Selektive interne Radiotherapie

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

Sie sind hier: Startseite Behandlungen Selektive interne Radiotherapie

Die selektive interne Radiotherapie (SIRT oder auch Radioembolisation) bekämpft Leberkrebs, der nicht oder nicht mehr operiert werden kann. Bei diesem Verfahren werden mehrere Millionen winzige Kugeln, die das radioaktive Nuklid Yttrium-90 enthalten, direkt in die tumorversorgenden Blutgefäße geschickt.

Um die Betastrahlung dorthin zu bringen, wird ein Katheter von der Leistenschlagader bis zur Leberarterie gelegt. Die Betastrahler strömen mit dem Blut in das erkrankte Organ und bleiben meist in den kleinsten Gefäßen des Tumorgebiets der Leber stecken. Dort zerstören sie den Tumor von innen mit Strahlung und blockieren zugleich den weiteren Bluttransport zum Tumor. So kann das befallene Gebiet ausgehungert werden. Die Strahlung weist nur eine sehr geringe Reichweite von maximal rund elf Millimetern auf, so dass gesundes Lebergewebe verschont wird.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die selektive interne Radiotherapie?

Die Therapie kommt meist bei fortgeschrittenen primären Lebertumoren sowie Lebermetastasen als Folge von Krebserkrankungen anderer innerer Organe zum Einsatz.

Die Kügelchen haben im Schnitt ein Drittel des Haardurchmessers. Sie bestehen aus Kunstharz oder Glas und werden im Körper nicht abgebaut, sondern verbleiben dauerhaft in den kleinsten Lebergefäßen; nach dem Abklingen der Strahlung wirken sie sich dort nur marginal aus. Der Betastrahler Yttrium-90 hat eine Halbwertszeit von 64 Stunden. Nach elf Tagen hat das Material seine Strahlendosis zu 94 Prozent abgegeben und zerfällt in das stabile Isotop Zirconium-90. Mit der SIRT können Größe und Anzahl von Lebertumoren in erheblichem Maß reduziert werden. Die Wirksamkeit der Therapie hängt davon ab, wie stark der Krebs auf die Leber konzentriert ist, denn nur dort kann die Betastrahlung den erwünschten Effekt erzielen.

Außerdem sollte das Organ in seiner Funktionsfähigkeit noch nicht gravierend beeinträchtigt sein und der Patient mindestens eine Lebenserwartung von drei Monaten haben. Sind diese Voraussetzungen gegeben, kann mit der selektiven internen Radiotherapie die Überlebenszeit der Erkrankten verlängert werden. Angestrebt wird ebenso eine bessere Lebensqualität der Betroffenen. In Studien wurde die SIRT auch früh im Behandlungsverlauf mit einer Chemotherapie kombiniert; ein Überlebensvorteil ließ sich dabei jedoch nicht belegen, weshalb sie in der Regel fortgeschrittenen Stadien vorbehalten bleibt. Die Radiotherapie ist auch geeignet, einen nicht operablen Lebertumor auf einen operablen herabzustufen. Das bedeutet eine erhebliche Verkleinerung des befallenen Gewebes. Für eine klassische OP muss mindestens ein Viertel des funktionsfähigen Lebergewebes erhalten sein.

Dieser Status ist unter Umständen mit einer SIRT erreichbar. In einzelnen Fällen war das behandelte bösartige Gewebe nach der Radiotherapie sogar nicht mehr nachweisbar. Gemeint ist damit eine örtliche Tumorfreiheit in der Leber; eine Heilung der Krebserkrankung ist damit nicht gleichbedeutend. Die SIRT greift als Behandlungsmethode direkt in die Hauptblutzufuhr von Tumoren zur Leber ein. Diese erfolgt in den meisten Fällen über die Leberarterie, durch welche die Betastrahler wandern. Weil die Strahlenquelle im Tumorgebiet selbst liegt, lässt sich dort eine hohe Dosis erreichen, während das übrige Lebergewebe verschont bleibt; bei einer Bestrahlung von außen muss die Strahlung dagegen erst gesundes Gewebe durchqueren. Darüber hinaus kann von innen eine höhere Strahlendosis direkt gegen die Krebszellen eingesetzt werden als von außen.

Möglich wird dieses Vorgehen durch eine Besonderheit der Leberdurchblutung. Das Organ wird aus zwei Quellen versorgt: über die Leberarterie und über die Pfortader, die das Blut aus dem Verdauungstrakt heranführt. Den größten Teil seines Blutes bezieht gesundes Lebergewebe aus der Pfortader. Bösartige Geschwülste in der Leber bilden dagegen eigene Gefäße, die fast ausschließlich von der Leberarterie abzweigen. Wer etwas über die Arterie einbringt, erreicht damit vor allem den Tumor und kaum das umgebende Gewebe. Auf demselben Umstand beruhen auch andere Verfahren, die über die Leberarterie arbeiten.

