Guillain-Barré-Syndrom
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 19. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Das Guillain-Barré-Syndrom ist eine akute Entzündung der peripheren Nerven und Spinalganglien (Nervenknoten im Wirbelkanal) mit noch ungeklärter Ätiologie (Ursache). Mit einer Häufigkeit von 1 bis 2 Neuerkrankungen auf 100.000 Personen pro Jahr ist das Guillain-Barré-Syndrom eine seltene Erkrankung, von welcher Männer etwas häufiger betroffen sind als Frauen. Es ist ein neurologischer Notfall, weil die Lähmung binnen Tagen die Atemmuskulatur erreichen kann; behandelt verläuft es jedoch überwiegend günstig.
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Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?
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Als Guillain-Barré-Syndrom wird eine akute idiopathische (unklare Ätiologie) Polyneuritis mit multifokalen (an mehreren Orten auftretende) Entzündungen im peripheren Nervensystem bezeichnet.
Entzündliche Veränderungen, insbesondere der Wurzeln der peripheren Nerven (Polyradikulitis) sowie der proximalen Spinalganglien, verursachen Sensibilitätsstörungen, motorische Lähmungen und vegetative Fehlfunktionen. Charakteristisch sind vor allem Parästhesien (Kribbeln bzw. „Ameisenlaufen“) sowie von den Beinen aufsteigende Lähmungen, die in Kombination mit Atemlähmung und/oder Herzrhythmusstörungen lebensbedrohlich werden können.
Darüber hinaus kann in einigen Fällen eine Beteiligung der Hirnnerven mit Schluck- und beidseitiger Faziallähmung beobachtet werden. In Abhängigkeit vom Verlauf wird das Guillain-Barré-Syndrom nach unterschiedlichen Formen differenziert, wobei die häufigste Variante auch als akute inflammatorische (entzündliche) demyelinisierende (die Markscheiden schädigende) Polyneuropathie bezeichnet wird. Eine eigene Variante ist das Miller-Fisher-Syndrom, bei dem statt der aufsteigenden Lähmung die Trias aus Augenmuskellähmung, Gangunsicherheit und fehlenden Reflexen im Vordergrund steht.
Typischerweise geht dem Guillain-Barré-Syndrom ein banaler Infekt voraus: ein Magen-Darm-Infekt, häufig durch das Bakterium Campylobacter jejuni, oder ein Atemwegsinfekt, meist ein bis drei Wochen zuvor. Die Beschwerden erreichen ihren Höhepunkt definitionsgemäß innerhalb von höchstens vier Wochen; danach folgt eine Erholungsphase, die sich über Monate hinziehen kann.
Ursachen
Die dem Guillain-Barré-Syndrom zugrunde liegenden Ursachen konnten bislang nicht abschließend geklärt werden. Vermutet werden vor allem immunologische Vorgänge, da das Guillain-Barré-Syndrom bei über der Hälfte der Betroffenen (etwa 60 bis 70 Prozent) im Anschluss an pulmonale oder gastrointestinale Infektionserkrankungen auftritt.
Das Guillain-Barré-Syndrom wird insbesondere mit Zytomegalie-, Varizella-Zoster-, Masern-, Epstein-Barr-, Mumps-, Hepatitis- und HI-Viren sowie bestimmten Bakterien wie Salmonella, Brucella, Spirochäten, Mycoplasma pneumoniae oder Campylobacter jejuni assoziiert.
In sehr seltenen Fällen manifestiert sich ein Guillain-Barré-Syndrom nach Influenza- oder Tollwut-Impfungen. Dieser Zusammenhang geht vor allem auf einen Impfstoff aus den 1970er Jahren zurück. Bei den heute verwendeten Impfstoffen liegt das Risiko im Bereich von etwa einem Fall auf eine Million Impfungen und damit deutlich niedriger als das Risiko, nach der entsprechenden Infektion selbst zu erkranken; eine durchgemachte Erkrankung spricht daher nicht grundsätzlich gegen spätere Impfungen, sollte aber mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Vermutet wird, dass sich die infolge der Infektion vom Körper gebildeten Antikörper gegen körpereigene Strukturen, insbesondere gegen die vermehrt im Nervensystem befindlichen Ganglioside, richten und in Kombination mit weiteren noch unbekannten Faktoren die Entwicklung des Guillain-Barré-Syndroms bedingen.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Die Symptomatik des Guillain-Barré-Syndroms ist maßgeblich von der entsprechenden Verlaufsform abhängig. Grundsätzlich werden akute und chronische Verlaufsformen unterschieden. Allgemein ist das Guillain-Barré-Syndrom durch eine zunehmende allgemeine Schwäche aufgrund der Zerstörung von peripheren Nerven und spinalen Nervenwurzeln gekennzeichnet.
