Priming

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 13. November 2021
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Priming ist ein Effekt der Neuroanatomie und wird auch als Bahnung bezeichnet. Dabei wird ein früher bereits eingegangener Reiz bei wiederholtem Eintreffen effektiver vom Nervensystem verarbeitet. Degenerative Gehirnerkrankungen erschweren das Priming.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Priming?

Priming ist ein Lernprozess, der unmittelbar die Nerven und Nervenbahnen betrifft.

Wenn ein bestimmter Reiz in der Vergangenheit bereits verarbeitet wurde, wird er bei einer wiederholten Verarbeitung schneller oder effektiver zur Kognition gebracht. Die Psychologie und die Neurophysiologie kennen dieses Phänomen unter dem Begriff des Primings. Priming wird auf Basis dieser Zusammenhänge häufig als "Wiedererlernen" bezeichnet. An Priming-Prozessen sind überwiegend die kortikalen Areale des Gehirns beteiligt.

In einem größeren Rahmen ist bei Priming auch von einer Bahnung die Rede. Bahnungen bezeichnen die wiederholte Erregung von bestimmten Nervenbahnen, die den Wirkungsgrad gleich starker Reize erhöhen kann oder die betroffenen Bahnen für schwächere Reize zugänglich macht. In diesem Zusammenhang ist das Priming ein Prozess der Langzeit-Potenzierung und macht so mitunter den Lerneffekt menschlicher Nervenzellen aus.

Darüber hinaus spielt Priming für die selektive Wahrnehmung eine Rolle. Unter diesem Begriff ist ein psychologisches Phänomen bekannt, das Menschen in derselben Situation unterschiedliche Reize stärker und verschiedene der vorherrschenden Reize kaum mehr wahrnehmen lässt. Selektive Wahrnehmung kann auf Priming-Effekten basieren.

Funktion & Aufgabe

Priming ist ein Lernprozess, der unmittelbar die Nerven und Nervenbahnen betrifft. In diesem Zusammenhang wird zwischen zeitlicher und räumlicher Bahnung unterschieden. Bei einer räumlichen Bahnung wird eine Synapse im Bereich von mehreren, räumlich unterschiedlichen Afferenzen gereizt. Bei der zeitlichen Bahnung treffen unterschiedliche Einzelreize rasch aufeinanderfolgend an derselben Afferenz einer bestimmten Synapse ein. Die Gesamtheit dieser Reize ruft nach ihrem Abklingen ein postsynaptisch erregendes Potentials hervor. Bei jeder Bahnung kommt es zu einer Depolarisation der Nervenzelle.

Angelehnt an dieses ursprünglich neurophysiologische Konzept des Primings hat sich der Begriff erweitert und auf die Betrachtung von Phänomenen der Hirnforschung, der Psychophysik, der Verhaltensphysiologie und der Sozialpsychologie ausgedehnt. Das ursprüngliche Begriffsverständnis aus der Neuroanatomie bringt Priming vor allem mit der Langzeit-Potenzierung in Zusammenhang. Diese zeitliche Bahnung entspricht den Lerneffekten von Nervenzellen, denen zwingenderweise eine früher erfolgte räumliche Bahnung vorausgehen muss, die an mehreren Afferenzen erfolgt.

Innerhalb der Psychologie wird das Priming an Reizen festgemacht. So ist ein Reiz zur Beeinflussung der Verarbeitungsprozesse von einem nachfolgenden Reiz in der Lage. Diese Beeinflussung kann positiv oder negativ ausfallen und hängt damit zusammen, welche Gedächtnisinhalte von dem Reiz jeweils aktiviert werden. Diese Art von Priming entspricht einer assoziativen Aktivierung, die als sogenannter Kontext-Effekt relevant ist. In einem Dialog kann die Beantwortung einer bestimmten Frage zum Beispiel Auswirkungen auf die nachfolgenden Fragen zeigen. Wenn die erste Frage zum Beispiel negative Bewertungen aktiviert, sind alle nachfolgenden Fragen negativ assoziiert. Auf eine ähnliche Weise ist Priming für die selektive Wahrnehmung relevant.

