Traumatherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der Begriff Trauma geht zurück auf die griechische Sprache und bedeutet „Wunde“. Die Traumatherapie behandelt ein mentales oder seelisches Trauma oder Psychotrauma.
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Was ist die Traumatherapie?
In der Psychologie wird ein Trauma als seelische Wunde bezeichnet. Ein Trauma entsteht als seelische Reaktion auf überwältigende Ereignisse. Menschen, die außergewöhnliche Situationen wie Missbrauch, Gewalt, Unfälle, lebensgefährliche Erkrankungen, Operationen und Kriegszustände erleben, können Trauma-Symptome oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.
Die Traumatherapie versucht, die betroffenen Menschen aus dem Bannkreis ihrer traumatischen Erlebnisse herauszuholen und die damit verbundenen typischen Stresssymptome effektiv zu behandeln, um ihnen wieder ein freies und weitgehend unbelastetes Leben zu ermöglichen.
Die Fachsprache unterscheidet dabei nach Dauer und Wiederholung des Ereignisses. Ein einmaliges, zeitlich umschriebenes Geschehen – ein Verkehrsunfall, ein Überfall, eine Naturkatastrophe – wird als Typ-I-Trauma bezeichnet. Wiederholte oder über lange Zeit andauernde Belastungen wie fortgesetzte Gewalt in der Familie, Misshandlung in der Kindheit oder Kriegs- und Fluchterfahrungen gelten als Typ-II-Trauma. Eine zweite Unterscheidung fragt nach dem Verursacher: Ereignisse, die von Menschen absichtlich herbeigeführt wurden, sind im Durchschnitt schwerer zu verarbeiten als Unglücksfälle ohne menschliches Zutun, weil sie zusätzlich das Vertrauen in andere Menschen erschüttern. Beide Einteilungen sind für die Traumatherapie keine akademische Feinheit: Sie bestimmen mit, wie lang eine Behandlung angelegt wird und wie viel Gewicht der vorbereitenden Arbeit zukommt.
Nicht jede Belastung nach einem solchen Ereignis ist behandlungsbedürftig. In den ersten Tagen und Wochen treten häufig Unruhe, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und sich aufdrängende Erinnerungen auf; das ist zunächst eine Reaktion auf eine unnormale Situation und noch keine eigenständige Erkrankung. Ein Teil dieser Beschwerden klingt mit Unterstützung durch Angehörige, Freunde und den Arbeitgeber wieder ab. Für die Traumatherapie sind die Verläufe entscheidend, in denen die Beschwerden bestehen bleiben, sich verstärken oder erst mit großem zeitlichem Abstand auftreten – bei manchen Betroffenen erst Monate oder Jahre nach dem Ereignis.
Durchgeführt wird die Traumatherapie von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten und, bei Kindern und Jugendlichen, von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die dafür eine besondere Fort- oder Weiterbildung absolviert haben. Sie findet ambulant in der Praxis statt, bei schwereren Verläufen auch teilstationär in einer Tagesklinik oder stationär in psychosomatischen und psychiatrischen Abteilungen. Opfer einer Gewalttat können darüber hinaus in einer Traumaambulanz behandelt werden: Das Vierzehnte Buch Sozialgesetzbuch, das die Soziale Entschädigung regelt, sieht dort eine psychotherapeutische Intervention vor, die den Eintritt einer psychischen Gesundheitsstörung oder deren Chronifizierung verhindern soll. Der Zugang dazu ist bewusst niedrigschwellig gehalten, weil sich viele Verläufe in der ersten Zeit nach der Tat noch günstig beeinflussen lassen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Eine traumatische Erfahrung empfinden Menschen als eine Situation von körperlicher oder seelischer Todesnähe, der sie entweder scheinbar oder tatsächlich ausgeliefert sind. Diese Situation kommt durch äußere Umstände und/oder Mitmenschen zustande, auf die die Betroffenen keinen Einfluss haben. Ein Beispiel ist der Amoklauf eines Jugendlichen in der Albertville-Realschule in Winnenden im Jahre 2009. Er tötete mehrere Schüler, Lehrer und Passanten, bevor er sich selbst richtete. Manche Überlebende brauchten über Jahre trauma-therapeutische Behandlung, weil sie dieses Ereignis, dem sie nur zufällig lebend entkommen sind, nicht verarbeiten konnten.
