Wurzelkompressionssyndrom

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 31. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

Sie sind hier: Startseite Krankheiten Wurzelkompressionssyndrom

Unter einem Wurzelkompressionssyndrom wird in der Humanmedizin eine Reizung der Nervenwurzel im Umfeld der Wirbelsäule verstanden. Die derartige Reizung ist in der Regel auf mechanische Ursachen (zum Beispiel Druck) zurückzuführen und führt zu erheblichen Rückenschmerzen, die auch ausstrahlen können. In seltenen Fällen kann das Wurzelkompressionssyndrom aber auch angeboren sein.

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein Wurzelkompressionssyndrom?

Wurzelkompressionssyndrom
Ein Wurzelkompressionssyndrom verursacht besonders starke Schmerzen im Rückenbereich. Das Zentrum des Schmerzes variiert je nach Art des Syndroms.
© VectorMine – stock.adobe.com

Von einem Wurzelkompressionssyndrom wird in der Medizin gesprochen, wenn es aufgrund von mechanischen Ursachen (zum Beispiel anhaltender Druck) zu einer Reizung der Wurzeln der Spinalnerven kommt. Als Spinalnerven gelten sämtliche Nerven, die unmittelbar aus dem Rückenmark entspringen.

In der Fachliteratur wird zwischen verschiedenen Formen von Wurzelkompressionssyndromen unterschieden. Eine Einteilung kann sowohl nach dem Zeitpunkt der Entstehung als auch nach der Lokalisierung des Reizes erfolgen. In letzterem Fall wird zwischen zervikalem, thorakalem und lumbalem Syndrom differenziert.

Das zervikale Syndrom ist zum Hals gerichtet. Das thorakale Syndrom betrifft den Bereich des Brustkorbs (Thorax). Schließlich befindet sich ein lumbales Syndrom im Lendenbereich. Das lumbale Syndrom ist die häufigste Form des Wurzelkompressionssyndroms, weil die Belastung der Lendenwirbel in der Regel am größten ist.

Besondere Ausprägungen sind Ischialgien. Ausgehend vom Zeitpunkt der Entstehung wird in der Literatur auch zwischen einem angeborenen und einem erworbenen Wurzelkompressionssyndrom unterschieden. Gebräuchlicher sind heute die Einteilung nach der Höhe des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts und die Einteilung nach der zugrunde liegenden Ursache.

Ursachen

Ein Wurzelkompressionssyndrom kann entweder durch externe Faktoren verursacht werden oder angeboren sein. Die angeborene Form ist jedoch selten. Sie findet ihre Ursache in Deformationen der Wirbelsäule, wie sie zum Beispiel im Rahmen einer Skoliose vorkommen können.

Erworbene Wurzelkompressionssyndrome haben verschiedene Ursachen. In Betracht zu ziehen sind Frakturen der Wirbelsäule, Tumore im Bereich der Wirbelsäule, Hämatome sowie diverse Infektionen. Die Mehrheit der Erkrankungen ist allerdings auf degenerative Faktoren zurückzuführen.

Die zugrundeliegende Ursache ist damit ein erhöhter Verschleiß, der zu einer Minderung der Funktionsfähigkeit führt. Aufgrund des voranschreitenden Verschleißes kommt es zu krankhaften Veränderungen des Knochengewebes. Auch die Weichteile, welche das Umfeld der Nervenwurzeln umgeben, können verändert werden. Auslöser dieser Veränderungen sind dann eine Arthrose der Facettengelenke (Facettensyndrom), Osteophyten oder ein Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps).

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Ein Wurzelkompressionssyndrom verursacht besonders starke Schmerzen im Rückenbereich. Das Zentrum des Schmerzes variiert je nach Art des Syndroms. So kann bei Patienten, die an einer lumbalen Form des Syndroms leiden, eine Verstärkung im Lendenbereich auftreten.

Analog hierzu kann ein Zentrum im hinteren Bereich des Thorax oder dem unteren Halsbereich liegen. Zwingend ist das allerdings nicht. Da eine Reizung oder Einklemmung der Nerven vorliegt, kann es auch zu einem Sensibilitätsverlust der Nerven kommen. Das äußert sich durch einen Gefühlsverlust.

