Pille danach
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 6. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Eine Schwangerschaft kann auch verhütet werden, wenn es eigentlich schon zu spät ist – mit der Pille danach. Wichtig ist jedoch, schnell zu handeln. Je früher sie nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen wird, desto höher ist der Wirkungsgrad. Sie ist ein Notfallmittel und keine reguläre Methode der Verhütung. Sie bewirkt auch keinen Schwangerschaftsabbruch: Eine bereits eingetretene Schwangerschaft kann sie nicht beenden.
Was ist die "Pille danach"?
Die Pille danach ist ein Hormonpräparat, das nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eingenommen wird. Die Hauptwirkungsweise besteht darin, einen Eisprung (Ovulation) zu verhindern bzw. zu verzögern.
Eine Befruchtung soll also vermieden werden. Die „Pille danach“ kann bis zu 72 Stunden nach dem Koitus eingenommen werden. Passiert das in den ersten 24 Stunden, liegt die Schwangerschaftsrate bei 0,4 Prozent, nach drei Tagen allerdings schon bei 2,7 Prozent.
Seit 2009 gibt es ein weiteres Präparat, das sogar bis zu fünf Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden kann. Beide Pillen sind in Deutschland seit März 2015 rezeptfrei in der Apotheke erhältlich; von der Verschreibungspflicht ausgenommen ist dabei allein die Zubereitung zur Notfallkontrazeption.
Geschichte & Entwicklung
Die „Pille danach“ ist ein Notfallverhütungsmittel, das nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder Versagen einer Verhütungsmethode verwendet wird, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Ihre Entwicklung begann in den 1960er Jahren, parallel zur Erforschung und Nutzung von oralen Kontrazeptiva.
Die erste Form der Notfallverhütung wurde 1966 von Dr. Albert Yuzpe entwickelt. Diese Methode, bekannt als Yuzpe-Methode, kombinierte hohe Dosen von Östrogen und Progesteron und musste innerhalb von 72 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Obwohl wirksam, war diese Methode mit erheblichen Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen verbunden.
In den 1990er Jahren wurde die Levonorgestrel-Pille entwickelt, die nur Gestagen enthält und weniger Nebenwirkungen verursacht. Sie muss ebenfalls innerhalb von 72 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eingenommen werden und ist unter Markennamen wie Plan B bekannt. Levonorgestrel wurde 1999 von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) zugelassen (in Deutschland ab dem Jahre 2000).
Eine weitere wichtige Entwicklung war die Einführung von Ulipristalacetat, einem selektiven Progesteron-Rezeptor-Modulator, im Jahr 2009. Diese Pille, in Europa unter dem Markennamen ellaOne im Handel, ist wirksamer als Levonorgestrel und kann bis zu 120 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden.
Die „Pille danach“ hat sich zu einem wichtigen Instrument in der Notfallverhütung entwickelt und bietet Frauen weltweit eine sichere und effektive Möglichkeit, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Die kontinuierliche Forschung und Verbesserung der Formulierungen haben ihre Wirksamkeit erhöht und die Nebenwirkungen reduziert.
Medizinische Anwendung & Wirkung
Die „ältere“ Pille danach enthält das Hormon Levonorgestrel, ein Gestagen. Es hemmt das sogenannte luteinisierende Hormon, das bei der Frau den monatlichen Eisprung auslöst.
Wie Levonorgestrel darüber hinaus wirkt, ist nicht hundertprozentig geklärt. Diskutiert wurde lange, ob das Präparat auch die Einnistung eines bereits befruchteten Eis in die Gebärmutterschleimhaut verhindern kann – für viele Menschen eine ethisch bedeutsame Frage. Nach heutigem Kenntnisstand spricht die Datenlage gegen eine solche Wirkung: Levonorgestrel verhindert eine Schwangerschaft vor allem, indem es den Eisprung verzögert oder verhindert; eine Hemmung der Einnistung ist nicht nachgewiesen, und auf eine bereits bestehende Schwangerschaft hat es keinen Einfluss. Als sicher dagegen gilt, dass die hohe Gestagenkonzentration eine Schleimbildung im Gebärmutterhals provoziert und den pH-Wert in der Gebärmutterschleimhaut ändert. Das hat Folgen für die Spermien: Ihre Wanderung von der Vagina in den Uterus wird behindert und sie werden weniger beweglich.
