Urgeinkontinenz

Manche Menschen leiden unter einem quälenden, überfallartigen Harndrang, der sie zwingt, schnell eine Toilette aufzusuchen. Manchmal kann es dabei zu einer Urgeinkontinenz kommen, einem unwillkürlichem Harnabgang.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Urgeinkontinenz?

Das Hauptsymptom einer Dranginkontinenz ist ein plötzlich einsetzender, quälender Harndrang, der meistens nicht zu unterdrücken ist. Der Drang kann so intensiv sein, dass es Betroffene manchmal nicht mehr schaffen, rechtzeitig eine Toilette zu erreichen.
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Als Urgeinkontinenz oder Dranginkontinenz wird in der Medizin ein abrupt einsetzender, kaum zu beherrschender Harndrang bezeichnet, der von unwillkürlichem Harnabgang begleitet sein kann. Diese Form der Inkontinenz wird durch eine empfindliche, überaktive Blase ausgelöst. Es gibt im Wesentlichen zwei Formen der Dranginkontinenz:

  • Bei der sensorischen Dranginkontinenz reagiert die Blase bereits bei geringem Füllstand mit Harndrang.
  • Bei der motorischen Dranginkontinenz liegt eine Störung der für die Blasenentleerung zuständigen Nerven vor, die dazu führt, dass sich der Blasenschließmuskel krampfartig zusammenzieht.

In beiden Fällen handelt es sich nicht um eine Störung des Schließmuskels, sondern um eine Fehlsteuerung des Blasenmuskels, bei der schon ein geringer Blasenfüllstand einen extremen Blasendruck auslöst.

Ursachen

Zu den häufigsten Ursachen gehören Entzündungen der unteren Harnwege, besonders bei der sensorischen Dranginkontinenz. Sie kann durch häufige Blasenentzündungen oder Blasensteine verursacht werden. Die Sensoren, die den Füllstand der Blase ans Gehirn weiterleiten, reagieren empfindlich. Das Gehirn reagiert mit reflexartigem Zusammenziehen der Blasenmuskulatur. Wenn die Blase nicht richtig gefüllt ist, kommt es dadurch zur häufigen Ausscheidung kleiner Urinmengen.

Bei der motorischen Dranginkontinenz funktionieren die Signale zwischen Blase und Gehirn nicht richtig. Es kommt zu einem nicht steuerbaren Urinabgang, wenn sich der für die Blasenentleerung zuständige Muskel zusammenzieht und der Druck in der Blase steigt. Betroffene spüren den starken Drang, schnell eine Toilette aufsuchen zu müssen.

Auch neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, multipler Sklerose, Diabetes, Parkinson und Alzheimer können zu einer Urgeinkontinenz führen. Manchmal reicht schon eine Tasse Kaffee oder andere Getränke, um Harndrang auszulösen. In den Wechseljahren kann es auch an einer Beckenbodenschwäche liegen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Hauptsymptom einer Dranginkontinenz ist ein plötzlich einsetzender, quälender Harndrang, der meistens nicht zu unterdrücken ist. Der Drang kann so intensiv sein, dass es Betroffene manchmal nicht mehr schaffen, rechtzeitig eine Toilette zu erreichen. Es kann zu einem unwillkürlichen Urinabgang kommen, darüber hinaus kann aber auch zu kürzeren Intervallen der Blasenentleerung.

Wer unter einer Urgeinkontinenz leidet, ist e ständig auf der Suche nach der nächsten Toilette. Betroffene müssen in der Regel mehr als acht Mal am Tag Wasser lassen, meistens auch in der Nacht. Bei Aufregung oder psychischen Belastungen nimmt der Druck noch zu. Auch Kälte kann den Harndrang begünstigen oder ein Geräusch von Wasser. Ein Östrogenmangel, wie er in den Wechseljahren auftritt, verstärkt die Symptome noch.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Beim Arzt erfolgt zunächst eine ausführliche Anamnese über die Beschwerden, ob es zu unfreiwilligem Urinverlust kommt. Danach folgt eine körperliche Untersuchung, bei Frauen meistens eine gynäkologische, ob eine Senkung der Gebärmutter oder Scheide vorliegt, ein Östrogenmangel vorhanden ist und wie der Beckenboden beschaffen ist. Um eine Blasenentzündung auszuschließen, wird der Urin untersucht.

In der Regel wird auch eine Blasenspiegelung durchgeführt, um Blasentumore, Blasensteine oder eine vergrößerte Prostata festzustellen. Über eine Ultraschalluntersuchung lassen sich das Füllungvermögen und der Füllungsgrad der Blase einschätzen. Mit einem speziellen Schallkopf kann von der Scheide aus die Blase und die Harnröhre untersucht werden, unter anderem ob Husten oder Pressen zu einer Veränderung der Lage führt.

