Druckpuls
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Behandlungen Druckpuls
Als Druckpuls wird in der Physiologie die Blutdruckdarstellung in Kurvenform bezeichnet. Davon zu unterscheiden ist der kardiologische Druckpuls, der einem bradykard kräftigen Puls mit gleichzeitigem Blutdruckanstieg entspricht und als Symptom für steigenden Hirndruck gilt. Hirndruckanstiege können mit Entzündungen, Tumoren oder Hirnblutungen in Zusammenhang stehen.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist der Druckpuls?
Der Puls ist die mechanisch rhythmische Ausdehnung oder Kontraktion der Gefäßwandmuskulatur, die von der Herzaktion veranlasst wird. Zuweilen ist mit dem Puls auch die elektronisch messbare und tastbare Gefäßausdehnung von Arterien in bestimmten Körperregionen gemeint.
Das Herz sendet Druckwellen aus, die sich in dem Verhalten der einzelnen Gefäße niederschlagen. Die Aufzeichnung der Druckwellen oder des Blutdruckverlaufs während Diastole und Systole des Herzens wird von der Physiologie als Druckpuls bezeichnet. Diese Aufzeichnung erfolgt als Kurvendarstellung, die die Druckwellen klar festhalten kann.
Die Kardiologie spricht außerdem bei einer bestimmten Pulsqualität vom Druckpuls. Als Druckpuls bezeichnet der Kardiologe so einen bradykarden, kräftigen Puls unter gleichzeitigem Blutdruckanstieg. Bradykard bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich die Herzfrequenz des Patienten trotz des Blutdruckanstiegs verlangsamt. Als Pulsqualität der Kardiologie ist der Druckpuls pathophysiologisch bedeutsam und deutet somit auf krankhafte Körperprozesse hin.
Funktion, Wirkung & Ziele
Diese Qualitätsunterschiede führen zu Unterschieden im Blutdruckverlauf zwischen Peripherie und Zentrum. Die Unterschiede machen sich quantitativ sowie qualitativ bemerkbar. Darüber hinaus reflektieren die vom Herzen ausgesandten Druckwellen an Gefäßaufzweigungen und Sphinktergefäßen. Die reflektierten Druckwellen ziehen dabei sozusagen Richtung Herz zurück, das bereits die nächste Druckwelle aussendet. Mit dieser neu ausgesandten Welle addieren sich die reflektierten Druckwellen, sodass es zu einer Überhöhung der neu ausgeschickten Welle kommt.
Zusätzlich reflektiert auch die neu ausgeschickte Druckwelle des Herzens wieder an Gefäßaufzweigungen und Sphinktergefäßen und lässt durch diese Reflexion eine schwach zweischlägige Pulswelle entstehen, die auch als dikrotische Pulswelle bezeichnet wird.
Der Druckpuls im Sinne der graphischen Pulsdarstellung zeigt aus diesem Grund in den peripheren Gefäßen natürlicherweise eine höhere Blutdruckamplitude als im Zentrum. Der Begriff der Pulsamplitude bezieht sich auf den Zusammenhang, dass das Herz in zwei unterschiedlichen Phasen arbeitet. Die erste davon ist die Kontraktionsphase oder Auswurfphase, die auch als Systole bezeichnet wird. Die zweite Phase ist die Erschlaffungsphase oder Diastole, die als Füllungs- oder Ruhephase bekannt ist. Dabei erzeugt das Herz seine Druckwellen nur während der Kontraktion der Systole. Die Differenz von systolischem Spitzendruck und diastolischem Minimaldruck ist die Pulsamplitude, der Pulsdruck oder die Blutdruckamplitude.
Aufgrund der Gefäßqualitäten in Peripherie und Zentrum sowie aufgrund der Wellenreflexionen liegt bei der Druckpulsmessung sogar an einem Untersuchten in liegender Position innerhalb der Beine oder Füße eine größere Amplitude des Blutdrucks vor als innerhalb des Zentrums. In der Nähe des Herzens zeigt die Kurve des Druckpulses einen Einschnitt, der auch als Inzisur bezeichnet wird. Dieser Einschnitt beruht auf einem kurzen Rückstrom von Blut gegen die Aortenklappen. Mit dem Schluss der Aortenklappe endet dieser Rückstrom, worauf der Druck kurz wieder ansteigt.
Krankheiten & Beschwerden
Unterschiedliche Krankheitsprozesse können für einen schnellen Hirndruckanstieg und den damit assoziierten Druckpuls verantwortlich sein. Einer davon ist ein schnell wachsender Tumor. Das Tumorgewebe dehnt sich aus und verdrängt damit das Nervengewebe des Gehirns, sodass Stück für Stück der Hirndruck ansteigt.
