Sialendoskopie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Behandlungen Sialendoskopie
Die Sialendoskopie ist ein HNO-ärztliches Diagnostik- und Therapieverfahren zur Visualisierung und Behandlung von Gangsystemen der großen Kopfspeicheldrüse. Eine Indikation für die Endoskopie stellt sich vor allem beim Verdacht auf Speichelsteine. Auch bei wieder auftretenden Speicheldrüsenschwellungen wird das Verfahren gerne angewandt.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist die Sialendoskopie?
Die Speicheldrüse ist ein komplexes System, das eine Vielzahl von Gängen und anderen anatomischen Strukturen enthält. Bei Schwellungen der Speicheldrüse suchen Patienten zur näheren Abklärung den HNO-Arzt auf. In diesem Zusammenhang werden häufig Sialendoskopien durchgeführt. Dabei handelt es sich um HNO-ärztliche endoskopische Diagnostikverfahren.
Endoskopien sind minimal-invasive Untersuchungen, die den Arzt mittels Endoskop ins Innere eines Patienten sehen lassen. Die Sialendoskopie ist eine Endoskopie der großen Kopfspeicheldrüse und ihrer Speichelgänge. Aus diesem Grund wird das Verfahren häufig auch als Speichelgangendoskopie bezeichnet. In breiter Anwendung ist das Verfahren seit Anfang der 2000er. Erste Endoskope für die Speichelgänge wurden allerdings schon in den 1990er-Jahren entwickelt. In der Regel bieten ausschließlich größere HNO-Zentren und HNO-Unikliniken die Untersuchung an und setzen sie vorwiegend beim Verdacht auf obstruktive Speichelsteine ein. Inzwischen bieten auch einzelne spezialisierte HNO-Praxen das Verfahren an.
In Kombination mit der Sialendoskopie finden häufig zusätzliche Verfahren der Bildgebung Einsatz, so vor allem die Sonografie, die Kernspintomographie oder die Computertomographie. Die Ultraschalluntersuchung der Speicheldrüse ist Teil der Standard-Diagnostik. Sialografien oder Speicheldrüsenszintigrafien finden in Kombination mit einer Sialendoskopie nur in absoluten Ausnahmefällen Einsatz.
Um zu verstehen, wohin das Endoskop gelangt, hilft ein Blick auf den Bau der Drüsen. Der Mensch besitzt drei paarige große Kopfspeicheldrüsen: die Ohrspeicheldrüse vor und unter dem Ohr, die Unterkieferspeicheldrüse unter dem hinteren Bereich des Unterkiefers und die Unterzungenspeicheldrüse unter der Zunge. Zusammen mit vielen kleinen Drüsen der Mundschleimhaut geben sie täglich etwa einen Liter Speichel ab. Die Ohrspeicheldrüse entleert sich über einen einzelnen Gang, der an der Wangeninnenseite gegenüber einem der oberen Backenzähne mündet; der Gang der Unterkieferspeicheldrüse endet neben dem Zungenbändchen am Boden der Mundhöhle. Genau diese beiden natürlichen Mündungen sind die Eintrittspforten der Sialendoskopie. Die Unterzungenspeicheldrüse entleert sich dagegen über zahlreiche feine Gänge und ist der Untersuchung nicht zugänglich.
Beschwerden entstehen, wenn der Abfluss aus einem dieser Gangsysteme behindert ist. Am häufigsten ist ein Speichelstein die Ursache, und rund vier von fünf dieser Steine liegen in der Unterkieferspeicheldrüse. Das hat anatomische und chemische Gründe: Ihr Speichel ist zäher und kalkreicher, und ihr Ausführungsgang verläuft ein Stück weit aufwärts, sodass sich abgelagertes Material schlechter von selbst löst. Typisch ist eine Schwellung, die kurz vor oder während des Essens einschießt, schmerzhaft sein kann und nach der Mahlzeit langsam wieder zurückgeht, weil der Speichel sich hinter dem Hindernis staut und danach allmählich abfließt.
Nicht jede Abflussstörung geht auf einen Stein zurück. Ebenso kommen narbige Verengungen des Gangs, zähe Schleimpfropfen und, seltener, eingedrungene Fremdkörper in Betracht. Verengungen betreffen häufiger die Ohrspeicheldrüse und können Folge wiederkehrender Entzündungen, einer Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich, einer Radiojodtherapie oder einer Erkrankung wie des Sjögren-Syndroms sein. Auch die im Kindesalter wiederkehrende Entzündung der Ohrspeicheldrüse gehört zu den Anlässen, bei denen die Sialendoskopie eingesetzt wird. Weil sich all diese Ursachen im Ultraschall nicht immer sicher voneinander trennen lassen, ist der Blick in den Gang oft der Schritt, der die Frage entscheidet.
