Mycoplasma fermentans
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Krankheitserreger Mycoplasma fermentans
Mycoplasma fermentans ist ein parasitäres Kleinstlebewesen in Form eines Bakteriums, das bereits in verschiedenen Regionen des menschlichen Körpers nachgewiesen wurde. Es gehört zur Klasse der Mollicutes, speziell zur Familie der Mycoplasmataceae.
Was ist Mycoplasma fermentans?
© designua – stock.adobe.com
Erstmals entdeckt wurde Mycoplasma fermentans 1952 von Ruiter und Wentholt bei der Untersuchung einer Genitalinfektion. Zwei Jahre später konnte es erneut durch Edward nachgewiesen werden, der dem Bakterium 1955 seinen heutigen Namen verlieh. Seither sind vier verschiedene Stämme der Spezies eingehend untersucht und charakterisiert worden.
Mycoplasma fermentans lebt als Parasit im menschlichen Körper, der für ihn als alleiniger Wirt und somit als Nahrungsquelle für Cholesterin, Zucker und verschiedene Aminosäuren fungiert. Da eine krankheitserregende Wirkung des Bakteriums bisher noch umstritten ist, wird Mycoplasma fermentans zum Teil auch nur als Kommensale beziehungsweise Paraphage bezeichnet – Lebensformen, die zwar auf Kosten ihres Wirts leben, diesem im Gegenzug aber nicht schaden.
Primärer Lebensraum von Mycoplasma fermentans ist der Genitalbereich, wo es sich an die Oberfläche von Zellen aus dem Epithel, einem Grundgewebe ohne Blutgefäße, anheftet. Darüber hinaus ist sein Auftreten in Atem- und Harnwegen bestätigt.
Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften
Aufgrund der fehlenden Zellwände sind die heutzutage gern eingesetzten Penicilline gegenüber Mycoplasma fermentans unwirksam, denn die Antibiotika sind ausschließlich darauf ausgelegt, die Synthese der bakteriellen Zellwände zu blockieren. Gleiches gilt auch für das im Körper vorkommende Enzym Lysozym, das durch den Abbau von Zellwänden krankheitserregender Bakterien eine Rolle im menschlichen Immunsystem spielt. Wirksam eingesetzt werden können hingegen sogenannte Makrolide, die die Proteinbiosynthese des Bakteriums stören und so sein Wachstum hemmen. Eine Alternative hierzu stellen auch Chinolone dar, die das Bakteriengenom angreifen.
Mycoplasma fermentans zählt mit einer Größe von nur 0,1 bis 0,6 Mikrometern zu den kleinsten Bakterien, die zu einer selbstständigen Vermehrung fähig sind. Es verfügt über einen aktiven Stoffwechsel und ist nachweisbar in der Lage, Zucker wie Glukose oder Fruktose, aber auch verschiedene Aminosäuren mittels Enzymen umzuwandeln beziehungsweise zu fermentieren. Zu einigen Stoffwechselvorgängen ist Mycoplasma fermentans allerdings nicht in der Lage. Beispiel hierfür ist die fehlende Cholesterinbiosynthese und die daraus resultierende Notwendigkeit, Cholesterin von außen aufzunehmen.
Mycoplasma fermentans weist sowohl eine RNS als auch eine DNS auf, wobei das Genom indes sehr klein ist. Es zeigt sich in kreisrunder Form und ist mittlerweile in seiner Gesamtheit vollständig bekannt. Insgesamt sind etwas mehr als eine Million Basenpaare vorhanden.
Zur Anhaftung an die Epithelzellen des Menschen verfügt Mycoplasma fermentans über besondere Oberflächenmoleküle. Hierbei handelt es sich allerdings nicht um die sonst bei Bakterien üblichen fadenförmigen Fortsätze (Pili). Für das anschließende Wachstum ist kein Sauerstoff notwendig. Mycoplasma fermentans ist jedoch fakultativ anaerob, also in der Lage, auch bei Vorhandensein von Sauerstoff zu wachsen. Als ideale Wachstumsbedingung ist eine Temperatur von 37 Grad Celsius nachgewiesen. Diesbezüglich ist das Bakterium somit optimal an das Leben im Menschen angepasst.
