Vagotomie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Vagotomie ist die operative Durchtrennung von Ästen des Nervus vagus, die die sekretierenden Zellen des Magens oder Zwölffingerdarms versorgen. Die Operation fand vor allem bei Patienten mit Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren Einsatz, da an der Entstehung solcher Geschwüre eine übermäßig saure Sekretion beteiligt ist. Mittlerweile haben konservativ medikamentöse Lösungen die Vagotomie in weiten Teilen abgelöst.
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Was ist die Vagotomie?
Rund 50 von 100 000 Menschen leiden an einem Magengeschwür. Geschwüre des Zwölffingerdarms haben sogar eine viermal höhere Prävalenz. Damit zählen Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre zu den eher verbreiteten Erkrankungen.
Um diese Geschwüre zu behandeln, stehen dem Arzt operative Methoden wie die Vagotomie zur Verfügung. Bei der Operation durchtrennt der Chirurg verschiedene Äste des Hirnnervs Nervus vagus, die an der Versorgung des Magens oder Zwölffingerdarms beteiligt sind. Nach der Durchtrennung dieser Äste wird weniger saures Magensekret produziert. Die Operation besitzt zwar Wirksamkeit, wird in der heutigen Zeit aber kaum bis gar nicht mehr durchgeführt. Die modernen Entwicklungen der Medizin sind dafür verantwortlich.
So stehen zur Behandlung von Patienten mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren mittlerweile die sogenannten Protonenpumpeninhibitoren zur Verfügung, die die Operation in Sachen Wirksamkeit noch überholen. Vor der Einführung dieser modernen Therapien kam der Vagotomie in Bezug auf Patienten des Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwürs eine bedeutsame Rolle zu, so vor allem in Form der selektiv proximalen Vagotomie. Zu diesem Wandel trug neben den Säurehemmern vor allem die Entdeckung des Bakteriums Helicobacter pylori in den 1980er Jahren bei: Ein großer Teil der Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre geht auf diese Infektion zurück und heilt ab, sobald der Erreger mit einer Kombination aus Antibiotika und Säurehemmern beseitigt wird.
Verständlich wird diese Ablösung vor dem Hintergrund, wie das Geschwürsleiden zuvor behandelt wurde. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts stand die Teilentfernung des Magens im Vordergrund, nach dem Wiener Chirurgen Theodor Billroth benannt: Man nahm den Abschnitt heraus, in dem die säurefördernden Zellen sitzen, und verband den verbliebenen Rest wieder mit dem Dünndarm. Der Eingriff wirkte, war aber groß und hinterließ einen dauerhaft veränderten Verdauungsweg mit entsprechenden Beschwerden.
Die Vagotomie war der Versuch, dasselbe Ziel ohne den Verlust von Magen zu erreichen. Grundlage war die Beobachtung, dass allein der Anblick, der Geruch und der Geschmack von Speisen den Magen zur Säurebildung veranlassen – ein Reflex, der über den Nervus vagus läuft und den der russische Physiologe Iwan Pawlow im Tierversuch nachgewiesen hatte. Der amerikanische Chirurg Lester Dragstedt zog daraus in den 1940er Jahren die operative Folgerung und durchtrennte die Vagusstämme bei Patienten mit Zwölffingerdarmgeschwür. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Verfahren immer sparsamer angelegt, bis mit der selektiv proximalen Vagotomie nur noch jene Äste durchtrennt wurden, die tatsächlich zu den säurebildenden Zellen ziehen.
Sein Ende fand dieser Weg in zwei Schritten. In den späten 1970er Jahren kamen die H2-Blocker auf, gut ein Jahrzehnt später die Protonenpumpenhemmer, die die Säurebildung zuverlässiger und ohne Operation unterdrücken. Mit dem Nachweis von Helicobacter pylori verschob sich der Blick dann vollends: Nicht ein überaktiver Nerv, sondern eine behandelbare Infektion stand nun am Anfang der Erkrankung.