Bei einer bereits bestehenden Schwangerschaft ist die Einnahme der Pille danach (mit dem Wirkstoff Levonorgestrel) folgenlos. Eine Gefahr für das Ungeborene besteht nicht.
Pflanzliche, natürliche & pharmazeutische Formen & Typen
Seit 2009 ist in Deutschland das Präparat Ulipristalacetat auf dem Markt, von der Presse „Pille für noch länger danach“ getauft. Ulipristal blockiert Rezeptoren für das Gelbkörperhormon (Progesteron), das in den Eierstöcken produziert wird.
Auch auf diese Weise wird ein Eisprung verhindert. Diese Pille kann bis zu fünf Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Sie gilt als noch sicherer als Levonorgestrel. Allerdings gibt es noch keine ausreichenden Datenerhebungen über Wirkungen auf eine bestehende Schwangerschaft, so dass eine solche vor der Einnahme ausgeschlossen werden sollte.
Gibt es nicht-chemische Alternativen zur Pille danach? Eine sehr sichere Methode ist, wenn die Frau sich bis zu fünf Tage nach dem Koitus eine Kupferspirale (Intrauterinpessar) einsetzen lässt. Die freigesetzten Kupferionen schädigen die Spermien und machen die Gebärmutterhöhle für sie unpassierbar; zusätzlich erschwert die Spirale die Einnistung einer bereits befruchteten Eizelle. Eine Schwangerschaft wird dadurch mit einer Wahrscheinlichkeit von über 99 Prozent verhindert.
Als natürliche Pille danach wird manchmal das Raute-Kraut empfohlen. Es soll die körpereigene Adrenalinausschüttung anregen und damit die Durchlässigkeit der Gebärmutterschleimhaut erhöhen, so dass ein eingenistetes Ei abgestoßen wird. Raute wird als Teeaufguss getrunken oder als Rutin in Tablettenform eingenommen. Ein Beleg für diese Wirkung existiert nicht. Die Weinraute ist zudem giftig; nach abtreibender Anwendung sind schwere, auch tödliche Vergiftungen mit Leberschäden, Nierenversagen und Gerinnungsstörungen beschrieben, weshalb von einer Anwendung als Notfallverhütung dringend abzuraten ist. Anders als die Kupferspirale, die schon die Befruchtung verhindert, setzen die pflanzlichen Mittel erst nach einer möglichen Befruchtung an – wenn sie überhaupt wirken.
Noch später wirken Tees – falls sie wirken –, die optimalerweise am ersten Tag der ausbleibenden Menstruation getrunken werden. Sie bestehen aus zwei Komponenten, beispielsweise aus Poleiminze und Frauenmantel oder aus Baumwollpflanze und Schlangenkraut. Sie sollen eine Abstoßung der Gebärmutterschleimhaut inklusive des eingenisteten Eis provozieren – sie funktionieren also nicht als Pille danach, sondern zielen auf eine frühe Abtreibung. Auch für sie fehlt jeder Wirksamkeitsnachweis, und mehrere der verwendeten Pflanzen sind giftig: Poleiminzenöl etwa kann in den zur Abtreibung empfohlenen Mengen die Leber schwer schädigen und tödlich verlaufen.
Risiken & Nebenwirkungen
Nebenwirkungen der Pille danach können Übelkeit, Kopfschmerzen und Unterbauchschmerzen sein. Auch Zwischenblutungen sind möglich, die Menstruation kann sich bis zu einer Woche verspäten.
