Taijiquan
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Taijiquan, auch Tai-Chi Chuan oder kurz Tai-Chi genannt, ist das chinesische Schattenboxen. Die Kampfkunst wurde im alten Kaiserreich China entwickelt. Heute wird die gesundheitsfördernde Technik weltweit von mehreren Millionen Menschen ausgeübt. In China sind die Bewegungsabläufe (Formen) des Taijiquan der traditionelle Volkssport.
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Was ist Taijiquan?
Taijiquan (chinesisch: 太極拳 / 太极拳, Aussprache: tʰâid̥ʑ̥ǐtɕʰɥɛ̌n) war ursprünglich eine „innere“ Kampfkunst. Es wurde für den bewaffneten und unbewaffneten Nahkampf trainiert. Heute ist es meist ein System der Gymnastik oder Bewegungslehre. Es dient der Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung und der Meditation. Der Kampfaspekt tritt immer häufiger zurück. Historisch fassbar wird Taijiquan seit dem 17. Jahrhundert bei der Familie Chen in der Provinz Henan; die verbreitete Zurückführung auf den daoistischen Mönch Zhang Sanfeng ist eine Legende und historisch nicht belegt.
Die Einordnung als „innere“ Kampfkunst geht auf eine chinesische Unterscheidung zurück: Als innere Stile gelten solche, die weniger auf Muskelkraft, Sprungkraft und Schlaghärte setzen als auf Körperstruktur, Gleichgewicht und das Ausnutzen der gegnerischen Bewegung. Neben dem Taijiquan werden gewöhnlich Xingyiquan und Baguazhang dazugezählt. Scharf ist die Grenze zu den „äußeren“ Stilen allerdings nicht; sie beschreibt eher eine Schwerpunktsetzung im Training als zwei getrennte Gruppen.
Der Name setzt sich aus zwei Teilen zusammen: „Taiji“ bezeichnet in der chinesischen Naturphilosophie das „höchste Prinzip“, aus dem die einander bedingenden Gegensätze Yin und Yang hervorgehen; „Quan“ bedeutet Faust und steht für eine waffenlose Kampfkunst. Wörtlich ist Taijiquan also das „Boxen nach dem höchsten Prinzip“. Die deutsche Bezeichnung Schattenboxen rührt daher, dass der Übende die Bewegungen ohne Partner ausführt, als kämpfe er gegen einen unsichtbaren Gegner. Die Schreibweise Tai-Chi Chuan folgt einer älteren Umschrift des Chinesischen, Taijiquan der heute üblichen Pinyin-Umschrift; gemeint ist dasselbe.
Von der Familie Chen gelangte das Taijiquan im 19. Jahrhundert über Yang Luchan nach Peking, wo er es an Angehörige der Oberschicht weitergab. Aus seiner Linie ging der Yang-Stil hervor, der bis heute weltweit am weitesten verbreitet ist. Daneben werden vor allem der ältere Chen-Stil sowie der Wu-, der Wu/Hao- und der Sun-Stil geübt. Die Stile unterscheiden sich in der Höhe der Standpositionen, im Tempo und darin, wie deutlich der Kampfbezug erhalten bleibt: Im Chen-Stil wechseln langsame Passagen mit schnellen, kraftvollen Bewegungen, während der Yang-Stil durchgehend gleichmäßig und weich ausgeführt wird. 1956 gab die chinesische Sportbehörde eine vereinfachte, auf dem Yang-Stil beruhende Form mit 24 Bildern heraus. Sie wird seither als Peking-Form für den Breitensport verbreitet und ist auch in Europa häufig der Einstieg.
In verschiedenen Schulen und Stilen stehen die Basisübungen und Einzelbewegungen im Mittelpunkt. Dazu gehören Atem- und Standübungen sowie Meditationen im Stehen. Zunächst werden die Bewegungsprinzipien des Taijiquan erlernt. Die Gelenke werden gelockert und der gesamte Körper entspannt. Nach und nach werden so die Körperhaltung korrigiert und ungünstige Belastungen vermieden.
Das „Qi“ (Aussprache: Ch’i) hat eine zentrale Bedeutung im Taijiquan. Es soll während des Übens fließen und sich mehren. Die Chinesen glauben, dass jeder Mensch von Geburt an reichlich mit Chi ausgestattet ist. Nach dieser Vorstellung nimmt das Chi mit zunehmendem Alter immer mehr ab. Die Bewegungen sollen entspannt und fließend ausgeführt werden. Der Übende soll lernen, das Qi wahrzunehmen und zu kontrollieren. Praktizierende beschreiben die Empfindung des Chi als einen Energiefluss, den sie im Körper zirkulieren lassen oder an bestimmte Körperteile senden können. Diese Fähigkeit dient der Gesunderhaltung, der Körperbeherrschung und soll im Kampf anwendbar sein.
