Upshaw-Schulman-Syndrom
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Das Upshaw-Schulman-Syndrom (USS) ist die hereditäre Form der thrombotisch thrombozytopenischen Purpura (TTP). Die Erkrankung geht mit Mikrothrombosen in den kleinen Blutgefäßen (Kapillaren) einher.
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Was ist das Upshaw-Schulman-Syndrom?
Das Upshaw-Schulman-Syndrom ist eine erblich bedingte Erkrankung, die das Blutgerinnungssystem betrifft. Bereits 1924 beschrieb der Mediziner Eli Moschcowitz den ersten Fall von TTP; 1947 erhielt die Erkrankung ihren heutigen Namen. 1960 beschrieb der Mediziner Schulman den ersten USS-Fall. Der Arzt Upshaw ergänzte 1978 diese Aufzeichnungen, sodass die Erkrankung ab dem Jahr 1979 als Upshaw-Schulman-Syndrom bekannt wurde.
Pro Jahr erkranken 1,7 bis 4,5 von einer Million Menschen an der thrombotisch thrombozytopenischen Purpura. Diese Angabe umfasst alle Formen der Erkrankung; die hier beschriebene angeborene Form macht davon nur einen kleinen Teil aus und ist deutlich seltener. Ein Synonym für das Upshaw-Schulman-Syndrom ist kongenitale TTP. Die Symptome der Erkrankung sind sehr variabel. In vielen Fällen kommt es zu einer hämolytischen Anämie. Viele USS-Patienten benötigen in regelmäßigen Abständen Plasmainfusionen. Die Erkrankung ist nicht heilbar.
Ursachen
Der von-Willebrand-Faktor ist ein Glykoprotein, das eine wichtige Rolle bei der Blutstillung und bei der Blutgerinnung spielt. Damit es nicht zu einer Thrombenbildung kommt, müssen die Multimere dieses Faktors rechtzeitig aufgespalten werden. Bei den meisten USS-Patienten liegt die Aktivität der ADAMTS13-Protease meist nur noch bei 10 Prozent. Unter normalen Umständen reicht diese Aktivität aus, um die vWF-Multimere aufzuspalten.
Ein akuter Schub der thrombotisch thrombozytopenischen Purpura wird deshalb meist durch eine zusätzliche Belastung des Körpers ausgelöst. Auslöser sind Schwangerschaft, verstärkter Alkoholkonsum, Medikamente und Infektionen. Hier wird vermehrt von-Willebrand-Faktor aus den Speichern des Körpers freigesetzt. Der Gehalt im Blut steigt an und die eingeschränkte ADAMTS13-Protease ist nicht mehr in der Lage ausreichend Multimere zu spalten. Somit kommt es zu einer spontanen Gerinnung des Blutes in den Kapillaren.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Die Symptome der TTP sind sehr unterschiedlich. Durch die Mikrothrombenbildung gehen Blutplättchen (Thrombozyten) verloren. Die meisten Symptome werden durch einen Thrombozytenmangel (Thrombozytopenie) verursacht. 90 Prozent der Patienten haben eine Purpura. Mit dem Begriff Purpura werden kleine Kapillareinblutungen in der Haut, den Schleimhäuten oder in der Unterhaut bezeichnet. Meistens sind die Blutungen punktförmig (Petechien).
Treten die Blutungen kleinflächig auf, werden sie als Ekchymosen bezeichnet. Häufig bemerken die Patienten als erstes Symptom Hämatome. Selbst bei kleinen Stoßverletzungen entstehen schnell größere blaue Flecken. Die Thromben in den Kapillaren stellen für die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) Hindernisse dar. Beim Versuch die Engstellen in den kleinen Blutgefäßen zu passieren, werden die Erythrozyten häufig mechanisch zerstört.
Die Folge ist eine hämolytische Anämie. Zerstörte rote Blutkörperchen werden in der Milz abgebaut. Aus dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin entsteht dann das gelbe Bilirubin. Bilirubin wird normalerweise in der Leber umgebaut und anschließend überwiegend mit der Galle in den Darm abgegeben. Bei einer hämolytischen Anämie fällt so viel Bilirubin an, dass die Leber mit dem Abbau überfordert ist. Das Bilirubin gelangt in die Haut und verursacht dort eine Gelbfärbung. Diese wird auch als Ikterus bezeichnet.