Die akute Verlaufsform (Akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie oder AIDP) fängt an mit Rücken- und Gliederschmerzen, Kribbeln und Taubheitsgefühlen an Fingern, Zehen, Nase, Ohr oder Kinn (Akren) sowie Lähmungserscheinungen in den Beinen. Im Weiteren erlahmen die Becken-, Rumpf- und Atemmuskulatur, wobei es zum Ausfall aller Reflexe kommt. Teilweise fallen auch bestimmte Hirnnerven aus. Kennzeichnend ist, dass die Lähmung von unten nach oben aufsteigt und beide Körperhälften gleichermaßen betrifft.
Genau dieses Aufsteigen macht das Guillain-Barré-Syndrom gefährlich: Erreicht die Lähmung das Zwerchfell und die übrige Atemmuskulatur, kann die Atmung binnen Stunden versagen. Warnzeichen sind eine kurzatmige, abgehackte Sprechweise, Schwierigkeiten beim Abhusten, Schluckstörungen und das Gefühl, im Liegen keine Luft zu bekommen. Betroffene mit fortschreitender Lähmung gehören deshalb auf eine Überwachungs- oder Intensivstation, auch wenn es ihnen zunächst noch gut zu gehen scheint.
Es kommt dabei zur Störung der Atemregulation, der Regulation der Herzfrequenz und der Blasenentleerung sowie der Temperaturregulation. Des Weiteren treten Kreislaufstörungen durch Blutdruckschwankungen auf. Diese Störungen des unwillkürlichen Nervensystems sind keine Nebensache: Plötzliche Blutdruckabfälle, Blutdruckkrisen und gefährlich langsamer oder rasender Herzschlag gehören neben dem Atemversagen zu den häufigsten Todesursachen bei dieser Erkrankung und sind der Grund für die durchgehende Überwachung von Herzrhythmus und Blutdruck.
Die chronische Verlaufsform des Guillain-Barré-Syndroms, auch als chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) bezeichnet, beginnt schleichend und zeichnet sich durch eine abwechselnd ausgeprägte Symptomatik aus.
Bei der chronischen inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie stehen die Lähmung der Beine und die Parästhesien der Akren im Vordergrund. Seltener wird hier die Beteiligung von Hirnnerven beobachtet. Die Lähmungen steigen bei der chronischen Verlaufsform wesentlich langsamer auf. Sie können sogar durch Gabe von Glukokortikoiden zurückgedrängt werden. Insgesamt kann bei der chronischen Verlaufsform etwa ein Drittel der Patienten dauerhaft geheilt werden. Todesfälle sind bei ihr selten. Ein Teil der Betroffenen bedarf lebenslanger Betreuung.
Lange Zeit galt die CIDP als bloße chronische Verlaufsform des Guillain-Barré-Syndroms. Nach heutigem Kenntnisstand handelt es sich um ein eigenständiges Krankheitsbild: Die CIDP entwickelt sich definitionsgemäß über mehr als acht Wochen oder verläuft in Schüben, ihr geht nur selten ein Infekt voraus, und sie spricht – anders als das eigentliche Guillain-Barré-Syndrom – auf Kortison an. Erreicht die Erkrankung ihren Höhepunkt dagegen innerhalb von vier Wochen, handelt es sich um ein Guillain-Barré-Syndrom.
Diagnose & Verlauf
Ein Guillain-Barré-Syndrom wird in der Regel anhand einer Liquoranalyse (Untersuchung des Nervenwassers) diagnostiziert. Ist bei normaler Zellzahl eine erhöhte Eiweißkonzentration (zytoalbuminäre Dissoziation) nachweisbar, kann von einem Guillain-Barré-Syndrom ausgegangen werden. Zu beachten ist allerdings, dass dieser Befund häufig erst nach etwa einer Woche auftritt. Ein in den ersten Tagen normales Nervenwasser schließt die Erkrankung deshalb nicht aus – die Diagnose wird in dieser Phase anhand des klinischen Bildes gestellt, und die Behandlung wird nicht bis zum Nachweis aufgeschoben.