Welche Beschwerden dahinterstehen, gehört zur Einordnung des Eingriffs. Ein Geschwür macht sich meist durch einen brennenden oder nagenden Schmerz im Oberbauch bemerkbar. Beim Magengeschwür tritt er häufig bald nach dem Essen auf, beim Zwölffingerdarmgeschwür eher im nüchternen Zustand und nachts, und er lässt nach einer Mahlzeit oft nach. Hinzu kommen Sodbrennen, Übelkeit, Aufstoßen und Appetitlosigkeit. Ein Teil der Geschwüre verläuft jedoch stumm und fällt erst durch eine Komplikation auf, gerade bei älteren Menschen und bei denen, die Schmerzmittel einnehmen und den Warnschmerz damit unterdrücken.
Funktion, Wirkung & Ziele
Wie stark dieser Stimulus wiegt, zeigt die übliche Einteilung der Magensaftabsonderung in drei Abschnitte. Der erste beginnt, bevor überhaupt etwas im Magen angekommen ist: Anblick, Geruch, Geschmack und selbst die bloße Erwartung einer Mahlzeit lösen über den Nervus vagus die Ausschüttung von Acetylcholin aus, das die Parietalzellen unmittelbar zur Säurebildung anregt. Der zweite Abschnitt setzt ein, wenn die Speise den Magen dehnt und Eiweißbausteine freisetzt; getragen wird er vor allem von dem im Magenausgang gebildeten Hormon Gastrin, dessen Freisetzung ihrerseits unter dem Einfluss des Vagus steht. Der dritte Abschnitt spielt sich im Dünndarm ab und wirkt überwiegend bremsend. Die Vagotomie greift damit nicht in einen Nebenweg ein, sondern in den ersten und einen Teil des zweiten Abschnitts.
Die Bezeichnung Vagotomie deutet bereits an, dass das operative Verfahren einem Eingriff am Nervus vagus entspricht. Die Operation hat eine Aufhebung oder Verminderung der Stimuli zum Ziel, die die Parietalzellen des Magens oder Zwölffingerdarms zur Sekretion antreiben. Aus diesem Grund durchtrennt der Operateur bei der Operation die Äste des Nervs, die den Magen oder Zwölffingerdarm versorgen. Verschiedene Unterverfahren mit diesem Ziel stehen zusätzlich zur Verfügung. Normalerweise werden am rechten und linken Hauptstamm des Nervus vagus die entsprechenden Nervenanteile auf unterschiedlicher anatomischer Höhe durchtrennt. Von einer thorakal angelegten Vagotomie ist in diesem Zusammenhang immer dann die Rede, wenn die Durchtrennung der nervalen Hauptstämme im Bereich des Brustkorbs stattfindet.
Bei der trunkulären Form der Vagotomie werden die Hauptstämme im Truncus vagalis anterior und posterior ausgehend vom Bauchraum in der Region der unteren Speiseröhre durchtrennt. Die gastrale Vagotomie basiert auf einer nervalen Durchtrennung der Nervenanteile, die sich zum Magen ziehen. Dabei werden die Nervenäste zur Leber und zu anderen Organen erhalten. Die selektiv proximale Vagotomie wird auch als Parietalzellvagotomie bezeichnet und ist eine der in der Vergangenheit am häufigsten durchgeführten Vagotomien.
In diesem Eingriff erfolgt die Durchtrennung der Nervenäste zum Magen unter dem Erhalt der Nervenanteile, die sich zum Magenpförtner, dem sogenannten Pylorus, ziehen. Die dabei geschonten Nervenäste sind nach dem französischen Anatomen André Latarjet benannt. Vagotomien finden immer stationär statt und bedürfen einer gewissenhaften Operationsvorbereitung und Aufklärung des Patienten. Mittlerweile findet allerdings auch die proximal selektive Vagotomie annähernd überhaupt nicht mehr statt.
