Urinanalyse
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Urinanalyse, Harnuntersuchung, ist ein grundlegendes Diagnostikum und für jeden medizinischen Fachbereich wertvoll. Die Harnanalyse gestattet unmittelbar Rückschlüsse auf den allgemeinen Gesundheitszustand eines Patienten, insbesondere auf den Zustand der Nieren und der ableitenden Harnwege.
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Was ist die Urinanalyse?
Urin ist ein weitgehend keimfreies Blutserumkonzentrat. Lange galt der Harn in der Blase als vollständig steril. Nach heutigem Kenntnisstand lassen sich mit modernen Nachweisverfahren jedoch auch bei Gesunden geringe Mengen an Bakterien im Harn finden, ohne dass eine Erkrankung vorliegt. Der Harn entsteht durch die Filterfunktion der Nieren als retroperitoneal paarig angelegter Organe. Die Nieren filtern das Blut ständig und befreien es von Giftstoffen oder Stoffwechselprodukten.
So werden im Laufe von 24 Stunden aus etwa 180 Litern Primärharn durch Konzentration und Wasserentzug etwa 1,5 Liter Endharn, der von der Niere durch die Harnleiter in die Blase gelangt. Dafür strömen täglich rund 1500 Liter Blut durch die Nieren. Hat sich genug Endharn in der Blase angesammelt, so erfolgt durch einen Reflex der Blasenmuskulatur die Harnentleerung, Miktion über die Harnröhre. Dieser Harn wird dann als sogenannter Mittelstrahlurin für Untersuchungszwecke eingesetzt.
Der Mittelstrahlurin ist die Regelform der Probe. Daneben kennt das Labor besondere Gewinnungsformen, die jeweils an eine bestimmte Fragestellung gebunden sind und dann zum Einsatz kommen, wenn sich diese am Mittelstrahlurin nicht beantworten lässt. Der erste Morgenurin ist am stärksten konzentriert und eignet sich deshalb, wenn nach Bestandteilen gesucht wird, die nur in geringer Menge ausgeschieden werden. Der über 24 Stunden lückenlos gesammelte Harn erlaubt Aussagen darüber, wie viel von einem Stoff der Körper an einem ganzen Tag ausscheidet; hier hängt die Verwertbarkeit vollständig davon ab, dass keine Portion vergessen wird. Bei Säuglingen und Kleinkindern, die noch nicht auf Aufforderung Wasser lassen können, kommt ein Klebebeutel zum Einsatz, dessen Ergebnis allerdings besonders häufig durch Keime der Haut verunreinigt ist. Der über einen Katheter gewonnene Harn und der Harn aus der Punktion der Blase durch die Bauchdecke sind am wenigsten verunreinigt, setzen aber einen Eingriff voraus und bleiben deshalb besonderen Fällen vorbehalten.
Für die Beurteilung der Nierenfunktion und der Eiweißausscheidung wird die Konzentration eines Stoffes häufig auf das in derselben Probe gemessene Kreatinin bezogen. Dieser Bezug gleicht aus, dass ein und dieselbe Probe je nach Flüssigkeitsaufnahme stark oder schwach verdünnt sein kann, und macht Werte aus verschiedenen Proben desselben Patienten vergleichbar. In vielen Fällen erspart er damit das aufwendige und fehleranfällige Sammeln über 24 Stunden.
Die moderne Urinanalytik mittels Mehrfachteststreifen und mikroskopischer, zytologischer und mikrobiologischer Untersuchung geht zurück auf die traditionelle Harnschau des Mittelalters. Damals war die chemische Zusammensetzung des Urins noch nicht detailliert bekannt. Es spielten vor allem Farbe, Geruch, aber auch Geschmack des Urins eine wichtige Rolle für die Diagnose von Krankheiten. So deutete beispielsweise süßlich schmeckender Urin auf die Zuckerkrankheit, Diabetes mellitus, hin. Der Glucosenachweis erfolgt heute über eine chemische Reaktion auf dem Feld eines Urinteststreifens, welcher vom Arzt oder medizinischem Assistenzpersonal in den Urin eingetaucht wird.
