Vojta-Therapie

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Bei der Vojta-Therapie handelt es sich um eine physiotherapeutische Behandlungsmethode, die von dem Neurologen Václav Vojta in den 1960er Jahren entwickelt wurde. Sie zielt darauf ab, Menschen mit Erkrankungen oder Verletzungen im Bereich des Zentralen Nervensystems zu einem größtmöglichen Grad ihre Bewegungsfreiheit zurückzugeben.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Vojta-Therapie?

Vojta Therapie
Die Therapie wird bei Störungen im Haltungs- und Bewegungsapparat eingesetzt. Dies gilt ebenso für Erkrankungen oder Bewegungseinschränkungen, die vom Nervensystem ausgehen.

Die Therapie wird bei Störungen im Haltungs- und Bewegungsapparat eingesetzt. Dies gilt ebenso für Erkrankungen oder Bewegungseinschränkungen, die vom Nervensystem ausgehen. Diese Schädigungen schränken die dem Menschen angeborenen Bewegungsmuster wie Greifen, Drehen, Gehen und Stehen stark ein oder können sie gänzlich blockieren.

Das Ziel der Vojta-Therapie ist es, diese Bewegungsmuster bei Menschen mit Behinderungen verschiedener Art zu reaktivieren. In welchem Maße dies möglich ist, hängt von der zugrunde liegenden Erkrankung beziehungsweise der Behinderung an sich ab. Um den bestmöglichen Effekt zu erzielen, arbeitet die Therapiemethode mit der sogenannten Reflexlokomotion. Reflex definiert sich als unbewusste und unkontrollierte Reaktion auf einen bestimmten Reiz, wobei Lokomotion für Fortbewegung steht. Bei der Reflexlokomotion handelt es sich also um eine durch Reflexe erzwungene Bewegung.

Die Reflexlokomotion ist keine Übung im gewohnten Sinn, denn der Behandelte führt die Bewegung nicht aus, sondern sie stellt sich ein. Nach der Systematik der Methode werden dafür zwei Bewegungskomplexe genutzt: das Reflexkriechen, das aus der Bauchlage ausgelöst wird und in eine kriechähnliche Bewegung mündet, und das Reflexumdrehen, das in Rückenlage beginnt, über die Seitenlage führt und in den Vierfüßlergang übergeht. Ausgelöst werden sie durch einen gezielten, über einen Zeitraum gehaltenen Druck auf bestimmte Körperstellen, die als Auslösungszonen bezeichnet werden und sowohl am Rumpf als auch an Armen und Beinen liegen. Der Therapeut kombiniert dabei mehrere Zonen und setzt der einsetzenden Bewegung zugleich einen Widerstand entgegen, sodass sich die Spannung im ganzen Körper aufbaut, statt sich in einer sichtbaren Bewegung zu erschöpfen. Die Vorstellung dahinter ist, dass diese Bewegungsmuster im Nervensystem angelegt sind und auch dann noch abgerufen werden können, wenn der willentliche Zugang zu ihnen fehlt.

Von der Behandlung zu unterscheiden ist die Vojta-Diagnostik, die auf demselben Grundgedanken beruht. Sie dient dazu, Störungen der Bewegungsentwicklung bei Säuglingen früh zu erkennen, und stützt sich nach der Darstellung der Fachgesellschaft auf drei Beobachtungsfelder: die spontane Bewegung des Kindes in Rücken- und in Bauchlage, die Prüfung von sieben sogenannten Lagereaktionen und die Entwicklung der Neugeborenenreflexe. Weil sich diese Reaktionen im ersten Lebensjahr in einer bekannten Abfolge verändern, lässt sich abschätzen, ob die Entwicklung dem Alter entspricht. Eine Diagnose der zugrunde liegenden Erkrankung stellt die Untersuchung damit nicht; sie zeigt an, dass etwas von der erwarteten Entwicklung abweicht, und ist Anlass für die weitere ärztliche Abklärung.

Funktion, Wirkung & Ziele

Die Vojta-Therapie ist bei zahlreichen Erkrankungen und vielen Bewegungsstörungen einsetzbar. Lange Zeit galt die Therapie als bei Erwachsenen unwirksam und einzig bei Kleinkindern erfolgreich. Der Grund hierfür lag in der Formbarkeit des Zentralen Nervensystems bei Kindern, welche bei Erwachsenen jedoch deutlich nachlässt. Diese Annahme gilt heute als überholt. Zwar wird durch die leichtere Formbarkeit die Chance auf Erfolge erhöht, allerdings wird die Vojta-Therapie auch bei Erwachsenen angewendet. Belastbare Vergleichsstudien zur Wirksamkeit liegen jedoch nur in geringem Umfang vor. Bei Säuglingen und Kindern werden daneben andere Ansätze eingesetzt, insbesondere das Bobath-Konzept.