Dass der Eingriff im Lauf der Zeit immer zurückhaltender angelegt wurde, hat einen handfesten Grund: Der Nervus vagus versorgt nicht nur die säurebildenden Zellen, sondern steuert auch die Bewegung des Magens und die Öffnung des Magenpförtners. Werden die Hauptstämme durchtrennt, erschlafft der Magen und entleert sich nicht mehr geordnet. Deshalb musste die trunkuläre Vagotomie regelmäßig mit einem zweiten Schritt verbunden werden, der den Magenausgang gangbar hält – entweder mit einer Erweiterung des Pförtners durch Längsschnitt und Quervernähung, der Pyloroplastik, oder mit einer zusätzlichen Verbindung zwischen Magen und Dünndarm. Die selektiv proximale Vagotomie kam ohne diesen Zusatz aus, weil sie die Äste zum Pförtner unberührt ließ; sie war damit der schonendere, zugleich aber der technisch anspruchsvollere Eingriff, denn ihr Erfolg hing daran, ob wirklich alle säurefördernden Äste erfasst worden waren.
Zur Vorbereitung gehören die üblichen Schritte vor einem Baucheingriff: Blutuntersuchung, Prüfung von Herz und Lunge, ein Gespräch über die Narkose, das Aussetzen gerinnungshemmender Mittel nach ärztlicher Anweisung und das Nüchternbleiben vor dem Eingriff. Durchgeführt wird die Operation in Vollnarkose; klassisch erfolgte sie über einen Bauchschnitt, in den letzten Jahren ihres Einsatzes auch über eine Bauchspiegelung mit mehreren kleinen Zugängen.
Am Anfang steht in jedem Fall eine gründliche Abklärung. Grundlage ist die Magenspiegelung, bei der das Geschwür in Augenschein genommen und aus seinem Rand Gewebe entnommen wird – zum einen, um ein Magenkarzinom auszuschließen, das einem gutartigen Geschwür täuschend ähnlich sehen kann, zum anderen, um Helicobacter pylori nachzuweisen. Erst wenn die Beseitigung des Erregers und die Behandlung mit Säurehemmern nicht zum Ziel führen, stellt sich überhaupt die Frage nach einem Eingriff. Auch seltene Sonderfälle gehören in diese Überlegung: Beim Zollinger-Ellison-Syndrom etwa treibt ein hormonbildender Tumor die Säureproduktion an, so dass die Ursache anderswo liegt und anders behandelt werden muss.
Eine eigene Gruppe bilden die Notfälle. Blutet ein Geschwür, erkennbar an Bluterbrechen oder schwarzem Teerstuhl, durchbricht es die Magenwand und führt zu einer Bauchfellentzündung, oder verlegt es narbig den Magenausgang, so ist rasches Handeln nötig. Eine Blutung lässt sich heute meist im Rahmen der Magenspiegelung selbst stillen; bei einem Durchbruch wird operiert, dann jedoch in aller Regel nur die Öffnung verschlossen. Eine Vagotomie wird dabei nicht mehr angelegt, weil die Säurehemmung anschließend medikamentös erfolgt.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Außerdem sind Operationen immer mit dem Risiko der Infektion assoziiert und können im Extremfall eine Nekrotisierung von Gewebe oder eine tödliche Sepsis zur Folge haben. Darüber hinaus besteht bei jeder Operation ein gewisses Risiko im Rahmen der Anästhesie. Dieses Risiko betrifft vor allem kreislaufkranke und übergewichtige Patienten. Kreislaufschocks können während der Operation als Reaktion auf das Anästhetikum entstehen und zu einem Herzstillstand führen. Außerdem verspüren viele Patienten durch Anästhetika Übelkeit oder müssen sich erbrechen. Auch allergische Reaktionen auf das Anästhetikum können im Bereich des Möglichen liegen.
Noch häufiger klagen die Patienten nach einer Operation über Halsschmerzen, Heiserkeit und Schluckbeschwerden, wie sie als Reaktion auf die künstliche Beatmung während einer Operation eintreten können. Zwar ist das Risiko für die beschriebenen Komplikationen und Nebenwirkungen meist als gering einzuschätzen, allerdings muss der Patient vor der Operation dennoch über die Risiken in Kenntnis gesetzt werden. Zu den spezifischen Risiken der Vagotomie zählt vor allem die fehlerhafte Durchtrennung von Nervenästen, die für die Funktion des Magens oder Darms relevant sind.