Das birnenförmige Harnglas, die Matula, war über Jahrhunderte das Erkennungszeichen des Arztes schlechthin und findet sich auf zahllosen Darstellungen aus dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Die Beurteilung folgte festen Schemata: Der Harn wurde gegen das Licht gehalten, in Zonen eingeteilt und in Farbe, Trübung, Schaum und Bodensatz mit gedruckten Tafeln verglichen. Weil aus dem bloßen Augenschein weit mehr abgeleitet wurde, als er hergibt, geriet die Harnschau schon früh auch in den Ruf der Scharlatanerie. Erst als im 19. Jahrhundert chemische Nachweisreaktionen und das Mikroskop hinzutraten, wurde aus ihr eine überprüfbare Untersuchung. Der Teststreifen des 20. Jahrhunderts führte diese Entwicklung weiter, indem er die Nachweisreaktionen auf ein handliches Trägerplättchen brachte und die Untersuchung damit aus dem Labor zurück in die Sprechstunde holte.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die makroskopische Urinuntersuchung, so wie sie im Mittelalter traditionell als Harnschau praktiziert wurde, ist heutzutage als alleiniges Diagnoseverfahren nicht mehr üblich. Das Aussehen des Harns kann neben der Flüssigkeitszufuhr auch durch Medikamente oder innere Krankheiten und Entzündungen stark verändert werden. Stark abweichende Veränderungen des Aussehens werden dokumentiert, sofern sie diagnoserelevant sind. Eine Harnanalyse gehört ebenso wie die Blutuntersuchung oder die Anamnese zu den üblichen Untersuchungen im Rahmen einer allgemeinärztlichen Konsultation.
Ärzte jeder Fachrichtung können einen Urinbefund interpretieren, der Facharzt für Urologie oder Nephrologie ist aber für eine Befundinterpretation oder für die Durchführung einer erweiterten Urinanalytik bei speziellen medizinischen Fragestellungen besonders qualifiziert. Zur Ermittlung des spezifischen Harngewichtes wird eine Messspindel in den Urin eingetaucht, dadurch wird das Gewicht-Volumen-Verhältnis genau ermittelt. Es ist also eine Aussage darüber möglich, wie viele gelöste Bestandteile in der Urinprobe enthalten sind. Konzentrierter Harn weist ein höheres spezifisches Gewicht auf, denn er enthält weniger Wasser.
Die standardmäßig durchgeführte Harnanalyse erfolgt mittels Mehrfachteststreifen, dem sogenannten Combur-Test. Bis zu 10 unterschiedliche Testfelder sind auf einem solchen Teststreifen vorhanden. Die Durchführung der Urinuntersuchung mittels Teststreifen erfolgt durch die drei Schritte Eintauchen, Abstreifen, Ablesen.
Die Testergebnisse können also durch visuellen Farbvergleich nach den vorgegebenen Ablesezeiten mit einer Farbskala abgelesen und dokumentiert werden. Wichtige Testfelder sind Glucose, pH-Wert, Blut, Hämoglobin, Leukozyten, Nitrit, Protein und Urobilinogen. In den Testfeldern kommt es durch die im Harn gelösten Substanzen zu einer komplizierten chemischen Reaktion, die an eine typische Farbveränderung gekoppelt ist. So verfärbt sich beispielsweise das gelbliche Ausgangstestfeld bei Anwesenheit von Blut im Urin grün, das weiße Testfeld nimmt bei Kontakt mit Leukozyten im Urin eine rosa Farbe an.
Die Intensität der Verfärbung gilt als Maß für die Konzentration der pathologischen Substanz. Sind aufgrund eines entzündlichen Prozesses Bakterien im Urin enthalten, so verfärbt sich das Nitrit-Testfeld, sofern es sich um nitritbildende Bakterien handelt, die für etwa 80 Prozent aller Harnwegsinfekte verantwortlich sind. Ein negatives Nitrit-Testfeld schließt einen Harnwegsinfekt daher nicht aus. Der Untersuchung mit dem Teststreifen kann sich eine mikroskopische Analyse des sogenannten Urinsediments anschließen. Das Urinsediment wird durch Zentrifugieren des Urins gewonnen.
Durch die Zentrifugalkraft reichern sich zelluläre Bestandteile des Urins am Boden des Glasröhrchens an. Der überstehende Urinanteil wird dekantiert. Im Urinsediment können Bakterien, Epithelzellen, Zylinder oder Kristalle analysiert werden. Aus dem Sediment kann mit Hilfe eines Nährbodens auch die Anzucht von Bakterien zur endgültigen Diagnose und Resistenzbestimmung erfolgen.
