Non-Thyroidal-Illness-Syndrom


Medizinische Qualitätssicherung am 13. Januar 2019 von Dr. med. Nonnenmacher

Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom ist keine eigenständige Erkrankung, sondern tritt im Rahmen schwerwiegender Erkrankungen oder Hungerzustände auf. Es kennzeichnet eine Veränderung des Stoffwechsels der Schilddrüsenhormone bei normaler Schilddrüsenfunktion. Die Bedeutung des Non-Thyroidal-Illness-Syndroms ist noch nicht vollständig geklärt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom?

Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom (NTIS) oder TACITUS-Syndrom zeichnet sich durch einen veränderten Stoffwechsel der Schilddrüsenhormone bei normaler Schilddrüsenfunktion aus. Deshalb wird es auch als Euthyroid-Sick-Syndrom bezeichnet. Es kommt nie isoliert vor, sondern immer nur in Verbindung mit schweren Krankheitsverläufen sowie bei Hungerzuständen.

Über die Bedeutung dieses Syndroms für den Organismus herrscht noch keine Klarheit. Der veränderte Stoffwechsel könnte sich zum Schutz des Organismus gegen die äußerst schweren Krankheitsverläufe entwickeln. Allerdings könnte es sich auch um eine Folgestörung handeln. Auf jeden Fall ist bei kritisch kranken Personen dieses Syndrom allgemein mit einer schlechteren Prognose verbunden.

Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen, die nicht immer alle gleichzeitig auftreten müssen. Es gibt drei Hauptkomponenten und einige weitere Komponenten. Selbst die Hauptkomponenten können sowohl einzeln als auch in Kombination in Erscheinung treten.

Es wird von einer charakteristischen allostatischen Konstellation des thyreotropen Regelkreises gesprochen. Eine allostatische Konstellation beschreibt eine Anpassung des Körpers auf chronische Belastungen. Zu den Hauptkomponenten des Non-Thyroidal-Illness-Syndroms zählen eine zentrale Hypothyreose (Low-THS-Syndrom), eine gestörte Bindung der Schilddrüsenhormone an die entsprechenden Plasmaproteine und eine reduzierte Bildung von T3 aus T4 bei gesteigerter Umwandlung von T4 in rT3 (Low-T3-Syndrom).

Die erste Komponente bezeichnet einen allgemeinen Mangel an Schilddrüsenhormonen, wie er auch bei einer Unterfunktion der Schilddrüse vorkommt. Des Weiteren sind die vorhandenen Schilddrüsenhormone durch die gestörte Bindung an die Plasmaproteine in ihrer Wirkung eingeschränkt. Zudem wird die Umwandlung von Thyroxin (T4) durch Dejodierung in das wirksamere Triiodthyronin (T3) zugunsten seiner Konversion in das inaktive rT3 behindert.

Das Molekül rT3 enthält ebenfalls wie T3 drei Jodatome. Es ist jedoch genau umgekehrt jodiert wie T3 und daher inaktiv. Zu den weiteren Komponenten gehört die gestörte Aufnahme der Schilddrüsenhormone in die Zielzellen und die verminderte Wirksamkeit von Schilddrüsenhormonrezeptoren.

Sehr selten kommen beim Non-Thyroidal-Illness-Syndrom solche Verlaufsformen wie das Low-T4-Syndrom, das Low-T3-low-T4-Syndrom, das High-T4-Syndrom oder das High-T3-Syndrom vor. Es ist jedoch schwierig, die einzelnen Komponenten des Syndroms nachzuweisen.

Ursachen

Auch die Ursachen und die Pathogenese für das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom sind noch nicht vollständig bekannt. Es werden entzündliche Prozesse, die im Rahmen verschiedener Erkrankungen auftreten können, für die verminderte Umwandlung von T4 in T3 diskutiert. So sollen proinflammatorische Zytokine, Glucocorticoide und bestimmte Stoffwechselmetaboliten für diese Vorgänge verantwortlich sein.