Rund um das Versorgungsgebiet der betroffenen Nerven können sich darüber hinaus verschiedene Parästhesien entwickeln. Eine Parästhesie ist eine Körperempfindung, die nicht durch adäquate Reize ausgelöst wird. Sie äußert sich in der Regel durch ein unangenehmes Kribbeln, Kälte, Wärme oder Taubheit.

Bei besonders schwerwiegenden Ausprägungen kommt es oft auch zur Ausbildung von Lähmungen. Neu auftretende oder rasch zunehmende Lähmungen sind immer ein Notfall und müssen sofort ärztlich abgeklärt werden. Charakteristisch für die Schmerzen eines Wurzelkompressionssyndroms ist, dass diese ausstrahlen. So sind auch Schmerzen oder Unwohlgefühle im Bereich der Hüften oder des Beins nichts Außergewöhnliches.

Einige Betroffene berichten zudem von Funktionsstörungen der Blase und des Mastdarms. Die genaue Ausprägung beziehungsweise die Intensität der Ausstrahlung ist allerdings einzelfallabhängig.

Treten Störungen von Blase oder Mastdarm gemeinsam mit einem Taubheitsgefühl im Bereich von Gesäß und Oberschenkelinnenseiten (sogenannte Reithosenanästhesie) und/oder mit Lähmungen auf, liegt der Verdacht auf ein Cauda-equina-Syndrom nahe. Das ist ein neurochirurgischer Notfall: Betroffene müssen sofort in eine Notaufnahme, im Zweifel über den Notruf 112. Der Druck auf die Nervenwurzeln muss so früh wie möglich operativ beseitigt werden. Je länger er besteht, desto größer ist die Gefahr, dass Inkontinenz und Lähmungen dauerhaft bleiben.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose eines Wurzelkompressionssyndroms kann ausschließlich durch einen Arzt erfolgen. Dieser wird zunächst den Schmerz lokalisieren. Er wird außerdem versuchen, Intensität, Dauer und Art des Schmerzes durch Befragung des Patienten zu kategorisieren.

Das kann Anlass bieten, weitere diagnostische Maßnahmen einzuleiten. Eine belastbare Diagnose kann nicht ohne technische Hilfsmittel erfolgen. In der Regel werden zu Beginn Röntgenaufnahmen erstellt, um etwaige Brüche oder Tumore auszuschließen. Eine genaue Darstellung der Nerven gelingt allerdings nur mittels Kernspintomographie (MRT) oder Computertomographie (CT).

Möglicherweise kann auch eine Myelo-CT in Betracht zu ziehen sein. Manchmal kommt auch eine Funktionsmyelographie zum Einsatz. Zur Diagnose eines Wurzelkompressionssyndroms steht damit ein breites Spektrum an Maßnahmen zur Verfügung.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Sofort ärztliche Hilfe, unabhängig von der Dauer der Beschwerden, ist nötig bei: Lähmungen oder zunehmender Schwäche in Armen oder Beinen, Taubheit im Bereich von Gesäß und Innenseite der Oberschenkel, Störungen beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang, Rückenschmerzen nach einem Sturz oder Unfall, Schmerzen mit Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust sowie neu aufgetretenen oder zunehmenden nächtlichen Schmerzen, die sich durch Lagewechsel nicht bessern. Bei Lähmung zusammen mit Blasen- oder Darmstörungen zählt jede Stunde – hier gilt der Notruf 112 beziehungsweise der direkte Weg in eine Notaufnahme.

Leidet der Betroffene unter anhaltenden oder zunehmenden Schmerzen im Bereich des Rückens, sollte ein Arztbesuch stattfinden. Kommt es zu Beeinträchtigungen der Bewegungsmöglichkeiten und dabei insbesondere zu Einschränkungen der Drehbewegungen im Bereich des Rückens, sind medizinische Untersuchungen zur Klärung der Ursache notwendig. Sensibilitätsstörungen, eine Druckempfindlichkeit oder Beschwerden der Muskulatur sollten untersucht werden, da es sich hierbei um Warnsignale des Organismus handelt.