Das Qi ist ein Begriff der chinesischen Vorstellungswelt und keine physikalisch messbare Größe. In den Gesundheitskursen, wie sie in Europa angeboten werden, tritt er häufig in den Hintergrund, ohne dass sich am Bewegungsablauf etwas ändert: Was Übende als Fluss beschreiben, lässt sich ebenso als Zusammenspiel von gleichmäßiger Atmung, gelöster Muskulatur und aufmerksam verfolgter Bewegung fassen. Aus derselben Vorstellungswelt stammt das Begriffspaar Yin und Yang. Es bezeichnet einander bedingende Gegensätze und taucht im Taijiquan als Wechsel von Leere und Fülle wieder auf, von Sammeln und Ausbreiten, von belastetem und unbelastetem Bein.
Neben der Einzelform kennt das Taijiquan Partnerübungen. Die bekannteste ist das „Tuishou“, das Üben der schiebenden Hände: Zwei Übende halten mit den Unterarmen Kontakt und versuchen in ruhigen, kreisenden Bewegungen, das Gleichgewicht des anderen zu stören, ohne Kraft gegen Kraft zu setzen. Geübt wird dabei vor allem das Nachgeben und das Erspüren der fremden Bewegung. Fortgeschrittene lernen außerdem Waffenformen, etwa mit dem geraden Schwert, dem Säbel, dem Speer oder dem Stock. Sie gehen auf die militärische Herkunft der Kunst zurück und werden heute überwiegend als Bewegungsschulung verstanden.
Neben dem Üben aus gesundheitlichen Gründen gibt es einen Wettkampfbetrieb. Im modernen Wushu, dem staatlich geförderten chinesischen Kampfsport, werden Taijiquan-Formen einzeln und in der Gruppe vorgeführt und von Kampfrichtern nach Haltung, Gleichgewicht, Rhythmus und Schwierigkeitsgrad bewertet. Die Wettkampfformen sind dafür in Länge und Aufbau vereinheitlicht; sie enthalten Elemente, die im gesundheitlich ausgerichteten Unterricht keine Rolle spielen, etwa Sprünge und sehr tiefe Standpositionen, und werden deutlich kraftvoller ausgeführt als eine Form in der Übungsgruppe. Für den Breitensport hat dieser Zweig geringe Bedeutung: Die weit überwiegende Zahl der Übenden nimmt an keinem Wettkampf teil.
Funktion, Wirkung & Ziele
In Deutschland gibt es seit 2003 den Deutschen Dachverband für Qigong und Taijiquan e. V. (DDQT). Die meisten Vertreter des Taijiquan sind dem Verband angeschlossen. Er hat u.a. einheitliche Ausbildungsrichtlinien für Taijiquan-Lehrende formuliert. Diese haben die Krankenkassen in ihren Leitlinien zur Umsetzung von § 20 SGB V integriert und übernehmen die Kosten von Taijiquan-Kursen ganz oder teilweise. Voraussetzung für einen Zuschuss ist heute in der Regel, dass der Kurs von der Zentralen Prüfstelle Prävention zertifiziert ist; die Höhe der Erstattung und die Zahl der bezuschussten Kurse legt jede Kasse selbst fest.
Unterrichtet wird Taijiquan in eigenen Schulen, in Sport- und Gesundheitsvereinen, an Volkshochschulen und in Rehabilitationseinrichtungen. Die Bezeichnung „Taijiquan-Lehrer“ ist rechtlich nicht geschützt; Umfang und Inhalt der Ausbildung fallen entsprechend unterschiedlich aus, und der Nachweis einer Ausbildung nach den Richtlinien eines Verbandes ist für Interessierte ein wichtiger Anhaltspunkt. Wer einen Kurs vor allem aus gesundheitlichen Gründen belegt, klärt sinnvollerweise vorab, ob er auf Anfänger zugeschnitten ist: Das Erlernen einer vollständigen Form zieht sich über Monate, weil jedes Bild einzeln wiederholt und in seiner Ausführung nachgebessert wird. Viele Schulen beginnen deshalb mit einer Kurzform aus wenigen Bildern und erweitern sie schrittweise. Zwischen den Unterrichtsstunden wird selbstständiges Üben erwartet; ohne regelmäßige Wiederholung verblasst der Bewegungsablauf rasch.
