Exzessives Schreien im Säuglingsalter
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Exzessives Schreien im Säuglingsalter ist glücklicherweise für die meisten frischgebackenen Eltern kein Thema. Doch leider nimmt die Zahl der Kinder, die scheinbar unbegründet schreien, zu. Experten sind sich zu den Ursachen allerdings noch nicht ganz einig.
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Was ist exzessives Schreien im Säuglingsalter?
Unter exzessivem Schreien im Säuglingsalter wird die "3er-Regel" verstanden. Das heißt, die betreffenden Kinder schreien täglich mehr als drei Stunden, an mindestens drei Tagen in der Woche und das über wenigstens drei Wochen. Diese Definition stammt aus älteren Arbeiten; in der heutigen Fachliteratur genügt für die Diagnose meist schon eine Dauer von einer Woche, damit betroffene Familien früher Hilfe erhalten.
Krankheitsanzeichen sind in den wenigsten Fällen erkennbar und schon nach kurzer Zeit sind die betroffenen Eltern oft verzweifelt: Wie können sie helfen? Was ist die Ursache? Fakt ist dabei, dass in der Regel nicht die Eltern schuld sind, zumal häufiger Kinder zum exzessiven Schreien neigen, die bereits Geschwisterkinder haben.
Die Eltern bringen daher eine gewisse Erfahrung im Umgang mit dem Säugling mit, somit ist auf ein falsches Verhalten elterlicherseits wohl kaum zu schließen.
Ursachen
Die Ursachen für exzessives Schreien im Säuglingsalter werden meist in Anpassungsschwierigkeiten des Kindes gesehen. Das heißt, es hat sich neun Monate lang im Bauch der Mutter wohlgefühlt und wurde dann in eine ihm fremde Welt geboren. Da es seinen Unmut nicht durch Sprechen deutlich machen kann, schreit es.
Andere Experten sehen körperliche Ursachen im exzessiven Schreien. Sie vermuten, dass der noch empfindliche Darmtrakt des Kindes noch nicht mit der Säuglingsnahrung klarkommt oder dass Unverträglichkeiten gegen Speisen, die die Mutter zu sich nimmt, vorliegen. Lange Zeit galten Blähungen als Hauptursache, worauf auch der frühere Begriff "Dreimonatskoliken" zurückgeht. Nach heutigem Kenntnisstand lässt sich bei den meisten Schreikindern jedoch keine Darmkolik nachweisen; man geht stattdessen von einem Zusammenspiel aus einer noch unreifen Regulation von Schlaf, Wachheit und Reizverarbeitung und der wachsenden Erschöpfung der Eltern aus.
Wieder andere gehen davon aus, dass dem Baby alles zu viel ist, es bemerkt den Stress der überforderten Eltern und steht damit selbst unter Stress. Um diesen abzubauen, schreit es.
Auch Regulationsstörungen können für kleinkindliche Schreianfälle ursächlich sein.
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Diagnose & Verlauf
Zur Diagnose wendet der Arzt die oben genannte "3er-Regel" an. Er nimmt erst einmal sämtliche Daten auf, die das Kind und die Eltern betreffen. In der Regel wird empfohlen, ein Schreitagebuch zu führen, so dass deutlich wird, wie oft und wie lang die Schreiphasen tatsächlich sind. Dann kann eine auf die spezifische Situation abgestimmte Behandlung begonnen werden.
Oft schreien die Kleinen bereits direkt ab dem Tag der Geburt exzessiv. Dies steigert sich innerhalb der ersten Woche und bleibt dann auf einem kontinuierlichen Niveau bestehen. Nach heutigem Kenntnisstand nimmt das Schreien allerdings meist bis etwa zur sechsten Lebenswoche noch weiter zu und geht danach allmählich zurück. In den meisten Fällen ist zwischen der siebten und zwölften Lebenswoche alles vorbei und das Kind findet seine innere Ruhe.
Komplikationen
Exzessives Schreien im Säuglingsalter ist vor allem für die Eltern des Babys eine Belastung. Komplikationen kann es deswegen bei Eltern und Kind geben. Zunächst besteht die Gefahr, dass nicht sofort erkannt wird, was der Säugling hat, da er sich nur durch Schreien artikulieren kann. Es könnte sich um Schmerzen, Unwohlsein, Verspannungen und Verrenkungen oder auch einfach um ein harmloses, aber ausgeprägtes Bedürfnis nach Nähe handeln.
Selbst ein Kinderarzt kommt möglicherweise nicht sofort dahinter und muss den Säugling erst eingehend untersuchen. Die Eltern eines Säuglings wiederum, der exzessiv schreit, leiden ihrerseits an nervöser Anspannung, Ruhelosigkeit, meistens auch an extremem Schlafmangel mit allen Folgen und Risiken und sind dadurch auch körperlich anfälliger. Dadurch kommt es insbesondere bei Müttern auch leicht zu einer postpartalen Depression. Grundsätzlich kann natürlich auch ein Vater mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen haben, wenn er exzessives Schreien im Säuglingsalter bei seinem Kind mitbekommt.
