Palliativmedizin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Palliativmedizin beschäftigt sich mit der medizinischen Behandlung von Erkrankungen, die nicht mehr heilbar sind und die Lebenszeit begrenzen. Dabei geht es nicht um eine Lebensverlängerung, sondern um die Verbesserung der Lebensqualität des Patienten. Alle Behandlungen werden im Einverständnis mit dem Betroffenen durchgeführt.
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Was ist die Palliativmedizin?
Der Name des Fachs geht auf das lateinische Wort für Mantel zurück. Gemeint ist damit ein Bild: Wo eine Erkrankung nicht mehr beseitigt werden kann, wird der Mensch gleichsam ummantelt und vor Beschwerden geschützt. Damit ist zugleich der Unterschied zur heilenden Medizin benannt. Diese richtet sich gegen die Ursache einer Erkrankung; die Palliativmedizin richtet sich gegen deren Auswirkungen. Behandlungen, die das Leben verlängern können, schließt sie dabei nicht von vornherein aus, macht sie aber davon abhängig, ob der Betroffene einen spürbaren Gewinn davon hat; das Ziel bleibt die Lebensqualität und nicht die gewonnene Zeit.
Ebenso wichtig ist die Abgrenzung nach der anderen Seite: Die Palliativmedizin verfolgt nicht das Ziel, den Eintritt des Todes herbeizuführen oder zu beschleunigen. Sie versteht Sterben als Teil des Lebens und will es weder verkürzen noch um jeden Preis hinauszögern. Was sie leisten kann, ist die Linderung von Beschwerden und die Begleitung des Betroffenen und seiner Angehörigen; eine Heilung des Grundleidens kann sie nicht bewirken und stellt sie auch nicht in Aussicht.
Die Entwicklung der Palliativmedizin war die notwendige Antwort auf die in der Neuzeit zunehmende Tabuisierung des Sterbens infolge der Individualisierung, Säkularisierung der Gesellschaft und Schwächung der Familie. Im Jahre 1967 gründete die englische Ärztin Cicely Saunders in London den St. Christopher's Hospice.
Bereits lange vorher wies sie immer wieder auf die Missstände bei der Betreuung Schwerkranker und Sterbender in den Krankenhäusern hin. Dort wurden nur Maßnahmen zur Lebensverlängerung vorgenommen, die jedoch keinesfalls die Lebensqualität der Patienten verbesserten. In ihrem Konzept verfolgte sie das Anliegen, unheilbar kranken Patienten, die keine Aussicht mehr auf Heilung haben, bis an ihr Lebensende ein Leben in Würde und möglichst weitgehender Beschwerdefreiheit zu ermöglichen.
Auf Cicely Saunders geht außerdem der Gedanke zurück, dass Leiden bei schwerkranken Menschen nicht auf den körperlichen Schmerz beschränkt ist. Zu ihm treten seelische Belastungen wie Angst und Traurigkeit, soziale Sorgen um die Familie, um Geld oder um ungeregelte Angelegenheiten sowie Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens. Wer nur den körperlichen Anteil behandelt, wird nach diesem Verständnis das Leiden nicht ausreichend lindern. Aus dieser Sicht erklärt sich, warum in der Palliativmedizin von Anfang an mehrere Berufsgruppen zusammenarbeiten.
In Deutschland begann die Entwicklung der Palliativmedizin in den Achtziger Jahren mit der Gründung der ersten Hospize. Erst in den Neunziger Jahren setzte jedoch eine rasante Entwicklung in der Palliativmedizin ein. Das Ziel der palliativen Behandlung besteht in der Sicherung der Lebensqualität durch eine umfassende medizinische, pflegerische oder psychosoziale Betreuung der Betroffenen und ihrer Angehörigen.