Nicht immer muss ein Hirndruckanstieg aber mit Tumorerkrankungen assoziiert sein. Auch die Gehirnhautentzündung oder andere Entzündungsprozesse im Hirngewebe können den Druck innerhalb des Schädels ansteigen lassen. Verantwortlich für entzündliche Prozesse im Gehirn sind unter Umständen Mikroorganismen wie Bakterien. Auch Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose können durch entzündliche Prozesse einen leichten Druckanstieg herbeiführen, der in der Regel aber nicht in eine lebensbedrohliche Situation mündet und typischerweise nicht mit Druckpuls einhergeht.
Anders steht es beim Hirnödem. Ab einer gewissen Größe können sich solche Wasseransammlungen im Gehirn in einem raschen Hirndruckanstieg mit Druckpuls manifestieren. Auch Hirnblutungen im Rahmen von unfallbedingten Traumata sind ab einem gewissen Ausmaß der Blutung lebensbedrohlich, da das Hirngewebe durch das austretende Blut an Platz verlieren kann und damit der Druck im Gehirn ansteigt.
Ein steigender Hirndruck macht sich neben dem Druckpuls in Symptomen wie Bewusstseinseintrübung oder Bewusstlosigkeit sowie Übelkeit bis hin zu Erbrechen mit starken Kopfschmerzen bemerkbar. Die mit dem Druckanstieg verbundene Kompression des Hirngewebes kann außerdem Defizite aller Körpervorgänge bedingen, so zum Beispiel motorische, sprachliche oder kognitive Defizite.
Geschichte & Entwicklung
Der Puls gehört zu den ältesten Untersuchungsbefunden der Medizin überhaupt. Über Jahrhunderte beschrieben Ärzte ihn allein mit den Fingerkuppen und mit einer reichen, heute weitgehend vergessenen Begriffssprache. Was fehlte, war ein Verfahren, den Puls sichtbar festzuhalten und damit vergleichbar zu machen.
Diese Lücke schlossen im 19. Jahrhundert die ersten Sphygmographen, also Pulsschreiber. Karl von Vierordt legte um die Mitte des Jahrhunderts ein Gerät vor, das die Bewegung der Arterienwand über ein Hebelsystem auf eine berußte Fläche übertrug. Étienne-Jules Marey verbesserte den Aufbau wenig später zu einem am Handgelenk tragbaren Instrument, dessen Aufzeichnungen erstmals die charakteristische Form der Pulswelle mit ihrem steilen Anstieg, dem Gipfel und dem Einschnitt im absteigenden Schenkel erkennen ließen. Damit war der Druckpuls im physiologischen Sinne, die Kurvendarstellung des Druckverlaufs, geboren.
Die Messung des Blutdrucks in Zahlen kam später hinzu. Scipione Riva-Rocci beschrieb gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Oberarmmanschette, Nikolai Korotkow ergänzte kurz darauf das Abhören der Strömungsgeräusche, womit sich neben dem systolischen auch der diastolische Wert bestimmen ließ. Erst die Verbindung beider Traditionen, der Kurvenaufzeichnung und der Zahlenmessung, ergab das heutige Bild.
Der kardiologische Druckpuls als Warnzeichen hat eine eigene Vorgeschichte. Der amerikanische Neurochirurg Harvey Cushing beschrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Tierversuch und am Patienten jenen Zusammenhang, der heute seinen Namen trägt: Steigt der Druck im Schädelinneren, so steigt der arterielle Blutdruck an, während sich die Herzfrequenz verlangsamt. Diese auf den ersten Blick widersinnige Kombination ist genau das, was die Kardiologie als Druckpuls bezeichnet.
Die Cushing-Reaktion
Der kardiologische Druckpuls ist kein isoliertes Phänomen, sondern Teil einer Regulationsantwort des Körpers. Steigt der Druck im Schädelinneren, wird die Durchblutung des Gehirns zunehmend behindert, weil der Gewebedruck dem Blutdruck entgegenwirkt. Der Körper begegnet dem, indem er den arteriellen Blutdruck anhebt, um den Durchblutungsdruck aufrechtzuerhalten. Ausgelöst wird dieser Anstieg über das vegetative Nervensystem.
Der erhöhte Blutdruck wird von Druckfühlern in der Wand der Halsschlagader und der Aorta registriert. Diese Fühler melden über den Vagusnerv an den Hirnstamm zurück, worauf die Herzfrequenz gesenkt wird. So entsteht die Kombination aus hohem Druck und langsamem, kräftigem Puls. Als drittes Element kommt bei fortschreitendem Druckanstieg eine unregelmäßige oder aussetzende Atmung hinzu; die drei Zeichen zusammen werden als Cushing-Trias bezeichnet.