Behandelt werden mit der SIRT vor allem das Leberzellkarzinom als häufigster primärer Lebertumor sowie Absiedlungen anderer Krebsarten in der Leber, am häufigsten bei Darmkrebs. Auch bei Tumoren der Gallenwege innerhalb der Leber und bei Metastasen etwa hormonbildender Tumoren, eines Brustkrebses oder eines Aderhautmelanoms kommt sie infrage. Gemeinsam ist diesen Fällen, dass die Erkrankung auf die Leber begrenzt ist oder dort ihren bedrohlichsten Anteil hat, und dass eine Operation nicht möglich ist. Über den Einsatz entscheidet nicht ein einzelner Arzt, sondern eine Tumorkonferenz, in der Onkologie, Chirurgie, Radiologie und Nuklearmedizin gemeinsam die Behandlungsmöglichkeiten abwägen.

Zwei Arten von Mikrokugeln stehen zur Verfügung: solche aus Glas und solche aus Kunstharz. Sie unterscheiden sich darin, wie viel Aktivität auf die einzelne Kugel entfällt und wie viele Kugeln folglich eingebracht werden. Bei den Harzkugeln sind es mehr, so dass der gefäßverschließende Anteil der Wirkung stärker ins Gewicht fällt; bei den Glaskugeln überwiegt der Strahleneffekt. Der weitaus größte Teil der Strahlung wird bereits innerhalb weniger Millimeter aufgenommen, so dass die Wirkung im Wesentlichen auf die unmittelbare Umgebung der einzelnen Kugel beschränkt bleibt.

Von anderen Verfahren, die ebenfalls über die Leberarterie arbeiten, unterscheidet sich die SIRT durch das, was sie einbringt. Bei der transarteriellen Chemoembolisation gelangt statt der Strahlenquelle ein Zellgift in die tumorversorgenden Gefäße, das dort zurückgehalten wird. Bei wenigen, kleinen Herden kommen stattdessen Verfahren infrage, die den Tumor durch Hitze zerstören, etwa die Radiofrequenz- oder die Mikrowellenablation. Eine Chemotherapie wirkt im ganzen Körper und damit auch außerhalb der Leber, eine Strahlentherapie von außen lässt sich heute ebenfalls sehr genau auf einzelne Herde richten. Heilende Absicht haben allein die operative Entfernung des befallenen Leberanteils und, in ausgewählten Fällen, die Lebertransplantation.


Funktion, Wirkung & Ziele

Durchgeführt und begleitet wird die selektive interne Radiotherapie von einem interdisziplinären Ärzteteam. Leberspezialisten und Onkologen machen sich zunächst gründlich mit der Vorgeschichte des Patienten vertraut. Er muss insoweit von Vorerkrankungen verschont geblieben sein, dass er einen teilweisen Verschluss von Blutgefäßen problemlos überstehen kann. Zum Team gehören außerdem interventionelle Radiologen und Nuklearmediziner. Ein bis zwei Wochen vor der eigentlichen Behandlung findet eine vorbereitende Gefäßdarstellung statt: Dabei werden Gefäße, die von der Leberarterie aus zu Magen, Darm oder Bauchspeicheldrüse abzweigen, mit winzigen Metallspiralen verschlossen; zugleich wird mit schwach radioaktiv markierten Eiweißteilchen gemessen, wie viel Blut aus der Leber in die Lunge übertritt.

Dieser erste Eingriff ist notwendig, damit die radioaktiven Kügelchen tatsächlich nur in die Leber und nicht auch zu anderen inneren Organen wandern. Hier sind direkte Blutwege in die Lunge sowie Umwege über kleine Seitengefäße bis zu Magen, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse möglich, die jedoch sicher ausgeschlossen werden müssen. Diese Komplikationen sind aber bisher äußerst selten aufgetreten. In einem nächsten Schritt wird die geeignete Dosis der Mikrokugeln festgelegt, die dem Patienten dann schließlich verabreicht wird. Das Verlegen des Katheters bis zur Leber dauert gewöhnlich rund 90 Minuten.

