Barbiturate

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 10. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Barbiturate galten einst als Wundermittel und wurden in großem Umfang eingesetzt. Heute ist ihre Verwendung stark eingeschränkt und sie gelten als gefährlich. Dafür gibt es eine Vielzahl guter Gründe. Der hier folgende Überblick über die Wirkung von Barbituraten auf den Körper, ihre Anwendungsgebiete sowie Risiken und Nebenwirkungen zeigt, warum.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Barbiturate?

Barbiturate
Barbiturat ist der Oberbegriff für eine Vielzahl verschiedener Arzneimittel, die narkotisierend, hypnotisierend, krampflösend und sedierend wirken.

Barbiturat ist der Oberbegriff für eine Vielzahl verschiedener Arzneimittel, die narkotisierend, hypnotisierend, krampflösend und sedierend wirken. Ihre Bezeichnung leitet sich von der Barbitursäure ab, von der sie Derivate bilden. Der Chemiker Johann Friedrich Wilhelm Adolf Ritter von Baeyer stellte im Jahre 1864 zum ersten Mal erfolgreich Barbitursäure her. Auf dieser Grundlage entwickelte dann Hermann Emil Fischer im Jahre 1903 das erste Barbiturat mit sedierender Wirkung und nannte es Barbital.

Seit dieser Entwicklung gehörten Barbiturate über viele Jahrzehnte zu den meist verwendeten Schlaf- und Beruhigungsmitteln im deutschsprachigen Raum. Weil sie sehr schnell abhängig machen und es zu vielen Vergiftungen durch Überdosierungen und Missbrauch kam, sind sie in Deutschland jedoch seit den frühen Neunzigern nicht mehr als Schlaf- und Beruhigungsmittel zugelassen. Seither finden sie vor allem bei der Behandlung von Epilepsie sowie als Narkosemittel bei Operationen Verwendung.

Es gibt drei Typen von Barbituraten: kurz wirkende, die nur wenige Minuten einen Effekt ausbilden, mittellang wirkende, deren Wirkung einige Stunden anhält, und lang wirkende, deren Wirkung über viele Stunden anhält. Die Einteilung basiert also auf der Dauer der jeweiligen Wirkung.

Pharmakologische Wirkung

Die pharmakologische Wirkung von Barbituraten auf Körper und Organe ist enorm vielschichtig. Sie entfalten ihre Wirkung über bestimmte Rezeptoren im Organismus, die sogenannten GABA-A-Rezeptoren. Diese befinden sich in den Nervenzellen und binden dort den Neurotransmitter γ-Aminobuttersäure. So beeinflussen sie direkt die Wirkung der Botenstoffe, die für die Übertragung von Reizen und Erregungen zwischen den Nervenzellen zuständig sind.

Nach der Bindung des Barbiturats an diese Rezeptoren verlängert es die Öffnungsdauer des zugehörigen Chloridkanals und verstärkt damit die hemmende Signalübertragung zwischen den einzelnen Nervenzellen. In höherer Dosierung können Barbiturate den Kanal auch ohne die γ-Aminobuttersäure öffnen und deren Wirkung damit nicht nur verstärken, sondern ersetzen. Darin unterscheiden sie sich von den Benzodiazepinen, die lediglich die Öffnungshäufigkeit des Kanals erhöhen und auf den körpereigenen Botenstoff angewiesen bleiben. Auf diese Weise dämpfen die Barbiturate die Erregbarkeit des Zentralnervensystems; eine schmerzstillende Wirkung haben sie dagegen nicht.

Eine wichtige Rolle bei der Wirkung spielt darüber hinaus die Dosierung des Barbiturats. In geringerer Dosierung sorgt bereits die verstärkte Hemmwirkung für eine Sedierung. In höheren Dosen hemmen sie zudem den erregend wirkenden AMPA-Rezeptor sowie Natriumkanäle, die wiederum für viele andere Vorgänge im Körper wichtig sind. Letzten Endes führen Barbiturate zur totalen Narkotisierung. Weil der Abstand zwischen beruhigender, narkotisierender und lebensgefährlicher Dosis gering ist, haben Barbiturate eine sehr enge therapeutische Breite.