Möglicherweise führt auch eine Leberparenchymschädigung im Rahmen einer entsprechenden Grunderkrankung zur Hemmung der Dejodierung. Eine Leberparenchymschädigung könnte auch die Ursache für die verringerte Bindung der Schilddrüsenhormone an Plasmaproteine sein, weil schlicht weniger Albumine vorhanden sind.

Als Ursachen für die zentrale Hypothyreose werden endokrine Gründe wie ein verminderter Leptinspiegel oder Endotoxine durch Bakterien in Betracht gezogen. Diese Einflüsse könnten eine lokale Hyperdejodierung auslösen, welche wiederum über den endokrinen Regelkreis die Produktion von TRH reduziert. TRH (engl. Thyrotropin releasing hormone) wird im Hypothalamus gebildet und gibt den Sollwert für die Konzentration der Schilddrüsenhormone vor.

Wenn weniger TRH vorhanden ist, werden auch weniger Schilddrüsenhormone gebildet. Die verstärkte Bildung von rT3 anstatt T3 dient möglicherweise der Akkumulation von Halogenen, wozu auch Jod gehört, in den Abwehrzellen, um unter anderem bei einer Sepsis bessere Abwehrarbeit leisten zu können.

Zu den schweren Erkrankungen, die ein Non-Thyroidal-Illness-Syndrom auslösen können, gehören unter anderem Leberzirrhose, Herzschwäche, Herzinfarkt, chronische Nierenschwäche, diabetische Ketoazidose, Sepsis oder Verbrennungen. Auch Fastenzustände, Fehlernährung oder Mangelernährung im Rahmen einer Anorexia nervosa können ein Non-Thyroidal-Illness-Syndrom hervorrufen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Symptome dieses Syndroms sind schwer zu erkennen, da sie im Rahmen anderer schwerer Grunderkrankungen auftreten. In der Regel handelt es sich um ähnliche Erscheinungen wie bei einer Schilddrüsenunterfunktion. Der Stoffwechsel wird stark reduziert, sodass alle körperlichen Funktionen auf Sparflamme laufen. Möglicherweise schützt sich der Organismus damit vor Überlastung, um die anderen Herausforderungen der Grundkrankheiten bewältigen zu können.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose des Non-Thyroidal-Illness-Syndroms gestaltet sich in der Regel sehr schwierig. Da es von den Symptomen der entsprechenden Grundkrankheit überlagert wird, können lediglich die Hormonspiegel der freien Schilddrüsenhormone Hinweise geben. So sind die basalen Hormonspiegel von FT4, FT3 und TSH meist erniedrigt, wobei es einen großen Graubereich gibt. Die Konzentration von rT3 ist in der Regel erhöht.

Komplikationen

In der Regel handelt es sich beim Non-Thyroidal-Illness-Syndrom selbst um eine Komplikation. Diese Beschwerde kann nur schwer erkannt werden, da die Symptome und Beschwerden relativ unspezifisch und nicht besonders charakteristisch sind. Die Betroffenen leiden dabei allerdings an den Beschwerden einer Schilddrüsenunterfunkltion. Dabei kommt es zu einer dauerhaften Müdigkeit und einer Abgeschlagenheit des Patienten.

Auch die Belastbarkeit des Betroffenen sinkt mit dem Non-Thyroidal-Illness-Syndrom erheblich ab, sodass schwere körperliche Tätigkeiten oder sportliche Betätigungen in der Regel nicht mehr möglich sind. Damit wird die Lebensqualität des Betroffenen durch das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom erheblich eingeschränkt und verringert. Auch verschiedene Infektionen und Entzündungen können von Körper nicht mehr richtig abgewehrt werden, sodass es häufiger zu Infekten und zu Entzündungen kommen kann.