Fast alle Traumaopfer schützen sich instinktiv durch einen Mechanismus der inneren Abspaltung, der Dissoziation, mit dem sie in der Lage sind, unterschiedliche Bereiche der traumatischen Erfahrung voneinander zu trennen. Manche Betroffene gehen offen damit um und haben das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Sie werden mit einer Flut von Gedanken, Bildern und Träumen überwältigt, in denen sie das Ereignis immer wieder durchleben. Anlass für diese Flashbacks können Geräusche, Gerüche, Farben, Orte, Bilder, Filme, Menschen oder bestimmte Situationen sein.
Diese Auslöser bezeichnet die Fachsprache als Trigger. Sie können auch noch Jahrzehnte später völlig unvermittelt eine Kettenreaktion somatischer Reaktionen auslösen, ohne dass die Betroffenen diese auf das Trauma zurückführen. Das traumatisierende Ereignis wird vom Gehirn unauslöschlich gespeichert. Durch diesen Schutzmechanismus soll die betroffene Person in die Lage versetzt werden, auf gleiche oder ähnliche Ereignisse in Zukunft umgehend zu reagieren, um die Gefahr abzuwehren. Andere Betroffene spalten das Erlebte komplett von ihrem Leben ab und ignorieren alles, was damit zusammenhängt. Sie setzen auf die Strategie des Leugnens, Ignorierens und des emotionalen Rückzugs, um auf diese Weise Normalität zu suggerieren, weil sie ihr Trauma als Störfall im geregelten Ablauf ansehen.
Dieses Verhalten ist ein Schutzmechanismus, den die Betroffenen über Jahre hinweg aufgebaut haben, um wiederholte Traumatisierungen zu vermeiden. Irgendwann empfinden sie dieses Verhalten als normal und selbstverständlich, und so werden sie auch von ihrem sozialen Umfeld wahrgenommen, das sie, ohne es zu wissen, in ihrem Rollenverständnis bestärkt. Auch Menschen, die unvermittelt Zeugen extremer Situationen wurden, ohne selbst Opfer zu sein, können traumatische Stresssymptome entwickeln.
Bevor eine Traumatherapie beginnt, steht eine ausführliche Erhebung der Vorgeschichte. Der Behandler erfragt das Ereignis nur so weit, wie es für die Einordnung nötig ist, und achtet darauf, den Betroffenen nicht schon im Erstgespräch in eine Erinnerungswelle zu drängen. Standardisierte Fragebögen und Interviewleitfäden helfen dabei, das Ausmaß der Beschwerden zu erfassen und den Verlauf später vergleichbar zu machen. Wichtig ist außerdem das Erkennen von Begleiterkrankungen: Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und anhaltende Schmerzen treten bei Traumafolgen so häufig gemeinsam mit den eigentlichen Symptomen auf, dass ein Behandlungsplan sie mit berücksichtigen muss.
Am Anfang der eigentlichen Behandlung steht die Frage nach der äußeren Sicherheit. Solange die Bedrohung fortbesteht, etwa bei anhaltender Gewalt im häuslichen Umfeld oder in einer ungeklärten Aufenthaltssituation, ist eine Auseinandersetzung mit dem Erlebten nicht sinnvoll; im Vordergrund stehen dann praktische Hilfen und Schutz. Ist die äußere Sicherheit gegeben, folgt die Aufklärung über das Beschwerdebild selbst. Vielen Betroffenen nimmt allein die Erklärung, warum ihr Körper auf harmlose Reize mit Herzrasen und Fluchtimpuls reagiert, einen Teil der Angst vor dem eigenen Erleben.
Anschließend lernen die Betroffenen Techniken, mit denen sie Übererregung und aufdrängende Bilder beeinflussen können: Übungen zur bewussten Steuerung der Atmung, Verfahren wie die Progressive Muskelentspannung oder das Autogene Training, Übungen zur Verankerung in der Gegenwart, bei denen die Aufmerksamkeit gezielt auf das gerichtet wird, was gerade zu sehen, zu hören und zu spüren ist, sowie Imaginationsübungen, in denen sich die Betroffenen einen inneren Ort der Ruhe vorstellen oder Belastendes gedanklich an einem sicheren Ablageort verwahren. Diese Übungen setzen sich nicht mit dem Trauma auseinander, sie stellen die Handlungsfähigkeit her, ohne die die spätere Arbeit an den Erinnerungen nicht möglich wäre.