Zudem ist bei einem Guillain-Barré-Syndrom die Nervenleitgeschwindigkeit, die im Rahmen einer Elektroneurographie gemessen wird, herabgesetzt. Durch eine Elektromyographie werden Aussagen zu möglichen Störungen der die Muskelfasern versorgenden Nervenbahnen ermöglicht. Dieses Diagnoseverfahren ist allerdings nicht zur Frühdiagnose eines Guillain-Barré-Syndroms geeignet, da sich die entsprechenden Veränderungen erst nach etwa zwei Wochen feststellen lassen.
Vorliegende Herzrhythmusstörungen können mit Hilfe eines Elektrokardiogramms festgestellt werden, während durch eine Lungenfunktions- und Blutgasanalyse die Atemfunktion überprüft werden kann. Der entscheidende Messwert ist dabei die Vitalkapazität, also das Luftvolumen, das der Betroffene nach tiefstem Einatmen maximal ausatmen kann; sie wird in der akuten Phase mehrmals täglich bestimmt. Die Sauerstoffsättigung am Finger eignet sich dafür ausdrücklich nicht: Sie fällt erst ab, wenn die Atemmuskulatur bereits erschöpft ist, und erkennt die drohende Beatmungspflicht damit zu spät. Zudem sind in vielen Fällen Antikörper gegen Ganglioside im Serum nachweisbar. Ein Guillain-Barré-Syndrom weist in der Regel einen günstigen Verlauf auf und die Betroffenen sind innerhalb von 1 bis 6 Monaten weitestgehend oder vollständig ausgeheilt.
Komplikationen
Durch das Guillain-Barré-Syndrom leiden die Betroffenen an einer Entzündung der Nerven. Diese Entzündung führt dabei in den meisten Fällen zu Störungen der Sensibilität und zu Lähmungen. Diese müssen nicht am gesamten Körper auftreten, die betroffene Region hängt dabei in der Regel vom jeweilig gestörten Nerv ab. Der Patient leidet am typischen Kribbeln und an Taubheitsgefühlen.
Weiterhin kommt es bei den meisten Patienten zu Rückenschmerzen und zu Schmerzen in den Muskeln. Weiterhin treten auch Störungen der Koordination und Gangstörungen auf. Die Bewegung des Patienten wird durch das Guillain-Barré-Syndrom eingeschränkt. Im schlimmsten Falle kommt es zur vollständigen Lähmung aller vier Gliedmaßen, wobei der Patient dann vorübergehend auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Die gefährlichsten Komplikationen sind jedoch das Versagen der Atemmuskulatur, das eine künstliche Beatmung erforderlich macht, sowie schwere Herzrhythmus- und Blutdruckstörungen durch die Beteiligung des unwillkürlichen Nervensystems.
Nicht selten ist dann auch die Hilfe anderer Menschen im Alltag notwendig, um diesen weiterhin meistern zu können. Die Schmerzen können auch nachts auftreten und dabei zu Schlafbeschwerden führen. Durch die lange Bettlägerigkeit und eine gegebenenfalls notwendige Beatmung ist die Abwehrlage des Patienten häufig geschwächt, sodass es einfacher zu Entzündungen und Infekten kommt.
Das Guillain-Barré-Syndrom kann mit Hilfe von Medikamenten behandelt werden. Je früher die Behandlung eintritt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine vollständige Heilung des Patienten. Bei einer späten Behandlung können gegebenenfalls Restbeschwerden zurückbleiben, etwa eine Fußheberschwäche, Missempfindungen an den Füßen oder eine rasche Erschöpfbarkeit.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Das Guillain-Barré-Syndrom muss immer von einem Arzt untersucht werden. Es kann ohne Behandlung zu schwerwiegenden Beschwerden und Komplikationen führen, welche meist irreversibel sind. In der Regel ist der Arzt dann aufzusuchen, wenn es zu starken Rückenschmerzen oder zu Lähmungen kommt, die nicht von alleine wieder verschwinden.