Bei einer Überempfindlichkeit gegenüber Kälte, Wärme oder anderen Wahrnehmungsreizen sind die Beobachtungen mit einem Arzt zu besprechen. Sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit und können sportliche oder berufliche Aktivitäten nicht mehr ausgeführt werden, wird eine ärztliche Untersuchung benötigt. Bei Beeinträchtigungen der Alltagsbewältigung ist ebenfalls die Rücksprache mit einem Arzt notwendig. Ziehen die Beschwerden über den Rücken in die Hüfte oder die Beine, besteht Handlungsbedarf. Ein Kribbeln im Rücken, im Gesäß oder in den Oberschenkeln sollte mit einem Arzt besprochen werden.

Zeigen sich Funktionsstörungen der Blase oder des Mastdarms, ein Taubheitsgefühl im Bereich von Gesäß und Oberschenkelinnenseiten oder Lähmungen, ist das kein Fall für einen Termin in der Sprechstunde: Hier zählt jede Stunde, und es gilt der direkte Weg in eine Notaufnahme beziehungsweise der Notruf 112. Belasten die anhaltenden Schmerzen zusätzlich die Stimmung und zieht sich der Betroffene aus dem sozialen Leben zurück, sollte auch das beim Arzt zur Sprache kommen.

Behandlung & Therapie

Die Therapie eines Wurzelkompressionssyndroms setzt sich aus allgemeinen und besonderen Maßnahmen zusammen. Üblicherweise wird mit der Durchführung der allgemeinen Maßnahmen begonnen. Die spezielleren Formen kommen nur zum Einsatz, wenn die vorherigen Therapieversuche erfolglos blieben.

Zu den allgemeinen Therapien zählen Physiotherapie und eine medikamentöse Schmerztherapie; ergänzend wird gelegentlich Akupunktur eingesetzt, deren Nutzen jedoch begrenzt ist. Umfang und Art der Schmerztherapie richten sich nach Häufigkeit und Intensität der Schmerzen. Operative Maßnahmen wie eine Dekompression stehen dagegen am Ende der Behandlungsstufen und kommen erst infrage, wenn die konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Ausgenommen ist der oben beschriebene Notfall mit Lähmungen oder Blasen- und Mastdarmstörungen: Dann muss umgehend operiert werden.

Sind die Schmerzen akut oder setzen sie plötzlich ein, werden periphere Präparate verabreicht. Das sind solche, die unmittelbar am Ort der Schmerzentstehung wirken. Zu diesen zählen die nichtsteroidalen Antirheumatika wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen. Diese Mittel können Magen und Darm schädigen, die Nierenfunktion verschlechtern und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen; sie sollten daher möglichst niedrig dosiert und nur kurzzeitig eingenommen werden. Wer besonders magenempfindlich ist, erhält sie zusammen mit einem Magenschutzmittel oder stattdessen einen sogenannten COX-2-Hemmer wie Etoricoxib; die Belastung für Herz und Kreislauf bleibt dabei bestehen. Ergänzend verabreicht werden zudem Muskelrelaxanzien. Das sind Substanzen, die zu einer Entspannung der Muskeln führen.

Muskelrelaxanzien werden nur kurzzeitig eingesetzt, weil sie müde machen und die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen können. Welches Präparat infrage kommt, entscheidet der Arzt; Baclofen gehört nicht dazu, es wird vor allem gegen Spastik bei neurologischen Erkrankungen verordnet. Bei besonders schweren Schmerzen kommen Präparate zum Einsatz, die unmittelbar im Gehirn wirken und dort die Weiterleitung der Schmerzreize verhindern. So werden durchaus auch Opioide (zum Beispiel Tramadol oder Tilidin) verschrieben. In diesen Fällen besteht allerdings die Gefahr einer Abhängigkeit. Zu den speziellen Therapiemaßnahmen gehört die multimodale Schmerztherapie, wie sie in Schmerzkliniken und spezialisierten Ambulanzen angeboten wird. Dabei greifen ärztliche Behandlung, Physiotherapie und psychologische Verfahren planmäßig ineinander.


Vorbeugung

Zur Vorbeugung eignet sich eine gestärkte Rückenmuskulatur. Außerdem sollten Tätigkeiten, die zu einem Verschleiß im Bereich der Wirbelsäule führen können, reduziert werden.