Das Sediment beantwortet dabei Fragen, die der Teststreifen offenlässt. Zeigt dieser Blut an, so lässt sich erst unter dem Mikroskop erkennen, ob überhaupt rote Blutkörperchen vorliegen und woher sie stammen: Zellen, die den Nierenfilter passiert haben, sind in ihrer Form verändert, während Blut aus den ableitenden Harnwegen unverformte Zellen enthält. Zylinder sind Ausgüsse der Nierenkanälchen; ihr bloßes Vorkommen ist nicht in jedem Fall krankhaft, doch Zylinder, in die rote Blutkörperchen eingebacken sind, sprechen für einen Vorgang in der Niere selbst. Kristalle lassen sich nach ihrer Gestalt unterscheiden und geben Hinweise auf die Art einer möglichen Steinbildung, ohne dass ihr Nachweis für sich genommen schon eine Erkrankung belegt. Epithelzellen aus dem äußeren Genitalbereich schließlich sind vor allem ein Zeichen dafür, dass die Probe verunreinigt wurde.
Bei der Anzucht wird eine genau bemessene Menge Harn auf den Nährboden gebracht; aus der Zahl der gewachsenen Kolonien schließt das Labor darauf, ob eine echte Besiedlung oder eine Verunreinigung vorliegt. Die gewachsenen Keime werden bestimmt und anschließend gegen verschiedene Antibiotika geprüft. Dieses Antibiogramm zeigt, welche Mittel wirken, und bildet die Grundlage einer gezielten Behandlung – besonders dann, wenn eine erste Behandlung nicht angeschlagen hat oder Infekte immer wiederkehren. In größeren Laboratorien übernehmen inzwischen auch die Beurteilung des Sediments zunehmend Geräte, die die Bestandteile automatisch zählen und einordnen; für unklare Befunde bleibt der Blick durch das Mikroskop jedoch unverzichtbar.
Für die Deutung des Gesamtbefundes hilft es zu wissen, wonach die einzelnen Testfelder überhaupt fragen. Der pH-Wert gibt Auskunft darüber, ob der Harn sauer oder alkalisch reagiert; das ist unter anderem für die Frage nach der Art möglicher Harnsteine von Bedeutung, weil sich bestimmte Kristalle nur bei einem bestimmten Säuregrad bilden. Das Eiweißfeld spricht in erster Linie auf Albumin an, das bei einer Schädigung des Nierenfilters vermehrt in den Harn übertritt; für die Früherkennung einer Nierenschädigung bei Diabetes mellitus reicht die Empfindlichkeit des gewöhnlichen Streifens allerdings nicht aus, dafür sind eigene Tests nötig. Zucker erscheint erst dann im Harn, wenn der Blutzucker die sogenannte Nierenschwelle übersteigt, jenseits derer die Niere ihn nicht mehr vollständig zurückgewinnen kann. Ketone entstehen, wenn der Körper Fett zur Energiegewinnung heranzieht, und finden sich sowohl nach längerem Verzicht auf Nahrung als auch bei einer entgleisten Zuckerkrankheit. Bilirubin und Urobilinogen weisen auf Erkrankungen der Leber und der Gallenwege oder auf einen vermehrten Abbau roter Blutkörperchen hin.
Der Streifen ist ein Suchtest und als solcher auf Empfindlichkeit angelegt, nicht auf Genauigkeit. Er sagt, ob ein Stoff vorhanden ist und ungefähr in welcher Größenordnung, nicht aber, in welcher genauen Menge. Auffällige Ergebnisse werden deshalb bestätigt, bevor aus ihnen eine Diagnose wird. Hinzu kommen Störeinflüsse, die dem Untersucher bekannt sein müssen: Größere Mengen Vitamin C können den Nachweis von Blut und Zucker unterdrücken und so einen unauffälligen Befund vortäuschen, stark alkalischer Harn kann das Eiweißfeld fälschlich anschlagen lassen, und farbige Arzneimittel können den Farbvergleich unbrauchbar machen. Auch die Handhabung entscheidet mit: Wird der Streifen zu lange in den Urin getaucht, werden die Reagenzien aus den Feldern herausgeschwemmt, und ein Röhrchen, das offen stehen bleibt, macht die Streifen durch die Luftfeuchtigkeit unbrauchbar.