Die Versorgung ist heute in mehreren Formen organisiert. Auf einer Palliativstation im Krankenhaus werden Patienten aufgenommen, deren Beschwerden zu Hause nicht ausreichend beherrscht werden können; das Ziel ist dort in vielen Fällen die Rückkehr in die häusliche Umgebung. Stationäre Hospize nehmen Menschen auf, die keine Krankenhausbehandlung mehr benötigen, aber zu Hause nicht versorgt werden können; die gesetzlichen Krankenkassen tragen dafür nach § 39a des Fünften Buches Sozialgesetzbuch einen Zuschuss und fördern zugleich ambulante Hospizdienste, die ehrenamtliche Sterbebegleitung anbieten. Der größte Teil der palliativen Versorgung findet jedoch zu Hause statt und wird von der Hausarztpraxis und den Pflegediensten getragen. Reicht das nicht aus, besteht nach § 37b desselben Buches ein Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung: Versicherte mit einer unheilbaren, fortschreitenden und weit fortgeschrittenen Erkrankung bei begrenzter Lebenserwartung, die eine besonders aufwendige Versorgung benötigen, erhalten ärztliche und pflegerische Leistungen einschließlich ihrer Koordination, damit die Betreuung in der vertrauten häuslichen Umgebung möglich bleibt. Verordnet wird diese Leistung durch einen Vertrags- oder Krankenhausarzt.
Auch in der Ausbildung hat das Fach an Gewicht gewonnen. Die Approbationsordnung für Ärzte führt die Palliativmedizin als einen der Querschnittsbereiche auf, in denen im Studium ein Leistungsnachweis zu erbringen ist. Für bereits tätige Ärztinnen und Ärzte besteht daneben die Möglichkeit einer Zusatz-Weiterbildung in Palliativmedizin, und für Pflegekräfte gibt es entsprechende Fachweiterbildungen.
Behandlungen & Therapien
Die Palliativmedizin erfordert die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachleute in einem Team. So muss einerseits die medizinische und andererseits die pflegerische sowie psychosoziale Versorgung der Patienten gesichert sein. Die medizinische Versorgung umfasst die Symptomkontrolle und die Linderung der Beschwerden durch Behandlungsmethoden, die den Betroffenen nicht zusätzlich belasten. Bei den hauptsächlichen Symptomen, die in der Palliativmedizin behandelt werden, handelt es sich unter anderem um Schmerzen, Schwäche, Müdigkeit oder Atembeschwerden.
Schmerzen werden meist durch medikamentöse Behandlung gelindert. Bei leichten Schmerzen kommen Medikamente der Stufe 1 wie Metamizol zum Einsatz. Eine hohe Schmerzintensität erfordert oft auch die Anwendung von schwachen oder gar starken Opioiden der Stufen 2 und 3. Bei Luftnot und Übelkeit gibt es in der medikamentösen Anwendung ähnliche abgestufte Therapien. In besonderen Krisensituationen sind im Rahmen der Möglichkeiten und bezüglich der Erfolgsaussichten auf eine zeitweilige Verbesserung der Symptome auch solche Maßnahmen wie invasive Beatmung oder Palliativoperationen möglich. Dabei ist immer abzuwägen, ob die Behandlung notwendig oder sogar zusätzlich belastend für den Patienten ist.
Neben den bereits genannten Beschwerden spielen weitere eine große Rolle, die den Alltag der Betroffenen oft stärker prägen als der Schmerz. Dazu zählen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust, Mundtrockenheit, Verstopfung, Schlafstörungen, Unruhe, Verwirrtheit sowie eine anhaltende Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht bessert. Die Verstopfung verdient dabei besondere Aufmerksamkeit, weil sie eine regelmäßige Begleiterscheinung der Behandlung mit Opioiden ist; deshalb wird ein Mittel zur Regulierung des Stuhlgangs in der Palliativmedizin in aller Regel von Beginn an mitverordnet und nicht erst, wenn Beschwerden auftreten.
Für die Gabe der Medikamente gilt der Grundsatz, den einfachsten und am wenigsten belastenden Weg zu wählen. Solange der Patient schlucken kann, werden Arzneimittel über den Mund gegeben. Ist das nicht mehr möglich, kommen Pflaster, Schmelztabletten oder die Gabe über eine dünne, unter der Haut liegende Nadel infrage; eine solche Nadel kann mehrere Tage belassen werden und erspart wiederholte Einstiche. Ebenso wichtig ist das Weglassen: Medikamente, die auf eine ferne Zukunft zielen, werden im Verlauf abgesetzt, weil sie dem Betroffenen keinen Nutzen mehr bringen und die tägliche Tablettenmenge unnötig vergrößern.