Es geschieht unter örtlicher Betäubung über eine Punktion der Leistenschlagader, ein Schnitt ist dafür nicht nötig. Danach müssen aber für längere Zeit Messungen erfolgen, in welchem Umfang radioaktive Strahlung eventuell bis zur Lunge vordringt. Nach einer Schonzeit von zwei bis höchstens vier Tagen darf der Patient die Klinik bereits wieder verlassen. Die SIRT ist eine vergleichsweise sehr gut verträgliche Behandlungsform. Nach dem Einbringen des Schlauchs können sich Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit und leichtes Fieber bemerkbar machen. Über einige Tage oder wenige Wochen wird der Patient eventuell durch Müdigkeit, wenig Appetit und Schlappheit beeinträchtigt.

Vor der Behandlung steht eine ausführliche Bestandsaufnahme. Mit Computertomographie oder Magnetresonanztomographie wird erfasst, wie viele Herde vorliegen, wie sie in der Leber verteilt sind und ob außerhalb des Organs weitere Absiedlungen bestehen. Laborwerte geben Auskunft über die Leistungsfähigkeit der Leber, unter anderem der Bilirubinwert und die Gerinnung, und über die Nierenfunktion, weil bei der Gefäßdarstellung Kontrastmittel eingesetzt wird. Aus diesen Angaben und aus der Größe des zu behandelnden Leberanteils berechnen die Nuklearmediziner, wie viel Aktivität eingebracht werden soll.

Der Eingriff selbst wird im Liegen auf dem Angiographietisch vorgenommen; der Patient ist dabei wach und kann mit dem Team sprechen. Das Lebergewebe selbst besitzt keine Schmerzfasern, so dass das Einströmen der Kügelchen im Moment der Gabe nicht zu spüren ist; Beschwerden stellen sich, wenn überhaupt, erst in den Stunden danach ein. Nach der Punktion wird die Einstichstelle in der Leiste abgedrückt und mit einem Druckverband versorgt. Unmittelbar im Anschluss wird eine nuklearmedizinische Aufnahme angefertigt: Obwohl Yttrium-90 kein Gammastrahler ist, entsteht beim Abbremsen der Betateilchen im Gewebe eine schwache Begleitstrahlung, die sich abbilden lässt. Damit ist zu erkennen, ob sich die Kügelchen tatsächlich dort verteilt haben, wo sie hin sollten.

Sind beide Leberlappen befallen, wird in der Regel nicht alles auf einmal behandelt, sondern nacheinander in zwei Sitzungen mit einigen Wochen Abstand. Das schont den nicht behandelten Anteil und gibt der Leber Zeit, sich zu erholen. Der Erfolg der Behandlung lässt sich nicht sofort an der Größe der Herde ablesen. Zuerst zeigt sich in der Bildgebung, dass ein Tumor nicht mehr durchblutet ist und abzusterben beginnt; ein messbarer Rückgang der Größe folgt oft erst nach Wochen bis Monaten. In der ersten Kontrolle kann ein Herd sogar größer erscheinen als zuvor, ohne dass die Behandlung versagt hätte.

Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Unmittelbar nach Verabreichen der radioaktiven Kügelchen sollte der Patient unbedingt fünf bis sechs Stunden Bettruhe haben, damit eventuelle Nachblutungen im Leistenbereich keine Folgeschäden herbeiführen.

Gegen mögliche Leberschwellungen werden im Bedarfsfall prophylaktische Medikamente eingesetzt. Gleiches gilt für die sogenannte Strahlenhepatitis, die in seltenen Fällen das gesunde Lebergewebe betreffen kann. Am Tag der Katheterverlegung wird der Patient zusätzlich mit einer Kochsalzlösung über die Vene versorgt. Treten Übelkeit und Erbrechen über das normale Maß hinaus auf, stehen spezielle Medikamente und auch Schmerzmittel zur Verfügung. Die Nebenwirkungen nach dem kleinen Eingriff sind jedoch in aller Regel drei bis vier Tage darauf abgeklungen.

Für den Strahlenschutz gelten bei der SIRT eigene, vergleichsweise einfache Regeln: Yttrium-90 ist ein reiner Betastrahler, dessen Strahlung schon im Gewebe abgebremst wird und deshalb kaum nach außen dringt. Der Patient stellt für seine Umgebung daher nur eine sehr geringe Strahlenquelle dar. Meist wird dennoch empfohlen, in den ersten Tagen nach der Behandlung engen Körperkontakt mit Schwangeren und Kleinkindern zu vermeiden; die genauen Vorgaben legt die behandelnde nuklearmedizinische Abteilung fest. Bleischürzen, wie sie bei Röntgenaufnahmen üblich sind, nützen hier nichts und sind auch nicht nötig.

