Mutismus
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 20. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Beim Mutismus handelt es sich um eine Sprachstörung, die zumeist keine körperlichen Ursachen, wie z.B. Defekte am Gehör oder Probleme mit den Stimmbändern, hat. Diese Sprachstörung ist also etwas völlig anderes als die bei Taubstummen. Die Ursache liegt in einer psychischen Störung oder in Schädigungen des Gehirns. Beim Mutismus wird zwischen selektivem Mutismus, totalem Mutismus und akinetischem Mutismus unterschieden.
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Was ist Mutismus?
Das Wort Mutismus wurde aus dem lateinischen „mutus“ abgeleitet, das so viel wie „stumm“ bedeutet. Dieser Begriff ist genau genommen aber nicht richtig, denn betroffene Menschen sind nicht stumm im klassischen Sinn, sondern können rein physisch durchaus sprechen.
Menschen, die unter dem selektiven und dem totalen Mutismus leiden, sind grundsätzlich rein körperlich in der Lage, normal zu sprechen. Sie haben keine körperlichen Einschränkungen, die Sprache nicht zulassen, wie Störungen an den Stimmbändern oder im Gehör. Durch eine psychische Erkrankung leiden die Betroffenen aber unter so starker Angst, dass sie das Sprechen einstellen. Dies kann durchgehend oder nur in bestimmten Situationen sein. Der selektive Mutismus wird deshalb heute nicht mehr als Trotz, Schüchternheit oder Erziehungsfehler gedeutet, sondern in den gängigen Diagnosesystemen den Angststörungen zugeordnet.
Der akinetische Mutismus hat seine Ursache in einer Schädigung des Frontalhirns, zum Beispiel durch Gehirntumoren. Auch die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit kann für den akinetischen Mutismus verantwortlich sein.
Ursachen
Zu diesen Angstreaktionen zählen z.B. extreme Trennungsangst, Einschlafstörungen oder Weinanfälle. In Forschungen kam man zu dem Ergebnis, dass bei diesen Menschen das Angstzentrum im Gehirn viel heftiger reagiert als es eigentlich notwendig wäre. Kleine Gefahrensituationen können schon extreme Reaktionen auslösen, um den Selbstschutz zu aktivieren. Bei einem gesunden Menschen würde eine solche Situation das Angstzentrum nicht so stark aktivieren.
Beim selektiven Mutismus wird die Angstreaktion durch bestimmte Ereignisse ausgelöst. Spricht das Kind zuhause völlig normal, kann es dagegen im Kindergarten beharrlich schweigen. Das Kind fühlt sich im Kindergarten aus einem nicht nachvollziehbaren Grund in Gefahr und spricht deshalb in dieser Umgebung nicht mehr. Beim totalen Mutismus schweigen die Betroffenen dagegen durchgehend. Verantwortlich ist hierfür ebenso eine psychische Störung, die genauen Ursachen sind jedoch nicht bekannt.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Das Ausbleiben des Sprechens ist das Leitsymptom des Mutismus. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sprechen nicht, halten keinen Blickkontakt, sind scheu und in sich gekehrt. Als weitere Anzeichen können die Angst, im Mittelpunkt zu stehen, und die Scheu, sich sportlich etwas zuzutrauen, wie zum Beispiel Angst vor dem Schwimmen oder vor dem Fahrradfahren, auftreten.
Außerdem ist ein erhöhtes Sprachaufkommen zu Hause möglich, das sofort beendet wird, wenn Fremde dazukommen. Beim selektiven Mutismus kommen diese Verhaltensweisen immer nur in bestimmten Situationen, gegenüber bestimmten Personen oder an ganz bestimmten Orten zum Tragen, wie zum Beispiel im Kindergarten. Das Auftreten ist genau vorhersehbar und immer gleich.