Krankheiten & Beschwerden
Dennoch wird Mycoplasma fermentans nach wie vor bei pathologischen Untersuchungen bestimmter Erkrankungen nachgewiesen und folglich mit diesen in Verbindung gebracht. Dabei macht das Bakterium den Anschein, als eine Art Stütze für den eigentlichen Krankheitserreger zu dienen. Häufig ist diesbezüglich von einer Co-Infektion oder auch einer Kopplung mit einer anderen Infektion die Rede, so dass eine Verstärkung respektive eine Beschleunigung des Infektverlaufs hervorgerufen wird.
Hauptsächlich wird Mycoplasma fermentans mit HIV-Infektionen in Zusammenhang gebracht, da Autopsien das gleichzeitige Vorkommen des Bakteriums bereits belegt haben. Aber auch zu bestimmten Atemwegserkrankungen, rheumatischen Beschwerden oder Arthritis soll es einen Bezug geben.
Oftmals werden als Symptome einer möglichen Entzündung durch Mycoplasma fermentans Müdigkeit und Muskelschmerzen genannt. Eine Verbindung zu Erkrankungen wie der Fibromyalgie oder dem Chronischen Erschöpfungssyndrom, kurz CFS, liegt somit nahe, ist aber nicht erwiesen. Selbst bei Entzündungen im bevorzugten Lebensraum, dem Genitalbereich, ist bisher kein Nachweis als Verursacher erbracht.
Was der Artname bezeichnet
Der Zusatz fermentans verweist auf die Fähigkeit, Zucker zu vergären. Was heute als selbstverständliches Merkmal erscheint, war zum Zeitpunkt der Benennung ein Unterscheidungskriterium: Die damals bekannten Verwandten wurden gerade danach eingeteilt, ob sie Zucker verwerten konnten oder nicht. Innerhalb der Gattung trennt dieses Merkmal bis heute zwei Gruppen. Die eine vergärt Zucker wie Glukose und bildet dabei Säuren; die andere kann das nicht und gewinnt ihre Energie stattdessen aus der Spaltung der Aminosäure Arginin, bei der Ammoniak frei wird.
Die Besonderheit von Mycoplasma fermentans liegt darin, dass es beide Wege beherrscht. Es vergärt Zucker und spaltet Arginin, während die meisten Verwandten auf einen der beiden Wege festgelegt sind. Für das Labor ist das mehr als eine Randnotiz. Beide Reaktionen verändern den pH-Wert des Nährmediums, allerdings in entgegengesetzte Richtungen: Die Zuckervergärung säuert an, die Argininspaltung wirkt alkalisch. Setzt man dem Medium einen Farbindikator zu, lässt sich am Farbumschlag ablesen, welcher Stoffwechselweg abläuft – und damit, welche Art vorliegt. Ein Keim, der beide Umschläge hervorruft, ist bereits weitgehend eingegrenzt. Was Mycoplasma fermentans dagegen nicht kann, ist die Spaltung von Harnstoff; sie bleibt der verwandten Gattung Ureaplasma vorbehalten.
Einordnung und Verwandtschaft
Innerhalb der Familie der Mycoplasmataceae steht Mycoplasma fermentans neben mehreren Arten, die beim Menschen vorkommen und sich vor allem in ihrem bevorzugten Lebensraum unterscheiden. Mycoplasma pneumoniae ist an die Atemwege gebunden, Mycoplasma hominis und Mykoplasma genitalium an den Urogenitaltrakt. Mycoplasma fermentans nimmt insofern eine Zwischenstellung ein, als es in beiden Bereichen gefunden wurde.
Deutlicher noch als der Lebensraum trennt die Arten ihre Bewertung. Mycoplasma pneumoniae und Mykoplasma genitalium gelten als eigenständige Krankheitserreger, deren Nachweis einen Befund darstellt. Mycoplasma hominis und Mycoplasma fermentans kommen dagegen auch bei Beschwerdefreien vor, sodass ihr Nachweis allein keine Erkrankung belegt. Bei Mycoplasma fermentans reicht die Unsicherheit noch weiter, weil bislang offen ist, ob die Art überhaupt eigenständig krank machen kann. Die Zugehörigkeit zur Klasse der Mollicutes teilt sie mit allen genannten Arten; sie ist wie diese aus grampositiven Vorfahren durch den Verlust zahlreicher Gene hervorgegangen.
