Neurose
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 20. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Eine Neurose oder neurotische Störung ist eine Sammelbezeichnung für viele verschiedene psychische Störungen. Meist ergeben sich hierbei keine körperlichen Ursachen. Häufig begleiten diverse Angststörungen die Neurose. Zu trennen ist eine Neurose von ihrem Gegenstück, der Psychose. Anders als bei einer Psychose bleibt bei einer Neurose die Realitätsprüfung erhalten: Die Betroffenen erleben ihre Ängste, Zwänge oder Beschwerden als übertrieben und belastend, verlieren aber nicht den Bezug zur Wirklichkeit. Häufigste neurotische Störungen sind die Angststörung, Zwangsstörung und Hypochondrie. Als eigenständige Diagnose wird der Begriff „Neurose“ heute nicht mehr gestellt; er gilt als historischer Sammelbegriff.
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Was ist eine Neurose?
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Die Bezeichnung Neurose wird in den heute verwendeten Diagnose-Handbüchern nicht mehr verwendet: Die ICD-10 der WHO kategorisiert unter Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen verschiedene psychische Erkrankungen ohne körperliche Ursache. Phobische Störungen, Angst- und Zwangserkrankungen, Belastungs- und Anpassungsstörungen, dissoziative Störungen, die multiple Persönlichkeitsstörung, somatoforme und „andere neurotische Störungen“ werden hier unter dem Kapitel F 4 zusammengefasst. Die multiple Persönlichkeitsstörung wird heute üblicherweise als dissoziative Identitätsstörung bezeichnet. In der Nachfolgeklassifikation ICD-11 ist das Wort „neurotisch“ ganz aufgegeben worden; die einzelnen Störungsbilder stehen dort in getrennten Kapiteln.
Historisch betrachtet definierte William Cullen im Jahre 1776 die Neurose als eine nervlich bedingte funktionelle Erkrankung, der keine organische Ursache zugrunde liegt. In der Tradition der Psychoanalyse entwickelte Sigmund Freud das Konzept einer leichtgradigen psychischen Störung, die durch einen seelischen Konflikt entstand. Freud bezog diesen Konflikt auf unterdrückte Ängste oder sexuelle Problematiken.
Ursachen
Eine organische Beteiligung an der Entstehung einer Neurose wird nicht mehr ausgeschlossen: So werden genetische Dispositionen in "Vulnerabilitäts-Stress-Hypothesen" als mitverursachend beschrieben. Eine gesteigerte Angstbereitschaft bzw. übertriebene Angstreaktion auf neutrale Stimuli zeigt sich als verbindendes Element der einzelnen Störungen trotz ihrer unterschiedlichen Symptomatiken.
Statistisch gesehen machen neurotische Störungen einen Großteil der psychischen Erkrankungen aus. Insbesondere bei den somatoformen Störungen ist das weibliche Geschlecht überrepräsentiert, wobei diese Häufung auch auf die Tatsache, dass Frauen häufiger einen Arzt aufsuchen und statistisch leichter erfasst werden können, zurückzuführen sein könnte.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Je nach Art und Schwere kann eine Neurose verschiedene Symptome hervorrufen. Bei einer Panikstörung treten unvermittelt Panikattacken auf, die sich durch starkes Herzklopfen, Atemnot, Schwindel, Brustschmerzen, Zittern, Schweißausbrüche, Mundtrockenheit und Todesangst äußern. Die Anfälle haben scheinbar keinen direkten Auslöser und halten in der Regel nur wenige Minuten an.
Werden nur körperliche Symptome verstärkt wahrgenommen, die das Herz betreffen (erhöhter Puls, Brustschmerzen, Atemnot), spricht der Mediziner von einer Herzneurose. Eine Phobie macht sich durch unbegründete Angst vor bestimmten Situationen, Gegenständen oder Tieren bemerkbar, während die generalisierte Angststörung durch ein über längere Zeit anhaltendes diffuses Angstgefühl ohne bestimmten Auslöser gekennzeichnet ist. Symptome dafür können eine mit Zittern und Ruhelosigkeit einhergehende ständige innere Anspannung, Beklemmungsgefühle, Mundtrockenheit, Schwindel und Schlafstörungen sein.
Anzeichen einer Zwangsstörung kann der unkontrollierbare Drang sein, eine Tätigkeit wie etwa das Händewaschen wiederholt und ohne erkennbaren Grund auszuführen. Auch sich permanent aufdrängende Zwangsgedanken oder der zwanghafte Impuls, sich selbst oder andere zu verletzen, lassen an eine Zwangsstörung denken.