Für den Umgang miteinander gelten dabei eigene Regeln. Die Behandlung wird transparent gehalten: Der Betroffene erfährt vorab, was in einer Sitzung geschieht, und behält die Kontrolle über Tempo und Tiefe; vereinbarte Zeichen zum Unterbrechen gehören zum Standard. Diese Kontrolle ist mehr als Höflichkeit, denn das Ausgeliefertsein gehört zum Kern der traumatischen Erfahrung. Eine Behandlung, in der sich der Betroffene erneut ausgeliefert fühlt, arbeitet gegen ihr eigenes Ziel.
Neben der Einzelbehandlung kommen ergänzende Angebote zum Einsatz. In Gruppen können Betroffene erfahren, dass ihre Reaktionen nicht Ausdruck persönlichen Versagens sind. Körperbezogene Ansätze, Ergotherapie und künstlerische Verfahren wie die Musiktherapie bieten einen Zugang, wenn sich das Erlebte sprachlich noch nicht fassen lässt. Das gilt besonders für Kinder, in deren Behandlung Spiel und Gestaltung einen festen Platz haben; die Verfahren werden hier an das Alter angepasst, und die Bezugspersonen werden in der Regel einbezogen. Zuständig ist dafür die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.
Der Begriff Traumatherapie bezeichnet dabei kein einzelnes Verfahren, sondern eine Behandlungsaufgabe, die mit unterschiedlichen Methoden angegangen wird. Welche davon in Frage kommen, hängt von der Art der Traumatisierung, vom Alter, von den Begleiterkrankungen und nicht zuletzt davon ab, worauf sich der Betroffene einlassen kann. Gemeinsam ist den Verfahren, dass sie das Erlebte nicht ungeschehen machen wollen, sondern seine Wirkung auf die Gegenwart verringern.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Die Folgen können Depressionen (auch anhaltende Formen wie die Dysthymie), Arbeitsunfähigkeit, Suchterkrankungen, dissoziative Störungen, Gefühlskälte, Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsstörungen, extrem kontrolliertes und kontrollierendes Verhalten, Vermeidungshaltung (Avoidance), Aggressivität und Übererregbarkeit (Hyperarousal) sowie die Posttraumatische Belastungsstörung sein. An dieser Stelle setzt die Traumatherapie an. Sie beginnt mit der allgemeinen Beratung, die sowohl über kurze als auch lange Zeit stattfinden kann. Mit der Kurzzeitberatung setzt sich das Opfer nur mit einigen Aspekten des Erlebten auseinander. Die Langzeitberatung arbeitet das Erlebte Schritt für Schritt auf und gibt den Opfern auch Hilfestellungen, um den Alltag wieder normal bewältigen zu können.
Trauma-therapeutische Beratungen setzen an unterschiedlichen Punkten an. Bei akut verlaufenden Beschwerden ist neben der Traumatherapie auch eine medikamentöse Therapie mittels Psychopharmaka und Antidepressiva indiziert, auch wenn die Vergabe dieser Mittel nicht unumstritten ist. Diese Medikamente sollen Angstzustände dämpfen; die dabei vor allem eingesetzten „Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“ blockieren die Wiederaufnahme von Serotonin. Obwohl diese Substanzen oft rasch verordnet werden, bekämpfen sie ausschließlich die Begleiterscheinungen der posttraumatischen Beschwerden, sie beseitigen jedoch nicht die Ursache. Von Beruhigungsmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine (Tranquilizer), die früher ebenfalls verordnet wurden, wird heute dagegen abgeraten: Sie behindern die Verarbeitung des Erlebten und können rasch abhängig machen.
Der Einsatz von Psychopharmaka ist nur sinnvoll in Kombination mit einer Traumatherapie. Diese verfolgt verschiedene Ansätze. Das psychotherapeutische Verfahren hilft, die traumatischen Erlebnisse geordnet zu verarbeiten, sie zu begrenzen oder aufzulösen. Das psychoanalytische Verfahren arbeitet mit Übertragung und Fixierung der traumatischen Erfahrungen von Patient auf Therapeut. Das Imaginative Verfahren nutzt die tieferen Ebenen des Bewusstseins und arbeitet mit traumähnlichen Verarbeitungsbildern. Der narrative Ansatz trägt dem Bedürfnis des Patienten Rechnung, das Erlebte in Gesprächen zu einer Geschichte zusammenzusetzen.