Auch Taubheitsgefühle oder Störungen der Sensibilität können auf das Guillain-Barré-Syndrom hindeuten. Die Betroffenen leiden häufig unter einem Kribbeln in den Betroffenen Regionen. Weiterhin ist der Arzt dann aufzusuchen, wenn es zu starken Schmerzen in den Muskeln kommt.
Auch ohne Bewegung können die Schmerzen dabei eintreten. Ebenso weisen häufig Störungen der Koordination oder Gangstörungen auf das Guillain-Barré-Syndrom hin. Sollte das Syndrom nicht behandelt werden, so kann es im schlimmsten Fall zu einer vollständigen Lähmung aller vier Gliedmaßen und zum Versagen der Atmung kommen.
Beim Eintreten dieser Beschwerden ist ein Allgemeinarzt aufzusuchen. Dieser kann das Guillain-Barré-Syndrom feststellen. Die weitere Behandlung richtet sich allerdings nach den genauen Beschwerden und Ursachen des Syndroms und wird dann von einem jeweiligen Facharzt behandelt.
Ein Sonderfall ist die rasch aufsteigende Lähmung. Breiten sich Kraftlosigkeit oder Taubheitsgefühl innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen von den Füßen über die Beine nach oben aus, ist das Guillain-Barré-Syndrom ein Notfall, der ohne Umweg über die Sprechstunde in die Klinik gehört. Sofort der Notruf 112 zu wählen ist bei Atemnot, kurzatmigem Sprechen, Schluckstörungen, Verschlucken, hängendem Gesicht, Doppelbildern oder auffällig langsamem beziehungsweise rasendem Herzschlag. Bis zur Behandlung sollte der Betroffene nicht allein gelassen werden, weil sich die Lage innerhalb weniger Stunden ändern kann.
Behandlung & Therapie
Die therapeutischen Maßnahmen korrelieren bei einem Guillain-Barré-Syndrom mit dem spezifisch vorliegenden Verlauf der Erkrankung. So zielt die Therapie bei leichten Verlaufsformen auf die Reduzierung vorliegender Paresen (Lähmungen der Muskulatur) und eine Minimierung des Risikos für Infektionskrankheiten, Lungenentzündungen, Thrombosen sowie Kontrakturen (eingeschränkte Beweglichkeit der Gelenke) und Dekubiti (Wundliegegeschwüre) durch physiotherapeutische Maßnahmen.
Zur Erhöhung der Oberflächensensibilität kommen ergotherapeutische Maßnahmen (bspw. Übungen mit dem Igelball) zum Einsatz. Bei schweren oder akuten Erkrankungsverläufen mit ausgeprägten Beeinträchtigungen wie Geh-, Atem- und/oder Schluckstörungen wird therapeutisch in das Immunsystem des Betroffenen (Immuntherapie) eingegriffen. Hierzu kommen in der Regel Plasmapherese oder intravenös infundierte Immunglobuline zum Einsatz. Beide Verfahren sind in ihrer Wirksamkeit gleichwertig; welches gewählt wird, hängt vom Zustand des Betroffenen und den Möglichkeiten der Klinik ab. Sie nacheinander oder gemeinsam anzuwenden bringt keinen zusätzlichen Nutzen. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser wirkt sie – idealerweise innerhalb der ersten zwei Wochen nach Beginn der Beschwerden.
Ausdrücklich nicht wirksam ist beim Guillain-Barré-Syndrom die Gabe von Kortison, und zwar weder als Tablette noch als hochdosierte Infusion. Darin unterscheidet sich die Erkrankung von fast allen anderen entzündlichen Nervenerkrankungen und auch von der chronischen Verlaufsform CIDP, bei der Kortison zu den Standardmitteln zählt. Untersuchungen haben für das Guillain-Barré-Syndrom keinen Vorteil, teilweise sogar eine verzögerte Erholung gezeigt; Kortison gehört deshalb nicht zur Behandlung.
Ebenso wichtig wie die Immuntherapie ist die lückenlose Überwachung. Solange die Lähmung fortschreitet, gehören Betroffene auf eine Überwachungs- oder Intensivstation, wo mehrmals täglich die Vitalkapazität gemessen sowie Herzrhythmus und Blutdruck fortlaufend kontrolliert werden. Hinzu kommen die Vorbeugung von Thrombosen, eine sorgfältige Schmerzbehandlung – die Nervenschmerzen sprechen auf gewöhnliche Schmerzmittel oft schlecht an – und die frühzeitige Lagerung zum Schutz vor Druckgeschwüren.