Die Hypochondrie äußert sich durch eine verstärkte Wahrnehmung des eigenen Körpers, auch harmlose Abweichungen von der Norm werden als ernsthafte Störungen wahrgenommen. Körperfunktionen werden permanent überprüft, selbst ein unauffälliges Untersuchungsergebnis bringt die Betroffenen nicht von der Überzeugung ab, ernsthaft erkrankt zu sein.
Krankheitsverlauf
Bezugnehmend auf den Verlauf einer Neurose gilt wie bei vielen psychischen Störungen die Eindrittel-Regel: Ein Drittel der Betroffenen ist in der Lage, weitgehend unbehelligt von der neurotischen Auffälligkeit ein normales Leben zu führen, ein Drittel erlebt kontinuierlich Phasen mit starker behandlungsbedürftiger Symptomatik, ein Drittel ist durch die Erkrankung so beeinträchtigt, dass nur ein soziales Nischendasein möglich ist. Dieses letztgenannte Drittel zeigt sich behandlungsresistent. Diese grobe Faustregel stammt aus der Verlaufsforschung zu schweren psychischen Erkrankungen und lässt sich auf den einzelnen Betroffenen nicht übertragen: Angst- und Zwangsstörungen sprechen heute in vielen Fällen gut auf eine Verhaltenstherapie an.
Neurosen manifestieren sich hauptsächlich zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr mit einem Gipfel im 3. Lebensjahrzehnt. Die neurotische Depression, heute als Dysthymia bezeichnet, zählt mit ca. 5 % zu den häufigsten neurotischen Störungen. Auch im Kindes- und Jugendalter können sich Neurosen als Früh- oder Brückensymptome zeigen, die teils bis ins Erwachsenenalter bestehen können: Einnässen, Einkoten, Essstörungen, seelisch bedingte Herz- und Atembeschwerden, Ängstlichkeit, soziale Unsicherheit, gestörtes Bindungsverhalten, Zwänge, Phobien, Stottern, Nägelkauen, Aggressivität, Schulschwänzen, etc.
Komplikationen
Neurosen, die nur den Betroffenen selbst zum Ziel haben (Waschzwang, Ordnungszwang bei eigenen Objekten) wirken sich in erster Linie zeitraubend aus, können aber auch zu Hautirritationen, einer körperlichen Überlastung und ähnlichem führen. Nehmen die Rituale mehrere Stunden am Tag ein, können sie Alltag, Ausbildung und Beruf allerdings vollständig lahmlegen.
Neurosen bergen ein großes Potenzial, den Betroffenen dauerhaft zu belasten. Die andauernde psychische Belastung führt zu den gleichen Auswirkungen wie dauerhafter Stress. Depressive Tendenzen, Herzprobleme, ein verringertes Selbstwertgefühl und andere Symptome folgen und können behandlungsbedürftig werden.
Einen Sonderfall stellen die Neurosen dar, die sich ausschließlich körperlich bemerkbar machen. So können Herz-, Darm- oder Magenbeschwerden ohne organischen Befund eine erhebliche Dauerbelastung darstellen. Die Organe selbst nehmen dabei keinen Schaden – die Beschwerden sind dennoch real und können den Alltag über Jahre bestimmen, weshalb sie ebenso ernst genommen und behandelt gehören.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Neurosen sind ernst zu nehmende psychische Erkrankungen, die den Alltag stark einschränken und dazu führen können, dass Betroffene sich selbst in Gefahr bringen. Eine Gefahr für andere geht von neurotischen Störungen dagegen nur in Ausnahmefällen aus. Für den Laien sind Neurosen nur schwer als solche zu erkennen; allerdings bemerken Außenstehende oft am Verhalten eines betroffenen Menschen, dass es ihm psychisch nicht gut geht. Neurosen können zeitweise oder dauerhaft auftretende Zustände sein - unabhängig davon, in welcher Form sie auftreten, sie bedürfen in jedem Fall schnellstmöglicher psychologischer Hilfe. Häufig werden sich Neurose-Betroffene selbst nicht an einen Arzt wenden, sodass die Angehörigen gefordert sind.