Die Behandlung des Non-Thyroidal-Illness-Syndrom erfolgt in der Regel mit Hilfe von Schilddrüsenhormonen. Dabei treten für den Patienten keine besonderen Komplikationen ein. Allerdings sind die meisten Betroffenen auf eine langwierige Therapie angewiesen, da die Krankheit nicht vollständig eingeschränkt werden kann. Die Lebenserwartung des Betroffenen wird durch das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom allerdings nicht verringert. Der weitere Verlauf dieser Krankheit hängt allerdings auch stark von der Grunderkrankung ab.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wenn hormonelle Beschwerden auftreten oder es immer wieder zu Allgemeinerkrankungen wie Fieber oder Magen-Darm-Beschwerden kommt, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Unspezifische Krankheitszeichen, die über Monate oder Jahre hinweg auftreten, können auf das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom hindeuten. Dabei handelt es sich um schwerwiegende Veränderungen im Schilddrüsenhormonstoffwechsel, die in jedem Fall ärztlich abgeklärt werden müssen. Spätestens, wenn Anzeichen einer Erkrankung der inneren Organe bemerkt werden, ist medizinischer Rat gefragt.

Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom tritt häufig nach Operationen oder in Verbindung mit einer Fehl- und Mangelernährung auf. Auch Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen oder ein physisches Trauma erlitten haben, gehören zu den Risikogruppen und sollten den Hausarzt aufsuchen, wenn die beschriebenen Krankheitszeichen auftreten. Sollte es zu Schwindel, Herzrasen oder starkem Unwohlsein kommen, ist der ärztliche Notdienst zu kontaktieren. Im Zweifelsfall muss der Betroffene in ein Krankenhaus gebracht werden. Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom wird von einem Arzt für Schilddrüsenerkrankungen behandelt. Dies kann ein Internist oder spezifizierter Facharzt sein. Die einzelnen Symptome können in Rücksprache mit dem Hausarzt von den jeweils zuständigen Fachärzten untersucht und behandelt werden.

Behandlung & Therapie

Eine Therapie des Non-Thyroidal-Illness-Syndroms ist sehr umstritten. Es besteht die Frage, ob eine allgemeine Substitutionstherapie mit Schilddrüsenhormonen überhaupt sinnvoll oder gar schädlich ist. Der Körper leidet zwar unter einer Unterversorgung mit Energie. Das könnte aber der Sinn des veränderten Stoffwechsels der Schilddrüsenhormone bei der Schwere der Grundkrankheit sein.

Der Organismus soll vor Überlastung geschützt werden. Zwar konnte in Studien gezeigt werden, dass sich bei Substitution mit Schilddrüsenhormonen das Herzzeitvolumen der Patienten verbessert, nicht jedoch ihre Überlebenschance. Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom kann nur im Rahmen der Therapie der Grundkrankheit erfolgreich behandelt werden.

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Aussicht & Prognose

Das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom ist keine eigenständige Erkrankung. Daher kann für die weitere gesundheitliche Entwicklung keine allgemeingültige Prognose erstellt werden. Zu betrachten ist die Gesamtsituation des Patienten und die vorliegende Grunderkrankung, um einen Ausblick auf künftige gesundheitliche Veränderungen zu geben.

Das Syndrom wird nur bei Menschen festgestellt, die an schwerwiegenden Erkrankungen leiden. Häufig liegen bereits starke organische Schäden vor, die eine ungünstige Prognose mit sich bringen. Die Lebensqualität ist eingeschränkt und der Patient benötigt unter Umständen eine intensivmedizinische Betreuung oder eine Langzeittherapie.

In den meisten Fällen wird nur unter einem großen Aufwand sowie einer immensen Veränderung der Lebensumstände eine Genesung erreicht. Kann die Grunderkrankung nicht erfolgreich therapiert werden, droht dem Patienten das vorzeitige Ableben. Nur wenn diese mit den medizinischen Möglichkeiten zu einer Verbesserung des allgemeinen gesundheitlichen Befindens führt, wird eine Linderung der Beschwerden insgesamt beobachtet.

Bei irreversiblen Organschäden besteht oftmals die Notwendigkeit eines Spenderorgans, damit sich Änderungen einstellen können. Eine Transplantation ist mit weiteren schwerwiegenden Komplikationen und Nebenwirkungen verbunden. Verläuft alles ohne nennenswerte Störungen, ist eine Verbesserung der Gesundheit möglich. Die Patienten müssen sich auch bei einem günstigen Krankheitsverlauf regelmäßigen Kontrolluntersuchungen stellen. Das Stoffwechselsystem sowie die allgemeine Funktionstätigkeit der Organe müssen untersucht werden. Oft ist eine medikamentöse Unterstützung langfristig notwendig.