Auch Verfahren, die sonst der Heilung dienen, werden in der Palliativmedizin mit verändertem Ziel eingesetzt. Eine Strahlentherapie kann Schmerzen bei Absiedlungen im Knochen lindern oder eine Blutung zum Stillstand bringen, ohne dass eine Heilung angestrebt wird. Eine Chemotherapie kann in der Onkologie eingesetzt werden, um Beschwerden zu verringern; ob sie sinnvoll ist, richtet sich danach, ob der zu erwartende Gewinn die Belastung überwiegt. Bei einer Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum (Bauchwassersucht) oder im Brustkorb schafft eine Punktion Erleichterung, bei Schwellungen durch gestaute Lymphflüssigkeit (Lymphödem) hilft die manuelle Lymphdrainage.
Der Zweck der Therapie ist immer auf die Linderung der Beschwerden gerichtet. Auch physiotherapeutische oder physikalische Maßnahmen können die Beschwerden oft lindern. Die andere Säule der Palliativmedizin beruht auf der pflegerischen und psychosozialen Betreuung des Patienten. Dieser Teil der Therapie gewinnt mit fortschreitender Erkrankung immer mehr an Bedeutung. Die Kombination von Symptombehandlung und psychologischer Zuwendung trägt auch in den letzten Abschnitten des Lebens noch zu einer hohen Lebensqualität bei. Wichtig ist auch die Einbeziehung enger Angehöriger in das gesamte Behandlungskonzept. In der letzten Phase des Lebens ist das sowohl für den Patienten als auch für dessen Angehörige ein beruhigendes Gefühl.
Zum Behandlungskonzept gehört außerdem, Entscheidungen vorausschauend zu besprechen, solange der Betroffene sie selbst treffen kann. Dazu zählt die Frage, welche Maßnahmen er in bestimmten Situationen wünscht und welche nicht, wer für ihn entscheiden soll, wenn er sich nicht mehr äußern kann, und wo er die letzte Lebenszeit verbringen möchte. Das Bürgerliche Gesetzbuch sieht dafür die Patientenverfügung vor: Ein einwilligungsfähiger Erwachsener kann darin schriftlich festlegen, ob er in bestimmte Untersuchungen, Heilbehandlungen oder ärztliche Eingriffe einwilligt oder sie untersagt. Liegt keine solche Verfügung vor oder trifft sie auf die eingetretene Lage nicht zu, ist der mutmaßliche Wille zu ermitteln. Ergänzend wird oft ein schriftlicher Plan für vorhersehbare Krisen hinterlegt, damit ein hinzugerufener Notdienst weiß, was besprochen wurde. Solche Gespräche entlasten erfahrungsgemäß auch die Angehörigen, weil sie im Ernstfall nicht allein entscheiden müssen.
Nicht zuletzt richtet sich die Betreuung auch an die Angehörigen selbst. Sie übernehmen einen großen Teil der Pflege, geraten dabei häufig an ihre Grenzen und benötigen Anleitung, Entlastung und einen Ansprechpartner. Viele Einrichtungen bieten die Begleitung über den Tod des Patienten hinaus an und vermitteln Trauergruppen oder Einzelgespräche.
Diagnose & Untersuchungsmethoden
Meist handelt es sich um das Einsetzen einer neuen Stufe der Erkrankung, wobei zusätzliche Organe betroffen sind. Die Vielzahl der Ausfallerscheinungen gilt es so zu behandeln, dass der Patient an Lebensqualität gewinnt. Wenig belastende Untersuchungen wie Laboruntersuchungen von Blut, Sekret, Stuhl oder Urin sollten jedoch durchgeführt werden. Veränderungen im Blutbild oder in den anderen biologischen Proben können Hinweise auf zusätzliche Veränderungen geben, die im Rahmen der Palliativmedizin ohne belastende Therapien beherrschbar sind.
So können Infektionen durch medikamentöse Behandlung oft wieder zurückgedrängt werden. Bei Entgleisungen des Mineralhaushaltes hilft möglicherweise eine andere Zusammensetzung der Ernährung oder die Gabe zusätzlicher Mineralien. In Ausnahmefällen kann bei gesundheitlichen Krisen ein bildgebendes Verfahren hilfreich sein, um plötzlich eintretende Veränderungen wie beispielsweise Darmverschluss, Harnstau oder andere festzustellen und eine sofortige Notbehandlung einzuleiten. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der medizinischen und psychosozialen Begleitung des schweren Grundleidens.