Möglich wurde das Verfahren erst durch die Miniaturisierung der Optik. Die Speichelgänge sind ausgesprochen eng, sodass Endoskope gebraucht wurden, die deutlich dünner sind als die aus anderen Bereichen der Medizin bekannten Geräte und zugleich noch einen Arbeits- und einen Spülkanal aufnehmen. An dieser Entwicklung arbeiteten ab den 1990er-Jahren mehrere Arbeitsgruppen in Europa und im Nahen Osten parallel. Mit den Instrumenten hat sich auch das Behandlungsziel verschoben: Wo früher die Entfernung der Drüse am Ende stand, richtet sich das Vorgehen heute darauf, das Organ und seine Funktion zu erhalten. Die einschlägigen Empfehlungen der Fachgesellschaften stellen deshalb die drüsenerhaltenden Verfahren an den Anfang und behalten die Entfernung den Fällen vor, in denen sonst nichts mehr hilft.
Funktion, Wirkung & Ziele
Das Ziel der Sialendoskopie ist zunächst die Diagnosefindung. Zur Durchführung des Verfahrens verwenden HNO-Ärzte in den meisten Fällen ein semi-flexibles Mini-Endoskop mit Schaftdurchmessern zwischen 0,8 und 2,0 Millimetern. Das Endoskop wird durch das natürliche Ostium innerhalb der Mundhöhle in das Gangsystem der Glandula parotis oder der Glandula submandibularis eingeführt. Die Speichelgangendoskopie ist das einzige Verfahren zur direkten Visualisierung der Speichelgangsysteme. Neben der Diagnostik von obstruktiven Störungen an der großen Kopfspeicheldrüse kann die Endoskopie auch therapeutische Ziele haben und wird in diesem Fall als therapeutische Endoskopie bezeichnet.
In diesem Zusammenhang setzt der Arzt die Sialendoskopie zum Beispiel zur Behandlung von Speichelsteinen ein. Das Sialendoskop trägt interventionelle Kanäle, die eine Behandlung der Steinchen zulassen. Kleinere Speichelsteine werden mittels Sialendoskop in winzige Fangkörbe aufgenommen und auf diese Weise aus den Speichelgängen entfernt. Größere Steine lassen sich so nicht bergen; sie müssen zuvor zertrümmert oder über einen kleinen Schnitt im Gang entfernt werden. Auch die interventionelle Aufdehnung bei Stenosen und die zielgerichtete Behandlung von Entzündungen im Bereich der Speichelgänge ist durch das Sialendoskop möglich. Wenn eine der Speicheldrüsen zum wiederholten Mal vor, bei oder nach der Nahrungsaufnahme anschwillt, geht der Arzt von einer obstruktiven Ursache aus und vermutet sozusagen eine Verstopfung der Gänge als Auslöser der Schwellungen.
Diese Verstopfung entspricht in mehr als der Hälfte aller Fälle einem Speichelstein. Verdachtsdiagnosen auf einen Speichelstein werden vorwiegend über das charakteristische klinische Bild gestellt. Die Krankheitsgeschichte und Palpation des Patienten lassen den Arzt den Verdacht entwickeln. Die Sicherung oder der Ausschluss der Verdachtsdiagnose findet über eine Kombination aus Verfahren wie der Sialendoskopie und der Sonografie statt. MRT und CT kommen zunächst meist nicht zum Einsatz, da das CT den Patienten mit Strahlung belastet und beide Verfahren gegebenenfalls den Einsatz von Kontrastmitteln erfordern. Bis vor einigen Jahren war die einzige Therapiemöglichkeit für größere Speichelsteine die Entfernung der zugehörigen Speicheldrüse. Kleine, gangnahe Steine ließen sich dagegen schon zuvor durch eine Schlitzung des Ausführungsgangs bergen.