Wer sich kurz nach der Einnahme der Pille danach übergibt, sollte umgehend in der Apotheke oder ärztlich klären lassen, ob die Einnahme wiederholt werden muss. Frauen, bei denen ein Risiko für Eileiterentzündungen, Eileiter- oder Bauchhöhlenschwangerschaften besteht, sollten sich auf jeden Fall vor der Einnahme der Pille danach an ihren Arzt wenden.
Die Wirkung der Anti-Baby-Pille wird durch die Pille danach beeinträchtigt. Es ist notwendig, zusätzlich mit Kondomen zu verhüten. Lange waren sich die Experten uneinig, ob die Anti-Baby-Pille kontinuierlich weiter genommen oder bis zum nächsten Zyklusbeginn abgesetzt werden sollte. Nach Levonorgestrel wird empfohlen, sie sofort wie gewohnt weiterzunehmen; nach Ulipristalacetat sollte dagegen fünf Tage gewartet werden, weil sich beide Wirkstoffe sonst gegenseitig beeinträchtigen. In beiden Fällen ist bis zur nächsten Regelblutung zusätzlich eine Barrieremethode nötig.
Anwendung & Sicherheit
Die „Pille danach“ ist ein Notfallverhütungsmittel, das nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder Versagen einer Verhütungsmethode verwendet wird, um eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Es gibt zwei Haupttypen: Levonorgestrel und Ulipristalacetat. Levonorgestrel ist innerhalb von 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr wirksam, Ulipristalacetat bis zu 120 Stunden (5 Tage).
Die Anwendung ist einfach: Die Tablette wird so schnell wie möglich nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen, je früher, desto besser. Beide Wirkstoffe werden heute als Einzeldosis eingenommen; die genaue Dosierung steht in der Packungsbeilage und wird in der Apotheke erklärt.
Die Sicherheit der „Pille danach“ ist gut belegt. Sie gilt als sicher für die meisten Frauen, einschließlich junger Frauen; für stillende Frauen gilt das uneingeschränkt nur für Levonorgestrel. Häufige Nebenwirkungen sind Übelkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Menstruationsveränderungen. Es ist wichtig zu beachten, dass die „Pille danach“ eine Notfallmaßnahme ist und nicht als reguläre Verhütungsmethode verwendet werden sollte.
Die Qualitätskontrolle bei der Herstellung der „Pille danach“ unterliegt strengen regulatorischen Standards, die von Gesundheitsbehörden wie der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) überwacht werden. Hersteller müssen sicherstellen, dass die Produktion gemäß den Good Manufacturing Practices (GMP) erfolgt, was die Reinheit, Wirksamkeit und Sicherheit der Medikamente gewährleistet. Regelmäßige Inspektionen und Qualitätsprüfungen sind Teil des Herstellungsprozesses, um die Einhaltung dieser Standards sicherzustellen.
Alternativen
Neben der „Pille danach“ mit Levonorgestrel und Ulipristalacetat gibt es alternative Methoden zur Notfallverhütung, die sowohl hormonelle als auch nicht-hormonelle Ansätze umfassen.
Kupfer-Intrauterinpessar (IUP): Das Einsetzen eines Kupfer-IUPs innerhalb von fünf Tagen nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr ist eine äußerst wirksame Notfallverhütungsmethode. Es verhindert eine Schwangerschaft, indem es die Umgebung der Gebärmutter für Spermien und befruchtete Eizellen ungeeignet macht. Die Wirksamkeit liegt bei über 99%, und es bietet zudem eine langfristige Verhütung von bis zu zehn Jahren.
Vergleich zu hormonellen Notfallkontrazeptiva:
Wirksamkeit: Das Kupfer-IUP ist effektiver als Levonorgestrel und Ulipristalacetat, insbesondere wenn es nach mehr als 72 Stunden eingesetzt wird.
