Trichotillomanie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 31. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Krankheiten Trichotillomanie
Wohl jeder kennt es, dass er sich mal an seinen Haaren zieht oder sie um seinen Finger wickelt. Frauen zupfen sich auch gern mal störende Gesichtshaare aus. Dies ist meist nicht ungewöhnlich, doch es gibt auch Menschen, die sich täglich und manchmal sogar über Stunden hinweg die Haare zwanghaft ausreißen, bis der Kopf über kahle Stellen verfügt oder sogar blutet. Dies wird als Trichotillomanie bezeichnet.
Inhaltsverzeichnis |
Was kennzeichnet Trichotillomanie?
© Aj_stock_photos – stock.adobe.com
Das Wort Trichotillomanie setzt sich aus folgenden drei griechischen Bezeichnungen zusammen: „tricho“ bedeutet Haar, „tillo“ rupfen und „mania“ steht für das triebhafte oder sogar süchtige Verhalten. Bei der Trichotillomanie, dem seelischen Krankheitsbild, handelt es sich demzufolge um ein zwanghaftes Auszupfen der Haare, beispielsweise die Kopfhaare, aber ebenso die Wimpern oder Augenbrauen. Doch auch alle anderen Haare wie der Bart oder die Schamhaare können bevorzugte Stellen sein.
Diese Erkrankung, die meist im Kindes- und Jugendalter beginnt, gehört zu den komplexen Impulskontrollstörungen und kann einige Monate oder sogar Jahre anhalten. Die Erkrankung ist dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffene dem Trieb, Impuls oder der Versuchung nicht widerstehen kann, diese Handlung auszuführen.
Diese Zuordnung gilt allerdings als überholt. In der älteren Klassifikation ICD-10 wurde die Trichotillomanie noch zu den abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle gezählt. Die neueren Klassifikationssysteme DSM-5 und ICD-11 führen sie dagegen bei den Zwangsstörungen und verwandten Störungen, weil sie diesen in Verlauf, Begleiterkrankungen und Behandlung deutlich näher steht.
Ursachen
Zu weiteren Gründen sollen traumatische Ereignisse gehören, beispielsweise der Tod eines nahen Angehörigen, Probleme in der Familie, Scheidung, Missbrauch, Stress, belastende Geschehnisse in der Kindheit oder Ereignisse, die das Selbstwertgefühl vermindern. Laut Studien haben mehr als zwei Drittel der Betroffenen in ihrem Leben zumindest ein traumatisches Erlebnis erfahren.
Zum Teil wurde eine posttraumatische Belastungsstörung als Diagnose gestellt. Die eigenen Auslöser zu erkennen, kann hilfreich sein, um Möglichkeiten und Wege zu finden, mit diesen schwierigen Situationen umzugehen.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Die Trichotillomanie macht sich in erster Linie durch das zwanghafte Ausreißen der Kopfhaare bemerkbar. In manchen Fällen werden auch aus anderen Körperregionen Haare ausgerissen. Dadurch bilden sich an den betroffenen Körperregionen kahle Stellen. Die Betroffenen verspüren dabei meist keine Schmerzen oder diese werden einfach ignoriert.
Die Handlungen werden häufig gar nicht bewusst erlebt, obwohl der Drang, die Haare auszureißen, meist stark verspürt wird. Die Trichotillomanie kann grundsätzlich in jedem Alter auftreten. Allerdings setzt sie häufig während der Pubertät ein.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Die Erkrankung ist leicht an den kahlen Stellen zu erkennen, die sich nach dem Ausreißen ergeben. Zum Teil hält die psychische Erkrankung nur einige Monate an. Häufig dauert sie jedoch mehrere Jahre. Es geht mit dieser Störung fast immer eine innere Unruhe, ein Druck oder ein Spannungsgefühl einher. Der Vorgang des Ausreißens der Haare führt meist kurzfristig zur erwünschten Entspannung.