Durch verstärkte Mimik und Gestik wird zum Teil kompensiert, dass nicht gesprochen wird. Im vertrauten Umfeld hingegen wird gesprochen und es zeigt sich ein normales Verhalten. Beim totalen Mutismus wird die verbale und nonverbale Kommunikation immer vollständig vermieden. Körpergeräusche wie Lachen, Husten und Niesen werden zwanghaft unterdrückt. Eine abgewandte Körperhaltung gehört ebenso zu den Symptomen wie das Auftreten in jeder Situation, gegenüber allen Personen und an allen Orten. Hinzu kommt ein Erstarren des Körpers. Dies macht es dem Betroffenen nicht möglich zu interagieren.
Diagnose & Verlauf
Mutismus kann von Ärzten oder Psychologen diagnostiziert werden. Da diese Erkrankung aber noch nicht abschließend erforscht ist und relativ unbekannt ist, fällt die Diagnose nicht immer leicht.
Bei Kindern können die Eltern hierbei ausschlaggebende Hinweise liefern, die den Arzt in die richtige Richtung führen. Auch ein Sprachtherapeut kann der richtige Ansprechpartner sein. Sprachtherapeuten sind häufig besser mit Mutismus vertraut als Ärzte und Psychologen.
Für die weitere Entwicklung ist eine Behandlung mittels Psychotherapie enorm wichtig. Gerade betroffene Kinder leiden sehr stark unter der Situation, werden schnell zum Außenseiter und es kann zu Problemen in der Schule kommen. Zudem können Depressionen entstehen, die nicht selten Selbstmordgedanken auslösen. Auch Sozialphobien sind häufig eine Folge von Mutismus.
Komplikationen
Bei Kindern mit selektivem Mutismus kommt es häufig zu anderen psychischen Erkrankungen oder Beschwerden. Viele Mutisten leiden unter einer Angststörung oder einer klinischen Depression. Dabei ist zu beachten: Mutismus sollte eigentlich nur dann diagnostiziert werden, wenn die Angststörung oder die Depression das psychogene Schweigen nicht vollständig erklären können.
Ohne eine ausreichende Therapie besteht die Gefahr, dass der Mutismus bestehen bleibt. In der Regel sollte die Behandlung so bald wie möglich beginnen. Je länger der Mutismus andauert, desto wahrscheinlicher werden Komplikationen. Die Persönlichkeitsentwicklung kann beeinträchtigt werden.
Bei mutistischen Kindern sind Enkopresis und Enuresis ebenfalls häufige Komplikationen. Dabei koten beziehungsweise nässen sie sich ein, obwohl sie eigentlich bereits gelernt haben, ihre Ausscheidungen zu kontrollieren. Erwachsene Mutisten sind durch ihre psychische Krankheit häufig beruflich und familiär eingeschränkt.
Der Mutismus trifft bei anderen Personen häufig auf Unverständnis oder Hilflosigkeit. Wenn der Mutismus durch ein Trauma ausgelöst wird, erhöht sich durch ungünstige Reaktionen von Angehörigen die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Störungen der Kommunikation sind grundsätzlich einem Arzt vorzustellen. Kommt es zu Beeinträchtigungen der Lautgebung, erlernt das Kind trotz vielfacher Bemühungen keine Sprachgebung oder liegt eine plötzliche Verstummung vor, muss ein Arzt konsultiert werden. Kann sich der Betroffene nicht ausreichend über die Körpersprache ausdrücken, angemessen auf eine soziale Interaktion reagieren oder treten die Beschwerden situationsgebunden auf, sollten die Beobachtungen mit einem Arzt besprochen werden.
In vielen Fällen findet unter fast allen Gegebenheiten ein normaler Austausch des Betroffenen mit Personen seines nahen Umfeldes statt. Setzen die Beschwerden jedoch unter bestimmten sehr selektiven Bedingungen ein, sollte ein Arzt konsultiert werden. Charakteristisch ist, dass in einem anderen Umfeld eine sehr rege Kommunikation durch den Betroffenen gepflegt wird oder eine traumatische Erfahrung erlebt wurde.
