Orthomolekulare Medizin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die orthomolekulare Medizin nach Linus Pauling ist eine alternativmedizinische Methode. Sie versucht, durch hoch dosierte Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente Krankheiten zu vermeiden.
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Was ist die Orthomolekulare Medizin?
Die orthomolekulare Medizin wurde maßgeblich durch Linus Pauling geprägt, der heute als ihr Entwickler gilt. Sie geht davon aus, dass ein biochemisches Ungleichgewicht im Körper Krankheiten verursacht.
Um dieses Ungleichgewicht zu vermeiden, muss der Körper jederzeit mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen in ausreichender Menge versorgt werden. Ist er das, ist das Ungleichgewicht unwahrscheinlich und Krankheiten lassen sich nach Auffassung der orthomolekularen Medizin vermeiden. Da es keinen Nachweis über die Richtigkeit dieser Annahme gibt, handelt es sich um eine Sparte der Alternativmedizin. Die orthomolekulare Medizin beruht im Wesentlichen auf der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, die die enthaltenen Mikronährstoffe teils sehr hoch dosieren.
Es wäre natürlich auch möglich, diese hohen Dosen an Vitaminen und Mineralstoffen durch die Nahrung aufzunehmen, praktisch umsetzbar ist das aber in der Regel nicht. Befürworter der orthomolekularen Medizin greifen in der Praxis daher meist auf Nahrungsergänzung zurück.
Der Begriff selbst geht auf einen Aufsatz zurück, den Linus Pauling 1968 in der Fachzeitschrift Science unter dem Titel „Orthomolecular Psychiatry“ veröffentlichte. Er ist aus dem griechischen ortho- für „richtig“ und dem Wort Molekül gebildet; gemeint sind die richtigen Moleküle in der richtigen Konzentration. Pauling fasste darunter den Gedanken, Gesundheit dadurch zu erhalten und Krankheiten zu behandeln, dass die Konzentration von Stoffen angepasst wird, die im Körper ohnehin vorkommen. Genau darin liegt die Abgrenzung, die die Richtung für sich beansprucht: Sie will nach eigenem Verständnis keine körperfremden Wirkstoffe einsetzen, sondern körpereigene Stoffe in veränderter Menge. Der Aufsatz galt der Psychiatrie, und dort lag auch der Ursprung des Ansatzes: Schon in den 1950er Jahren hatten Ärzte versucht, Schizophrenie mit hoch dosierten Vitaminen zu behandeln. Dieser Zweig wird heute als orthomolekulare Psychiatrie geführt; auf andere Krankheitsbilder wurde der Gedanke erst danach ausgeweitet.
Von der orthomolekularen Medizin zu unterscheiden ist der gezielte Ausgleich eines nachgewiesenen Mangels. Wer wegen einer Aufnahmestörung zu wenig Vitamin B12 verwertet, wer bei einer Blutarmut Eisen benötigt oder wer bei einem Säugling einer Rachitis vorbeugen soll, erhält den fehlenden Stoff aus einem belegten Anlass, in ärztlich festgelegter Höhe und unter Kontrolle. Das ist gewöhnliche Medizin und kein alternativmedizinisches Konzept. Der Unterschied liegt weniger im Stoff als in der Begründung: Dort steht ein festgestellter Vitaminmangel am Anfang, hier die Annahme, mehr sei grundsätzlich besser.
Rechtlich sind die verwendeten Präparate in Deutschland und in der Europäischen Union keine Arzneimittel, sondern Lebensmittel. Die Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel definiert sie als Lebensmittel, die dazu bestimmt sind, die allgemeine Ernährung zu ergänzen, die ein Konzentrat von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung darstellen und die in dosierter Form in den Verkehr gebracht werden – als Kapseln, Pastillen, Tabletten, Pillen, Pulverbeutel, Flüssigampullen oder ähnliche Darreichungsformen. Als Nährstoffe gelten dabei Vitamine und Mineralstoffe einschließlich der Spurenelemente.