Dem Grundsatz, so wenig Technik wie möglich einzusetzen, entspricht es, dass die eigentliche Untersuchungsmethode der Palliativmedizin keine apparative ist, sondern das strukturierte Erfassen der Beschwerden. Maßgeblich ist dabei, was der Patient selbst angibt: Er wird gefragt, wie stark eine Beschwerde ist, wann sie auftritt, was sie bessert und was sie verschlimmert. Dafür stehen einfache Bögen und Skalen zur Verfügung, auf denen die wichtigsten Beschwerden regelmäßig eingeschätzt werden. Der Wert dieser Erhebung liegt weniger im einzelnen Ergebnis als in der Wiederholung, denn erst der Vergleich zeigt, ob eine Behandlung wirkt.
Kann sich ein Patient nicht mehr äußern, etwa wegen einer fortgeschrittenen Demenz oder in der letzten Lebensphase, tritt die Beobachtung an die Stelle der Befragung. Gesichtsausdruck, Lautäußerungen, Atmung, Körperhaltung, Unruhe und Abwehrbewegungen bei der Pflege geben Hinweise auf Schmerzen oder Luftnot. Auch hierfür gibt es Beobachtungsbögen, die den Eindruck vergleichbar machen. Ergänzend werden die Angehörigen einbezogen, die den Betroffenen kennen und Veränderungen oft früher bemerken.
Über die körperlichen Beschwerden hinaus gehört zur Erhebung, wie der Betroffene mit seiner Lage zurechtkommt, welche Sorgen ihn beschäftigen, wie tragfähig sein soziales Umfeld ist und welche Rolle Glaubens- oder Sinnfragen für ihn spielen. Ebenso wird erfasst, wie belastet die Angehörigen sind. Aus diesen Angaben ergibt sich, welche Berufsgruppe hinzugezogen wird.
Für jede weitergehende Untersuchung gilt eine einfache Frage: Folgt aus dem Ergebnis eine Maßnahme, die dem Patienten nützt? Lautet die Antwort nein, wird die Untersuchung nicht durchgeführt. Bejaht wird sie etwa dann, wenn eine Aufnahme klären soll, ob ein Knochen gebrochen ist und eine Ruhigstellung Schmerzen nehmen würde, oder wenn eine Flüssigkeitsansammlung punktiert werden kann. Diese Abwägung wird mit dem Patienten besprochen und im Verlauf immer wieder neu getroffen, weil sich die Lage ändert.
Ein eigener Teil dieser Einschätzung ist das Erkennen der Sterbephase. Nachlassende Aufmerksamkeit, zunehmende Bettlägerigkeit, geringes Interesse an Essen und Trinken sowie eine veränderte Atmung gehören zu den Zeichen, an denen sich das Behandlungsteam orientiert. Wird diese Phase erkannt, ändert sich das Vorgehen: Nicht mehr benötigte Medikamente und Messungen werden beendet, während Mundpflege, Lagerung, die Linderung von Schmerzen und Luftnot sowie die Anwesenheit vertrauter Menschen in den Vordergrund treten.
Dabei ist es, wie bereits erwähnt, das Ziel der Palliativmedizin, trotz der Schwere der Erkrankung die Lebensqualität bis zum Ende des Lebens zu erhalten. Neben der medizinischen Betreuung spielt die psychosoziale Komponente der Therapie oft noch eine größere Rolle. Dabei gilt es, einige wichtige Grundsätze der Palliativmedizin zu beachten. Zu den Grundsätzen gehört es, dem Patienten die Wahrheit über seinen Zustand mitzuteilen und ihm Orientierung für seine Entscheidungen zu geben. Der Patient sollte auf dieser Grundlage autonom über Behandlungsmaßnahmen entscheiden. Eine Therapie darf nicht zur Verstärkung des Leidens führen, auch wenn sie lebensverlängernd sein sollte. Besonders wichtig in der Palliativmedizin ist der soziale Kontakt.
Quellen
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655
- Schmoll, H.-J. (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie.
ISBN: 9783662607473
- Geber, C., Gierthmühlen, J., Klinger, R., Rittner, H. (Hrsg.): Praktische Schmerzmedizin.
ISBN: 9783662736074
- Menche, N. (Hrsg.): Pflege heute.
ISBN: 9783437267796
- Serve, H., Zurmeyer, D. (Hrsg.): Therapie-Handbuch - Onkologie und Hämatologie.
ISBN: 9783437054983