Jedoch verstärken die häufig darauf folgenden Empfindungen der Wut, Scham und Angst wieder die innere Spannung, was erneut zum zwanghaften Impuls führt. Ein Teufelskreis entsteht, der schwer zu durchbrechen ist. Das Erleben, sich selber nicht kontrollieren zu können, führt zu Frustrations- und Minderwertigkeitsgefühlen. In manchen Fällen kommt es daher zu Begleiterkrankungen, beispielsweise Angststörungen oder Depressionen. Viele Betroffene möchten nicht, dass die Zwangshandlungen entdeckt werden. Daher kommt es in manchen Fällen zu einer sozialen Isolation.
Komplikationen
Da es sich bei der Trichotillomanie um eine psychische Störung handelt, führt die Erkrankung zu einer Reihe verschiedener psychischer und physischer Beschwerden. In den meisten Fällen reißen sich die Betroffenen selbst die Haare aus. Dabei werden Haare von verschiedenen Körperregionen ausgerissen, wobei die Betroffenen in der Regel keinen Schmerz oder keine anderen unangenehmen Gefühle beim Ausreißen verspüren.
Die Trichotillomanie tritt dabei überwiegend in der Pubertät auf. Viele Betroffene werden daher gemobbt oder gehänselt, was die Beschwerden nur noch weiterhin verstärken kann. Durch die ausgerissenen Haare fühlen sich die Patienten häufig nicht mehr schön und leiden daher an Minderwertigkeitskomplexen oder an einem verringerten Selbstbewusstsein.
Weiterhin kann es auch zur Ausbildung von Suizidgedanken kommen. Die Patienten leiden bei der Trichotillomanie auch an Angststörungen oder an starken Depressionen. Auch die sozialen Kontakte können bei der Erkrankung in der Regel nicht aufrechterhalten werden. Behandelt wird die Trichotillomanie psychotherapeutisch, bei Kindern und Jugendlichen durch entsprechend ausgebildete Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten; über eine begleitende medikamentöse Behandlung entscheidet ein Arzt.
In schwerwiegenden Fällen kann die Behandlung dabei auch stationär in einer psychosomatischen oder psychiatrischen Klinik stattfinden. Allerdings kann die Behandlung einen langen Zeitraum benötigen und muss nicht in jedem Falle zu einem Erfolg führen. Die Trichotillomanie selbst beeinflusst die Lebenserwartung des Betroffenen in aller Regel nicht. Eine Ausnahme bildet die nachfolgend beschriebene Komplikation durch verschluckte Haare.
Eine wichtige körperliche Komplikation entsteht dann, wenn der Betroffene die ausgerissenen Haare zusätzlich verschluckt. Diese als Trichophagie bezeichnete Angewohnheit kann dazu führen, dass sich im Magen ein Haarknäuel bildet, ein sogenannter Trichobezoar. Reicht dieser bis in den Dünndarm hinein, spricht man vom Rapunzel-Syndrom. Anhaltende Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust sind Warnzeichen; treten sie auf, ist umgehend ärztliche Hilfe zu holen, bei Anzeichen eines Darmverschlusses der Notruf 112. Ein Trichobezoar kann den Magen-Darm-Durchgang verschließen und muss dann operativ entfernt werden. Angehörige sollten deshalb darauf achten, ob Haare nicht nur ausgerissen, sondern auch in den Mund genommen werden.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Bei der Trichotillomanie ist der Betroffene immer auf einen Besuch bei einem Arzt angewiesen. Bei dieser Krankheit kommt es nur selten zu einer Selbstheilung, und die Beschwerden verschlechtern sich weiter, wenn keine Behandlung eingeleitet wird. Daher sollte bei der Trichotillomanie schon bei den ersten Beschwerden und Symptomen ein Arzt kontaktiert werden. Durch eine frühzeitige Diagnose und die anschließende Behandlung können weitere Komplikationen eingeschränkt werden. Ein Arzt ist dann aufzusuchen, wenn der Betroffene sich zwanghaft die Haare vom Kopf reißt.