Depressionen bei Eltern führen in der Folge häufig zur Vernachlässigung des Kindes, hinterlassen aber natürlich auch bei den Eltern selbst schlimme Folgen und sollten schnellstmöglich erkannt und behandelt werden. Da ein gewisser Babyblues aber normal ist und dadurch Depressionen durch exzessives Schreien im Säuglingsalter oft nicht erkannt werden, bleiben Eltern oft lange mit ihrem Problem alleine.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Eltern sind häufig verunsichert: Ist das Schreien ihres Babys noch im Rahmen des Normalen oder handelt es sich bereits um „Exzessives Schreien im Säuglingsalter"? Insbesondere junge und noch unerfahrene Eltern machen sich hier oft Sorgen, scheuen sich aber oft, deswegen gleich einen Arzt aufzusuchen. Manche erhalten sogar Ratschläge, ausgiebiges Schreien ihres Babys kräftige seine Lungen oder es sei nicht gut, einem schreienden Baby deswegen extra Aufmerksamkeit zu schenken. Beide Ratschläge sind überholt: Schreien kräftigt die Lungen nicht, und ein Säugling, dem zuverlässig geantwortet wird, schreit auf Dauer weniger statt mehr. Exzessives Schreien im Säuglingsalter ist jedoch unbedingt ein Grund, das Kind einem Kinderarzt vorzustellen.
Für exzessives Schreien im Säuglingsalter gibt es die klar definierte 3er-Regel: Dabei schreien die Babys
- mehr als 3 Stunden täglich
- mindestens 3 Tage wöchentlich
- über wenigstens 3 Wochen
Exzessives Schreien im Säuglingsalter kann am Charakter des Babys liegen und somit harmlos sein. Es kann aber ebenso auf einer für das Kind unangenehmen Befindlichkeitsstörung oder sogar einer ernst zu nehmenden gesundheitlichen Beeinträchtigung beruhen. Schließlich kann sich ein Säugling nicht in Worten dazu äußern, was ihm fehlt. Lautes Schreien ist daher zunächst als Alarmsignal des Kindes zu werten. Eltern sollen daher bei exzessivem Schreien im Säuglingsalter mit ihrem Kind umgehend die Praxis eines Kinderarztes aufsuchen – lieber einmal zu viel als zu wenig.
Behandlung & Therapie
Direkte Behandlungsmöglichkeiten gibt es für das exzessive Schreien nicht. Nachdem herausgefunden wurde, zu welchen Zeiten das Baby besonders häufig schreit, kann eine weitere Ursachenforschung und eventuell eine Vermeidung der betreffenden Situation versucht werden.
Teilweise ist es einfach nur Stress durch viele Besuche und Unternehmungen mit dem Neugeborenen, was das Schreien verursacht. In weniger eindeutigen Fällen kann die Hebamme helfen, sie wird dem Baby meist das homöopathische Mittel Nux vomica verabreichen. Diese Medikation soll bewirken, dass das Kind zur Ruhe kommt und den bisherigen Stress vergisst. Ob es wirklich hilft, weiß niemand genau, aber es ist einen Versuch wert. Ein Wirksamkeitsnachweis für homöopathische Mittel liegt allerdings bis heute nicht vor, weshalb sie inzwischen deutlich zurückhaltender beurteilt werden als früher. Zuvor sollte diesbezüglich aber der Rat des Kinderarztes eingeholt werden.
Viele Ärzte überweisen die Eltern direkt in eine Schreiambulanz. Solche Einrichtungen gibt es inzwischen in vielen größeren Städten. Dort werden unter anderem die Hirnströme des Kindes gemessen, so dass eventuell anormale Vorgänge in den Hirnabläufen und -strukturen erkannt werden können. Teilweise werden auch Computertomographien gemacht, damit neurale Störungen ausgeschlossen werden können. Solche apparativen Untersuchungen standen früher stärker im Vordergrund; heute sind die Beratung der Eltern und die Beobachtung des Zusammenspiels von Eltern und Kind die eigentliche Aufgabe einer Schreiambulanz. Eine Computertomographie wird beim Säugling wegen der Strahlenbelastung inzwischen vermieden; bei begründetem Verdacht kommen stattdessen strahlenfreie Verfahren wie Ultraschall oder Kernspintomographie zum Einsatz.
Ansonsten sind die Behandlungsmöglichkeiten des exzessiven Schreiens begrenzt, hier hilft die alte Regel: Abwarten und Tee trinken. Im wahrsten Sinne des Wortes werden hier die Eltern mit Tee behandelt, sie können Beruhigungstees trinken, um der wenigen ruhigen Zeit des Tages mit innerer Ruhe und Schlaf zu begegnen.
