Magnetkrampftherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Magnetkrampftherapie (MKT) ist eine neue Behandlungsform gegen Depression. Sie soll vielversprechende Heilungschancen für Patienten bieten, bei denen sowohl Medikamente als auch psychotherapeutische Maßnahmen zu keiner Besserung geführt haben. Das Verfahren befindet sich allerdings weiterhin im Stadium der klinischen Erprobung und wird nur an wenigen spezialisierten Zentren angeboten.
Bei diesem Verfahren wird über zwei kopfhörerähnliche Spulen ein starker epileptischer Krampfanfall im Kopf des Patienten ausgelöst. In dem nur einige Augenblicke dauernden Versuch wird einhundert Mal pro Sekunde ein starkes Magnetfeld aufgebaut, durch das schlagartig große Mengen von Botenstoffen und Blut auch in bislang unterversorgte Hirnbereiche geleitet werden.
Was ist die Magnetkrampftherapie?
Damit werden nach Vermutungen von Forschern Gebiete im Gehirn erreicht, die möglicherweise Depressionen auslösen. Gleichzeitig können durch die wachstumsfördernden Signalstoffe neuronale Verbindungen stabilisiert werden, die bei psychisch kranken Menschen oftmals geschwächt sind.
Genau das ist mit Medikamenten bisher nicht möglich gewesen. Das magnetische Verfahren funktioniert ähnlich der seit den 1930er Jahren bekannten Elektrokrampftherapie, mit der durch das Aussenden starker elektrischer Impulse gleichfalls ein Schockanfall im Gehirn herbeigeführt wird. Dabei treten jedoch mehrere gravierende Nebenwirkungen wie längere Gedächtnisstörungen, vorübergehende Orientierungslosigkeit, Kopfschmerzen, Migräne, Muskelbeschwerden, Schwindel, Sprach- und Bewegungsstörungen sowie Übelkeit auf.
Bei der Magnetkrampftherapie sind diese bisher in deutlich geringerem Ausmaß beobachtet worden. Sie wird unter Vollnarkose des Patienten durchgeführt und kann bestimmte Hirnareale ganz gezielt stimulieren. Wie lange die Wirkung anhält und in welchen Abständen eine Wiederholung nötig ist, ist bislang nicht abschließend geklärt. Bei einem Teil der Personen, an denen die Magnetkrampftherapie bisher erprobt wurde, waren Fortschritte im Kampf gegen die depressiven Zustände zu verzeichnen. Probanden berichteten übereinstimmend von einer aufgehellten Stimmung und erhöhtem Handlungsantrieb. Die exakten Wirkungsmechanismen der Methode sind aber noch nicht umfassend erforscht worden.
Funktion, Wirkung & Ziele
Ihnen können nun mit der Magnetkrampftherapie neue Perspektiven für die Überwindung der Depression gegeben werden. Die bisherigen Erfahrungen mit der MKT besagen, dass im sozialen und zwischenmenschlichen Verhalten der psychisch kranken Menschen spürbare Verbesserungen eintreten können. Die Erinnerungsfähigkeiten unmittelbar nach dem Erwachen aus der Narkose waren unter den MKT-Probanden nach den bisherigen Berichten besser, als sie bislang bei der Elektrokrampftherapie bekannt waren. Wissenschaftler haben außerdem herausgefunden, dass spezielle Hirngebiete depressiver Menschen in stärkerem Maße miteinander in Verbindung stehen als bei Gesunden. Diese Eigenart wird Hyperkonnektivität genannt.
Mit Hilfe der Magnetkrampftherapie kann wiederum diese unnatürlich verstärkte Kommunikation der betreffenden Hirnbereiche gedrosselt werden. In diesem Falle würde der explosionsartige Schock so etwas wie einen Kurzschluss in hyperaktiven Hirnarealen auslösen, der die Krankheit Depression möglicherweise abschwächt. Das ist vor allem für langjährig und schwer Depressionskranke von Bedeutung, die oftmals von sehr vielen und komplizierten Medikamenten gezeichnet und bereits mehrfach von schweren Manien, Psychosen und Wahnvorstellungen heimgesucht worden sind. Für suizidal gefährdete, schwerstkranke Patienten kann die Magnetkrampftherapie im Rahmen einer Studienbehandlung eine zusätzliche Möglichkeit sein. Ähnlich wie bei einem EKG werden einem Patienten in Vorbereitung auf die Magnetkrampfbehandlung zahlreiche Kabel am Körper befestigt.