Mit der Sialendoskopie hat sich dieser Zusammenhang verändert. Heute wird das Sialendoskop nach der Diagnostik im Bedarfsfall umgewandelt und ermöglicht dank des Fangkorbs und der kleinen Zangen einen therapeutischen Eingriff am Speichelstein. Durch die unmittelbar therapeutische Option ist die Sialendoskopie anderen Verfahren zur bloßen Diagnostik mittlerweile überlegen. Wenn bei dem Verfahren kein Stein gefunden wird, können Abflussstörungen durch narbige Stenosen die Ursache für wieder auftretende Schwellungen der Speicheldrüsen sein, die ebenfalls mittels des Sialendoskops behandelt werden können.
Bei der Sialendoskopie kann der Arzt das Ostium sogar auf das Zehnfache seiner Größe aufdehnen und Mittel wie den Ballonkatheter einführen. Während des endoskopischen Eingriffs umspült Spülflüssigkeit die Drüse. Dieser Effekt kann in Zusammenhang mit Entzündungen ein therapeutischer Effekt sein, wobei zur Behandlung solcher Entzündungen Medikamente mithilfe des Sialendoskops unmittelbar in das Gangsystem gegeben werden können.
Der Ablauf einer Sialendoskopie ist überschaubar. Vorausgeschickt werden das ärztliche Gespräch mit Aufklärung über Nutzen und Risiken sowie eine Ultraschalluntersuchung, die Lage und Größe eines möglichen Steins bereits eingrenzt. Der Eingriff erfolgt in den meisten Fällen ambulant und in örtlicher Betäubung; eine Vollnarkose kommt vor allem bei Kindern, bei sehr ängstlichen Patienten und bei aufwendigen therapeutischen Eingriffen in Betracht. Zunächst sucht der Arzt die natürliche Mündung des Gangs in der Mundhöhle auf und weitet sie mit dünnen, konisch zulaufenden Sonden schrittweise so weit, dass das Endoskop hindurchpasst. Anschließend wird das Instrument vorgeschoben, während über einen Spülkanal ständig eine sterile Salzlösung einläuft. Diese Spülung entfaltet das sonst kollabierte Gangsystem und hält das Blickfeld frei; ohne sie wäre eine Beurteilung nicht möglich. Der Arzt verfolgt das Bild auf einem Monitor und mustert den Hauptgang und seine Abzweigungen systematisch durch.
Findet sich ein Hindernis, entscheidet dessen Art über das weitere Vorgehen. Kleine, frei bewegliche Steine werden mit dem Fangkörbchen geborgen, festsitzende zuvor mit Mikrozangen, Bohrern oder einer eingeführten Sonde zerkleinert. Verengungen werden mit Sonden oder einem Ballonkatheter aufgedehnt. Reichen diese Wege nicht aus, lassen sich Verfahren kombinieren: Bei der sialendoskopisch unterstützten Steinentfernung wird der Gang unter endoskopischer Sicht von der Mundhöhle aus eröffnet, sodass auch größere Steine erreichbar werden; daneben steht die Stoßwellentherapie zur Verfügung, die Steine von außen zertrümmert, bevor die Bruchstücke endoskopisch geborgen werden. Das leitende Ziel bleibt in all diesen Varianten dasselbe, nämlich die Drüse zu erhalten. Ihre vollständige Entfernung, die früher am Ende vieler Krankengeschichten stand, ist dadurch deutlich seltener geworden.
Grenzen hat das Verfahren dort, wo die Anatomie sie setzt. Sehr große Steine, Steine tief im Drüsenkörper und ausgedehnt vernarbte, hochgradig verengte Gangsysteme sind endoskopisch nicht oder nur unter Kombination mehrerer Verfahren zu behandeln. Auch erreicht das Endoskop nicht jeden feinen Seitenast. Ein unauffälliger Befund im Hauptgang schließt eine Erkrankung der Drüse deshalb nicht in jedem Fall aus, und bei fortbestehenden Beschwerden wird die Abklärung mit anderen Verfahren fortgesetzt. Nach dem Eingriff bleibt die behandelte Drüse häufig für einige Tage geschwollen, unter anderem durch die eingebrachte Spülflüssigkeit. Zur Nachsorge gehört, den Speichelfluss in Gang zu halten und die Drüse regelmäßig in Richtung der Mündung auszustreichen, damit sich kein neues Sekret staut. Kontrolltermine dienen dazu, den Abfluss zu prüfen und ein erneutes Auftreten von Steinen frühzeitig zu bemerken.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Nebenwirkungen stellen sich außerdem durch Kontrastmittelgaben ein. Die Mittel können Kopfschmerzen und Übelkeit hervorrufen. Außerdem belasten die Substanzen auf lange Sicht die Nieren. Da die Sialendoskopie ein minimal-invasives Verfahren ist, ist sie mit weniger Risiken assoziiert. Der Eingriff birgt insgesamt wenige Gefahren und kann meist ambulant durchgeführt werden. Der Patient erhält hierzu häufig eine lokale Betäubung. Der Eingriff selbst kann den Speichelgang verletzen oder durchbohren; möglich sind außerdem eine Schwellung der Drüse für einige Tage, eine Entzündung und als Spätfolge eine narbige Verengung des Gangs. Häufig sind diese Komplikationen nicht. Hinzu kommen die Risiken des verwendeten Betäubungsmittels.
