen Fällen erhalten die Patienten Medikamente und weitere Therapien wie Ergotherapie, Sprachtherapie sowie heilpädagogische Maßnahmen und Reha-Maßnahmen. Die Medikamente richten sich dabei stets gegen Begleiterkrankungen wie eine Epilepsie, eine Depression oder Schlafstörungen, nicht gegen die Behinderung selbst. Es kann jedoch zu Komplikationen kommen, wenn ein Patient oder eine Patientin einen unvorhergesehenen Krankheitsschub bekommt. Auch, wenn Medikamente nicht oder nicht regelmäßig eingenommen werden oder gegen den ärztlichen Rat abgesetzt werden, kann dies zu unabschätzbaren Problemen führen.

Komplikationen beinhalten auch, dass der Patient oder die Patientin eigen- oder fremdgefährdend werden kann. Deshalb ist es unter Umständen schwierig, den Betroffenen verantwortungsvolle Aufgaben im Berufsleben oder im sozialen Bereich zu übertragen, da sie anders reagieren können als Menschen ohne Behinderung. In vielen Fällen ist es ratsam, Menschen mit geistiger Behinderung in geschützten Arbeitsbereichen zu beschäftigen oder über Inklusionsprojekte am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.

Ebenso kann der Betreuungsschlüssel in sozialen Einrichtungen oder auf dem Zweiten Arbeitsmarkt ein Faktor sein um Komplikationen zu vermeiden. Oberstes Gebot sollte jedoch sein, dem Rat von Ärzten, Psychologen und Pädagogen Folge zu leisten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bemerken Angehörige oder enge Vertraute ein auffälliges Verhalten des Betroffenen, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Kommt es zu unangemessenen Reaktionen oder reagiert der Betroffene gar nicht auf bestimmte Reize, ist dies ungewöhnlich und von einem Arzt untersuchen zu lassen. Auffälligkeiten der Augenbewegungen, der Kopf- oder Körperhaltung sowie motorische Störungen sollten untersucht und behandelt werden. Eine deutlich verzögerte geistige Entwicklung, verminderte Intelligenz oder eine Lernschwäche sind einem Arzt vorzustellen.

Störungen der Entwicklung und eine mangelnde soziale Kompetenz weisen auf geistige Probleme hin, die einen Arztbesuch erfordern. Störungen der Aufmerksamkeit, Konzentration und Orientierungsprobleme sollten medizinisch kontrolliert werden. Eine Verzögerung der Sprachbildung oder Kommunikationsstörungen sind Hinweise, die von einem Arzt untersucht werden müssen. Ist der Betroffene nicht in der Lage, eine eigenständige Lebensführung zu bewerkstelligen, wird tägliche Hilfe benötigt. Kann sich der Betroffene nicht selbst versorgen oder alltägliche Pflichten erfüllen, sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Gibt es Verständnisprobleme oder hält sich der Betroffene nicht an einfache Absprachen, sollte die Ursache für die Unregelmäßigkeiten ermittelt werden. Bei einer Teilnahmslosigkeit, Apathie, Desinteresse an sozialen Aktivitäten oder einem zwischenmenschlichen Austausch sind die Beobachtungen mit einem Arzt zu besprechen. Kann die Kontrolle über die Körperausscheidungen nicht erlernt werden, ist ein Arztbesuch erforderlich.

Behandlung & Therapie

Die geistige Behinderung selbst lässt sich nicht behandeln; im Mittelpunkt stehen die Förderung der vorhandenen Fähigkeiten und die Behandlung von Begleiterkrankungen. Da eine geistige Behinderung i. d. R. schon von Geburt an vorliegt, sollte möglichst früh mit einer Frühförderung begonnen werden. Die Frühförderung umfasst verschiedene Konzepte. Mithilfe von Ergotherapie, Logopädie und Heilpädagogik werden sowohl die geistigen als auch die körperlichen Fähigkeiten gezielt geschult. Medikamente kommen daneben nur gegen Begleiterkrankungen wie Epilepsie, Schlaf- oder Verhaltensstörungen zum Einsatz.