Bei einer Plasmapherese-Therapie wird das körpereigene Plasma durch eine mit Albumin angereicherte Substitutionslösung ersetzt, um die für die neurologischen Beeinträchtigungen verantwortlichen Immunglobuline bzw. Antikörper auszutauschen. Im Rahmen einer Immunadsorption, die ein neueres Therapieverfahren darstellt, werden lediglich die pathologisch wirksamen Antikörper aus dem Plasma entfernt und substituiert.
Eine schonendere Therapiemaßnahme sind intravenös infundierte Immunglobuline, die die verantwortlichen körpereigenen sowie viralen und bakteriellen Antikörper neutralisieren und deren Synthese hemmen. Zudem reduzieren Immunglobuline die Aktivität bestimmter Zellen des Immunsystems, der sogenannten Makrophagen.
In vielen Fällen ist eine Intubation oder Beatmung der Betroffenen erforderlich, was atemgymnastische Therapiemaßnahmen nach sich ziehen kann. Weist das Guillain-Barré-Syndrom einen lebensbedrohlichen Verlauf auf, kann bei Vorliegen einer Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) ein passager Herzschrittmacher notwendig werden.
Aussicht & Prognose
Die Aussichten beim Guillain-Barré-Syndrom sind überwiegend gut. Es handelt sich um eine einmalige, abgelaufene Entzündung und nicht um ein dauerhaftes Leiden: Nachdem die Erkrankung ihren Höhepunkt erreicht hat, bilden sich die Lähmungen in aller Regel wieder zurück, weil die geschädigten Nervenhüllen nachwachsen. Ungefähr vier von fünf Betroffenen können nach einem halben bis einem Jahr wieder selbstständig gehen, viele werden vollständig gesund. Die Erholung zieht sich allerdings über Monate hin und verlangt Geduld.
Bei einem Teil der Betroffenen bleiben Restbeschwerden zurück, meist eine Schwäche der Fußheber, Missempfindungen an Füßen und Händen oder eine ausgeprägte Erschöpfbarkeit, die noch Jahre nach der Erkrankung anhalten kann. Etwa drei bis fünf von hundert Erkrankten versterben, in aller Regel an den akuten Komplikationen der schweren Verlaufsphase, also an Atemversagen, Lungenentzündung, Thrombosen oder schweren Herzrhythmusstörungen. Genau deshalb ist die lückenlose Überwachung in dieser Phase so wichtig.
Ungünstiger fällt die Prognose aus, wenn die Erkrankung sehr rasch fortschreitet, eine Beatmung notwendig wird, der Betroffene über 60 Jahre alt ist oder die Nervenfasern selbst und nicht nur ihre Hüllen geschädigt sind. Eine dauerhafte Immuntherapie oder ein Herzschrittmacher sind demgegenüber nicht der Regelfall; ein Schrittmacher wird, wenn überhaupt, nur vorübergehend für die akute Phase benötigt. Rückfälle sind selten, aber möglich. Mit Hilfe von physiotherapeutischen Übungen wird der Alltag des Patienten in der Erholungsphase erleichtert.
Das Guillain-Barré-Syndrom führt nicht selten auch zu Depressionen oder zu anderen psychischen Verstimmungen, weil der plötzliche Verlust der Beweglichkeit und die lange Genesungszeit sehr belastend sind; eine psychologische Begleitung ist daher für viele Betroffene hilfreich. Wird die Erkrankung nicht behandelt und überwacht, drohen dagegen die genannten lebensbedrohlichen Komplikationen der akuten Phase.
Vorbeugung
Da die Ätiologie des Guillain-Barré-Syndroms nicht geklärt ist, existieren keine vorbeugenden Maßnahmen für diese Erkrankung. Weil der häufigste bekannte Auslöser ein Magen-Darm-Infekt durch Campylobacter jejuni ist, verringert sorgfältige Küchenhygiene beim Umgang mit rohem Geflügel zumindest ein Risiko, das zur Erkrankung beitragen kann.