Aus dieser Einordnung folgt Wesentliches. Ein Nahrungsergänzungsmittel muss vor dem Verkauf keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen, wie ihn ein Arzneimittel in einem Zulassungsverfahren führen muss. Die Verantwortung für die Sicherheit liegt beim Inverkehrbringer; überwacht wird nachgelagert durch die Lebensmittelüberwachung der Länder. Vorgeschrieben ist dafür eine Reihe von Kennzeichnungen: die Bezeichnung „Nahrungsergänzungsmittel“, die Angabe der Nährstoffkategorien, die empfohlene tägliche Verzehrsmenge, der Warnhinweis, dass diese Menge nicht überschritten werden darf, der Hinweis, dass Nahrungsergänzungsmittel kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sind, sowie der Hinweis, das Erzeugnis außerhalb der Reichweite von kleinen Kindern aufzubewahren. Der Warnhinweis zur Verzehrsmenge verdient dabei besondere Beachtung, weil das Konzept der orthomolekularen Medizin gerade auf einer deutlich erhöhten Zufuhr beruht.
Historisch ist die Idee vor dem Hintergrund der Vitaminforschung zu verstehen. Im frühen 20. Jahrhundert klärte sich, dass Krankheiten wie Skorbut durch das Fehlen eines einzigen Stoffes entstehen und durch dessen Zufuhr wieder verschwinden. Diese Erfahrung – ein Stoff, eine Krankheit, eine Heilung – prägte die Erwartung, dass sich auch andere Leiden auf ein Zuwenig an Nährstoffen zurückführen und ähnlich einfach beheben ließen. Die orthomolekulare Medizin überträgt diesen Gedanken auf Beschwerden, bei denen ein solcher Mangel nicht nachgewiesen ist, und dehnt ihn zugleich auf Mengen aus, die über das zur Behebung eines Mangels Nötige weit hinausgehen.
Angeboten wird sie in Deutschland von Ärzten mit entsprechender Zusatzausbildung, von Heilpraktikern und von Beratern ohne heilkundliche Erlaubnis. Eine geschützte Berufsbezeichnung oder eine einheitlich geregelte Ausbildung gibt es dafür nicht, sodass Umfang und Qualität der Beratung stark voneinander abweichen können.
Funktion, Wirkung & Ziele
Heute dagegen wird die orthomolekulare Medizin jedem Menschen von der Alternativmedizin ans Herz gelegt, der gegen Krankheiten aller Art aktiv etwas unternehmen will. Der Ansatz geht schließlich davon aus, dass jede Krankheit grundsätzlich etwas mit Mangelerscheinungen und biochemischem Ungleichgewicht zu tun hat. Die orthomolekulare Medizin soll sich dabei auch vorbeugend bei schweren Krankheiten wie Krebs auswirken können. Gerade aufgrund dieser Behauptung steht sie allerdings auch in der Kritik, denn eine Reihe von Studien hat bereits keine Zusammenhänge zwischen der Behandlung von Krebs und der Gabe von hohen Dosen von Vitaminen feststellen können.
Nicht vollkommen verkehrt ist die orthomolekulare Medizin dagegen in der Supplementierung bei schwangeren Frauen oder Frauen mit Kinderwunsch. Da diese Frauen einen erhöhten Bedarf an Folsäure, Iod und später auch an Eisen haben, wird ihnen in dieser Zeit gerne Nahrungsergänzung verordnet, die aus dem Bereich der orthomolekularen Medizin stammen darf. Sie erhalten diese allerdings nicht unkontrolliert und auf Dauer, sondern in engmaschiger Kontrolle durch ihren begleitenden Gynäkologen, um eine Überdosierung insbesondere von Eisen zu vermeiden. Der heute übliche Einsatz der orthomolekularen Medizin besteht in der orthomolekularen Ernährung, bei der der Patient darauf achtet, Vitamine und Mineralstoffe in weit höheren Mengen als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen einzunehmen.
Dieser Grundsatz gilt nicht nur für einige, sondern für mehrere oder gar alle Mikronährstoffe. Hierzu behilft sich der Patient mit eigens darauf abgestimmten Nahrungsergänzungsmitteln aus der Apotheke, da es fast nicht möglich ist, durch die Nahrung allein die erforderlichen Mengen zu sich zu nehmen. Weiterhin kann die orthomolekulare Medizin auch bei schon bestehenden Krankheiten zum Einsatz kommen, wobei nun meist einzelne Mikronährstoffe in besonders hoher Dosis verordnet und eingenommen werden.
Welche Stoffe dabei zum Einsatz kommen, reicht über Vitamine und Mineralstoffe hinaus. Neben Vitamin C, Vitamin D, Vitamin E und den B-Vitaminen werden Spurenelemente wie Zink und Selen, Mengenelemente wie Magnesium, außerdem Aminosäuren, bestimmte Fettsäuren, Enzyme und pflanzliche Begleitstoffe verwendet. Häufig werden sie nicht einzeln, sondern als Kombinationspräparat zusammengestellt.