Die beiden Ansätze unterscheiden sich grundlegend in ihrem Zugang. Das Bobath-Konzept setzt an alltäglichen Handlungen an, etwa am Aufsetzen, am Greifen oder am Anziehen, und begleitet die Bewegung nur so weit, wie der Betroffene sie nicht selbst zu Ende bringen kann; es versteht sich ausdrücklich als Denkrahmen und nicht als festes Übungsprogramm. Die Vojta-Therapie geht den umgekehrten Weg: Sie übt keine alltägliche Handlung, sondern löst über festgelegte Ausgangslagen und Druckpunkte Bewegungsmuster aus, aus denen sich nach der Vorstellung der Methode alltägliche Bewegungen erst später zusammensetzen. Welcher Weg im Einzelfall gewählt wird, hängt vom Alter, vom Störungsbild und nicht zuletzt davon ab, was Betroffene und Angehörige über längere Zeit durchhalten können. Die beiden Verfahren schließen einander nicht aus; im deutschen Heilmittelrecht stehen sie ausdrücklich nebeneinander.

Die wichtigste Voraussetzung für die Vojta-Therapie ist eine neuromuskuläre Verbindung zwischen den Muskeln und Nervenbahnen. Fehlt diese Verbindung, kommt die Therapie nicht in Betracht. Ob sie im Einzelfall geeignet ist, hängt daneben von weiteren Gegenanzeigen ab. Ein Anwendungsbereich ist beispielsweise Multiple Sklerose. Hierbei wird das neurologische Potenzial ausgeschöpft.

Es gibt verschiedenste Indikationen für die Therapie. So kann sie genutzt werden, wenn Bewegungsstörungen aufgrund von Hirnschädigungen auftreten oder bei verschiedenen Muskelerkrankungen. Zudem können bei verschiedenen Arten von Lähmungen Erfolge erzielt werden. Dazu gehören Lähmungen im Bereich der Arme und Beine, aber auch Querschnittslähmungen, sofern die oben genannte Bedingung erfüllt wird. Außerdem findet die Therapie Anwendung bei Koordinationsstörungen im Säuglingsalter. Diese können beispielsweise auf verschiedene genetische Erkrankungen zurückgeführt werden.

Zudem wird die Vojta-Therapie bei Menschen mit Einschränkungen im Bereich der Wirbelsäule eingesetzt. Dazu gehört beispielsweise Skoliose, also eine Wirbelsäulenverkrümmung. Hinzu kommen bereits aufgegriffene neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Ischialgien und Bandscheibenvorfälle. Daneben ist sie auch ein Verfahren, welches nach Schlaganfällen eingesetzt wird, um den Betroffenen einen Weg ins Leben zurück aufzuzeigen. Die Therapie kann helfen, natürliche Bewegungsmuster weitestgehend wiederherzustellen und somit das Leben wieder zu erleichtern.

Je nach Art kann die Vojta-Therapie auch bei angeborenen Fehlstellungen und damit verbundenen Fehlbelastungen eingesetzt werden. Zusätzlich können solche Fehlbelastungen auch durch Unfälle und Verletzungen sowie die dadurch verursachten Schmerzen ausgelöst werden.

Dagegen sollte die Therapie nicht angewendet werden, wenn akute und entzündliche Erkrankungen vorliegen. Hierauf ist sie nicht ausgerichtet oder spezialisiert. Das Gleiche gilt für den Einsatz bei Personen mit Glasknochen, da die Reflexlokomotion hier zu starken Schädigungen führen kann. Zudem sollte bei manchen Herz- und Muskelerkrankungen auf die Vojta-Therapie verzichtet werden. Entsprechende Vereinbarungen sind mit dem behandelnden Arzt und Physiotherapeuten individuell zu treffen.

Ob eine solche Gegenanzeige vorliegt, entscheidet sich nicht am Verhalten des Kindes, sondern an der ärztlichen Beurteilung. Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil die Reflexlokomotion den ganzen Körper unter Spannung setzt und die Wirkung damit nicht auf die Stelle beschränkt bleibt, an der der Druck ausgeübt wird. Vor Beginn gehört deshalb eine ärztliche Untersuchung, die die Grunderkrankung und den Allgemeinzustand einbezieht. Sie wird im Verlauf wiederholt, weil sich der Zustand bei fortschreitenden Erkrankungen ändern kann und eine Behandlung, die zu Beginn vertretbar war, es später nicht mehr sein muss.