Bei verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten, Störungen der Persönlichkeit oder der allgemeinen Entwicklung wird ein Arztbesuch empfohlen. Kommt es im unmittelbaren Vergleich zu Gleichaltrigen zu Verzögerungen erlernbarer Fortschritte oder starken Lernschwierigkeiten, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Bei Störungen des Gedächtnisses, Orientierungsproblemen oder einem Konzentrationsdefizit sind ärztliche Untersuchungen zur Klärung der Ursache notwendig. Eine abgewandte Körperhaltung und vermeintliches Desinteresse sind einem Arzt vorzustellen. Wird die Lautgebung von dem Betroffenen durch Geräusche wie Husten, Lachen oder Brummen ersetzt, liegt eine Unregelmäßigkeit vor, die abgeklärt werden sollte.
Behandlung & Therapie
Mutismus wird sowohl sprachtherapeutisch als auch psychiatrisch und psychologisch behandelt. Ob einzelne Behandlungsformen ausreichen oder eine Kombination aus den verschiedenen Behandlungsbereichen nötig ist, muss vom Ausmaß der Erkrankung abhängig gemacht werden. Aber auch die eigentliche Ursache bestimmt die Form der Behandlung. Als wirksamste Behandlung des selektiven Mutismus gilt heute die Verhaltenstherapie, die das Kind in kleinen, angstfreien Schritten an das Sprechen in den gemiedenen Situationen heranführt und dabei Kindergarten oder Schule einbezieht.
Zusätzlich kann Mutismus auch auf dem medikamentösen Weg behandelt werden, dafür werden Antidepressiva eingesetzt. Diese sorgen für einen ausgeglicheneren psychischen Zustand und vermindern somit auch Angstgefühle. Medikamente ersetzen die Therapie allerdings nicht; sie kommen vor allem unterstützend bei schweren oder langwierigen Verläufen infrage. Der Betroffene kann seinen Alltag entspannter erleben und wird weniger oft von der Sprachhemmung heimgesucht.
In jedem Fall ist es wichtig, eine Behandlung zu starten, sobald Mutismus diagnostiziert wurde. Je früher die Therapie einsetzt, umso größer sind die Erfolgschancen. Hat sich das Angstverhalten über viele Jahre gefestigt, ist eine Therapie sehr viel schwieriger und wird nicht so schnell zum Erfolg führen. Inzwischen existieren einige Therapieformen, die speziell für Mutismus entwickelt wurden. Welche die richtige Form der Therapie ist, kann unterschiedlich sein. Ein Allheilmittel existiert nicht.
Eine Therapie von Mutismus ist immer eine sehr langwierige Angelegenheit und nicht innerhalb von wenigen Wochen abgeschlossen. Je nachdem, wie stark sich die psychische Störung schon manifestiert hat, können Monate oder sogar Jahre der regelmäßigen Therapie nötig sein um eine dauerhafte Verbesserung zu erzielen.
Aussicht & Prognose
Ein selektiver Mutismus, wie er oft beim Eintritt in den Kindergarten oder in andere fremde Situationen auftritt, verschwindet oft nach wenigen Wochen oder Monaten wieder. Bleibt er länger als sechs Monate bestehen, verschwindet er nur noch selten von allein; dann ist eine gezielte Behandlung nötig. Ohne Behandlung bleiben die Kinder meist bis zum Jugendalter relativ stumm und können nur durch jahrelanges Üben wieder erlernen, in unbekannten Situationen zu sprechen. Oft entwickelt sich im Erwachsenenalter eine Sozialphobie. Je früher die Erkrankung behandelt wird, desto besser ist die Aussicht auf eine Genesung.
Allerdings spielen auch die Ursache des Mutismus und der Charakter des Kindes sowie sein Umfeld eine Rolle. Kinder, die an Mutismus leiden, benötigen die Unterstützung mehrerer Bezugspersonen, die ihnen schon früh während der Erkrankung Mut machen und sie dadurch zum Sprechen bewegen. Der totale Mutismus kann wesentlich schwieriger behandelt werden. Das Kind spricht weder mit Freunden noch mit den Eltern, wodurch der Zugang für Ärzte und Therapeuten deutlich erschwert ist.