Die Durchtrennung falscher Nervenäste könnte eine Lähmung der Peristaltik zur Folge haben und damit die Verdauung funktional beeinträchtigen. Wenn sensorische Nervenfasern durchtrennt werden, können Sensibilitätsstörungen auftreten. Vor und vor allem nach Eingriffen am Magen oder Zwölffingerdarm sind außerdem häufig Spezialdiäten erforderlich, um die Organe unmittelbar nach dem Stressereignis nicht zu überlasten. Aufgrund des Aufwands und der Risiken kommt die Vagotomie mittlerweile kaum mehr zum Einsatz. Die modernen Alternativen sind sowohl mit weniger Aufwand als auch weniger Risiken und Nebenwirkungen für den Patienten verbunden.
Zu den wichtigsten Lösungen der Moderne zählen effektiv sekretionsinhibierende Pharmaka. Diese Pharmaka können zum Beispiel Protonenpumpenhemmern oder H2-Blockern entsprechen. Das invasive Verfahren der Vagotomie wurde demnach durch konservativ medikamentöse Lösungen ersetzt, um den Patienten nicht unangemessen zu belasten. In Ausnahmen findet die Vagotomie noch statt, so vorwiegend bei therapierefraktär schweren Verlaufsformen.
Wird der Eingriff doch vorgenommen, sind über die unmittelbaren Operationsrisiken hinaus eigene Spätfolgen zu bedenken, die unter dem Begriff der Postvagotomiesyndrome zusammengefasst werden. Am bekanntesten ist das Dumping-Syndrom, das vor allem nach den ausgedehnteren Formen auftritt: Weil der Magen seinen Inhalt nicht mehr geordnet weitergibt, gelangt die Speise zu rasch in den Dünndarm. Kurz nach dem Essen kommt es dann zu Völlegefühl, Herzklopfen, Schweißausbruch und Schwäche; in der Spätform treten ein bis zwei Stunden später die Zeichen einer Unterzuckerung auf, weil der Körper auf den schnellen Zuckeranstieg mit einer überschießenden Insulinausschüttung antwortet. Behandelt wird es vor allem über die Zusammensetzung und die Verteilung der Mahlzeiten, die mit einer Ernährungsberatung erarbeitet werden.
Ebenfalls beschrieben sind ein anhaltender Durchfall, der auf die veränderte Nervenversorgung des Darms zurückgeht, sowie eine erhöhte Neigung zu Gallensteinen, weil auch die Gallenblase Äste des Nervus vagus erhält und sich nach deren Durchtrennung träger entleert. Bleibt die Säurebildung trotz der Operation zu hoch, weil ein Ast übersehen wurde, kann das Geschwür wiederkehren; gerade diese Rückfälle waren einer der Gründe, aus denen das Verfahren an Ansehen verlor. Umgekehrt kann eine zu weitgehende Durchtrennung die Magenentleerung dauerhaft verzögern und ein Druck- und Völlegefühl nach dem Essen hinterlassen.
Diese Folgen erklären, warum die Abwägung heute anders ausfällt als vor fünfzig Jahren. Eine medikamentöse Behandlung lässt sich anpassen, unterbrechen und beenden; eine durchtrennte Nervenfaser wächst nicht wieder zusammen. Wo ein Eingriff dennoch unumgänglich ist, wird er deshalb so sparsam wie möglich angelegt, und die Entscheidung fällt gemeinsam mit dem Patienten, der über die zu erwartenden Veränderungen seiner Verdauung im Voraus Bescheid wissen muss. Zur Nachsorge gehören Kontrollen des Gewichts und der Verdauungsbeschwerden sowie eine erneute Magenspiegelung, wenn die alten Beschwerden zurückkehren.
Quellen
- Henne-Bruns, D. (Hrsg.): Chirurgie.
ISBN: 9783132431874
- Billmann, F., Keck, T. (Hrsg.): Facharztwissen Viszeralchirurgie.
ISBN: 9783662728826
- Schumpelick, V., Kasperk, R., Stumpf, M.: Operationsatlas Chirurgie.
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- Messmann, H., Wedemeyer, H. (Hrsg.): Klinische Gastroenterologie.
ISBN: 9783132405233
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655