Nachsorge
Da es sich beim Guillain-Barré-Syndrom weder um eine Erbkrankheit noch um ein dauerhaftes Leiden handelt, zielt die Nachsorge vor allem darauf ab, die Erholung zu begleiten. Im Vordergrund stehen die frühzeitige Erkennung und Behandlung dieser Krankheit sowie eine geregelte Anschlussbehandlung. Angehörige müssen keine Vererbung befürchten; eine genetische Beratung ist bei bestehendem Kinderwunsch nicht erforderlich, weil das Syndrom nicht weitergegeben wird.
An die Akutbehandlung schließt sich in den meisten Fällen eine neurologische Rehabilitation an. Die Behandlung richtet sich immer nach der genauen Ausprägung und der Art der Beschwerden. In der Regel ist der Patient dabei auf Maßnahmen der Physiotherapie angewiesen, wobei viele Übungen aus dieser Therapie auch im eigenen Zuhause durchgeführt werden.
In der Regel wird dadurch die Erholung unterstützt. Wichtig ist, die Belastung langsam zu steigern und Erschöpfung nicht zu erzwingen, da eine Überforderung den Fortschritt eher bremst. Ebenso ist der Körper des Patienten vor verschiedenen Infekten und anderen Krankheiten zu schützen. Solange in der akuten Phase das unwillkürliche Nervensystem beteiligt ist, werden Herzrhythmus und Blutdruck engmaschig überwacht; in der Erholungsphase klingen diese Störungen aber üblicherweise wieder ab, sodass dauerhafte Herzuntersuchungen nur bei fortbestehenden Beschwerden nötig sind.
Operative Eingriffe am Herzen sind durch das Guillain-Barré-Syndrom nicht zu erwarten. In vielen Fällen kann auch der Kontakt zu anderen Patienten des Guillain-Barré-Syndroms sinnvoll sein, da es dabei zu einem Austausch an Informationen kommt.
Das können Sie selbst tun
Ziel aller Selbsthilfemaßnahmen ist, betroffene Personen zu größtmöglicher Selbstständigkeit im Alltag zu befähigen. Eine ambulante Physio- und Ergotherapie ist indiziert, um einen Mobilitätsverlust zu verhindern. Hier eignet sich insbesondere die Medizinische Trainingstherapie (MTT).
Im Rahmen dieses Trainings wird ein Trainingsplan erarbeitet, der an die Leistungsfähigkeit des Patienten angepasst ist. Nach einigen begleiteten Therapieeinheiten können die Betroffenen diese Übungen selbstständig ausführen. Dies ist in speziellen Trainingszentren sowie im häuslichen Bereich per Heimtrainer oder Gymnastik durchführbar.
Eine ergotherapeutische Behandlung ist in Bezugnahme auf die Sensibilitätsstörungen der oberen und unteren Extremität sinnvoll. Auch Funktionsstörungen der Extremitäten werden im Rahmen dieser Therapie durch Übungen verbessert, die nach Anleitung auch in den Alltag adaptierbar sind. Unabhängig von der Medizinischen Trainingstherapie empfiehlt sich Wassergymnastik.
Durch den Auftrieb im Wasser ist diese besonders gelenkschonend und ermöglicht Bewegungen, die an Land noch nicht gelingen. Ergänzend lässt sich ein Gangtraining bei alltäglichen Tätigkeiten durchführen. Wechselnde Untergründe, Treppensteigen und die Variation der Geschwindigkeit schulen den Gleichgewichtssinn und die Sensibilität der Füße.
Eine Beratung zur häuslichen Versorgung sowie eine Hilfsmittelberatung ist bei schweren Verläufen angezeigt. Der plötzliche Verlust von Fähigkeiten führt bei vielen Betroffenen zu einer reaktiven Depression. Psychologische Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung oder Selbsthilfegruppen steigern das Krankheitsverständnis und helfen bei der Adaption in den Alltag.
Quellen
- Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606742
- Hacke, W. (Hrsg.): Neurologie.
ISBN: 9783662468913
- Masuhr, K. F., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie.
ISBN: 9783132410961
- Müller-Vahl, H., Tegenthoff, M. (Hrsg.): Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome.
ISBN: 9783132416147
- Hufschmidt, A., Rauer, S., Glocker, F. X. (Hrsg.): Neurologie compact.
ISBN: 9783132430358