Auch der Harn kann sich bei einem verstärkten Abbau roter Blutkörperchen dunkel verfärben. Viele Patienten klagen zudem über Müdigkeit und neurologische Symptome wie Kopfschmerzen, Bewegungsstörungen oder Sprachstörungen. Wenn sich Mikrothromben im Bereich des Gehirns bilden, können sie dort einen Schlaganfall auslösen. In seltenen Fällen sind auch Herz oder Lunge schwer beeinträchtigt.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Eine erste Verdachtsdiagnose kann schon anhand der Symptome gestellt werden. Im Labor zeigen sich dann eine Thrombozytopenie und eine mikroangiopathische hämolytische Anämie. Im Blutausstrich finden sich Schistozyten. Hämolysemarker wie Bilirubin, freies Hämoglobin und LDH sind erhöht, das Haptoglobin ist erniedrigt. Der Coombs-Test, ein direkter Antiglobulin-Test, ist negativ.
Die Abgrenzung zu ähnlichen Erkrankungen wie autoimmunhämolytische Anämie, Evans-Syndrom, HELLP-Syndrom, Präeklampsie, Eklampsie, Krebs oder Antiphospholipid-Antikörper-Syndrom ist bei der Diagnosestellung besonders wichtig.
Komplikationen
Beim Upshaw-Schulman-Syndrom leiden die Betroffenen in erster Linie an einem hohen Mangel an Thrombozyten. Dabei kommt es verstärkt zu Einblutungen unter der Haut, die sich in der Regel negativ auf die Ästhetik des Betroffenen auswirken können. Auch eine verstärkte Blutungsneigung kann dabei auftreten; schwere Blutungen stehen jedoch meist nicht im Vordergrund. Gefährlich sind vor allem die Verschlüsse der kleinen Blutgefäße.
Auch leichte Stoßverletzungen können durch das Upshaw-Schulman-Syndrom zu starken blauen Flecken auf der Haut führen. Aufgrund der eingeschränkten Ästhetik leiden viele Betroffene auch an Minderwertigkeitskomplexen oder an einem deutlich verringerten Selbstwertgefühl. Die Betroffenen leiden häufig an Kopfschmerzen oder an starken Störungen der Bewegung.
Auch Sprachstörungen können dabei auftreten. Vor allem bei Kindern kann das Upshaw-Schulman-Syndrom zu einer verzögerten oder stark eingeschränkten Entwicklung führen. In schweren Verläufen kann dies auch einen Schlaganfall begünstigen, welcher im schlimmsten Fall den Tod des Betroffenen nach sich zieht.
Die Behandlung des Syndroms erfolgt mit Hilfe von Medikamenten und verschiedenen Therapien. Eine vollständige Heilung wird in der Regel nicht erreicht. Unbehandelt können wiederholte Schübe bleibende Organschäden hinterlassen und die Lebenserwartung verkürzen. Mit regelmäßiger vorbeugender Behandlung lässt sich das Risiko deutlich senken.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Der erste Arztbesuch beim Upshaw-Schulman-Syndrom erfolgt häufig wegen zunehmend auftretender Hämatome oder Kapillarblutungen unter der Haut. Bei der selten auftretenden Blutgerinnungskrankheit sind symptomatische Ähnlichkeiten zur thrombotisch-thrombozytopenischen Purpura festzustellen.
Die Betroffenen erleben eine thrombotische Mikroangiopathie, die zu Gefäßverschlüssen in kleineren Blutgefäßen führt. Dadurch kommt es zu einer unzureichenden Durchblutung des umliegenden Gewebes. Die daraus resultierenden Gewebeschäden können ebenfalls zum Arztbesuch führen. Die Symptomlage ist bei den akut Betroffenen sehr unterschiedlich.