Besteht Grund zur Annahme, dass ein neurotischer Patient sich selbst oder andere verletzen oder gefährden könnte oder gar vorhat, Suizid zu begehen, gibt es die Möglichkeit, ihn zwangsweise in eine psychiatrische Einrichtung einweisen zu lassen. Das dient seinem eigenen Schutz und er wird erst wieder entlassen, wenn er keine Gefahr mehr darstellt. Eine solche Unterbringung gegen den Willen des Betroffenen ist in Deutschland nur bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung zulässig und muss von einem Gericht angeordnet werden; die Einzelheiten regeln die Unterbringungsgesetze der Bundesländer und das Betreuungsrecht. Besteht akute Suizidgefahr, sollte man nicht abwarten, sondern sofort den Notruf 112 wählen; rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar ist außerdem die Telefonseelsorge unter 0800 1110111 und 0800 1110222. Betroffene, die vorher jede Hilfe verweigert haben, können sich oft erst auf diese Weise helfen lassen und bleiben nach einem so einschneidenden Erlebnis auch in Behandlung. Psychische Erkrankungen nach einer Geburt sind inzwischen so gut bekannt, dass gefährdete Frauen schon in der Schwangerschaft darüber aufgeklärt und im Wochenbett gezielt begleitet werden können. Sie zählen allerdings nicht zu den neurotischen Störungen und erfordern eine eigene fachärztliche Behandlung.
Behandlung & Therapie
Je nach spezifischem Krankheitsbild einer Neurose und theoretischer Ausrichtung haben sich unterschiedliche Therapieverfahren etabliert: Während die Psychoanalyse versucht, frühkindliche Konflikte zu ergründen, konzentriert sich die moderne Verhaltenstherapie auf das Erlernen von Bewältigungsstrategien, die in akuten Konfliktsituationen ein angepasstes Verhalten (und damit Empfinden) erlauben.
Meistens erfolgt, vor allem bei Zwangs- und Angststörungen, eine Kombination aus einer psychopharmakologischen und verhaltenstherapeutischen Behandlung. Phobien sprechen sehr gut auf so genannte Expositionsmethoden der Verhaltenstherapie an, wobei der Betroffene der Konfrontation mit dem phobischen Stimulus, die in der Realität (in vivo) oder in der Vorstellung (in sensu) stattfinden kann, ausgesetzt wird. Zwangsstörungen zeigen sich trotz unterstützender Medikation als schwer behandelbar. Als Mittel der Wahl gilt hier heute die Exposition mit Reaktionsverhinderung – der Betroffene setzt sich der auslösenden Situation aus, ohne das Zwangsritual auszuführen –, meist kombiniert mit einem Antidepressivum aus der Gruppe der SSRI; damit lässt sich bei der Mehrzahl der Betroffenen eine deutliche Besserung erreichen.
Aussicht & Prognose
Die Prognose bei einer Neurose hängt von der Art und Ausprägung der Erkrankung ab. Handelt es sich um Organneurosen, also um funktionelle Beschwerden einzelner Organe ohne körperlichen Befund, kann eine gezielte Behandlung des zugrunde liegenden Konflikts das Problem manchmal ganz beheben. Danach treten bestenfalls gar keine Beschwerden mehr auf, oder aber die Beschwerden werden spürbar verringert und die Lebensqualität des Betroffenen kann verbessert werden.
Psychische Neurosen beruhen meistens auf einer angelernten Fehlanpassung und lassen sich durch eine geeignete Psychotherapie sowie je nach Bedarf durch die Einnahme von Medikamenten behandeln; von ihnen abzugrenzen sind die Persönlichkeitsstörungen. Handelt es sich bei der neurotischen Erkrankung um eine Fehlanpassung, ist davon auszugehen, dass der Betroffene sich früher einmal besser an bestimmte Situationen angepasst hat oder diese normale Reaktion zumindest in ihm steckt. Psychotherapie kann helfen, das erlernte Fehlverhalten wieder in gesunde und sozial erwünschte Bahnen zu lenken.
Nach der Behandlung merken Betroffene bestenfalls nichts mehr von der einst dagewesenen Neurose. Persönlichkeitsstörungen dagegen bleiben auch mit Behandlung oft bestehen, allerdings können Betroffene durch verschiedene Therapieansätze einen gesünderen Umgang damit erlernen. Auch Medikamente können helfen, mit den Folgen einer solchen Störung besser zurechtzukommen und den Leidensdruck der Betroffenen langfristig zu verringern. Wichtig für eine gute Prognose ist jedoch die freiwillige Mitarbeit des Betroffenen an der Therapie.