Vorbeugung

Da das Non-Thyroidal-Illness-Syndrom keine eigenständige Erkrankung ist, kann es keine Empfehlung zu seiner Vorbeugung geben. Dem Risiko für das Auftreten der einzelnen Grundkrankheiten kann jedoch allgemein durch eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, körperlicher Aktivität sowie Verzicht auf Alkohol und Rauchen vorgebeugt werden.

Nachsorge

Betroffenen stehen beim Non-Thyroidal-Illness-Syndrom in den meisten Fällen nur wenige beziehungsweise eingeschränkte Maßnahmen einer Nachsorge zur Verfügung. Dabei muss in erster Linie der Hungerzustand des Betroffenen beendet werden. Erst danach eine Genesung erfolgen, wobei nicht immer eine vollständige Heilung möglich ist.

Daher sollte beim Non-Thyroidal-Illness-Syndrom sofort ein Arzt kontaktiert werden, damit es nicht zu einer weiteren Verschlechterung der Beschwerden oder im schlimmsten Fall zum Tod der Betroffenen kommt. Diese sind dabei in der Regel auf die Einnahme von verschiedenen Präparaten oder Arzneimitteln angewiesen. Hierbei ist immer auf die richtige Dosierung und auch auf die regelmäßige Einnahme zu achten, um die Beschwerden zu lindern.

Es sollten alle Anweisungen des Arztes beachtet werden. Weiterhin sind beim Non-Thyroidal-Illness-Syndrom regelmäßige Kontrollen und Untersuchungen der Schilddrüse sehr wichtig. Der weitere Verlauf der Erkrankung hängt dabei sehr stark vom Zeitpunkt der Diagnose und von der Ausprägung der Beschwerden ab, sodass dabei eine allgemeine Voraussage nicht möglich ist. Allerdings ist in einigen Fällen die Lebenserwartung des Betroffenen durch diese Erkrankung verringert.

Das können Sie selbst tun

Diese Erkrankung tritt immer nur in Verbindung mit weiteren, teils schweren Erkrankungen auf, die in erster Linie behandelt werden müssen. Unterstützend können die betroffenen Patienten versuchen, die Folgen ihres Non-Thyroidal-Illness-Syndroms so gering wie möglich zu halten.

Beispielsweise ist es empfehlenswert, auf ein normales Körpergewicht zu achten und bestehendes Übergewicht abzubauen. Hierzu bieten sich mehrere Diätmöglichkeiten an, die mit dem Arzt abgesprochen werden müssen, der auch die Grunderkrankung behandelt. Da mit einem Non-Thyroidal-Illness-Syndrom Infektionen schlechter abgewehrt werden können, ist ein starkes Immunsystem wichtig. Achtzig Prozent aller Immunzellen sitzen im Darm, daher sollte vor allem auf eine gesunde Darmflora geachtet werden. Das geht nicht nur über eine frische, fettarme, ballaststoffreiche Kost, sondern auch über möglichst viel Bewegung, einem geregelten Tagesablauf und festgelegten Schlafzeiten.

Auch die Einnahme von Probiotika hat sich als hilfreich erwiesen. Das sind lebende Mikroorganismen, die über die orale Einnahme im Darm angesiedelt werden, wo sie sich vermehren und zum Aufbau der gesunden Darmflora beitragen sollen. Hochdosierte Probiotika gibt es frei verkäuflich in Apotheken.

Möglicherweise ist es für die Patienten sehr belastend, sowohl an einer Grunderkrankung als auch an einem Non-Thyroidal-Illness-Syndrom zu leiden, zumal letzteres auch die Bewegungsfreude dämpft. Diese Patientengruppe könnte bei einer begleitenden Psychotherapie Entlastung finden.

Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

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