Mit diesen Sensoren werden die Hirnströme, die Herzfrequenz und der Blutdruck gemessen. Bevor über eine Gesichtsmaske das Narkosemittel zugeführt wird, erhält der Patient eine spezielle Substanz zur Muskelentspannung. Sind die Magnetspulen am Kopf angebracht worden, dauert die eigentliche Krampftherapie nur noch rund sechs Sekunden; anschließend erwacht der Behandelte wieder aus der Vollnarkose. Was in dieser kurzen Zeit im Kopf vor sich geht, vergleichen Ärzte mit einem Neustart wie beim Computer. Unmittelbar nach dem epileptischen Krampfanfall im Gehirn verringert sich die übliche Hirnaktivität. Nach etwa einer Minute hat sie dann aber wieder ihren normalen Umfang erreicht.
Abgrenzung zu verwandten Verfahren
Die Magnetkrampftherapie wird leicht mit anderen Verfahren verwechselt, die ebenfalls mit Magnetfeldern oder mit Strom am Kopf arbeiten. Die Unterschiede sind jedoch grundlegend, und sie betreffen sowohl den Zweck als auch den Aufwand der Behandlung.
Das nächstverwandte Verfahren ist die Elektrokrampftherapie. Beide lösen absichtlich einen generalisierten Krampfanfall aus, beide erfordern deshalb eine Kurznarkose und ein muskelentspannendes Mittel, und beide werden nur an dafür eingerichteten Kliniken durchgeführt. Der Unterschied liegt in der Art, wie der Anfall ausgelöst wird. Die Elektrokrampftherapie leitet Strom über Elektroden durch den Schädel, der einen erheblichen Teil davon abschwächt und verteilt. Bei der Magnetkrampftherapie erzeugen Spulen ein Magnetfeld, das den Schädelknochen ungehindert durchdringt. Weil sich das Feld gezielter richten lässt, soll die Erregung auf umschriebenere Bereiche der Hirnrinde begrenzt bleiben und tiefer gelegene Strukturen weniger erfassen. Genau darauf gründet sich die Erwartung, dass die Nachwirkungen auf Gedächtnis und Orientierung geringer ausfallen. Die Elektrokrampftherapie ist demgegenüber ein seit Jahrzehnten angewandtes und in seiner Wirksamkeit bei bestimmten Krankheitsbildern untersuchtes Verfahren; die Magnetkrampftherapie steht am Anfang dieses Weges.
Deutlich weiter entfernt ist die Transkranielle Magnetstimulation. Sie arbeitet zwar ebenfalls mit einer Spule am Kopf und mit dem Prinzip der Induktion, verfolgt aber ein anderes Ziel: Ein Krampfanfall soll dabei gerade nicht entstehen, er gilt vielmehr als unerwünschtes Ereignis. Entsprechend braucht sie keine Narkose; die Patienten sind während der Sitzungen wach und ansprechbar und können danach nach Hause gehen. Man kann es sich als Frage der Dosis vorstellen: Dieselbe physikalische Grundlage wird einmal unterschwellig zur Reizung einzelner Rindenareale und einmal so kräftig eingesetzt, dass ein Anfall entsteht.
Nichts miteinander zu tun haben schließlich die Magnetkrampftherapie und die naturheilkundliche Magnetfeldtherapie, die unter ähnlich klingendem Namen bei Beschwerden des Bewegungsapparates angeboten wird. Letztere arbeitet mit ungleich schwächeren Feldern, richtet sich nicht an das Gehirn, kommt ohne Narkose aus und löst keinen Krampfanfall aus. Wer nach Magnetfeldbehandlungen sucht, sollte diesen Unterschied kennen: Zwischen einer Anwendung im Wellnessbereich und einem Eingriff unter Vollnarkose in einer psychiatrischen Klinik liegen Welten.