Die Therapie arbeitet mit der Auslösung von Reizen durch den Therapeuten. Diese werden aus verschiedenen Grundpositionen heraus aktiviert. Eine Variante ist die Aktivierung, wenn der Patient sich in einer liegenden Position befindet. Die Reizung führt dabei zu entsprechenden Bewegungskomplexen, dem Reflexkriechen oder Reflexumdrehen. So werden Bewegungen erzielt, die den meisten Patienten zuvor unter Umständen nicht möglich waren. Durch Kombination und Variation verschiedener Reize und Bewegungen kann so ein auf den Betroffenen zugeschnittenes Therapieprogramm erstellt werden.

Für den Behandelten und für die Angehörigen ist die Sitzung vor allem dadurch geprägt, dass sich nichts willentlich steuern lässt. Gearbeitet wird auf einer festen, gepolsterten Unterlage; die Kleidung ist knapp, damit die Auslösungszonen zugänglich sind. Der Druck ist nicht schmerzhaft gemeint, aber deutlich spürbar, und er wird gehalten – das unterscheidet ihn von einer Massage oder von einem kurzen Reiz. Bei Kindern hält eine Bezugsperson meist Blickkontakt und spricht mit dem Kind, während die Therapeutin oder der Therapeut arbeitet. Erwachsene beschreiben die Bewegungsantwort häufig als ungewohnt, weil sie sich einstellt, ohne dass sie etwas dafür tun. Berichtet werden zunächst weniger neue Bewegungen als Veränderungen der Muskelspannung, der Haltung oder der Atmung.

Bei Kindern bleibt es nicht bei den Terminen in der Praxis. Zur Methode gehört, dass die Eltern oder andere Bezugspersonen angeleitet werden, die Behandlung zu Hause fortzuführen; nach der Darstellung der Fachgesellschaft erfolgt diese Anleitung von Beginn an, damit zwischen den Terminen nicht zu viel Zeit vergeht. Wie oft und wie lange geübt wird, legt die behandelnde Therapeutin oder der behandelnde Therapeut fest und passt es im Verlauf an. Für die Familie bedeutet das einen festen Platz im Tagesablauf, und genau daran entscheidet sich häufig, ob eine Behandlung durchgehalten wird.

Die Therapie muss auf die Krankheit und deren Verlauf sowie die individuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden. Zusammen mit dem Therapeuten wird ein passendes Therapieprogramm entwickelt.

In Deutschland wird die Vojta-Therapie nicht unter ihrem Namen verordnet, sondern als besonderes Heilmittel der Physiotherapie. Die Heilmittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses kennt dafür zwei Positionen: die Krankengymnastik zur Behandlung von Erkrankungen des Zentralnervensystems und des Rückenmarks längstens bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres, bei der die Techniken nach Bobath oder Vojta zum Einsatz kommen, und die entsprechende Leistung für Erwachsene, bei der neben Bobath und Vojta auch die propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation genannt ist. Beide dürfen ausschließlich als Einzeltherapie verordnet werden.

Als Anlass führt der Heilmittelkatalog die Diagnosegruppe der Erkrankungen des Zentralnervensystems und der neuromuskulären Erkrankungen auf. Genannt sind dort unter anderem vor, während und nach der Geburt entstandene Schädigungen wie die infantile Zerebralparese, Fehlbildungen, Durchblutungsstörungen und Blutungen im Gehirn, Verletzungen von Schädel und Rückenmark, Querschnittssyndrome, Multiple Sklerose und Muskelerkrankungen. Vorgesehen sind bis zu zehn Behandlungseinheiten je Verordnung; als orientierende Menge nennt die Richtlinie bis zu 30 Einheiten, bei Kindern und Jugendlichen bis zu 50, und als Häufigkeit ein- bis dreimal wöchentlich. Über diese Menge hinausgehende Verordnungen sind möglich und brauchen keine Genehmigung der Krankenkasse.

Die Kosten trägt bei ärztlicher Verordnung die Krankenkasse. Versicherte, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, leisten dabei nach dem Sozialgesetzbuch eine Zuzahlung von zehn Prozent der Kosten zuzüglich zehn Euro je Verordnung; Kinder und Jugendliche sind davon befreit. Für die Durchführung reicht die Ausbildung zur Physiotherapeutin oder zum Physiotherapeuten allein nicht aus: Die Heilmittel-Richtlinie kennzeichnet beide Leistungen als Maßnahmen, für die eine zusätzliche abgeschlossene Weiterbildung oder Fortbildung erforderlich ist. Das erklärt zugleich, warum entsprechende Praxen nicht überall verfügbar sind und die Anfahrt für Familien eine eigene Belastung darstellen kann.


Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Kritiker der Vojta-Therapie zielen vor allem auf den Einsatz der Methoden auf Säuglinge ab. Dabei werden sie von Müttern betroffener Kinder unterstützt. Der Grund dafür ist das Schreien der Säuglinge während der Therapiesitzung, welches zu psychischem Stress bei der Mutter führt.

Sie ist dabei gezwungen, das Schutzbedürfnis zu unterdrücken. Außerdem besteht die Befürchtung, den Kindern damit unterbewusst psychische Schäden zuzufügen. Die Kinder könnten den Eltern die Behandlung übel nehmen. Grundlage hierfür ist das fehlende Verständnis von Säuglingen, was die erzwungene Bewegung angeht. Möglicherweise empfänden Kinder die Therapie als Misshandlung, was sich negativ auf die geistige Entwicklung auswirken könnte. Dabei ist der enorme Stress, dem die Eltern und vor allem Mütter bei der Therapie ausgesetzt werden, nicht zu verachten.

Der Streit über die Methode berührt eine Frage, die sich nicht allein fachlich entscheiden lässt. Befürworter deuten das Schreien als Ausdruck der ungewohnten Anstrengung und der aufgebauten Körperspannung, nicht als Schmerzäußerung, und verweisen darauf, dass sich die Kinder anschließend beruhigen. Kritiker halten dem entgegen, dass ein Säugling seine Empfindung nicht anders mitteilen kann und die Deutung damit auf der Seite derer liegt, die die Behandlung durchführen. Eine Entscheidung zwischen beiden Deutungen liegt für die Familien deshalb nicht auf der Hand.

Erfahrungsberichte schildern ununterbrochenes Schreien der Kinder. Häufig sprechen Kinderärzte und Therapeuten von möglichen Szenarien, die auf die Familie zukommen, wenn die Behandlung nicht fortgeführt wird. Allerdings ist es sinnvoll, zunächst unterschiedliche Kinderärzte anzuhören und über Alternativen nachzudenken, bevor sich Eltern für die Vojta-Therapie entscheiden. In einigen Fällen gibt es andere Behandlungsmöglichkeiten, die weniger nervenraubend sind und bei denen die Kinder unter geringeren Druck gesetzt werden. Daher sollte die Vojta-Therapie bei Säuglingen nur dann eingesetzt werden, wenn sie von mehreren Seiten als zwingend notwendig empfunden wird.

Unabhängig von dieser Frage hat die Therapie Grenzen, die im Verfahren selbst liegen. Sie behandelt nicht die Schädigung, die zu der Bewegungsstörung geführt hat, sondern arbeitet mit dem, was an Verbindungen zwischen Nervenzellen und Muskeln erhalten geblieben ist. Wie viel sich erreichen lässt, hängt daher vom Ausmaß der Schädigung ab und lässt sich zu Beginn nicht zusagen.

Hinzu kommt, dass die Behandlung über längere Zeit regelmäßig fortgeführt werden muss, bei Kindern also davon abhängt, ob die Familie sie in den Alltag einbauen kann. Aus beidem folgt, dass die Entscheidung für oder gegen die Vojta-Therapie in Abständen zu überprüfen ist. Bleibt die erhoffte Veränderung aus oder überfordert die Behandlung die Familie, ist der Wechsel auf ein anderes Vorgehen kein Scheitern, sondern Teil der Behandlungsplanung. Umgekehrt gilt, dass die Therapie ein Baustein unter mehreren ist: Sie steht neben der ärztlichen Behandlung der Grunderkrankung, neben Hilfsmitteln und, je nach Störungsbild, neben Ergotherapie und Logopädie.

Quellen

  • Vojta, V., Peters, A.: Das Vojta-Prinzip.
    ISBN: 9783662561195
  • Hefti, F., Brunner, R., Hasler, C. C.: Kinderorthopädie in der Praxis.
    ISBN: 9783642449949
  • Reichert, B.: Physikalische Therapie.
    ISBN: 9783132461673
  • Bossert, F.-P., Müller, P., Vogedes, K.: Leitfaden Physikalische Therapie.
    ISBN: 9783437481017
  • Niethard, F. U., Biberthaler, P., Pfeil, J.: Orthopädie und Unfallchirurgie.
    ISBN: 9783132443136

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