Die selektive interne Radiotherapie kann eine Tumorerkrankung nach bisherigen Erkenntnissen nicht vollständig heilen, das Krebsgeschwür aber so weit eindämmen, dass es mit üblichen Untersuchungsmethoden nicht mehr nachweisbar ist. In jedem Fall sind nach dem Eingriff regelmäßige Nachsorgemaßnahmen in Verantwortung eines Onkologen anzuraten. Diese finden in aller Regel im Abstand von drei Monaten statt. Der Facharzt kann darüber hinaus jederzeit geeignete Therapiemaßnahmen auf den Weg bringen oder gegebenenfalls zu einer Wiederholung der SIRT übergehen.

Die häufigsten Beschwerden nach der Behandlung fasst man als Postembolisationssyndrom zusammen. Gemeint ist die Kombination aus Druckgefühl im Oberbauch, Übelkeit, leicht erhöhter Temperatur und ausgeprägter Erschöpfung. Sie ist eine Folge des Gefäßverschlusses und des absterbenden Tumorgewebes, keine Nebenwirkung im Sinne eines Fehlers, und klingt in aller Regel von selbst wieder ab.

Ernster zu nehmen sind zwei Entwicklungen, die sich erst mit Verzögerung zeigen. Die eine ist die strahlenbedingte Schädigung des gesunden Lebergewebes, die Wochen nach der Behandlung mit einer Gelbfärbung von Haut und Augen, Wasseransammlungen im Bauchraum und steigenden Leberwerten einhergehen kann. Gefährdet sind vor allem Patienten, deren Leber bereits durch eine Leberzirrhose oder eine vorangegangene Chemotherapie vorgeschädigt ist, sowie solche, bei denen ein großer Anteil des Organs behandelt wurde. Die andere ist die Folge fehlgeleiteter Kügelchen. Gelangen sie über nicht erkannte Seitenäste in Magen oder Zwölffingerdarm, können dort schlecht heilende Geschwüre entstehen; erreichen sie die Gallenblase, ist eine Gallenblasenentzündung möglich, gelangen sie in die Bauchspeicheldrüse, eine Entzündung dieses Organs. Solche Ereignisse sind selten, aber schwer zu beherrschen, weil die Strahlenquelle nicht wieder entfernt werden kann. Genau darin liegt der Sinn der aufwendigen Vorbereitung mit Verschluss der abzweigenden Gefäße.

Aus demselben Grund wird vorab gemessen, wie viel Blut aus der Leber in die Lunge übertritt. Ist dieser Anteil zu hoch, würde ein Teil der Kügelchen dort hängen bleiben und eine strahlenbedingte Lungenentzündung auslösen. In einem solchen Fall wird die Aktivität verringert oder auf die Behandlung verzichtet. Weitere Gründe, die gegen eine SIRT sprechen, sind eine bereits stark eingeschränkte Leberfunktion, ein ausgedehnter Befall außerhalb der Leber und eine bestehende Schwangerschaft.

Hinzu kommen die Risiken des Zugangswegs, die jede Untersuchung über die Leistenschlagader mit sich bringt: ein Bluterguss oder eine Nachblutung an der Einstichstelle, seltener eine Verletzung des Gefäßes. Das eingesetzte Kontrastmittel belastet die Nieren und kann in seltenen Fällen eine Unverträglichkeitsreaktion auslösen; deshalb werden die Nierenwerte vor dem Eingriff bestimmt.

Für die Beurteilung des Verfahrens ist schließlich wichtig, dass es örtlich begrenzt wirkt. Die SIRT erreicht ausschließlich das, was über die Leberarterie versorgt wird. Eine Behandlung, die im gesamten Körper wirkt, ersetzt sie deshalb nicht, und Absiedlungen außerhalb der Leber bleiben von ihr unberührt. In der Regel ist sie ein Baustein innerhalb eines längeren Behandlungsplans, dessen weitere Schritte sich nach dem Verlauf richten.

Quellen

  • Dietlein, M., Kopka, K., Schmidt, M. (Hrsg.): Nuklearmedizin.
    ISBN: 9783132439269
  • Christiansen, H., Bremer, M. (Hrsg.): Strahlentherapie und Radioonkologie aus interdisziplinärer Sicht.
    ISBN: 9783965432475
  • Schmoll, H.-J. (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie.
    ISBN: 9783662607473
  • Reiser, M., Kuhn, F.-P., Debus, J.: Duale Reihe Radiologie.
    ISBN: 9783132444621
  • Debus, E. S., Gross-Fengels, W. (Hrsg.): Operative und interventionelle Gefäßmedizin.
    ISBN: 9783662533789

Das könnte Sie auch interessieren