Nebenwirkungen: Während hormonelle Pillen Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Menstruationsveränderungen verursachen können, sind die Nebenwirkungen eines Kupfer-IUPs in der Regel auf Krämpfe und verstärkte Menstruationsblutungen begrenzt.
Langfristige Nutzung: Das Kupfer-IUP bietet langfristigen Schutz, während hormonelle Notfallkontrazeptiva nur kurzfristige Lösungen sind.
Levonorgestrel vs. Ulipristalacetat:
Zeitrahmen: Levonorgestrel ist innerhalb von 72 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr am effektivsten, während Ulipristalacetat bis zu 120 Stunden wirksam bleibt.
Wirksamkeit: Ulipristalacetat ist im Allgemeinen effektiver als Levonorgestrel, besonders wenn es näher an der 120-Stunden-Grenze eingenommen wird.
Verfügbarkeit: Beide Medikamente sind rezeptfrei in Apotheken erhältlich, wobei die Verfügbarkeit je nach Land variieren kann.
Barrieremethoden: Kondome oder Diaphragmen, gegebenenfalls in Kombination mit Spermiziden, sind keine Notfallverhütung: Nach dem Geschlechtsverkehr können sie eine Schwangerschaft nicht mehr verhindern. Sie beugen einer solchen Situation nur vor, wenn sie vorausschauend bei jedem Verkehr angewendet werden; das Kondom schützt dabei als einziges dieser Mittel zugleich vor sexuell übertragbaren Infektionen.
Insgesamt bieten die verschiedenen Methoden der Notfallverhütung unterschiedliche Vorteile und Einschränkungen, und die Wahl der geeigneten Methode hängt von individuellen Präferenzen, der Zeit seit dem ungeschützten Geschlechtsverkehr und der Verfügbarkeit der Mittel ab.
Forschung & Zukunft
Aktuelle Trends in der Forschung zur „Pille danach“ konzentrieren sich auf die Verbesserung der Wirksamkeit und Zugänglichkeit von Notfallverhütungsmitteln. Eine der vielversprechendsten Entwicklungen ist die Kombination von Levonorgestrel mit Piroxicam, einem nichtsteroidalen Antirheumatikum (NSAR). Diese Kombination hat in Studien gezeigt, dass sie die Wirksamkeit der Notfallverhütung signifikant erhöht, indem sie bis zu 94,7% der ungewollten Schwangerschaften verhindert, verglichen mit 63,4% bei alleiniger Verwendung von Levonorgestrel.
Zusätzlich wird daran gearbeitet, die Verfügbarkeit und das Bewusstsein für Notfallverhütung, insbesondere in sozioökonomisch benachteiligten und ländlichen Gebieten, zu verbessern. Studien zeigen, dass der Zugang zu Notfallverhütung in vielen Regionen immer noch durch geografische, wirtschaftliche und soziale Barrieren eingeschränkt ist. Initiativen, die darauf abzielen, diese Hindernisse zu überwinden, sind entscheidend, um die Nutzung moderner Verhütungsmethoden zu erhöhen und ungewollte Schwangerschaften zu reduzieren.
Ein weiteres Forschungsfeld konzentriert sich auf die Erweiterung der Informations- und Beratungsdienste zu Notfallverhütung, um Missverständnisse und Wissenslücken zu schließen. Dies umfasst die Schulung von Gesundheitspersonal und die Bereitstellung von verständlichen und zugänglichen Informationen für die Allgemeinbevölkerung. Diese Maßnahmen sollen sicherstellen, dass Frauen über die verschiedenen verfügbaren Optionen und deren richtige Anwendung gut informiert sind.
Neue Behandlungsansätze und verbesserte Formulierungen, wie die Entwicklung von langwirkenden Notfallverhütungsmitteln, könnten zukünftig ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Diese Ansätze zielen darauf ab, die Notwendigkeit wiederholter Einnahmen zu reduzieren und die Zuverlässigkeit der Verhütungsmethoden weiter zu erhöhen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Forschung zur „Pille danach“ nicht nur auf die medizinische Verbesserung abzielt, sondern auch auf die Beseitigung von Zugangsbarrieren und die Erhöhung des Bewusstseins, um die Gesundheit und Autonomie von Frauen weltweit zu stärken.