Die Fachinformation zu Phenobarbital bezeichnet den Wirkmechanismus der Barbiturate als noch nicht vollständig geklärt. Angenommen wird ein Angriff am Komplex aus GABA-Rezeptor und Chloridkanal, durch den das Ruhepotential der Zellmembran ansteigt. Hinzu kommt, dass vor der Umschaltstelle zwischen zwei Nervenzellen die Freisetzung erregender Botenstoffe unterdrückt wird; in höherer Konzentration erschweren Barbiturate zudem die Ausbreitung der Nervenimpulse entlang des Nervenfortsatzes, indem sie die Durchlässigkeit der Membran herabsetzen. Auffällig ist dabei eine Vorliebe für bestimmte Schaltungen: Nervenketten mit mehreren hintereinandergeschalteten Umschaltstellen werden stärker gehemmt als solche mit nur einer, und schnelle Impulsfolgen stärker als vereinzelte Impulse. Gerade diese Eigenschaft gilt als wichtig für die krampfhemmende Wirkung.

Auf der Ebene der Hirnregionen dämpfen Barbiturate die aktivierenden Anteile der Formatio reticularis – jenes Netzwerks im Hirnstamm, das über den Grad der Wachheit mitentscheidet – ebenso wie Zentren der Großhirnrinde und des verlängerten Marks. Weil die Dämpfung mit der Dosis zunimmt, geht die beruhigende Wirkung ohne scharfe Grenze in eine schlaffördernde und diese wiederum in eine narkotische über. Phenobarbital besitzt daneben eine ausgeprägte krampfhemmende Wirkungskomponente.

Medizinische Anwendung & Verwendung

Früher wurden Barbiturate hauptsächlich als Schlaf- oder Beruhigungsmittel verschrieben. Da Erfahrungswerte und Studien allerdings bald das extrem hohe Suchtpotenzial sowie die gefährlich hohe Toxizität offenlegten, kam es schließlich zu einem Verbot für diese Einsatzgebiete. An die Stelle der Barbiturate traten weit weniger gefährliche Arzneistoffe wie Benzodiazepine.

Aufgrund dieser Tatsache werden Barbiturate heute im Grunde genommen nur noch für zwei Anwendungsgebiete eingesetzt: als Anästhetikum und als Antiepileptikum. Als Anästhetikum finden sie in der Form von Thiopental bei der Narkoseeinleitung Verwendung. Das kurz wirksame Barbiturat Thiopental hat eine Wirkungsdauer von nur knapp 10 Minuten und wirkt enorm schnell, weshalb es dem Patienten zur Einleitung einer Narkose intravenös injiziert wird. Für die Routinenarkose hat Thiopental seine frühere Bedeutung allerdings weitgehend verloren; heute wird die Narkose überwiegend mit Propofol eingeleitet.

Bei der Behandlung von Epilepsie kommt das lang wirksame Phenobarbital zum Einsatz. Aufgrund seiner krampflösenden Wirkung wird es gerne sowohl zur Vorbeugung als auch zur Behandlung von Krampfanfällen im Rahmen einer epileptischen Erkrankung eingesetzt. Ferner kann es auch zur Bekämpfung von Krampfanfällen dienen, die durch den Kontakt mit bestimmten Giften wie Strychnin oder DDT ausgelöst werden.

Als Anwendungsgebiet nennt die Fachinformation zu Phenobarbital verschiedene Formen der Epilepsie sowie den Schutz vor generalisierten Anfällen bei Absencen im Kindesalter. Sie enthält zugleich einen Hinweis, der auf den ersten Blick überrascht: Phenobarbital kann selbst Absencen und komplex partielle Anfälle auslösen, und beim Schutz vor generalisierten Anfällen kann die Zahl der Absencen unter der Behandlung zunehmen. Der Wirkstoff eignet sich damit nicht für jede Anfallsform gleichermaßen, sondern verlangt eine Zuordnung zum jeweiligen Krankheitsbild.