Nachsorge

Bei einem Wurzelkompressionssyndrom ist eine gezielte Nachsorge gut möglich und wichtig, um erneuten Beschwerden vorzubeugen. Dazu gehören die Fortführung der Physiotherapie, eine Rückenschule mit Anleitung zum rückenschonenden Heben und Tragen sowie die Gestaltung des Arbeitsplatzes. Nach einer Operation schließt sich in der Regel eine Rehabilitation an.

Schon bei den ersten Anzeichen ist es ratsam, einen Arzt zu konsultieren. In den meisten Fällen kann das Wurzelkompressionssyndrom gut mit Hilfe von Physiotherapie oder Krankengymnastik gelindert werden. Dabei kann der Betroffene auch viele der Übungen im eigenen Zuhause durchführen, um das Auftreten von anderen Beschwerden zu verhindern und die Heilung zu beschleunigen.

In einigen Fällen ist bei dieser Krankheit auch die Einnahme von Medikamenten notwendig. Dabei sollten Betroffene auf die vorgegebene Dosierung und eine regelmäßige Einnahme achten, um die Beschwerden zu lindern. Bei Unklarheiten oder bei starken Nebenwirkungen sollte ein Arzt konsultiert werden. Das Syndrom selbst verringert in der Regel nicht die Lebenserwartung; entscheidend ist, welche Erkrankung ihm zugrunde liegt.

Das können Sie selbst tun

Diese schmerzhafte Erkrankung gehört unbedingt in ärztliche Behandlung. Je nach Art der Beschwerden wird der Hausarzt die verschiedenen Therapieansätze wie Schmerztherapie, Physiotherapie oder auch Operationen koordinieren; ergänzend kommt gelegentlich Akupunktur infrage. Der Patient tut gut daran, den Ratschlägen des Arztes zu folgen und die Medikamente regelmäßig einzunehmen („Compliance“). Dies gilt insbesondere dann, wenn dem Wurzelkompressionssyndrom eine Erkrankung zugrunde liegt wie beispielsweise ein Tumor.

Wenn die Beschwerden die Lebensqualität des Patienten so sehr einschränken, dass er sich zurückzieht, ist eine psychotherapeutische Krisenintervention angezeigt. Um das körpereigene Immunsystem zu unterstützen und damit auch für einen besseren Allgemeinzustand zu sorgen, ist dem Patienten eine gesunde Lebensweise anzuraten. Dazu gehört in erster Linie der Verzicht auf das Rauchen: Es gilt als Risikofaktor für den vorzeitigen Verschleiß der Bandscheiben, weil es deren ohnehin knappe Nährstoffversorgung zusätzlich verschlechtert. Alkohol sollte allenfalls in geringen Mengen getrunken werden. Eine ausgewogene, vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung hilft zudem dabei, ein Körpergewicht zu halten, das die Wirbelsäule nicht zusätzlich belastet. Zudem sollte sich der Patient im Rahmen seiner Möglichkeiten viel bewegen, beispielsweise regelmäßig spazieren gehen, schwimmen oder Radfahren. Aber auch ausreichende Ruhezeiten sind wichtig.

Auch für ein besseres Schmerzmanagement kann der Patient einiges selbst tun. Das Erlernen und Einsetzen von Entspannungstechniken beispielsweise kann im akuten Fall dem Schmerz die Spitze nehmen. Entspannungstechniken können Atem- oder Meditationsübungen sein, wie sie im Yoga gelehrt werden, oder auch die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

Quellen

  • Müller-Vahl, H., Tegenthoff, M. (Hrsg.): Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome.
    ISBN: 9783132416147
  • Krämer, R., Matussek, J., Theodoridis, T.: Bandscheibenbedingte Erkrankungen.
    ISBN: 9783135556062
  • Masuhr, K. F., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie.
    ISBN: 9783132410961
  • Niethard, F. U., Pfeil, J., Biberthaler, P.: Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie.
    ISBN: 9783132443150
  • Casser, H.-R., Hasenbring, M., Becker, A., Baron, R. (Hrsg.): Rückenschmerzen und Nackenschmerzen.
    ISBN: 9783642297748

Das könnte Sie auch interessieren