Die Begründung stützt sich in weiten Teilen auf das Konzept der Antioxidantien. Danach entstehen im Stoffwechsel und unter Belastungen wie Rauchen, Umwelteinflüssen oder Krankheit reaktionsfreudige Verbindungen, die als Freie Radikale bezeichnet werden und Zellbestandteile schädigen können. Vitamine und andere Stoffe mit antioxidativen Eigenschaften sollen diese Verbindungen abfangen. Daraus leitet die orthomolekulare Medizin ab, dass eine reichliche Zufuhr solcher Stoffe vor Schäden schützen könne; diese Annahme bildet den Kern ihres Selbstverständnisses.
Im praktischen Vorgehen steht meist eine ausführliche Befragung am Anfang, oft ergänzt durch Fragebögen zu Ernährungsgewohnheiten, Beschwerden und Lebensumständen. Hinzu kommen Laboruntersuchungen. Neben der üblichen Blutuntersuchung wird dabei häufig auf besondere Analysen zurückgegriffen, etwa auf die Messung im Vollblut anstelle des Blutserums oder auf die Untersuchung von Haaren. Solche Verfahren sind in ihrer Aussagekraft umstritten, und die Kosten trägt in aller Regel der Patient selbst. Auf der Grundlage der Ergebnisse wird anschließend ein individueller Plan aufgestellt, dessen Umfang von einem einzelnen Präparat bis zu einer umfangreichen Zusammenstellung reichen kann.
Die Nähe zu anderen Richtungen der Alternativmedizin ist dabei geringer, als es auf den ersten Blick scheint. Von der Homöopathie unterscheidet sich die orthomolekulare Medizin grundlegend: Dort steht die starke Verdünnung im Mittelpunkt, hier die möglichst hohe Zufuhr messbarer Stoffmengen. Näher steht sie Teilen der Naturheilkunde mit deren Betonung von Ernährung und Lebensführung; anders als diese arbeitet sie jedoch überwiegend mit industriell hergestellten Konzentraten.
Zu unterscheiden ist sie schließlich von der Ernährungsmedizin. Auch diese befasst sich mit Nährstoffen, setzt jedoch bei den Ernährungsgewohnheiten und der Zusammensetzung der Mahlzeiten an und greift zu Präparaten erst dann, wenn sich ein Bedarf anders nicht decken lässt. Die orthomolekulare Medizin kehrt diese Reihenfolge um und stellt das Präparat an den Anfang.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
In Entwicklungsländern mag diese Annahme zutreffen, in industrialisierten Ländern gibt es aber nur noch wenige Mangelerscheinungen. Da die orthomolekulare Medizin jedoch ohne größere Untersuchungen Nahrungsergänzung empfiehlt, kann es sein, dass dies zu einer Überdosis führt. Obwohl die Annahme vorherrscht, man könne Vitamine nur schwer überdosieren, kann das durchaus passieren. Die Folgen scheinen sich Erkenntnissen aus mehreren Studien nach eher langfristig zu zeigen. Personen, die Vitamine über längere Zeit überdosierten, zeigten in diesen Studien beispielsweise eine erhöhte Sterblichkeit. Die Überdosis selbst kann diesen Erkenntnissen nach also erst zu Erkrankungen führen - obwohl die orthomolekulare Medizin behauptet, das Risiko der Erkrankung durch die hohe Dosierung zu senken.
Bei Mineralstoffen ist eine Überdosis viel schneller gefährlich, eine Überdosierung kann so schon relativ schnell ernste Symptome nach sich ziehen. Glücklicherweise werden Symptome meist schnell auf die Ursache zurückgeführt, wenn der Patient beim Arztbesuch angibt, sich nach der orthomolekularen Medizin zu richten. Eine weitere Gefahr sind die Behauptungen der orthomolekularen Medizin in Fällen von schweren Krankheiten wie etwa Krebs. Durch die Gabe verschiedener Vitamine und Mineralstoffe will sie die Erkrankung beeinflussen und eine etwaige Chemotherapie in manchen Fällen weniger toxisch machen können. Derartige Effekte wurden allerdings nicht nachgewiesen.