Im Taijiquan gibt es kein Graduierungssystem, wie z.B. Gürtelfarben im Judo. Eine standardisierte Kleidung gibt es auch nicht. Empfehlenswert sind leichte, bequeme Kleidung und Schuhe mit einer dünnen, flachen Sohle. Im Mittelpunkt des Übens stehen eine oder mehrere Formen aus klar definierten Abfolgen von fließenden Bewegungen. Viele Formen stellen den Kampf gegen einen imaginären Gegner dar. Die Form wird synchron in der Gruppe praktiziert.
Eine Form besteht aus mehreren Einzelbewegungen bzw. „Bildern“. Die Namen der Bilder bezeichnen entweder die Bewegung (z.B. Fersenkick links), den Bewegungscharakter (z.B. einfache Peitsche) oder sind poetisch gemeint (z.B. Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus).
Viele Formen sind nach der Anzahl der Bilder benannt, z.B. die 24-Bilder-Form. Die längsten Formen bestehen aus mehr als 100 Bildern. Je nach der Anzahl der Bilder und Geschwindigkeit dauert eine Form wenige Minuten bis zu eineinhalb Stunden. Taijiquan-Formen werden meist langsam und ruhig ausgeführt.
Alle Bewegungen werden aus der Körpermitte heraus geführt. Becken und Taille geben die Drehung vor, Arme und Hände folgen ihr, statt für sich zu arbeiten; Hand, Ellenbogen, Schulter, Hüfte, Knie und Fuß bewegen sich aufeinander abgestimmt. Das Gewicht ruht zu jedem Zeitpunkt eindeutig auf einem Bein, sodass das andere frei gesetzt werden kann. Daraus rührt der ruhige, ununterbrochene Eindruck, den geübte Formen hinterlassen. Der Blick folgt in der Regel der führenden Hand. Weil dieses Zusammenspiel viele Einzelheiten umfasst, korrigiert der Lehrer im Anfängerunterricht meist nur einen Punkt zugleich – etwa die Fußstellung – und geht erst dann zum nächsten über.
Zentrales Prinzip im Taijiquan ist die Weichheit. Die Bewegungen sollen natürlich, locker, entspannt und fließend sein und mit einem Minimum an Kraft ausgeführt werden. Die Langsamkeit soll ermöglichen, dass die Bewegungen korrekt ausgeführt werden. Der Taijiquan-Kämpfer reagiert auf gegnerische Angriffe nicht mit Kontertechniken. Er sollte die Kraft des Gegners nutzen und gegen diesen selbst lenken.
Beim Taijiquan soll der Körper „entspannt“ sein, d.h. nicht, dass die Muskeln schlaff sind. Nur die für eine Bewegung wichtigen Muskeln werden angespannt. Die Atmung soll tief und locker sein und natürlich fließen. Bei der Bauchatmung ist die Atemfrequenz niedriger als bei der Brustatmung. Anfänger lernen, den Atem frei fließen zu lassen und den Bewegungen anzupassen.
Die Bewegungen sollen aufmerksam und bewusst ausgeführt werden. Seine Konzentration soll der Übende gleichmäßig zwischen der Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Umgebung aufteilen.
10 Grundregeln:
- Kopf entspannt und aufgerichtet halten
- Brust zurück und Rücken aufrecht halten
- Kreuz und Taille locker lassen
- Leere und Fülle auseinanderhalten (Gewicht richtig verteilen)
- Schultern und Ellenbogen hängen lassen
- Yi (Absicht, Intention) anstatt Muskelkraft anwenden
- Oben und Unten koordinieren
- Harmonie zwischen Innen und Außen finden
- Fließende Bewegungen ohne Unterbrechungen ausführen
- In ruhigen Bewegungen üben
Eine Übungsstunde folgt meist einem ähnlichen Aufbau. Am Anfang stehen Lockerungs- und Dehnübungen, mit denen Gelenke und Wirbelsäule beweglich gemacht werden, oft verbunden mit einfachen Atemübungen. Es folgen einzelne Bilder der Form, die für sich geübt und korrigiert werden, danach die Form im Zusammenhang. Manche Gruppen schließen mit Partnerübungen oder einer kurzen Ruhephase im Stehen ab. Geübt wird barfuß oder in flachen Schuhen, im Freien ebenso wie in geschlossenen Räumen; besondere Geräte sind nicht nötig, und der Platzbedarf ist gering.