Wichtig ist dabei, das Kind nicht zum Sprechen zu drängen: Aufforderungen, Ermahnungen und Druck verstärken die Angst und erschweren den Weg zurück zur Sprache. Unter einer rechtzeitig begonnenen Behandlung bildet sich der selektive Mutismus oft bis zum Jugendalter zurück. Viele Betroffene pflegen im späteren Leben ein ganz normales Sprechverhalten. Weitere Informationen kann der Verein Mutismus Selbsthilfe Deutschland e. V. geben.
Vorbeugung
Eine direkte Vorbeugung für Mutismus existiert nicht. Eltern, die bei ihren Kindern ein enorm gesteigertes Angstverhalten beobachten, sollten ihr Kind aber entsprechend stärken um die Ängste zu vermindern. Eventuell kann schon dann der Rat eines Kinderpsychologen angebracht sein, damit das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt und übersteigerte Ängste eingedämmt werden.
Nachsorge
Eine Nachsorge im Sinne einer Rückfallkontrolle gibt es beim Mutismus nicht. Nach einer erfolgreichen Behandlung geht es vielmehr darum, das Erreichte zu sichern und die Betroffenen im Alltag weiter zu begleiten.
Ob dabei eine längerfristige Behandlung nötig ist, richtet sich nach dem Einzelfall. Das Ausmaß der Nachsorge hängt dabei stark vom Schweregrad des Mutismus und dem Lebensalter ab. Gerade bei Kindern empfiehlt sich eine häufige Verlaufskontrolle, weil der Mutismus schwerwiegende Entwicklungsverzögerungen hervorrufen kann. Diese lassen sich in späten Jahren nur noch schwer beheben.
Die Nachsorge umfasst regelmäßige Vorstellungen, wobei meist den Angehörigen und Eltern eine große Bedeutung zukommt. Sie erleben ihr Kind im Alltag und können daher am besten über Veränderungen und Fortschritte informieren. Wird der Mutismus von Depressionen begleitet, kann eine vorübergehende stationäre Unterbringung angebracht sein. Zu den ambulanten Maßnahmen gehören die Sprach- und Psychotherapie.
Das können Sie selbst tun
Bei Mutismus ist eine Sprachtherapie, verbunden mit einer psychologischen Behandlung, angezeigt. Eltern, die bei ihrem Kind Anzeichen von Mutismus feststellen, sollten frühzeitig einen Facharzt hinzuziehen.
Handelt es sich um selektiven Mutismus, muss das Gespräch mit den Pädagogen im Kindergarten oder den Lehrern in der Schule des Kindes gesucht werden. Womöglich liegt dem Schweigen Ausgrenzung oder Mobbing zugrunde. Lässt sich die Ursache nicht ermitteln, ist eine weitergehende Untersuchung erforderlich. Zuwendung und ein angstfreies Umfeld erleichtern es den Kindern, wieder zu sprechen; eine fachliche Behandlung ersetzen sie jedoch nicht. Eltern von betroffenen Kindern müssen darum viel Geduld und Verständnis zeigen.
Begleitend dazu können weitere Therapiemaßnahmen ergriffen werden, um dem Kind den Umgang mit der Erkrankung zu erleichtern. So kann das Kind oft durch eine Frühförderung zum Sprechen bewegt werden. Der Besuch einer speziellen Förderschule für Kinder mit Sprachstörungen kann dem Kind die Ängste nehmen und stellt zudem geeignete Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Welche Maßnahmen im Detail ergriffen werden können, muss ein Arzt oder Psychologe beantworten. Dieser wird zunächst eine umfassende Untersuchung durchführen und auch mit den Eltern sprechen. Die eigentliche Therapie kann von den Eltern dann gezielt unterstützt werden.
Quellen
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ISBN: 9783132411227
- Steinhausen, H.-C.: Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen.
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- Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H. (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F).
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- Wendler, J., Seidner, W., Eysholdt, U. (Hrsg.): Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie.
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- Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
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