Diese Beschwerden können vor allem in stressigen oder anstrengenden Situationen auftreten und wirken sich negativ auf die Lebensqualität des Betroffenen aus. In den meisten Fällen bemerken die Betroffenen bei der Trichotillomanie das Ausreißen selbst gar nicht mehr, sodass Außenstehende die Patienten auf die Beschwerden hinweisen sollten.
Bei der Trichotillomanie sollte ein Psychologe aufgesucht werden. In vielen Fällen müssen Freunde oder die Familie den Betroffenen zu einer Behandlung überreden. Der weitere Verlauf kann nicht allgemein vorausgesagt werden. Die Lebenserwartung des Betroffenen ist durch die Erkrankung selbst in aller Regel nicht verringert. Werden ausgerissene Haare jedoch verschluckt, kann ein Trichobezoar entstehen, der unbehandelt lebensbedrohlich verlaufen kann.
Treten Suizidgedanken auf, ist sofortige Hilfe nötig. Die Telefonseelsorge ist kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 sowie unter der bundesweiten Kurznummer 116 123 erreichbar. Bei akuter Gefahr für das Leben des Betroffenen wird der Notruf 112 gewählt. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Fälle außerhalb der Sprechzeiten steht der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 zur Verfügung.
Behandlung & Therapie
Die Trichotillomanie kann behandelt werden. Hierbei spielt vor allem bei einem schweren Verlauf die psychotherapeutische Behandlung eine wichtige Rolle. Eine Verhaltenstherapie unterstützt die Betroffenen dabei, die Verhaltensweisen und Symptome und vor allem die Auslöser zu erkennen und das Verhalten anschließend zu verändern. Der Betroffene soll während der Therapie lernen, mit der Erkrankung und den Folgen allmählich besser umzugehen.
Als wirksamste verhaltenstherapeutische Methode gilt dabei das Habit-Reversal-Training, zu Deutsch etwa Gewohnheitsumkehr. Die Betroffenen lernen zunächst, die Vorboten des Ausreißens genau wahrzunehmen, und führen an dessen Stelle eine damit unvereinbare Bewegung aus, etwa die Hände für einige Minuten zur Faust zu ballen oder einen Gegenstand festzuhalten.
Dies dauert jedoch seine Zeit, bis die fest eingefahrenen Handlungsmuster abgelegt und durch neue abgelöst werden. Eine ergänzende medikamentöse Therapie kann zusätzlich helfen, den zwanghaften Impuls zu unterdrücken und den Begleiterscheinungen wie Depressionen oder Ängsten, die häufig nebenbei auftreten, entgegenzuwirken. Viele Patienten sprechen positiv auf Antidepressiva an. Untersucht wurde daneben der Wirkstoff N-Acetylcystein, für den bei Erwachsenen günstige Studienergebnisse vorliegen; bei Kindern und Jugendlichen ließ sich diese Wirkung bislang nicht bestätigen. Nur die Anwendung von Medikamenten wird nicht empfohlen, denn wenn diese abgesetzt werden, entsteht häufig wieder der Drang zum Ausreißen der Haare. Daher ist es empfehlenswert, gleichzeitig eine Verhaltenstherapie zu nutzen.
Entspannungstechniken wie das autogene Training oder die progressive Muskelentspannung sind empfehlenswert, um Stress abzubauen. Hilfreich ist zudem die Unterstützung durch Bezugspersonen. Welche Maßnahmen für den Betroffenen erfolgreich sind, muss stets individuell entschieden werden. Eine medikamentöse Behandlung ist nicht immer erforderlich. Auch bei schwierigen Verläufen ist eine deutliche Besserung möglich.
Vorbeugung
Als Vorbeugung hat sich als hilfreich erwiesen, einen Plan zu erstellen, sich selber vom zwanghaften Trieb abzuhalten. Dies bedeutet, wenn die Lust bemerkt wird, die Haare auszureißen, dass der Drang durch positive Gedanken ersetzt wird oder in diesen Momenten Entspannungsmöglichkeiten genutzt werden.