Die körperliche Belastung fällt gemessen an anderen Bewegungsformen niedrig aus. Es wird nicht gesprungen und nicht gerannt, die Bewegungen erfolgen ohne Stoßbelastung, und der Puls steigt nur mäßig an. Die Anstrengung liegt woanders: Das langsame Verlagern des Gewichts von einem Bein auf das andere und das Halten leicht gebeugter Knie fordern die Bein- und Rumpfmuskulatur über längere Zeit. Wie anstrengend das Üben ausfällt, lässt sich über die Höhe der Standpositionen steuern; hohe Stände sind deutlich leichter als tiefe. Für Menschen, denen längeres Stehen schwerfällt, gibt es abgewandelte Fassungen einzelner Bewegungen im Sitzen.
Besonderheiten & Gefahren
Sie werden weniger zur gezielten Behandlung von Krankheiten oder Beschwerden eingesetzt. Die positiven Auswirkungen des Taijiquan auf die Gesundheit sind vielfältig; dass sie umfassender ausfallen als die anderer sportlicher Betätigungen, ist jedoch nicht belegt. Klinische Untersuchungen deuten darauf hin, dass Taijiquan Gleichgewicht, Beweglichkeit, Körperkontrolle und Kraft verbessern kann; am besten belegt ist, dass es bei älteren Menschen Stürze verringert. Für Wirkungen auf Herz-Kreislauf, Immunsystem und Schmerzen ist die Studienlage dagegen uneinheitlich.
Die Untersuchungen zur Sturzverhütung betreffen überwiegend selbstständig lebende ältere Menschen, die über Monate hinweg regelmäßig und angeleitet übten; auf kurze Kurse oder auf Menschen mit ausgeprägten Störungen des Gleichgewichtssinns lassen sich ihre Ergebnisse nicht ohne Weiteres übertragen. Für weitere Anwendungsgebiete – etwa Parkinson, Kniearthrose, Rückenschmerzen oder Bluthochdruck – liegen einzelne Untersuchungen vor, die sich in Teilnehmerzahl, Übungsdauer, geübtem Stil und Vergleichsgruppe stark unterscheiden; belastbare Schlüsse erlauben sie bislang nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Taijiquan in einer Studie kaum verblinden lässt: Die Teilnehmer wissen, was sie üben, und ein Teil des beobachteten Effekts kann auf die regelmäßige Gruppenaktivität und die Zuwendung durch den Lehrer zurückgehen statt auf die Methode selbst.
Schwerwiegende Risiken und Nebenwirkungen des Taijiquan sind nicht bekannt. Bei zu tiefen Standpositionen oder fehlerhafter Ausführung können jedoch vorübergehende Beschwerden an Knien, Hüften oder Rücken auftreten.
Wer Taijiquan mit einer Erkrankung beginnt, bespricht das sinnvollerweise mit dem behandelnden Arzt und weist den Lehrer darauf hin. Das gilt besonders bei Beschwerden an Knien und Hüften, bei Schwindel und bei ausgeprägter Gangunsicherheit; in diesen Fällen wird in hohen Ständen, mit verkürzten Bewegungsbahnen und gegebenenfalls in Reichweite einer Haltemöglichkeit geübt. Als Ersatz für eine ärztliche Behandlung ist Taijiquan nicht gedacht, sondern als Ergänzung zu ihr.
Qigong und Taijiquan werden häufig gemeinsam genannt und vielfach von denselben Lehrern unterrichtet. Sie unterscheiden sich vor allem im Aufbau: Beim Qigong stehen einzelne, oft für sich stehende Übungen im Vordergrund, die sich frei zusammenstellen lassen, während das Taijiquan aus einer Kampfkunst hervorgegangen ist und seine Bewegungen zu festgelegten, in bestimmter Reihenfolge geübten Formen verbindet. Anfängern ist Qigong deshalb meist rascher zugänglich, während beim Taijiquan zunächst die Abfolge gelernt sein will.
Quellen
- Focks, C. (Hrsg.): Leitfaden chinesische Medizin.
ISBN: 9783437550584
- Kraft, K., Stange, R. (Hrsg.): Lehrbuch Naturheilverfahren.
ISBN: 9783830453338
- Melchart, D., Brenke, R. (Hrsg.): Naturheilverfahren.
ISBN: 9783794526154
- Dobos, G., Paul, A. (Hrsg.): Mind-Body-Medizin.
ISBN: 9783437579318
- Schmiedel, V., Matejka, R. (Hrsg.): Leitfaden Naturheilkunde.
ISBN: 9783437056390