Die Lerntheorie verbindet mit dem Begriff etwas andere Inhalte. Lerntheoretiker gehen davon aus, dass die häufige Wiederholung bestimmter Informationen eine Bahnung für diese Gedächtnisinhalte stattfinden lässt. Jede Information entspricht einem neuronalen Korrelat der mentalen Repräsentationen. Je öfter bestimmte Informationen unter der gleichzeitigen Aktivierung anderer Repräsentationen eingeübt werden, desto eher werden die einzelnen Repräsentationen dauerhaft miteinander verbunden. Auf diese Weise entstehen Assoziationen zu bestimmten Begriffen. Bahnungseffekte sind für die Lerntheorie somit der neurophysiologische Vorläufer von Gedanken und Erinnerungen. In diesem Zusammenhang ist das Priming mit dafür verantwortlich, dass unvollständige Wörter oder Bilder vom Einzelnen vervollständigt werden können.


Krankheiten & Beschwerden

Der Priming-Effekt spielt im Zusammenhang mit bestimmten Erkrankungen eine Rolle. Patienten mit Parkinson erhalten im Frühstadium der Erkrankung zum Beispiel häufig L-Dopa-Präparate. Diese Präparate unterdrücken für einige Stunden das charakteristische Zittern, das durch die Krankheit entsteht. Die Medikamente überwinden die Blut-Hirn-Schranke und wirken direkt auf das Gehirn. Einige Nebenwirkungen sind mit der langfristigen Einnahme der Medikamente assoziiert. Das gilt vor allem für Dyskinesien. Darunter versteht die Medizin Bewegungsstörungen, vor allem solche der Gliedmaßen.

Eine häufige Nebenwirkung ist beispielsweise die unwillkürliche Wellenbewegung der Glieder. Diese Dyskinesien treten in den meisten Fällen erst nach mehreren Jahren der Einnahme auf und lassen nach, sobald das Medikament wieder abgesetzt wird. Wenn der Patient nach einer längeren Pause allerdings wieder zu L-Dopa greift, treten in der Vergangenheit eingetretene Dyskinesien unmittelbar wieder auf. Das erneute Auftreten dauert bei wiederholter Einnahme der Medikamente also nicht mehr mehrere Jahre, sondern erfolgt ohne Verzögerung. Diesen Zusammenhang hat die Wissenschaft mittlerweile mit dem Priming-Effekt in Verbindung gebracht.

Von diesen Zusammenhängen abgesehen können vor allem degenerative Erkrankungen des Gehirns das Priming erschweren und damit die Lernfähigkeit von Nervenzellen beeinträchtigen. Das gilt vor allem für Gehirnerkrankungen, bei denen die kortikalen Gehirnareale Schaden nehmen. Ein Anzeichen für gestörtes Priming aufgrund von kortikalen Läsionen ist zum Beispiel die Unfähigkeit, Wörter zu vervollständigen. Vor allem neurologische Krankheiten mit Auswirkungen auf den Bereich der Langzeit-Potenzierung sind ein aktueller Forschungsgegenstand der Medizin.

Neben Alzheimer hat beispielsweise auch Morbus Crohn Auswirkungen auf die Langzeit-Potenzierung. Durch den Abbau neuronaler Synapsen ist Priming nicht mehr möglich und dunkle Bereiche entstehen in der Erinnerung der Betroffenen. Auch das psychologische Priming kann durch verschiedene Prozesse gestört sein und Erkrankungen hervorrufen. Für eine Person mit einer vorwiegend negativen Auffassung der Welt aktiviert das Priming innerhalb beliebiger Situationen und Gespräche zum Beispiel eher negative Assoziationen und führt auf diese Weise dazu, dass die betroffenen Personen dauerhaft eher negative Erinnerungen entwickeln.

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Hacke, W.: Neurologie. Springer, Heidelberg 2010

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