Es ist empfehlenswert, sich in diesen Situationen einige Minuten für sich selber zu nehmen, um auf diese Weise den Kopf freizubekommen. Der Stress sollte reduziert werden. Dies gilt jedoch nicht nur in diesen Situationen, sondern grundsätzlich ist es wichtig, alle Stressauslöser möglichst auszuschalten, um ein psychisches Gleichgewicht herzustellen.
Nachsorge
Nach einer abgeschlossenen Behandlung ist die Nachsorge bei der Trichotillomanie vor allem darauf gerichtet, einen Rückfall früh zu erkennen. Die Trichotillomanie ist kein Erbleiden, für das eine genetische Untersuchung oder eine Beratung bei Kinderwunsch in Betracht käme. Da die Zwangshandlung in belastenden Lebensphasen zurückkehren kann, sind vereinbarte Kontrolltermine beim behandelnden Therapeuten sinnvoll.
Eine Heilung ohne Behandlung bleibt die Ausnahme. Ein Teil der Patienten nimmt begleitend Medikamente ein. Dabei sollten immer die Anweisungen des Arztes beachtet werden, wobei auch auf eine regelmäßige Einnahme und ebenso auf die vorgegebene Dosierung zu achten ist.
Bei Unklarheiten oder starken Nebenwirkungen sollten Betroffene bei der Trichotillomanie einen Arzt aufsuchen. Ebenso kann bei der Trichotillomanie der Kontakt zu anderen Patienten der Erkrankung sehr sinnvoll sein, da es dadurch zu einem Austausch an Informationen kommt, wie sich der Alltag leichter bewältigen lässt. Die Lebenserwartung des Betroffenen wird durch die Erkrankung selbst in aller Regel nicht verringert.
Das können Sie selbst tun
Selbsthilfemaßnahmen sollten bei einer festgestellten Trichotillomanie ausschließlich begleitend stattfinden. Da sich die Behandlung als vergleichsweise schwierig erweist und bis heute keine universell gültigen Therapien bestehen, sollten sämtliche Maßnahmen abgestimmt werden. Nur so kann die Problematik umfassend behoben werden.
In vielen Fällen lösen eine innere Zerrissenheit und Unruhe das Ausreißen der Haare aus. Entspannungstechniken wie das autogene Training können die Anspannung verringern, die den Haarrupf-Impuls auslöst. Zudem kommt der Reaktion des Umfelds eine bedeutende Rolle zu. Eltern und Angehörige sollten unbedingt Vorwürfe vermeiden. Andernfalls verstärkt sich die Problematik. Kinder stauen etwa Aggressionen an und verfügen über keinen Rückzugsraum. Vielmehr sollten Erfolge, also das Unterlassen des Auszupfens, hinreichend gewürdigt und belohnt werden.
Da der Kopf ohnehin das Thema des erkrankten Kindes und seines Umfelds ist, sollte man ihn positiv besetzen. Kopfmassagen sorgen für angenehme Reize. Die Nutzung von Haarschmuck, Mützen und Tüchern verspricht einen kreativen Umgang mit der Erkrankung. Die Trichotillomanie stellt gerade bei Friseurterminen ein Thema dar. Eltern sollten diesen vorab über die Erkrankung informieren. Manchmal gibt es Möglichkeiten, durch bestimmte Frisuren die ausgerissenen Stellen nicht sichtbar zu machen.
Quellen
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432673
- Berger, M. (Hrsg.): Psychische Erkrankungen. Klinik und Therapie.
ISBN: 9783437224850
- Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H. (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10.
ISBN: 9783456857008
- Plewig, G., Ruzicka, T., Kaufmann, R., Hertl, M. (Hrsg.): Braun-Falco's Dermatologie, Venerologie und Allergologie.
ISBN: 9783662495445
- Remschmidt, H., Becker, K. (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
ISBN: 9783132411227