Tritt die geistige Behinderung erst in einem späteren Lebensabschnitt auf wie z. B. durch einen Unfall, so können psychosoziale und pädagogische Maßnahmen während einer Rehabilitation helfen, früher erlernte und beherrschte Fähigkeiten und Funktionen teilweise wieder herzustellen. Da in den Rehabilitationszentren nur die Basis für die Behandlung gelegt werden kann, ist es notwendig im Anschluss in ambulanten Reha-Zentren die Therapie fortzusetzen.

Damit die Förderung Erfolge zeigen kann, ist es notwendig, die verschiedenen Therapien ein Leben lang fortzuführen.

Aussicht & Prognose

Die Prognose bei einer geistigen Behinderung hängt stark von der Schwere der Behinderung selbst ab. In keinem Fall ist eine Heilung vom Zustand der geistigen Behinderung zu erwarten. In einigen Fällen - etwa durch degenerative Erkrankungen - kann sich die Symptomatik allerdings verschlechtern.

Menschen mit leichter geistiger Behinderung sind meist zu einem weitestgehend selbstständigen Leben befähigt. Wenngleich ihnen einige Kenntnisse und Fähigkeiten verwehrt bleiben, können sie sich - mit ein wenig Unterstützung - ein lebenswertes Leben aufbauen. Ähnliches gilt für Menschen mit einer mittelgradigen geistigen Behinderung.

Sie können sich im Leben zurechtfinden, benötigen aber situativ bedingt häufiger Hilfe von außen. Dabei ist die Lebensqualität dieser geistig behinderten Menschen stark von der Förderung, die sie erfahren, abhängig. Geistig Behinderte, die praktische und soziale Fähigkeiten erlernen, haben eine gute Aussicht auf ein weitestgehend erfüllendes Dasein.

Bei schweren und schwersten geistigen Behinderungen ist allerdings eine lebenslange Unterstützung nötig. Die Betroffenen können sich nicht selbst im Leben zurechtfinden und werden nie aus diesem Zustand hinausgelangen. Förderungsmaßnahmen sind wichtig, auch wenn sich der gemessene Intelligenzquotient dadurch meist nicht wesentlich verändert. Was sie verändern, ist der Grad an Selbstständigkeit und Teilhabe im Alltag – und darauf kommt es an. Menschen mit schwerster geistiger Behinderung erreichen in der Regel ein Entwicklungsalter von weniger als drei Jahren; Förderung und Betreuung sind für sie deshalb unverzichtbar, ohne Unterstützung sind sie nicht lebensfähig.


Vorbeugung

Da eine geistige Behinderung meist viele Ursachen hat, können verschiedene prophylaktische Maßnahmen ergriffen werden.

Sind in der Familie geistige Behinderungen bereits aufgetreten, so ist eine genetische Beratung erforderlich, vor allem dann, wenn ein Kinderwunsch besteht. Schwangere sollten darauf hingewiesen werden, dass Alkohol, Nikotin und Drogen das Risiko für geistige Behinderungen um ein Vielfaches erhöhen.

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung, die Inanspruchnahme der Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere sowie ein ausreichender Impfschutz der Mutter und später des Neugeborenen sind gute Maßnahmen, um einer geistigen Behinderung vorzubeugen.

Da eine geistige Behinderung auch Folge eines Unfalls sein kann, sind präventive Maßnahmen zur Unfallverhütung in Haushalt, Kindergarten, Schule als auch mit Fortbewegungsmitteln wie Fahrrad, Motorrad und Auto sinnvoll.

Nachsorge

Bei einer geistigen Behinderung können Fürsorge und Nachsorge viel bewirken. Die Nachsorgemaßnahmen können sowohl psychosoziale und physiotherapeutische Maßnahmen umfassen als auch eine notwendige Nachsorge in Sachen Suchtproblematik oder Straffälligkeit beinhalten. Die beiden letztgenannten sind Tabuthemen.