In der Schweiz werden bestimmte Barbiturate wie Pentobarbital darüber hinaus bei der dort straflosen Beihilfe zum Suizid verwendet, bei der der Sterbewillige das Mittel selbst einnimmt; die Tötung auf Verlangen ist auch dort verboten. In der Tiermedizin wird es als Mittel zur Einschläferung genutzt.


Verabreichung & Dosierung

Barbiturate werden je nach Wirkstoff und Behandlungsziel als Tablette oder als Injektion in eine Vene gegeben. Für die Einleitung einer Narkose kommt allein der Weg über die Vene in Betracht, weil die Wirkung dabei innerhalb kürzester Zeit einsetzt. Die krampfhemmende Dauerbehandlung mit Phenobarbital erfolgt dagegen überwiegend über den Mund; für den akuten Notfall steht daneben eine Injektionslösung zur Verfügung.

Eine für alle Behandelten gleiche Menge gibt es nicht. Die Fachinformation zu Phenobarbital legt die Dosierung nach Alter und Schwere der Erkrankung individuell fest und orientiert sich am Serumspiegel, also an der im Blut messbaren Wirkstoffmenge. Solche Blutspiegelkontrollen sind bei der Neueinstellung vorgesehen, weil sich Aufnahme und Ausscheidung von Mensch zu Mensch unterscheiden, außerdem vor und nach einer Änderung der übrigen Medikation, bei ungenügender Wirksamkeit, beim Auftreten unerwünschter Wirkungen und bei Verdacht auf eine Überdosierung. In der Schwangerschaft und im Wochenbett kommen sie hinzu. Bei längerer Behandlung werden zusätzlich das Blutbild, die alkalische Phosphatase sowie die Leber- und Nierenfunktion überwacht.

Der Grund für diesen Aufwand liegt in der bereits erwähnten engen therapeutischen Breite: Der Abstand zwischen der Menge, die beruhigt, und der Menge, die Kreislauf und Atmung gefährdet, ist gering. Ein zweiter Grund ist die Gewöhnung. Weil die Leber den Wirkstoff mit der Zeit schneller abbaut, kann dieselbe Menge nach einiger Zeit schwächer wirken als zu Beginn – ein Zusammenhang, der zu einer schleichenden Steigerung verleiten kann und der die Blutspiegelkontrolle umso wichtiger macht.

Beendet wird eine längere Behandlung nicht abrupt. Die Fachinformation zu Phenobarbital sieht nach längerer Anwendung eine schrittweise Verringerung vor und weist auf die Möglichkeit vorübergehender Absetzphänomene hin. Dass schon eine regelmäßige Einnahme über kurze Zeit eine Abhängigkeit anstoßen kann, gilt dabei nicht nur für hohe, missbräuchlich eingenommene Mengen, sondern auch für den therapeutischen Bereich.

Risiken & Nebenwirkungen

Wie bereits erwähnt sind die Risiken und Nebenwirkungen bei der Einnahme von Barbituraten enorm hoch. Ein regelmäßiger Konsum führt sehr schnell zu einer schweren Abhängigkeit. Der Entzug ist schwierig und mit teilweise heftigen Symptomen wie Angstzuständen, Krampfanfällen und Übererregbarkeit verbunden. Auch die Leber reagiert auf eine regelmäßige Einnahme und baut das Barbiturat mit der Zeit immer schneller ab, weshalb die Wirkung immer schwächer und kürzer wird. Im Zuge dessen werden auch andere Medikamente schneller abgebaut und wirken daher nicht mehr richtig. Eine zu hohe Dosierung kann zudem zu schweren Vergiftungen führen, deren Symptome von Bewusstseinsstörungen und Schwindel über Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Amnesie und Koma reichen. Die schlimmste toxische Wirkung ist allerdings eine zentrale Atemlähmung und Herzstillstand, die ohne sofortige Behandlung zur Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff und letztlich zum Tod führen. Andere sedierende Mittel wie Alkohol oder Opiate verstärken zudem die Wirkung der Barbiturate. Aufgrund dieser starken Nebenwirkungen sind die meisten Barbiturate heute dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt und dürfen nur auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Ausgenommen sind unter anderem Phenobarbital-Zubereitungen unterhalb einer festgelegten Wirkstoffmenge je abgeteilter Form sowie das Narkosemittel Thiopental, das in keiner Anlage des Gesetzes geführt wird.