Weitere wichtige Ansätze sind Verhaltenstherapien, die die Opfer mit dem Erlebten konfrontieren (Konfrontationstherapie), sowie der Ansatz der Exposition und Umstrukturierung. Diese traumafokussierte Therapie zielt darauf ab, die belastenden Erinnerungen beherrschbar zu machen und sie abzuschwächen. Die Gestalttherapie setzt auf eine ganzheitliche Betrachtungsweise von Geist, Seele und Körper. Auch kreative Ansätze (Kunsttherapie) können sinnvoll sein. Als wirksam gelten heute vor allem traumafokussierte Verfahren: die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), bei dem der Patient das belastende Erlebnis erinnert und dabei den Fingerbewegungen des Therapeuten mit den Augen folgt. EMDR ist kein Außenseiterverfahren mehr, sondern in Deutschland für die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Erwachsenen anerkannt und wird von den Krankenkassen bezahlt. Unabhängig vom Verfahren folgt die Traumatherapie einem Phasenaufbau: Am Anfang steht die Stabilisierung, in der die Betroffenen Sicherheit im Alltag und Techniken zum Umgang mit Erinnerungen und Übererregung gewinnen. Erst danach folgt die eigentliche Konfrontation mit dem Erlebten, und zum Schluss dessen Einordnung in die eigene Lebensgeschichte. Eine Konfrontation ohne ausreichende Stabilisierung kann die Beschwerden verstärken. Traumaopfer, die eine gewisse psychische Widerstandsfähigkeit gegen das Erlebte zeigen, weisen eine Resilienz auf.
Auch die Traumatherapie selbst ist nicht frei von Risiken, und sie sind der Grund für den beschriebenen Phasenaufbau. Die Auseinandersetzung mit dem Erlebten führt vorübergehend häufig zu einer Zunahme der Beschwerden: Erinnerungen und Träume treten häufiger auf, der Schlaf wird schlechter, die Reizbarkeit steigt. Bei sorgfältiger Vorbereitung ist das ein Durchgangsstadium. Wird die Konfrontation dagegen zu früh, zu lang oder ohne ausreichende Nachbereitung angesetzt, kann sie den Zustand verschlechtern. Behandler achten deshalb auf Warnzeichen wie ausgeprägte Abspaltung während der Sitzung, zunehmenden Substanzkonsum oder Selbstgefährdung und passen das Vorgehen daran an.
Wie lange eine Traumatherapie dauert, lässt sich nicht allgemein sagen. Nach einem einmaligen Ereignis bei einem zuvor stabilen Menschen kommen Behandlungen mit vergleichsweise wenigen Sitzungen aus. Nach lang andauernden Traumatisierungen in der Kindheit ist der Zeitraum erheblich länger, und die Stabilisierungsphase nimmt dabei den größten Anteil ein. Ein realistisches Ziel ist selten das vollständige Verschwinden der Erinnerung, sondern dass sie ihre überwältigende Kraft verliert und als Teil der eigenen Vergangenheit erinnert werden kann, statt immer wieder in die Gegenwart einzubrechen.
Für den Zugang zur Behandlung gilt: Die Kosten einer Psychotherapie übernehmen die Krankenkassen im Rahmen der anerkannten Verfahren, sofern eine entsprechende Diagnose vorliegt; vor Beginn steht in der Regel eine Sprechstunde, in der geklärt wird, ob und welche Behandlung angezeigt ist. In der Praxis ist häufig nicht die Kostenfrage die größte Hürde, sondern die Wartezeit auf einen Behandlungsplatz. Überbrücken lässt sie sich durch Beratungsstellen, Traumaambulanzen und Angebote von Opferhilfsorganisationen, die schon vor dem Beginn einer Therapie stabilisierend wirken können. Mitbetroffen sind dabei die Angehörigen: Sie erleben Rückzug, Reizbarkeit und Misstrauen, ohne die Ursache einordnen zu können, und profitieren selbst von Beratung.
Quellen
- Seidler, G. H., Freyberger, H. J., Glaesmer, H., et al. (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie.
ISBN: 9783608962581
- Maercker, A. (Hrsg.): Traumafolgestörungen.
ISBN: 9783662584699
- Augsburger, M., Maercker, A.: Posttraumatische Belastungsstörungen.
ISBN: 9783170472860
- Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren und Rahmenbedingungen psychologischer Therapie.
ISBN: 9783662549100
- Senf, W., Broda, M., Voos, D., Neher, M. (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie.
ISBN: 9783132420793