Nachweis im Labor
So gut sich die Art anhand ihres Stoffwechsels einordnen lässt, sobald sie einmal gewachsen ist, so schwierig ist der Weg dorthin. Mycoplasma fermentans wächst nur auf mit Sterolen angereicherten Spezialnährböden und langsam; in Mischproben wird es von schneller wachsenden Bakterien überwuchert. Hinzu kommt das Grundproblem aller zellwandlosen Bakterien: Im gefärbten Ausstrich ist nichts zu sehen, weil die Farbstoffe der Gramfärbung nichts finden, woran sie sich festsetzen könnten, und auf den Routineplatten des bakteriologischen Labors wächst nichts Auffälliges.
Aus diesem Grund wird die Art in der Krankenversorgung fast ausschließlich über ihr Erbmaterial nachgewiesen, mittels PCR. Ein solcher Nachweis setzt jedoch voraus, dass gezielt nach ihr gesucht wird – eine allgemeine bakteriologische Untersuchung erfasst sie nicht. Der Nachweis von Antikörpern im Blut hat sich nicht durchgesetzt: Er trennt nicht zwischen zurückliegendem und bestehendem Kontakt und ist damit gerade bei einem Keim wenig aussagekräftig, dessen krankmachende Rolle ohnehin ungeklärt ist.
Blinder Passagier der Zellkultur
Außerhalb der Krankenversorgung ist Mycoplasma fermentans vor allem in den Laboratorien der Zellbiologie ein Begriff. Es gehört zu den wenigen Arten, die immer wieder als Verunreiniger in Zellkulturen gefunden werden – in Gefäßen also, in denen menschliche oder tierische Zellen über längere Zeit vermehrt werden.
Diese Verunreinigung ist deshalb so hartnäckig, weil sie sich der Wahrnehmung entzieht. Anders als gewöhnliche Bakterien trüben die winzigen Keime das Nährmedium nicht und verändern seine Farbe zunächst kaum. Im Mikroskop sind sie zwischen den kultivierten Zellen nicht zu erkennen. Wegen ihrer Verformbarkeit passieren sie zudem die Sterilfilter, mit denen Nährlösungen üblicherweise keimfrei gemacht werden, sodass gerade der Arbeitsschritt versagt, der Verunreinigungen verhindern soll.
Folgenlos bleibt der ungebetene Gast nicht. Die Bakterien zehren von denselben Stoffen, die die kultivierten Zellen benötigen, und greifen mit ihrem Stoffwechsel in deren Versorgung ein – unter anderem verbrauchen sie das Arginin des Nährmediums. Sie verändern das Wachstum der Zellen, ihre Empfindlichkeit gegenüber Prüfsubstanzen und die Muster der abgelesenen Gene. Ein Versuch kann dadurch ein völlig anderes Ergebnis liefern, ohne dass ein Fehler erkennbar wäre. Zellkulturen werden deshalb regelmäßig auf Mykoplasmen geprüft, entweder mittels PCR oder mit Farbstoffen, die Erbmaterial sichtbar machen und die Keime als feine Punkte auf und zwischen den Zellen verraten. Da eine Behandlung mit Antibiotika die Keime oft nur zurückdrängt, statt sie zu beseitigen, gilt es als der sicherere Weg, betroffene Kulturen zu verwerfen.
Der Stamm incognitus und die Diskussion um AIDS
Der Zusammenhang, der Mycoplasma fermentans bekannt gemacht hat, geht auf eine Untersuchungsreihe der 1980er Jahre zurück. In Gewebeproben von Verstorbenen mit AIDS wurde damals ein zellwandloser Keim gefunden und als eigene, bis dahin unbekannte Art beschrieben, die den Namen incognitus erhielt – "der Unerkannte". Erst der Vergleich des Erbguts zeigte, dass es sich nicht um eine neue Art handelte, sondern um einen Stamm von Mycoplasma fermentans. Die Bezeichnung wird deshalb heute als Stammname geführt, nicht als Artname.