Wie die Untersuchung im Einzelfall abläuft, hängt schließlich davon ab, wo sie stattfindet. In der Hausarztpraxis genügt für die meisten Fragen der Teststreifen, dessen Ergebnis binnen weniger Minuten vorliegt. Das Sediment und die Anzucht setzen dagegen ein Labor voraus; das Ergebnis einer Kultur steht erst nach einigen Tagen fest, weil die Keime Zeit zum Wachsen brauchen. Bei dringendem Verdacht wird eine Behandlung deshalb zunächst nach Erfahrungswerten begonnen und, sobald der Befund vorliegt, gegebenenfalls umgestellt.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Der Patient wird bei der Urinabgabe angehalten, zunächst die erste Urinportion zu verwerfen, dann den Mittelstrahl in den Becher zu füllen und das gefühlte letzte Drittel wieder zu verwerfen. Nichteinhaltung kann zu falsch positiven Befunden führen. Um die Teststreifenanalytik des Urins zu standardisieren, kommen heute in großen Praxen und Laboratorien auch Ableseautomaten zum Einsatz. Damit werden weit bessere Ergebnisse erzielt als durch das manuelle Ablesen. Bei unklaren oder zweifelhaften Befunden kann der Urin auch durch eine suprapubische Blasenpunktion unter sterilen Bedingungen direkt aus der Harnblase gewonnen werden.
Die eigentliche Fehlerquelle der Harnanalyse liegt nicht im Labor, sondern davor. Eine Probe, die falsch gewonnen, zu lange stehen gelassen oder verwechselt wurde, lässt sich durch keine noch so gute Analytik retten. Bleibt der Harn ungekühlt stehen, vermehren sich Bakterien, der pH-Wert steigt, Zellen und Zylinder zerfallen und es fallen Kristalle aus, die in der frischen Probe gar nicht vorhanden waren – ein Befund, der dann eine Erkrankung vortäuscht. Das Gefäß muss sauber, trocken und für diesen Zweck vorgesehen sein; Gefäße aus dem Haushalt bringen Reste mit, die die Reaktionen stören. Beschriftet wird jede Probe unmittelbar nach der Abgabe.
Bei Frauen kann Blut aus der Regelblutung in die Probe gelangen und einen krankhaften Befund vortäuschen; die Untersuchung wird deshalb nach Möglichkeit außerhalb dieser Tage angesetzt oder das Ergebnis entsprechend eingeordnet. Auch Reste von Seife, Cremes oder Desinfektionsmitteln im Genitalbereich können Testfelder beeinflussen. Wer Medikamente einnimmt, sollte dies vor der Untersuchung angeben, weil eine Reihe von Stoffen die Farbreaktionen oder die Färbung des Harns verändert.
Die Abgabe von Harn ist für den Patienten selbst ohne Risiko, weil sie keinen Eingriff darstellt. Anders verhält es sich mit den beiden Gewinnungswegen für schwierige Fälle: Ein Katheter kann Keime in die Blase verschleppen oder die Harnröhre verletzen, und die Punktion durch die Bauchdecke ist zwar ein kleiner, aber doch ein invasiver Eingriff. Beide werden deshalb erst eingesetzt, wenn die einfache Abgabe kein verwertbares Ergebnis liefert oder nicht möglich ist.
Schließlich ist ein auffälliger Harnbefund für sich genommen noch keine Diagnose. Ein Keimnachweis ohne Beschwerden bedeutet nicht zwangsläufig eine behandlungsbedürftige Erkrankung, und ein unauffälliger Streifen schließt eine Erkrankung nicht aus. Ob und welche weiteren Schritte folgen, ergibt sich erst aus der Zusammenschau von Befund, Beschwerden und Vorgeschichte.
Quellen
- Thomas, L.: Labor und Diagnose.
ISBN: 9783981620801
- Renz, H. (Hrsg.): Praktische Labordiagnostik.
ISBN: 9783111328195
- Neumeister, B., Böhm, B. O. (Hrsg.): Klinikleitfaden Labordiagnostik.
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- Hallbach, J.: Klinische Chemie und Hämatologie.
ISBN: 9783132457225
- Kuhlmann, U., Hoyer, J., Luft, F. C., et al.: Nephrologie.
ISBN: 9783137002062