Es kann begleitend zu Fieber, unspezifischen Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Anämie kommen. Auch ischämisch bedingte Schäden an lebenswichtigen Organen wie Herz, Hirn oder Nieren machen Arztbesuche notwendig. Problematisch für den Arzt ist das seltene und teilweise späte Auftreten dieser Erkrankung.
Es bedarf eines Facharztes, der sich mit Hämatologie auskennt. Das Upshaw-Schulman-Syndrom kann autosomal-rezessiv vererbt werden. Das Syndrom kann sowohl im Neugeborenenalter, als auch erst im hohen Erwachsenenalter festgestellt werden. Auffällig ist dabei die Vielfalt teils unspezifischer Symptome und deren schubweises Auftreten.
Heutzutage kann ein frühzeitiger Arztbesuch dafür sorgen, dass die Erkrankungsfolgen abgemildert werden können. Eine prophylaktische Therapie ist in gewissem Umfang möglich, wenn die Erkrankung in der Familie bereits bekannt ist, etwa weil ein Geschwisterkind betroffen ist oder beide Eltern als Anlageträger festgestellt wurden. Beim autosomal-rezessiven Erbgang sind die Eltern selbst in aller Regel gesund und erkranken nicht. Ob es bei den in Behandlung befindlichen Patienten mit dem Upshaw-Schulman-Syndrom zu einem Rezidiv kommt, ist unterschiedlich.
Behandlung & Therapie
Eine akute TTP-Episode bedarf einer sofortigen Behandlung. Bei leichten bis mittelschweren Verläufen wird in täglichen Plasmainfusionen die ADAMTS13-Protease ersetzt. In schweren Fällen erfolgt eine Plasmaaustausch-Therapie (PEX). Hier wird das Plasma des Patienten beinahe vollständig durch ein Spenderplasma ersetzt.
In beiden Fällen kommt plättchenarmes Fresh-Frozen-Plasma (FFP) zum Einsatz. Es können aber auch andere Plasmaprodukte mit ADAMTS13 genutzt werden. Bei der PEX-Therapie werden im Gegensatz zu den normalen Plasmainfusionen alle überschüssigen Multimere des von-Willebrand-Faktors entfernt. Gelegentlich kann es zu Nebenwirkungen kommen.
Wie viele Plasmainfusionen benötigt werden, ist abhängig von der Ausprägung der Erkrankung. In der Regel kann die Behandlung einer akuten Episode aber nach einer Woche beendet werden. Innerhalb dieser Zeit hat sich die Thrombozytenzahl meist normalisiert und stabilisiert. Davon zu unterscheiden ist die dauerhafte Vorbeugung weiterer Schübe, die viele Patienten lebenslang benötigen und die im Abschnitt Vorbeugung beschrieben wird.
Lange Zeit stand für die angeborene Form ausschließlich die Gabe von Blutplasma zur Verfügung, und es wurde an Medikamenten geforscht, die die Plasmainfusionen überflüssig machen sollten. Inzwischen ist eine im Labor hergestellte, dem menschlichen Enzym nachgebildete ADAMTS13-Protease zugelassen: Die Europäische Kommission erteilte die Zulassung im August 2024, seit September 2024 ist das Präparat in Deutschland verfügbar. Es kann sowohl vorbeugend als auch im akuten Schub eingesetzt werden und ersetzt das fehlende Enzym gezielt, ohne dass dafür Spenderplasma nötig ist.
Vorbeugung
Das Upshaw-Schulman-Syndrom ist eine vererbte Erkrankung. Somit gibt es keine Vorbeugung. Den TTP-Schüben lässt sich hingegen mit regelmäßigen Plasmainfusionen vorbeugen. Zur Vorbeugung sind solche Infusionen in der Regel alle zwei bis drei Wochen erforderlich. Die Häufigkeit kann aber auch individuell an den Patienten angepasst werden. Bei milden Verläufen sollten die vorbeugenden Plasmainfusionen nur in Risikosituationen durchgeführt werden. Alternativ steht seit 2024 die regelmäßige Gabe der im Labor hergestellten ADAMTS13-Protease zur Verfügung.