Vorbereitung, Nachsorge und Rahmen
Vor der ersten Behandlung steht eine eingehende Untersuchung. Dazu gehören die körperliche Untersuchung, eine Beurteilung von Herz und Kreislauf, Laborwerte und die Einschätzung des Narkoserisikos durch einen Anästhesisten. Erfasst wird außerdem die gesamte Medikation, denn manche Wirkstoffgruppen beeinflussen die Bereitschaft des Gehirns, überhaupt einen Krampfanfall auszubilden: Beruhigungsmittel vom Benzodiazepintyp und Mittel gegen Epilepsie erschweren die Auslösung. Ob und wie die Medikation vorübergehend angepasst wird, entscheidet der behandelnde Arzt.
Wie jeder ärztliche Eingriff setzt die Behandlung die Aufklärung und die Einwilligung des einwilligungsfähigen Patienten voraus. Aufzuklären ist über den Ablauf, über die Narkose, über die möglichen Nebenwirkungen, über die Behandlungsalternativen und, weil das Verfahren erprobt wird, über den Studiencharakter der Behandlung. Die Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden, auch während einer laufenden Behandlungsserie.
Am Behandlungstag erscheint der Patient nüchtern, wie es jede Narkose verlangt. Nach der Behandlung wird er im Aufwachraum überwacht, bis Kreislauf und Bewusstsein wieder stabil sind. Für den Rest des Tages gelten die üblichen Regeln nach einer Narkose: Der Patient wird begleitet, führt kein Fahrzeug und trifft keine wichtigen Entscheidungen. Behandelt wird nicht ein einzelnes Mal, sondern in einer Serie über mehrere Wochen, deren Verlauf regelmäßig überprüft wird; über eine anschließende Erhaltungsbehandlung in größeren Abständen wird gesondert entschieden.
Die Magnetkrampftherapie ist keine Praxisleistung. Sie setzt ein Team voraus: einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der die Behandlung verantwortet, einen Anästhesisten für Narkose und Überwachung sowie geschultes Pflegepersonal. Vorhanden sein müssen die Ausstattung für eine Allgemeinnarkose einschließlich Beatmungsmöglichkeit und die Voraussetzungen für eine Notfallversorgung.
Wann das Verfahren nicht in Betracht kommt
Die Magnetkrampftherapie wird bei schweren depressiven Erkrankungen erprobt, die auf Medikamente und Psychotherapie nicht ausreichend angesprochen haben. Sie ist damit kein Verfahren für leichtere Verstimmungen und steht am Ende einer Reihe von Behandlungsversuchen, nicht an deren Anfang.
Gegen eine Behandlung sprechen zunächst alle Umstände, die eine Narkose verbieten oder sehr riskant machen; hier entscheidet die Beurteilung durch den Anästhesisten. Hinzu kommen Umstände, die sich aus dem Magnetfeld selbst ergeben. Als Ausschlussgründe gelten ferromagnetische Metallteile im Kopfbereich, etwa nach Operationen, sowie implantierte elektronische Geräte, deren Funktion ein starkes Magnetfeld stören kann: Herzschrittmacher, Cochlea-Implantate und Nervenstimulatoren. Bemerkenswert ist, dass diese Einschränkung die Magnetkrampftherapie stärker trifft als die Elektrokrampftherapie, bei der ein Herzschrittmacher nicht als Gegenanzeige gilt; die Ursache liegt allein in der Wirkung des Magnetfeldes auf die Geräte. Ein erhöhter Hirndruck ist ebenfalls ein Grund, von einer gezielten Krampfauslösung abzusehen.
Bei bekannten Anfallsleiden, bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und in der Schwangerschaft wird im Einzelfall abgewogen. Da die Behandlung derzeit im Rahmen von Studien stattfindet, kommen die jeweiligen Ein- und Ausschlusskriterien der Studie hinzu, die enger gefasst sein können als die medizinischen Erwägungen allein.
Wissenschaftlicher Stand und Verfügbarkeit
Der Ausgangspunkt der Entwicklung war eine bekannte Schwierigkeit: Die Elektrokrampftherapie wirkt bei schweren Depressionen rasch, kann aber merkliche Nachwirkungen auf Gedächtnis und Orientierung haben. Die Magnetkrampftherapie wurde in der Absicht entwickelt, den therapeutisch genutzten Krampfanfall beizubehalten und zugleich diese Nachwirkungen zu verringern, indem die Erregung räumlich enger begrenzt wird. Erprobt wurde das Verfahren zunächst im Tierversuch, bevor Anwendungen am Menschen folgten.