An diesen Fund knüpfte sich eine weitreichende Vermutung: Der Keim sei nicht bloße Begleiterscheinung, sondern an der Entstehung von AIDS ursächlich beteiligt oder beschleunige zumindest den Verlauf. Diese Annahme hat sich nicht bestätigt. Als Ursache der Erkrankung gilt unstrittig das Humane Immundefizienz-Virus. Der häufige Nachweis des Bakteriums bei Betroffenen wird heute umgekehrt gedeutet: Eine geschwächte Abwehr erlaubt es Keimen, die sonst unauffällig bleiben, sich stärker zu vermehren und in Gewebe vorzudringen, die ihnen sonst verschlossen sind. Die Episode gilt als Lehrstück darüber, wie schwer bei einem verbreiteten Begleitkeim zwischen Ursache und Folge zu unterscheiden ist – eine Schwierigkeit, die für die Beurteilung dieser Art bis heute kennzeichnend ist.
Wie das Immunsystem den Keim wahrnimmt
Dass ein Bakterium ohne klassische Gifte und ohne gesicherte krankmachende Wirkung überhaupt Beschwerden auslösen könnte, erklärt sich aus der Art, wie die Abwehr es wahrnimmt. In der Membran von Mycoplasma fermentans sitzen Lipoproteine, also Eiweiße mit angehängten Fettbestandteilen. Für die Zellen der Immunabwehr gehören solche Moleküle zu den verlässlichsten Kennzeichen dafür, dass ein Fremdkörper vorliegt; sie werden über eigene Empfangsstellen auf der Oberfläche der Abwehrzellen erkannt.
Ein bestimmtes Lipopeptid aus der Membran dieser Art regt Fresszellen schon in sehr geringer Menge zur Ausschüttung von Zytokinen an, jenen Botenstoffen, über die eine Entzündung in Gang gesetzt und unterhalten wird. Das Molekül ist deshalb zu einem in der Forschung gebräuchlichen Werkzeug geworden, mit dem sich die Reaktion von Abwehrzellen gezielt auslösen lässt.
Für die Bewertung des Keims folgt daraus zweierlei. Zum einen liefert es eine Erklärung dafür, wie Mycoplasma fermentans eine bereits bestehende Entzündung verstärken kann, ohne selbst der eigentliche Auslöser zu sein – was zu dem im Zusammenhang mit anderen Infektionen beschriebenen Bild passt. Zum anderen macht es verständlich, warum der Keim immer wieder bei Erkrankungen gefunden wird, an denen die Abwehr maßgeblich beteiligt ist, etwa bei entzündlichen Gelenkerkrankungen. Ein Nachweis in entzündetem Gewebe belegt allerdings nicht, dass der Keim die Erkrankung verursacht hat; der Nachweis eines Zusammenhangs steht in diesen Fällen weiterhin aus.
Widerstandsfähigkeit
Wie alle zellwandlosen Bakterien ist Mycoplasma fermentans außerhalb seines Wirtes empfindlich. Es bildet keine Dauerformen wie Sporen, übersteht Austrocknung und Hitze schlecht und wird von den gebräuchlichen Desinfektionsmitteln einschließlich der üblichen Alkohole zuverlässig abgetötet. Eine Übertragung über Gegenstände, Wasser oder Lebensmittel ist deshalb nicht zu erwarten; nötig ist enger Kontakt oder der direkte Übertritt in ein frisches Nährmedium, wie er im Labor bei der Weiterführung einer Zellkultur geschieht und dort die Verunreinigung von Gefäß zu Gefäß weiterträgt. Ein Reservoir außerhalb des Menschen ist nicht bekannt: Weder in der Umwelt noch in Lebensmitteln noch bei Tieren hält sich der Keim, sodass er dort auch nicht bekämpft werden muss. Für den Umgang mit Untersuchungsmaterial und mit Zellkulturen gelten deshalb keine besonderen Vorkehrungen über die üblichen Regeln des sauberen Arbeitens hinaus.
Quellen
- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
ISBN: 9783662613849
- Hof, H., Dörries, R. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie.
ISBN: 9783132423558
- Kayser, F. H., Böttger, E. C., Deplazes, P., et al.: Taschenlehrbuch Medizinische Mikrobiologie.
ISBN: 9783132447936
- Neumeister, B., Geiss, H. K., Braun, R. W., Kimmig, P. (Hrsg.): Mikrobiologische Diagnostik.
ISBN: 9783137436027
- Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen.
ISBN: 9783642171574