Die Fachinformation zu Phenobarbital ordnet die unerwünschten Wirkungen nach Häufigkeit. Als sehr häufig, also bei mindestens einem von zehn Behandelten, führt sie Müdigkeit mit Benommenheit und verlängerter Reaktionszeit auf, ferner Schwindelgefühl, Kopfschmerz, Gangunsicherheit, kognitive Störungen, eine unerwünscht starke Beruhigung, Verwirrtheit sowie Störungen der Sexualfunktion. Eine Fußnote der Tabelle schränkt einen Teil dieser Angaben ein: Verwirrtheit, Schwindel, Kopfschmerz, Gangunsicherheit und Müdigkeit sind dosisabhängig und vor allem zu Beginn der Behandlung häufig.

Häufig kommt es bei Kindern und älteren Menschen zu paradoxen Erregungszuständen, also zum Gegenteil der erwarteten Beruhigung. Gelegentlich werden depressive Verstimmungen berichtet, außerdem Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung, Durchfall, Kreislaufstörungen mit niedrigem Blutdruck bis hin zum Schock, Leber- und Nierenschäden sowie Knochenmarkschäden mit einer Störung der Blutbildung nach langer Anwendung. Selten treten Sehstörungen wie Doppeltsehen auf, sehr selten schwere Hautreaktionen wie das Stevens-Johnson-Syndrom oder die toxische epidermale Nekrolyse. Am Morgen nach einer abendlichen Einnahme können Überhangeffekte mit Konzentrationsstörungen und Restmüdigkeit die Reaktionszeit beeinträchtigen.

Zwei Folgen einer langen Behandlung verdienen besondere Beachtung, weil sie sich schleichend entwickeln und lange unbemerkt bleiben können. Zum einen greift Phenobarbital in den Knochenstoffwechsel ein; es liegen Fallberichte über eine Abnahme der Knochendichte bis hin zu Knochenbrüchen bei geringer Belastung vor, weshalb die Fachinformation regelmäßige Kontrollen vorsieht. Zum anderen kann der Wirkstoff den Folsäurespiegel und die Konzentration der Schilddrüsenhormone im Blut absinken lassen, besonders in Kombination mit weiteren Antiepileptika.

Für die Behandlung einer Barbituratvergiftung führen weder die Fachinformationen zu Phenobarbital noch die zum Narkosemittel Thiopental ein Gegenmittel auf, das den Wirkstoff vom Rezeptor verdrängt – anders als bei den Benzodiazepinen, für die mit Flumazenil ein solcher Gegenspieler zur Verfügung steht. Die Behandlung ist deshalb stützend und richtet sich nach den Beschwerden: Sicherung von Atmung und Kreislauf, Entfernung des noch nicht aufgenommenen Giftes nach der Aufnahme in die Klinik und engmaschige Kontrolle von Puls, Atmung, Körpertemperatur und Blutdruck. Als zusätzliche Möglichkeiten nennen die Fachinformationen eine alkalisierende Behandlung, die die Ausscheidung über die Nieren steigert, sowie die Blutwäsche in Form von Hämodialyse und Hämoperfusion. Ausdrücklich gewarnt wird vor der Gabe von Adrenalin; auch das Auslösen von Erbrechen zählt nicht zu den empfohlenen Maßnahmen.

Barbiturate wirken zwar sehr schnell und effektiv, sind aber leider mit vielen, teilweise sogar lebensbedrohlichen, Risiken und Nebenwirkungen verbunden, die ihre an sich positiven Eigenschaften bei Weitem übersteigen. Deshalb ist ihr Einsatz mittlerweile aus nachvollziehbaren Gründen auf wenige Anwendungsgebiete beschränkt. Von einer Selbstmedikation ist daher dringend abzuraten.