Als gesichert kann dieser Vorteil bislang nicht gelten. Eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2021 bezeichnete die Magnetkrampftherapie als mögliche Alternative zur Elektrokrampftherapie bei behandlungsresistenter Depression und hielt zugleich fest, dass die Berichte über ihren Einsatz bislang begrenzt sind. Seither sind weitere Übersichtsarbeiten und Vergleichsuntersuchungen erschienen, die das Verfahren als wirksam und verträglich einordnen; die zugrunde liegenden Untersuchungen sind jedoch überwiegend klein, und der unmittelbare Vergleich mit der Elektrokrampftherapie wird weiterhin in randomisierten Studien geführt. Das bedeutet für Betroffene: Die Erwartung geringerer Gedächtniswirkungen ist der Grund, aus dem das Verfahren untersucht wird, nicht ein bereits abgeschlossener Nachweis.
Daraus folgt auch die praktische Verfügbarkeit. Die Magnetkrampftherapie gehört nicht zur Regelversorgung. Sie wird an wenigen spezialisierten Zentren angeboten, in der Regel im Rahmen von Studien, die von einer Ethikkommission geprüft worden sind. Wer für eine Teilnahme in Frage kommt, erfährt dies über die behandelnde psychiatrische Klinik oder Ambulanz. Eine Studienteilnahme ist stets freiwillig und kann ohne Angabe von Gründen und ohne Nachteile für die weitere Behandlung beendet werden. Für Patienten, die für eine Studie nicht in Frage kommen, bleiben die etablierten Behandlungswege maßgeblich, zu denen bei schweren und therapieresistenten Verläufen auch die Elektrokrampftherapie zählt.
Wie die Behandlung erlebt wird
Vom Krampfanfall selbst bemerken die Behandelten wegen der Narkose nichts. Erlebt wird der Rahmen: das Anlegen der Sensoren, das Einschlafen und das Erwachen kurz darauf. Berichtet wird vor allem über die Zeit danach, über Benommenheit, Kopfschmerzen und ein vorübergehend unsicheres Zeitgefühl, das im Lauf des Tages nachlässt. Als belastender empfinden viele die Zeit vor der ersten Sitzung. Das Wort Krampfanfall und die öffentlichen Bilder älterer Behandlungsformen wirken nach, so dass Angst vor der Behandlung eher die Regel als die Ausnahme ist. Zur Vorbereitung gehört deshalb neben der medizinischen Aufklärung das Gespräch über diese Befürchtungen, ebenso die Möglichkeit, eine Vertrauensperson mitzubringen und den Ablauf vorher einmal in Ruhe erklärt zu bekommen.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Der eigentliche Grund für die Erprobung des Verfahrens sind die Wirkungen auf das Gedächtnis. Nach der Behandlung kann für kurze Zeit unklar bleiben, was unmittelbar zuvor geschehen ist. Ob darüber hinaus Gedächtnislücken zurückbleiben und wie sie sich zu denen der Elektrokrampftherapie verhalten, wird weiterhin untersucht; wer eine Behandlung erwägt, sollte diesen Punkt ausdrücklich ansprechen und ihn nicht für geklärt halten. Und schließlich gilt hier, was für jede Behandlung schwerer Depressionen gilt: Ein Ansprechen ist nicht gesichert, ein Rückfall bleibt möglich, und die übrige psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung wird durch die Magnetkrampftherapie nicht ersetzt.
Von der Magnetkrampftherapie zu unterscheiden ist die naturheilkundliche Magnetfeldtherapie, die mit wesentlich schwächeren Feldern arbeitet und keinen Krampfanfall auslöst. Das Magnetfeld bei der Krampftherapie im Gehirn ist 2 bis 4 Tesla stark. Im Vergleich dazu hat ein handelsüblicher Kleinmagnet die Stärke von 0,1 Tesla.
Quellen
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432659
- Falkai, P., Wittchen, H.-U. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen.
ISBN: 9783801732172
- Faller, H., Mehnert-Theuerkauf, A. (Hrsg.): Medizinische Psychologie und Soziologie.
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- Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606742
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655