Warum der Zeitpunkt im Zyklus zählt
Dass es auf Eile ankommt, hat einen Grund, der im Zyklus liegt und nicht in der Chemie der Präparate. Beide Wirkstoffe greifen in den hormonellen Ablauf ein, der dem Eisprung vorausgeht: Kurz bevor die Eizelle den Follikel verlässt, steigt das luteinisierende Hormon steil an. Solange dieser Anstieg nicht begonnen hat, lässt sich der Follikelsprung noch aufhalten; ist die Eizelle einmal gesprungen, kann kein Notfallpräparat sie zurückholen.
An dieser Stelle unterscheiden sich die beiden Wirkstoffe deutlich, und zwar zugunsten des jüngeren. Die europäische Fachinformation zu Ulipristalacetat führt Untersuchungsdaten auf, nach denen sich der Follikelsprung auch dann noch verschieben lässt, wenn der Anstieg des luteinisierenden Hormons bereits eingesetzt hat; Levonorgestrel gelingt das in derselben Phase weit seltener. Nach dem Gipfel des Hormonanstiegs versagen beide Wirkstoffe gleichermaßen. Da sich der genaue Zeitpunkt des Eisprungs nicht vorhersagen lässt, ist unbekannt, in welcher Phase eine Frau sich gerade befindet – und eben das erklärt, warum die Trefferwahrscheinlichkeit mit jedem Aufschub sinkt.
Aus demselben Zusammenhang folgt eine Einschränkung, die in der Werbung für die Präparate selten vorkommt: Ein Notfallkontrazeptivum verhindert nicht jede Schwangerschaft. Bleibt die erwartete Blutung deutlich aus oder fällt sie ungewöhnlich schwach aus, kommt eine Schwangerschaft weiterhin in Betracht, und ein Schwangerschaftstest schafft Klarheit.
Körpergewicht & Wirksamkeit
Im November 2013 wurde in einem nationalen Verfahren die Produktinformation eines levonorgestrelhaltigen Notfallpräparats geändert. Sie wies fortan darauf hin, das Mittel sei bei höherem Körpergewicht weniger wirksam und oberhalb einer bestimmten Grenze gar nicht mehr wirksam; Grundlage waren zwei klinische Studien. Weil dieselbe Frage die gesamte Wirkstoffgruppe betraf, eröffnete die Europäische Arzneimittel-Agentur ein EU-weites Bewertungsverfahren, das auch das ulipristalhaltige Präparat einschloss.
Am 24. Juli 2014 kam der zuständige Ausschuss für Humanarzneimittel zu einem anderen Ergebnis als das nationale Verfahren: Die verfügbaren Daten seien zu begrenzt und nicht belastbar genug, um einen Wirkverlust bei steigendem Körpergewicht mit Sicherheit festzustellen. Für levonorgestrelhaltige Mittel hatten einzelne Studien einen solchen Zusammenhang nahegelegt, andere nicht; für Ulipristalacetat deuteten begrenzte Daten einen möglichen Trend an, ohne ihn zu belegen. Der Ausschuss empfahl, die Studienergebnisse in die Produktinformationen aufzunehmen, die Gewichtsangaben in der Information des zuerst geänderten Präparats aber wieder zu streichen. Notfallkontrazeptiva könnten unabhängig vom Körpergewicht angewendet werden.
Der Vorgang zeigt zweierlei. Zum einen, wie rasch eine Einzelbeobachtung zu einer allgemeinen Warnung werden kann. Zum anderen, dass die Frage damit nicht beantwortet, sondern offengehalten wurde: Die europäische Fachinformation zu Ulipristalacetat nennt bis heute begrenzte und nicht eindeutige Daten, die auf eine verminderte Wirksamkeit bei zunehmendem Körpergewicht oder Body-Mass-Index hindeuten könnten – ohne daraus eine Einschränkung der Anwendung abzuleiten.