Nachsorge
Die Nachsorge beim Upshaw-Schulman-Syndrom findet immer im Hinblick auf das Symptombild statt. Da die Erkrankung sehr unterschiedlich verlaufen kann, müssen die Maßnahmen individuell festgelegt werden. Teil der Nachsorge ist die Abklärung der typischen neurologischen Symptome. Dazu gehören Sprach- und Bewegungsstörungen oder Kopfschmerzen.
Nach einem Schub ist eine ärztliche Nachsorge nötig, insbesondere bei schweren Beeinträchtigungen von Herz oder Lunge. Auch bei Veränderungen in den Organsystemen, die bei den Routinekontrollen festgestellt werden, ist eine umfassende Nachsorge angezeigt. Diese umfasst in der Regel eine körperliche Untersuchung und ein Patientengespräch.
Die körperliche Untersuchung dient dazu, mögliche Veränderungen festzustellen. Zusätzlich werden Urin- und Blutproben abgenommen und gegebenenfalls auch neurologische Untersuchungen vorgenommen. Die wichtigste Maßnahme ist jedoch die Planung der weiteren Plasmainfusionen, insofern diese beim Patienten notwendig sind. Bei schweren Krankheitsverläufen muss die Plasmainfusion alle zwei bis drei Wochen wiederholt werden.
Im Rahmen der Nachsorge werden etwaige Neben- und Wechselwirkungen besprochen und die weiteren Termine festgelegt. Die Nachsorge beim Upshaw-Schulman-Syndrom übernehmen der Allgemeinarzt sowie verschiedene Fachärzte wie zum Beispiel Internisten, Neurologen und Fachärzte für Humangenetik. Bei schweren Verläufen wird unter Umständen auch ein Therapeut in die Behandlung involviert.
Das können Sie selbst tun
Das Upshaw-Schulman-Syndrom muss ärztlich behandelt werden. Die Selbsthilfe-Maßnahmen beschränken sich darauf, frühzeitig einen Arzt zu konsultieren und die Symptome abklären zu lassen. Die typischen Beschwerden lassen sich durch die Infusion von Blutplasma gut behandeln; eine Selbstbehandlung ist nicht möglich.
Bei Müdigkeit, Unwohlsein oder Muskel- und Gelenkschmerzen sollte ausreichend geschlafen werden. Auch bei Fieber und Blässe hilft Schonung dabei, die Beschwerden zu lindern, bis die Behandlung eingeleitet wird. Sollten Anzeichen einer gestörten Blutgerinnung auftreten, muss der Arzt informiert werden. Eine Schmerzbehandlung wird immer mit dem behandelnden Arzt abgestimmt. Von pflanzlichen Mitteln in Eigenregie ist bei dieser Erkrankung abzuraten: Manche von ihnen beeinflussen die Blutgerinnung oder die Wirkung anderer Medikamente, was bei einer ohnehin gestörten Gerinnung gefährlich werden kann. Der Arzt muss außerdem über den Krankheitsverlauf und ungewöhnliche Symptome informiert werden, da bei USS ein hohes Risiko für Komplikationen besteht.
Treten Schwindel, Bewusstseinstrübung oder Sprach- und Bewegungsstörungen auf, kann dies auf Gefäßverschlüsse im Gehirn hinweisen, wie sie bei dieser Erkrankung durch Mikrothromben entstehen. Das ist ein Notfall: Wählen Sie sofort die Notrufnummer 112, statt selbst ins Krankenhaus zu fahren. Jede Minute zählt, bevor sich daraus ein Schlaganfall entwickelt.
Quellen
- Berger, D. P., Engelhardt, M., Duyster, J.: Das Rote Buch – Hämatologie und Internistische Onkologie.
ISBN: 9783609512242
- Kreuzer, K.-A. (Hrsg.): Referenz Hämatologie.
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- Barthels, M. (Hrsg.): Das Gerinnungskompendium.
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- Pötzsch, B., Madlener, K. (Hrsg.): Hämostaseologie.
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- Schaaf, C. P., Zschocke, J.: Basiswissen Humangenetik.
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