Es können auch Veränderungen zwischen Ruhe- und Belastungsphasen aufgezeichnet werden. Sinnvoll ist eine Blasendruckmessung, um die Ursachen für unfreiwilligen Urinverlust herauszufinden. Aufgrund der guten technischen Möglichkeiten von Ultraschalluntersuchungen werden nur noch selten Röntgenuntersuchungen durchgeführt. Eine wertvolle Ergänzung kann ein Miktionsprotokoll sein.

Komplikationen

Eine Urgeinkontinenz wirkt sich in der Regel sehr negativ auf den Alltag und auf das Leben des Betroffenen aus. Die Patienten leiden dabei an einem sehr häufigen Wasserlassen und können in vielen Situationen das Wasser in der Blase nicht mehr halten. Bei Kindern kann die Urgeinkontinenz auch zu Mobbing oder zu Hänseleien führen, sodass die Patienten auch an psychischen Beschwerden oder an Depressionen erkranken.

Weiterhin können diese Beschwerden auch bei Erwachsenen auftreten. Die Betroffenen fühlen sich damit unwohl und schämen sich in vielen Fällen für die Beschwerden der Urgeinkontinenz. Damit kann es auch zu einem verringerten Selbstwertgefühl oder zu starken Minderwertigkeitskomplexen kommen. Sollte die Urgeinkontinenz nicht behandelt werden, so kann die Erkrankung weiterhin zu einer Harnvergiftung führen.

An dieser kann der Betroffene im schlimmsten Fall versterben. Auch die Nieren werden im Zuge der Erkrankung geschädigt, sodass es auch zu einer Niereninsuffizienz kommen kann. Dabei sind die Betroffenen dann auf eine Spenderniere oder auf die Dialyse angewiesen. Das Risiko für Prostatakrebs steigt durch die Erkrankung deutlich an.

Die Behandlung richtet sich immer nach der Ursache, verläuft allerdings ohne Komplikationen. Nicht in jedem Fall können die Beschwerden vollständig gelindert werden. Möglicherweise ist durch die Erkrankung auch die Lebenserwartung des Patienten eingeschränkt.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Der Betroffene sollte bei einer Urgeinkontinenz immer sofort einen Arzt aufsuchen, da es sich dabei um eine ernsthafte Krankheit handelt, die die Lebensqualität des Betroffenen deutlich einschränken kann. Es kann nicht zu einer selbständigen Heilung kommen, sodass der Patient schon bei den ersten Symptomen und Anzeichen der Urgeinkontinenz einen Mediziner kontaktieren sollte. Je früher die Krankheit diagnostiziert wird, desto besser ist in der Regel auch der weitere Verlauf.

Ein Arzt ist dann aufzusuchen, wenn der Patient bei starken körperlichen oder seelischen Belastungen an einer Inkontinenz leidet. Es treten geringe Mengen an Urin aus, wobei es sich auch nur um kleine Tröpfchen handeln kann. Die Betroffenen erkennen dieses Tropfen nicht immer. In vielen Fällen können auch starke Schmerzen im Bereich der Blase oder der Harnleiter auf eine Urgeinkontinenz hindeuten und sollten ebenfalls durch einen Arzt untersucht werden. Dabei müssen die Beschwerden nicht dauerhaft auftreten. Bei dieser Krankheit sollte ein Urologe aufgesucht werden. Da die Krankheit jedoch auch zu psychischen Verstimmungen oder zu Depressionen führen kann, ist in der Regel auch der Besuch bei einem Psychologen notwendig.

Behandlung & Therapie

Da die Urgeinkontinenz in den meisten Fällen nicht durch organische Probleme verursacht wird, ist die Behandlung in erster Linie auf eine Besserung der Beschwerden ausgerichtet. Zunächst soll ein gezieltes Blasentraining eine bessere Kontrolle über die Blase ermöglichen und die Abstände zwischen den Blasenentleerungen vergrößern.

Am besten wird ein Miktionstagebuch geführt, das Aufschluss darüber gibt, wann der Harndrang auftritt, wie schnell die Betroffenen ihm nachgeben, ob es zu unfreiwilligem Harnverlust kommt, wieviel getrunken wird. Bei einer Dranginkontinenz ist in den meisten Fällen auch ein gezieltes Beckenbodentraining sinnvoll, um die Muskulatur zu kräftigen. Ergänzend zum Blasentraining werden meistens Medikamente verordnet, die die Blasenmuskulatur entspannen und ermöglichen, wieder eine höhere Urinmenge zu speichern.

In den meisten Fällen werden Anticholinergika verabreicht. Sie können aber einen trockenen Mund, Magen-Darm-Probleme und eine trockene Haut verursachen. In leichteren Fällen können auch pflanzliche Mittel mit Kürbis die Reizung lindern. Nur bei Infektionen werden Antibiotika verordnet. Operative Verfahren sind bei einer Dranginkontinenz eher nicht angezeigt, weil der Verschlussapparat der Blase intakt ist. Eine Ausnahme bilden Blasensteine, weil sie entfernt werden müssen.