Wechselwirkungen & Gegenanzeigen
Eine Reihe von Arzneimitteln beschleunigt in der Leber den Abbau anderer Stoffe. Für Ulipristalacetat ist das genau beschrieben: Die europäische Fachinformation rät von der gleichzeitigen Anwendung solcher Enzyminduktoren ab und nennt unter anderem Rifampicin und Rifabutin gegen Tuberkulose, Griseofulvin gegen Pilzerkrankungen, mehrere Mittel gegen Epilepsie – Barbiturate, Phenytoin, Carbamazepin, Oxcarbazepin – sowie HIV-Medikamente wie Efavirenz und Nevirapin. Auch Zubereitungen aus Johanniskraut stehen auf dieser Liste; dass ein Mittel pflanzlich und rezeptfrei ist, sagt über sein Wechselwirkungspotenzial nichts aus. Die Enzyminduktion klingt nach dem Absetzen zudem nur langsam ab, sodass die Beeinträchtigung noch eine Weile fortbestehen kann.
Warum ausgerechnet die hormonelle Verhütung durcheinandergerät, liegt am Wirkprinzip: Ulipristalacetat bindet mit hoher Affinität an den Rezeptor für Progesteron und kann deshalb die Wirkung gestagenhaltiger Arzneimittel abschwächen – die kombinierten Präparate ebenso wie die reinen Gestagenmethoden. Aus demselben Grund rät die Fachinformation davon ab, Ulipristalacetat und ein levonorgestrelhaltiges Notfallpräparat nebeneinander anzuwenden: Die beiden Wirkstoffe behindern einander, statt sich zu ergänzen.
Eine echte Gegenanzeige kennt die europäische Fachinformation zu Ulipristalacetat nur eine, nämlich die Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile. Daneben stehen Einschränkungen, die formal keine Gegenanzeigen sind: Bei schwerem, mit Glukokortikoiden behandeltem Asthma wird von der Anwendung abgeraten, und das Präparat enthält Milchzucker, was bei seltenen erblichen Störungen des Galaktosestoffwechsels von Bedeutung ist. Für die Stillzeit sieht dieselbe Fachinformation eine Pause vor: Ulipristalacetat geht in die Muttermilch über, ein Risiko für den gestillten Säugling lässt sich nicht ausschließen, und um die Milchbildung zu erhalten, soll die Milch in dieser Zeit abgepumpt und verworfen werden.
Wenig bekannt ist schließlich, dass Ulipristalacetat die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen kann. Schwindel leichten bis mittleren Grades ist nach der Einnahme häufig; seltener kommen Benommenheit, verschwommenes Sehen und Aufmerksamkeitsstörungen vor.
Rechtliche Einordnung & Kosten
Rezeptfrei ist nicht der Wirkstoff, sondern eine eng umgrenzte Zubereitung. In der Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung stehen Levonorgestrel und Ulipristal beide auf der Liste der verschreibungspflichtigen Stoffe. Ausgenommen sind allein Zubereitungen zur Einnahme, die keine weiteren arzneilich wirksamen Bestandteile enthalten, einen festgelegten Höchstgehalt je Arzneiform und Packung nicht überschreiten und ausdrücklich der Notfallkontrazeption dienen. Jede andere Anwendung dieser Wirkstoffe bleibt verschreibungspflichtig – die Rezeptfreiheit ist also nicht dem Stoff, sondern dem Anwendungszweck zugestanden worden.