Einige Patienten reagieren zum Beispiel mit Übelkeit oder Erbrechen auf Anästhetika. Noch weniger Risiken als bei der Sialendoskopie bieten sich dem Patienten ausschließlich mit Untersuchungsverfahren wie der Sonografie. Allerdings ist die Endoskopie der Sonografie insofern überlegen, als sie kein reines Diagnoseverfahren darstellt und im Bedarfsfall zu einem therapeutischen Eingriff umgewandelt werden kann.
Einige Schwierigkeiten sind für das Verfahren typisch, ohne im engeren Sinn Komplikationen zu sein. So gelingt es gelegentlich nicht, die natürliche Mündung des Gangs aufzufinden oder ausreichend zu weiten; dann wird die Untersuchung abgebrochen und zu einem späteren Zeitpunkt oder auf anderem Weg wiederholt. Beim Vorschieben kann das Instrument statt im Gang in einem falschen Kanal in der Gangwand zu liegen kommen, was die Sicht nimmt und den Abbruch nötig machen kann. Ein bereits gefasster Stein kann sich aus dem Fangkörbchen lösen und in einen tieferen Gangabschnitt zurückrutschen. Bei kombinierten Eingriffen, bei denen der Gang zusätzlich vom Mundboden aus eröffnet wird, kommt die Gefahr hinzu, den in unmittelbarer Nachbarschaft verlaufenden Zungennerv zu verletzen; ein vorübergehendes Taubheitsgefühl der Zungenhälfte ist die mögliche Folge.
Nicht in jeder Situation ist der Eingriff angezeigt. Bei einer akuten, eitrigen Entzündung der Drüse wird zunächst abgeschwollen und mit einem Antibiotikum behandelt, bevor endoskopiert wird, weil die Spülung Keime sonst in tiefere Abschnitte tragen könnte. Bei Störungen der Blutgerinnung und bei gerinnungshemmender Dauermedikation ist das Vorgehen ärztlich abzuwägen, insbesondere wenn eine Eröffnung des Gangs geplant ist. Auch eine bekannte Unverträglichkeit gegenüber dem vorgesehenen Betäubungsmittel gehört vorher zur Sprache gebracht.
Nach dem Eingriff sind eine Schwellung und ein Spannungsgefühl der behandelten Drüse für einige Tage zu erwarten. Ärztlich abzuklären sind dagegen eine Schwellung, die statt zurückzugehen weiter zunimmt, zunehmende Schmerzen, eine Rötung und Überwärmung der Haut über der Drüse, austretender Eiter sowie Fieber. Diese Zeichen sprechen für eine Entzündung und sollten nicht abgewartet werden. Die Kosten der Sialendoskopie übernehmen die Krankenkassen, sofern eine medizinische Indikation besteht; da das Verfahren an bestimmte Geräte und an Erfahrung gebunden ist, führt der Weg dorthin in aller Regel über den HNO-Arzt. Nicht selten fallen die Beschwerden allerdings zuerst dem Zahnarzt auf, weil die Schwellung im Zusammenhang mit dem Essen bemerkt wird.
Quellen
- Probst, R., Grevers, G., Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783131190338
- Rettinger, G., Hosemann, W., Hüttenbrink, K.-B., et al. (Hrsg.): HNO-Operationslehre.
ISBN: 9783134637052
- Schwenzer, N., Ehrenfeld, M. (Hrsg.): Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie.
ISBN: 9783135935041
- Reiß, M. (Hrsg.): Facharztwissen HNO-Heilkunde.
ISBN: 9783662581773
- Strutz, J., Mann, W. (Hrsg.): Praxis der HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie.
ISBN: 9783132454606