Leider gibt es bisher nur wenige ambulante Suchtberatungsstellen, die sich diesem Thema widmen und eine Nachsorgegruppe für geistig behinderte Suchtpatienten umfassen. Auch im Strafvollzug erhält dieses Thema einige Relevanz. Hier ist eine psychologische Nachbetreuung besonders wichtig. Besondere Fürsorge benötigen geistig behinderte Menschen, wenn sie Traumata erleben und posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln.

Je nachdem, in welchem Alter sich der geistig behinderte Mensch befindet, kann mit Sprach- und Sprechförderung oder der Förderung motorischer Fähigkeiten eine umfassendere Teilnahme am Leben anderer gewonnen werden. Außerdem können bei genetischen Ursachen auch körperliche Einschränkungen wie Minderwuchs oder Klumpfüße gegeben sein. Auch diese verlangen eine medizinische oder orthopädische Nachbehandlung und Überwachung.

Zur Nachsorge gehören bei geistig behinderten Menschen umfassende Maßnahmen, die je nach Familiensituation und Behinderungsgrad ausfallen. Geistig behinderte Menschen benötigen eine spezielle Arbeitsstätte. Sie brauchen Angebote zum betreuten Wohnen. Dass unterstützende Förderung einige Menschen mit Down-Syndrom zu erfolgreichen Schauspielern und Mode-Models gemacht hat, spricht für sich. Es belegt, dass auch viele Menschen mit einer geistigen Behinderung ein eigenständiges Leben führen können.

Das können Sie selbst tun

Die meisten geistigen Behinderungen sind genetisch bedingt oder durch eine Krankheit irreversibel verursacht worden. Im Bereich der Selbsthilfe im Alltag geht es deswegen nicht um Heilung der geistigen Beeinträchtigung, sondern um Möglichkeiten, besser damit umzugehen.

Eine geistige Behinderung als solche anzunehmen, fällt gerade dann schwer, wenn man unvermittelt damit konfrontiert worden ist. Um den Alltag gut zu bewerkstelligen, kann deswegen psychologische Unterstützung sinnvoll sein. Je nach genauer Form der geistigen Behinderung ist auch ein strukturierter Alltag sehr wichtig.

Dieser hilft dem Betroffenen, sich besser im Alltag zurecht zu finden. Aber auch für das soziale Umfeld kann eine sinnvolle Strukturierung wichtig sein, um alle anstehenden Aufgaben bewältigen und dennoch Ruhephasen für sich selbst finden zu können.

Damit dies gelingt, sollten im Alltag auch alle Möglichkeiten der Unterstützung genutzt werden. Hierzu zählen zum einen die Angebote, die aus dem Umfeld selbst kommen, aber zum anderen auch alle Möglichkeiten staatlicher oder kommunaler Unterstützung durch finanzielle Hilfen oder konkrete Unterstützung bei der Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung. Viele Beratungsstellen geben Betroffenen einen Überblick über alle Angebote, die ihnen zustehen. Die Leistungen zur Teilhabe sind dabei in der Eingliederungshilfe zusammengefasst; kostenfrei und unabhängig beraten dazu die Stellen der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung.

Wer sich gar nicht oder kaum über die Lautsprache verständigen kann, findet über die Unterstützte Kommunikation einen Zugang zur Verständigung – mit Gebärden, Symboltafeln oder elektronischen Geräten mit Sprachausgabe. Häufig lassen sich damit auch Verhaltensauffälligkeiten verringern, die aus dem Nichtverstandenwerden entstehen.

Siehe auch: Assistenzdienst beauftragen, Intelligenzminderung

Quellen

  • Meyer, S. (Hrsg.): Duale Reihe Pädiatrie.
    ISBN: 9783132446212
  • Hoffmann, G. F. (Hrsg.): Pädiatrie.
    ISBN: 9783662603062
  • Schaaf, C. P., Zschocke, J.: Basiswissen Humangenetik.
    ISBN: 9783662561461
  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H. (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen.
    ISBN: 9783456855608
  • Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
    ISBN: 9783132432659

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