Wie bei vielen Formen der Alternativmedizin, die erkrankten Menschen bei schweren und potenziell lebensbedrohlichen Krankheiten helfen können wollen, spricht sie den Menschen in einem psychisch sehr gefährlichen Moment an. Auf der Suche nach Hoffnung sind Menschen eher bereit, sich auf die Alternativmedizin einzulassen. Sie gefährden damit unter Umständen aber die Wirkung der Medikation, die ihnen wirklich helfen kann. Schlimmstenfalls lehnen sie diese sogar gänzlich ab, beenden die tatsächlich wirksame Therapie und ermöglichen damit ein schnelleres Voranschreiten der Erkrankung, da sie während einer alternativmedizinischen Behandlung de facto unbehandelt bleiben.
Welche Stoffe dabei besonders kritisch sind, lässt sich allgemein beschreiben. Fettlösliche Vitamine wie Vitamin A, Vitamin D, Vitamin E und Vitamin K werden im Körper gespeichert; bei ihnen summiert sich eine zu hohe Zufuhr über die Zeit, während wasserlösliche Vitamine überwiegend wieder ausgeschieden werden. Bei den Spurenelementen ist der Abstand zwischen der benötigten und einer schädlichen Menge teilweise gering; Selen gilt dafür als Beispiel. Für eine ganze Reihe von Stoffen haben Behörden deshalb Höchstmengen für den Einsatz in Nahrungsergänzungsmitteln empfohlen.
Besonders deutlich fällt die Warnung für die Schwangerschaft aus. Eine hohe Zufuhr von Vitamin A gilt als Risiko für das ungeborene Kind; von hoch dosierten Präparaten und von Leberprodukten wird in dieser Zeit ausdrücklich abgeraten. Die in der Schwangerschaft üblichen Empfehlungen zu Folsäure und Iod sind davon nicht berührt: Sie beruhen auf einem belegten Mehrbedarf und werden in festgelegter, ärztlich begleiteter Form ausgesprochen.
Weitere Zusammenhänge sind seit Langem bekannt. Eine sehr reichliche Zufuhr von Vitamin C kann bei entsprechend veranlagten Menschen die Bildung von Nierensteinen begünstigen. Präparate mit Vitamin K können die Wirkung bestimmter gerinnungshemmender Medikamente abschwächen. Reichlich zugeführtes Eisen belastet die Leber und kann bei einer Speicherkrankheit erheblichen Schaden anrichten. Iodhaltige Präparate können bei einer Erkrankung der Schilddrüse den Stoffwechsel ungünstig beeinflussen. Deshalb gehört jedes eingenommene Präparat auf die Medikamentenliste, die dem Arzt vorgelegt wird – auch dann, wenn es frei verkäuflich ist und vom Anwender gar nicht als Medikament empfunden wird.
Ein eigenes Problem ist die Aussagekraft der Messungen. Der Gehalt eines Mikronährstoffs im Blut bildet den Vorrat im Gewebe nicht zwangsläufig ab, und für manche Stoffe bestehen keine allgemein anerkannten Referenzbereiche. Ein Befund unterhalb der angegebenen Norm bedeutet daher nicht in jedem Fall einen behandlungsbedürftigen Mangel, und ein Befund im Normbereich schließt einen Mangel nicht in jedem Fall aus. Wer sich auf solche Werte stützt, sollte einschätzen können, wie belastbar sie sind.
Nicht zu unterschätzen ist schließlich die finanzielle Seite. Da die gesetzlichen Krankenkassen weder die Beratung noch die Präparate noch die besonderen Laboruntersuchungen erstatten, entstehen dauerhafte Kosten, die bei umfangreichen Zusammenstellungen erheblich werden können. Wer über längere Zeit Präparate einnimmt, sollte in Abständen prüfen lassen, ob die Einnahme noch begründet ist. Für den größten Teil der Bevölkerung in Deutschland gilt weiterhin, dass sich der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen mit einer abwechslungsreichen Kost decken lässt; Ausnahmen betreffen bestimmte Lebensphasen und Erkrankungen und werden ärztlich festgestellt.
Quellen
- Schmiedel, V.: Nährstofftherapie.
ISBN: 9783132460850
- Kraft, K., Adler, M. (Hrsg.): Lehrbuch Naturheilverfahren.
ISBN: 9783830453338
- Bühring, U., Girsch, M.: Praxis Heilpflanzenkunde.
ISBN: 9783132460522
- Arastéh, K., Baenkler, H.-W., Bieber, C., et al.: Innere Medizin.
ISBN: 9783132443471
- Pschyrembel, W.: Pschyrembel Klinisches Wörterbuch.
ISBN: 9783110783346