Nachsorge
Bei einer Neurose ist eine konsequente Nachsorge vor allem in der Phase nach Therapieabschluss oft ganz entscheidend, wenn es darum geht, den Behandlungserfolg auch auf lange Sicht zu stabilisieren. Die Nachsorge wird in der Regel mit dem behandelnden Psychologen oder Psychotherapeuten abgestimmt. Ergeben sich Fragen oder Probleme, kann der Patient auch im Rahmen der Nachsorge diese in einer erneuten Sitzung klären.
Die Nachsorge wird optimalerweise exakt darauf abgestimmt, welche Form von Neurose der Patient hat und in welcher Ausprägung sich diese gezeigt hat. Handelt es sich beispielsweise um eine Angstneurose, die im Rahmen einer Verhaltenstherapie behandelt wurde, ist es in der Regel auch in der Nachsorge wichtig, dass der Patient die neu erlernten Verhaltensmuster immer wieder in Eigenregie übt und konsequent in seinen Alltag integriert.
Oft ist eine Selbsthilfegruppe in diesem Zusammenhang der ideale Begleiter. Probleme mit Gleichgesinnten zu besprechen, ist oftmals besonders hilfreich und der Erfahrungsaustausch kann Krisen überwinden helfen und wertvolle Tipps bieten. Auch Entspannung ist für Neurosepatienten wichtig und somit ein wichtiger Baustein in der Nachsorge dieser Erkrankung.
Entspannungsmethoden wie die Progressive Muskelrelaxation und das Autogene Training werden im Idealfall unter Anleitung in einem Kurs erlernt und danach zu Hause selbstständig angewandt. Auch der Besuch von Yogakursen dient der Entspannung.
Das können Sie selbst tun
Da der Begriff „Neurose“ unterschiedlich interpretiert werden kann, sind auch die Möglichkeiten zur Selbsthilfe breit gefächert. Bei vielen neurotischen Störungen zeigen Entspannungsverfahren und Achtsamkeit einen positiven Effekt, u. a. bei Angststörungen, Zwangserkrankungen, verschiedenen Persönlichkeitsstörungen und somatoformen Störungen. Wissenschaftlich abgesicherte Tiefenentspannung bietet zum Beispiel das autogene Training oder die progressive Muskelrelaxation. Beide Verfahren können dazu beitragen, die Symptome langfristig zu reduzieren.
Um ein Entspannungsverfahren zu erlernen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wenn sich Betroffene die Tiefenentspannung selbst beibringen möchten, können sie auf Bücher oder fundierte Anleitungen aus dem Internet zurückgreifen. Auch Audioaufnahmen mit Instruktionen können helfen.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, an einem Entspannungskurs teilzunehmen, der von einem qualifizierten Kursleiter durchgeführt wird. In Deutschland fördern die gesetzlichen Krankenkassen die Entspannung als Primärprävention. Die Kosten für einen Entspannungskurs können deshalb von der Krankenkasse erstattet werden. Die Voraussetzung ist, dass der Kursleiter eine entsprechende Kassenzulassung besitzt. Eine Diagnose muss nicht vorliegen. Erstattet wird dabei in der Regel nur ein Teil der Kursgebühr – üblich sind rund 80 Prozent für zwei Kurse im Jahr –, und der Kurs muss nach § 20 SGB V zertifiziert sein. Die Einzelheiten legt jede gesetzliche Krankenkasse selbst fest; privat Versicherte müssen die Bedingungen ihres Tarifs prüfen. Die Entspannung sollte auch nach Kursende regelmäßig angewandt werden, damit sie wirksam sein kann.
Menschen mit Persönlichkeitsstörungen können von einer guten Selbstreflexion im Alltag profitieren. Dabei wenden sie das an, was sie in der Therapie gelernt haben. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann hilfreich sein; allerdings ist darauf zu achten, dass in der Selbsthilfegruppe kein Wettbewerb entsteht.
Quellen
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432673
- Ermann, M.: Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
ISBN: 9783170368002
- Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H. (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10.
ISBN: 9783456857008
- Berger, M. (Hrsg.): Psychische Erkrankungen.
ISBN: 9783437224850
- Kruse, J., Herzog, W., Henningsen, P. (Hrsg.): Psychosomatische Medizin.
ISBN: 9783437218354