Kontraindikationen

Die Gegenanzeigen unterscheiden sich zwischen den einzelnen Barbituraten, doch einige kehren wieder. Die Fachinformation zu Phenobarbital schließt die Anwendung aus bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder gegen andere Barbiturate, bei akuter Vergiftung mit Alkohol, Schlafmitteln, Schmerzmitteln, Anregungsmitteln oder dämpfenden Psychopharmaka, bei akuter hepatischer Porphyrie, bei schweren Leberfunktionsstörungen und bei schwerer Atemdepression. Für das Narkosemittel Thiopental nennt die Fach- und Gebrauchsinformation die Überempfindlichkeit gegen Barbiturate, die akute Vergiftung und die akute hepatische Porphyrie ebenfalls als Gegenanzeigen und führt daneben maligne Hypertonie, Schock und Status asthmaticus auf; schwere Nieren- und Leberfunktionsstörungen zählen dort zu den Situationen, die besondere Vorsicht verlangen.

Die akute hepatische Porphyrie verdient eine eigene Erwähnung, weil der Zusammenhang nicht offensichtlich ist. Es handelt sich um eine schwere Erkrankung, die auf einer Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs beruht; sowohl die Fachinformation zu Phenobarbital als auch die zu Thiopental führen sie unter den Gegenanzeigen.

Daneben steht eine Reihe von Situationen, in denen Barbiturate nicht verboten, aber nur nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiko und unter strenger Überwachung vertretbar sind: schwere Nierenfunktionsstörungen, schwere Schäden des Herzmuskels, Drogenmissbrauch, Alkoholabhängigkeit oder andere Abhängigkeitserkrankungen in der Vorgeschichte, Atemwegserkrankungen mit Atemnot und Verengung der Atemwege, eine affektive Störung in der eigenen oder familiären Vorgeschichte, akute Schmerzen sowie Bewusstseinsstörungen. Bei akuten Schmerzen können Barbiturate paradoxe Erregungszustände auslösen und wichtige Krankheitszeichen verdecken – der Wirkstoff nimmt dem Körper hier eine Warnfunktion, ohne die Ursache zu beeinflussen.

Besondere Zurückhaltung gilt in der Schwangerschaft. Nach der Fachinformation zu Phenobarbital kann eine Behandlung während der Schwangerschaft das Kind schädigen und das Risiko für angeborene Fehlbildungen deutlich erhöhen. Frauen im gebärfähigen Alter erhalten den Wirkstoff deshalb nur, wenn der erwartete Nutzen nach Prüfung der Behandlungsalternativen höher eingeschätzt wird als das Risiko; eine zuverlässige Verhütung während der Behandlung und über deren Ende hinaus ist dabei vorgesehen. Zu beachten ist der Zusammenhang mit dem folgenden Abschnitt: Phenobarbital kann die Wirkung hormoneller Verhütungsmittel aufheben, sodass gerade die naheliegendste Verhütungsmethode ausfällt.

Interaktionen mit anderen Medikamenten

Barbiturate gehören zu den Arzneistoffen mit besonders weitreichenden Wechselwirkungen, und der Grund dafür ist derselbe, aus dem ihre eigene Wirkung mit der Zeit nachlässt: Phenobarbital ist ein starker Induktor des Cytochrom-P450-Systems der Leber. Es veranlasst die Leber, mehrere ihrer Abbauenzyme in größerer Menge zu bilden – in Zellversuchen betraf das unter anderem die Enzyme CYP2B6, CYP2C8, CYP2C9 und CYP3A4. Andere Wirkstoffe, die über dieselben Enzyme abgebaut werden, verschwinden dadurch schneller aus dem Blut, und ihre Konzentration sinkt unter den wirksamen Bereich.