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Vorbeugung

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Vorbeugung ist ein regelmäßiges Beckenbodentraining. Wer unter Übergewicht leidet, sollte es reduzieren, da die überschüssigen Kilos den Beckenboden belasten. Gut ist regelmäßige Bewegung. Eine ausgewogene, gesunde Ernährung kann helfen, Verstopfungen zu vermeiden, die wiederum eine Belastung für den Beckenboden darstellen. Ausreichendes Trinken sorgt dafür, dass das Fassungsvermögen der Blase trainiert wird. Neben dem Blasentraining ist es sinnvoll, Entspannungsverfahren zu lernen.

Nachsorge

Die Nachsorge bei der Urgeinkontinenz ist dann notwendig, wenn die Beschwerden dauerhaft vorliegen und nicht ursächlich behandelbar sind. Betroffene müssen eine hinreichende Unterstützung in ihrem Alltag erfahren. Die Auswirkungen der Beschwerden sollen das Leben so wenig wie möglich belasten. Dazu vereinbaren Arzt und Patient einen Vorstellungsrhythmus, um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu erörtern.

In der Praxis versprechen Medikamente, ein Blasentraining und eine Psychotherapie einen aussichtsreichen Behandlungserfolg. Gerade der letzte Aspekt bildet einen wichtigen Baustein. Denn bei einer starken Ausprägung kann das unkontrollierte Wasserlassen den Alltag einschränken. So trauen sich viele Patienten meist kaum noch, ihre Wohnung zu verlassen. Innerhalb der planmäßigen Nachuntersuchungen nimmt die Anamnese eine wichtige Rolle ein. Darüber hinaus können auch neurologische Ansätze verfolgt werden.

Grundsätzlich versuchen Ärzte die Ursachen der Urgeinkontinenz zu beheben. Leider gelingt dieses nach einer statistischen Erhebung nur in 20 Prozent aller Fälle. Da durch die Beseitigung der Auslöser keine Beschwerden mehr vorliegen, entfällt damit die Notwendigkeit engmaschiger Nachkontrollen, wie man sie aus Tumorerkrankungen kennt. Nach einer vollständigen Ausheilung ist ein erneutes Auftreten eher nicht zu erwarten. Bisher sind keine wirksamen Vorbeugemaßnahmen bekannt, um eine erneute Urgeinkontinenz zu verhindern.

Das können Sie selbst tun

Die Urge- oder Dranginkontinenz wird medikamentös und körperlich behandelt. Etwaige organische Störungen müssen ermittelt und behoben werden. Als Mittel zur Selbsthilfe bietet sich ein gezieltes Blasen- und Toilettentraining an. Die Ergebnisse werden in einem Miktionstagebuch notiert, damit Patient und Arzt das Leiden gezielt behandeln können.

Ergänzend dazu empfiehlt sich ein ärztlich angeleitetes Beckenbodentraining, welches zu Hause durch Krankengymnastik, Yoga und andere, kräftigende Maßnahmen unterstützt wird. Parallel dazu ist eine medikamentöse Behandlung notwendig. Die wichtigste Selbsthilfe-Maßnahme besteht hier in der ordnungsgemäßen Einnahme der verschriebenen Mittel. Sollten ungewöhnliche Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder Magen-Darm-Störungen auftreten, muss die Behandlung abgebrochen und der Arzt informiert werden.

Die Dranginkontinenz bedarf zudem vorbeugender Maßnahmen. Viele Patienten tragen Erwachsenenwindeln oder spezielle Slipeinlagen. Eine Umstellung des Tagesablaufs schafft Raum für entspannte Toilettenbesuche. Die Diät sollte umgestellt werden. Es gilt auf harntreibende Lebensmittel sowie scharfes oder kaliumhaltiges Essen zu verzichten. Zur Erstellung einer angepassten Diät setzen sich die Betroffenen am besten mit einem Ernährungsmediziner zusammen. Der Verein Inkontinenz Selbsthilfe e. V. gibt Betroffenen weitere Ratschläge und Ansprechpartner an die Hand.

Quellen

  • Finke, F., Piechota, H., Schaefer, R.M., Sökeland, J., Stephan-Odenthal, M., Linden, P.: Die urologische Praxis. Uni-Med, Bremen 2007
  • Haag, P., Harnhart, N., Müller, M. (Hrsg.): Gynäkologie und Urologie. Für Studium und Praxis 2014/15. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2014
  • Sökeland, J., Schulze, H., Rübben, H.: Urologie. Thieme, Stuttgart 2004

Dieser Artikel wurde unter Maßgabe der aktuellen medizinischen Fachliteratur und fundierter wissenschaftlicher Quellen verfasst.
Qualitätssicherung durch: Dr. med. Nonnenmacher
Letzte Aktualisierung am: 17. August 2020

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