Rezeptfrei bedeutet außerdem nicht frei verkäuflich. Nach § 43 des Arzneimittelgesetzes dürfen Arzneimittel, die nicht ausdrücklich für den Verkehr außerhalb der Apotheken freigegeben sind, gewerbsmäßig nur dort abgegeben werden; Notfallkontrazeptiva gehören zu diesen apothekenpflichtigen Mitteln und sind daher weder im Drogeriemarkt noch im Supermarkt erhältlich. Die Apothekenbetriebsordnung verpflichtet den Apothekenleiter zugleich, Information und Beratung sicherzustellen – die Abgabe ist keine bloße Warenübergabe.
Auch bei den Kosten trennt sich der Alltag von der Rechtslage. Nach § 24a des Fünften Sozialgesetzbuchs haben Versicherte Anspruch auf ärztliche Beratung zur Empfängnisregelung samt erforderlicher Untersuchung und Verordnung. Bis zum vollendeten 22. Lebensjahr besteht darüber hinaus Anspruch auf Versorgung mit verschreibungspflichtigen empfängnisverhütenden Mitteln, und dieser Anspruch gilt entsprechend für nicht verschreibungspflichtige Notfallkontrazeptiva, sofern sie ärztlich verordnet werden. Rezeptfreiheit und Kostenübernahme schließen einander somit nicht aus: Wer die Kosten erstattet bekommen möchte, braucht trotzdem eine Verordnung. Ohne jede Altersgrenze besteht dieser Anspruch, wenn Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch oder eine Vergewaltigung vorliegen.
Abgrenzung zum Schwangerschaftsabbruch
Kaum ein Missverständnis hält sich hartnäckiger als die Gleichsetzung der „Pille danach“ mit der sogenannten Abtreibungspille. Dahinter stehen verschiedene Wirkstoffe, verschiedene Zeitpunkte und verschiedene Rechtswege.
Am deutlichsten zeigt sich der Unterschied daran, wie die Mittel überhaupt zum Anwender gelangen. Arzneimittel, die zur Vornahme eines Schwangerschaftsabbruchs zugelassen sind, unterliegen nach § 47a des Arzneimittelgesetzes einem Sondervertriebsweg: Der pharmazeutische Unternehmer darf sie nur an Einrichtungen im Sinne des Schwangerschaftskonfliktgesetzes abgeben und nur auf Verschreibung eines dort behandelnden Arztes. Die Packungen sind fortlaufend zu nummerieren, über Abgabe, Erhalt und Anwendung sind Nachweise zu führen, und die Vorräte müssen gesondert und gegen unbefugte Entnahme gesichert aufbewahrt werden. Die Apothekenpflicht gilt für diese Mittel ausdrücklich nicht – über eine Apotheke sind sie gar nicht zu beziehen.
Auch rechtlich liegen die beiden Vorgänge weit auseinander. Ein Schwangerschaftsabbruch bleibt nach § 218a des Strafgesetzbuchs nur unter Voraussetzungen straffrei, zu denen eine Beratung mit Bescheinigung, die Vornahme durch einen Arzt und eine Frist seit der Empfängnis gehören. Für ein Notfallkontrazeptivum gilt nichts davon, weil es keine Schwangerschaft beendet, sondern deren Entstehen verhindern soll. Wer beides gleichsetzt, verwechselt ein Mittel, das in der Apotheke ohne Rezept ausgehändigt wird, mit einem, das den Weg über eine Apotheke nicht einmal nehmen darf.
Quellen
- Weyerstahl, T., Stauber, M.: Duale Reihe Gynäkologie und Geburtshilfe.
ISBN: 9783132411012
- Kiechle, M. (Hrsg.): Gynäkologie und Geburtshilfe.
ISBN: 9783437424076
- Strowitzki, T., Ortmann, O. (Hrsg.): Klinische Endokrinologie für Frauenärzte.
ISBN: 9783662655160
- Diedrich, K., Ludwig, M., Griesinger, G. (Hrsg.): Reproduktionsmedizin.
ISBN: 9783662576359
- Geisslinger, G., Gudermann, T., Hinz, B., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen.
ISBN: 9783804746541