Aussicht & Prognose
Exzessives Schreien im Säuglingsalter ist für alle Beteiligten anstrengend, sowohl für den Säugling selbst als auch für die Eltern. Tritt es schon in den ersten Lebenstagen auf, muss es bereits jetzt untersucht werden, denn es kann sein, dass sich dahinter ein ernstes Problem verbirgt. Da die meisten Säuglinge in ihren ersten Lebenstagen ohnehin noch in der Klinik sind und bei Bedarf behandelt werden können, stehen ihre Chancen gut, dass gesundheitliche Probleme erkannt werden und das Schreien infolgedessen aufhört.
Exzessives Schreien im Säuglingsalter kann allerdings auch ohne körperlichen Hintergrund auftreten, manche Babys schreien mehr als andere. Das kann sich über mehrere Monate hinweg ziehen, ohne dass die Eltern viel dagegen unternehmen können, außer ihren Säugling in den Arm zu nehmen und zu trösten. In diesen Fällen von exzessivem Schreien im Säuglingsalter müssen für eine gute Aussicht auf die weitere Entwicklung der Familie auch die Eltern einbezogen werden. Andernfalls übersteht zwar der Säugling die Schreiphase ohne weitere Schäden, die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind kann allerdings empfindlich geschädigt sein.
Wenn gegen das Schreien selbst nichts unternommen werden kann, müssen die Eltern entlastet werden und sollten auf die Schreiambulanzen der Krankenhäuser in größeren Städten hingewiesen werden, an die sie sich wenden können, wenn sie nicht mehr weiterwissen.
Vorbeugung
Dem exzessiven Schreien kann nicht vorgebeugt werden. Es wird davon ausgegangen, dass die Vermeidung von Stress und einer ungesunden Lebensweise in der Schwangerschaft dazu beitragen kann, das spätere Schreien zu mildern. Gänzlich verhindert werden kann es aber nicht, solange die tatsächlichen Ursachen für Schreikinder nicht geklärt sind. Ruhe und das Bleiben in einer vertrauten und gepflegten Umgebung werden allgemein als Möglichkeit gesehen, Schreien zu mildern.
Das können Sie selbst tun
Sofern eine organische Ursache hinter dem exzessiven Schreien des Säuglings ausgeschlossen werden kann, muss sich langsam an den Hintergrund herangetastet werden. Zunächst sollte das Baby nicht aufgeregt werden. Besuche sollten auf ein Minimum beschränkt werden. Auch Ablenkungen wie Fernsehen oder für das Kind stressige Unternehmungen zu vermeiden, kann Abhilfe verschaffen.
Exzessives Schreien beim Baby kann auch auf chronische Übermüdung zurückzuführen sein. Es empfiehlt sich, das Kind in regelmäßigen Abständen zum Schlafen zu bringen. Auf eine Wachphase von einer bis eineinhalb Stunden sollte eine Ruhepause folgen, in welcher sich der Säugling erholen kann. So wird eine Reizüberflutung vermieden. Ein gut durchstrukturierter Tag gibt dem Kind Sicherheit. Sollte sich auch das Einschlafen schwierig gestalten, kann ein warmes Bad oder eine sanfte Massage zur Beruhigung des Babys beitragen.
Sogenannte Schreikinder benötigen viel Aufmerksamkeit und positiven Zuspruch. Betroffene Kinder sollten mit einer möglichst ruhigen und monotonen Stimme angesprochen werden. Das sollte auch aufrechterhalten werden, wenn sich keine unmittelbare Besserung einstellt und das Kind weiter exzessiv schreit. Phasen, in denen das Baby nicht schreit, sollten ebenfalls genutzt werden. Betroffene Eltern sollten in den ruhigen Perioden dafür sorgen, dass viel Körperkontakt besteht. Sehr hilfreich kann es sein, sich das nackte Baby auf die ebenfalls nackte Brust zu legen. Wenn die Kräfte am Ende sind, sollten Eltern den Säugling an einem sicheren Ort ablegen, etwa im Gitterbett, und für einige Minuten den Raum verlassen, bis sie sich beruhigt haben. Ein Baby darf niemals geschüttelt werden: Schon wenige Sekunden Schütteln können beim Säugling zu bleibenden Hirnschäden führen und sogar tödlich enden (Schütteltrauma). Hilfe und Entlastung bieten in solchen Situationen die Hebamme, der Kinderarzt sowie Schreiambulanzen und Erziehungsberatungsstellen.
Quellen
- Papoušek, M., Schieche, M., Wurmser, H. (Hrsg.): Regulationsstörungen der frühen Kindheit.
ISBN: 9783456840369
- Kerbl, R., Kurz, R., Reiter, K., Roos, R., Wessel, L.: Checkliste Pädiatrie.
ISBN: 9783131391056
- Speer, C.P., Gahr, M., Dötsch, J. (Hrsg.): Pädiatrie.
ISBN: 9783662572948
- Meyer, S. (Hrsg.): Duale Reihe Pädiatrie.
ISBN: 9783132446199