Die Fachinformation zählt eine lange Reihe betroffener Substanzen auf. Dazu gehören andere Antiepileptika wie Lamotrigin, Carbamazepin, Valproat, Phenytoin oder Topiramat, ferner Antidepressiva, Neuroleptika wie Clozapin oder Haloperidol, Glucocorticoide, Schilddrüsenhormone, Vitamin D, Methadon, verschiedene Antibiotika und Antimykotika, Kalziumkanalblocker, Digoxin, gerinnungshemmende Mittel zum Einnehmen, die Immunsuppressiva Ciclosporin und Tacrolimus sowie Theophyllin. Praktisch besonders folgenreich ist der Einfluss auf hormonelle Verhütungsmittel: Unter Phenobarbital kann die Wirkung östrogen- oder gestagenhaltiger Präparate ausbleiben.

Die Beeinflussung verläuft nicht nur in eine Richtung. Valproinsäure erhöht ihrerseits den Phenobarbital-Spiegel und verstärkt dessen Wirkung wie dessen Nebenwirkungen, was sich bei Kindern vor allem in vermehrter Müdigkeit zeigt; Phenytoin und Oxcarbazepin können den Spiegel ebenfalls anheben. Stiripentol hemmt die abbauenden Enzyme so deutlich, dass die Fachinformation von der Kombination abrät. Antidepressiva wiederum können durch das Absenken der Krampfschwelle der krampfhemmenden Wirkung entgegenwirken.

Am folgenreichsten bleibt jedoch die einfachste Kombination: Zusammen mit Alkohol oder anderen zentral dämpfenden Mitteln – Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmitteln, Narkosemitteln, bestimmten Psychopharmaka und Antihistaminika – verstärken sich die Wirkungen auf das Zentralnervensystem gegenseitig.

Alternative Behandlungsmethoden

Die Geschichte der Barbiturate ist zu einem großen Teil die Geschichte ihrer Ablösung, und deshalb sind die Alternativen hier keine Randbemerkung, sondern der heutige Normalfall. Als Schlaf- und Beruhigungsmittel wurden Barbiturate von den Benzodiazepinen verdrängt. Deren größerer Sicherheitsabstand hat einen pharmakologischen Grund: Sie öffnen den Chloridkanal des Rezeptors nur mithilfe des körpereigenen Botenstoffs und können ihn, anders als Barbiturate in höherer Dosierung, nicht selbst öffnen. Für sich allein genommen führen sie deshalb seltener zu einer lebensbedrohlichen Vergiftung. Frei von Risiken sind auch sie nicht – das hohe Abhängigkeitspotenzial der Benzodiazepine ist gut belegt.

In der Narkoseeinleitung hat Propofol die Rolle übernommen, die früher Thiopental innehatte. Bei der Behandlung der Epilepsie ist Phenobarbital heute einer unter vielen Wirkstoffen; welcher davon in Frage kommt, hängt von der Anfallsform, vom Alter und von Begleiterkrankungen ab. Die Fachinformation nennt im Zusammenhang mit Wechselwirkungen unter anderem Lamotrigin, Carbamazepin, Oxcarbazepin, Valproat, Phenytoin, Topiramat und Zonisamid – Wirkstoffe, die in der Anfallsbehandlung eine Rolle spielen und deren Blutspiegel Phenobarbital senken kann.

Bei Ein- und Durchschlafstörungen führt der erste Weg heute ohnehin nicht über ein Medikament. Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie gelten bei anhaltender Schlaflosigkeit als erste Behandlungsoption; sie zielen auf Schlafgewohnheiten und auf den Umgang mit dem Grübeln vor dem Einschlafen und bringen keines der Risiken mit sich, die eine dämpfende Substanz mit sich bringt.

Quellen

  • Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
    ISBN: 9783437426223
  • Geisslinger, G., Menzel, S., Gudermann, T., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen.
    ISBN: 9783804736634
  • Hein, L., Fischer, J. W., Lüllmann, H., Mohr, K.: Taschenatlas Pharmakologie.
    ISBN: 9783132426146
  • Laux, G., Dietmaier, O.: Praktische Psychopharmakotherapie.
    ISBN: 9783437213229
  • Larsen, R., Annecke, T.: Anästhesie.
    ISBN: 9783437225123

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