Wichtig für das Verständnis ist, dass diese Zeichen spät auftreten. Sie zeigen nicht den Beginn einer Hirndrucksteigerung an, sondern einen bereits weit fortgeschrittenen Zustand, in dem die Ausgleichsmöglichkeiten des Schädelinneren erschöpft sind. Der Druckpuls ist deshalb kein Frühwarnzeichen, auf das man warten dürfte, sondern ein Alarmzeichen. Umgekehrt schließt ein unauffälliger Puls eine Hirndrucksteigerung keineswegs aus. Die vollständige Trias ist zudem nicht bei jedem Betroffenen zu beobachten.
Erhebung und Messung
Die Pulsqualität wird zunächst mit den Fingern erfasst, üblicherweise an der Speichenarterie am Handgelenk. Beurteilt werden dabei nicht nur die Frequenz, sondern auch die Regelmäßigkeit, die Füllung und die Härte des Pulses sowie die Steilheit von Anstieg und Abfall. Der kräftige, langsame Puls des Druckpulses fällt einer geübten Hand auf. Die Beobachtung bleibt jedoch subjektiv und wird deshalb stets durch eine Blutdruckmessung ergänzt, denn erst der gleichzeitige Blutdruckanstieg macht den Befund aus.
Eine Blutdruckmessung mit der Manschette liefert Einzelwerte in bestimmten Abständen. Wo es auf den zeitlichen Verlauf ankommt, etwa in der Intensivmedizin oder während größerer Operationen, wird der Druck stattdessen unmittelbar in einer Arterie gemessen. Dazu wird ein dünner Katheter in eine periphere Arterie eingelegt, meist am Handgelenk, und über ein flüssigkeitsgefülltes System mit einem Druckaufnehmer verbunden. Auf dem Monitor erscheint dann fortlaufend genau jene Kurve, die die Physiologie als Druckpuls bezeichnet.
Die Form dieser Kurve wird mitgelesen. Ein steiler Anstieg, ein hoher Gipfel und ein tiefer Einschnitt sprechen für andere Verhältnisse als eine flache, verwaschene Kurve. Zugleich ist die Kurve störanfällig: Luftblasen im Schlauchsystem, ein zu langer oder zu weicher Schlauch, ein abgeknickter Katheter oder ein falsch eingestellter Nullpunkt verfälschen die Darstellung. Vor jeder Bewertung wird deshalb geprüft, ob das Messsystem sauber arbeitet.
Besteht der Verdacht auf eine Hirndrucksteigerung, wird der Druck im Schädelinneren nicht aus dem Puls erschlossen, sondern nach Möglichkeit direkt gemessen. Dafür stehen Sonden zur Verfügung, die in den Schädel eingebracht werden; einige von ihnen erlauben zugleich, Hirnwasser abzuleiten und den Druck damit zu senken.
Abgrenzung zu anderen Pulsqualitäten
Der Druckpuls ist eine von mehreren beschriebenen Pulsqualitäten, die jeweils auf unterschiedliche Störungen hinweisen. Die Abgrenzung erklärt, warum die Kombination der Merkmale und nicht ein einzelnes Merkmal den Befund ausmacht.
Beim Pulsus celer et altus, auch Wasserhammerpuls genannt, steigt der Puls sehr schnell an, erreicht einen hohen Gipfel und fällt ebenso rasch wieder ab. Die Blutdruckamplitude ist groß. Diese Qualität wird vor allem mit einer Undichtigkeit der Aortenklappe in Verbindung gebracht, bei der ein Teil des ausgeworfenen Blutes in der Erschlaffungsphase zurückströmt.
Das Gegenstück ist der Pulsus parvus et tardus, ein kleiner, langsam ansteigender Puls mit geringer Amplitude, wie er bei einer Verengung der Aortenklappe (Aortenklappenstenose) beschrieben wird. Er ist zwar ebenfalls langsam im Anstieg, aber gerade nicht kräftig, was ihn vom Druckpuls unterscheidet.
Der Pulsus alternans wechselt von Schlag zu Schlag zwischen kräftiger und schwächer und gilt als Hinweis auf eine schwer eingeschränkte Pumpleistung. Beim Pulsus paradoxus fällt der Puls während des Einatmens deutlich ab; diese Qualität wird unter anderem bei einer Einengung des Herzbeutels und bei schweren Atemwegsverengungen beobachtet. Der Pulsus filiformis schließlich ist ein kaum tastbarer, fadenförmiger und meist schneller Puls, wie er im Kreislaufschock auftritt. Auch er unterscheidet sich vom Druckpuls in beiden Merkmalen: Er ist schnell statt langsam und schwach statt kräftig.
Was der Befund nach sich zieht
Ein kardiologischer Druckpuls ist ein Notfallbefund. Er wird nicht für sich behandelt, denn er ist ein Symptom und keine Krankheit; behandelt wird die Ursache des Druckanstiegs im Schädelinneren. Entsprechend führt der Befund zu einer raschen weiteren Abklärung.
Am Anfang steht die Untersuchung des Bewusstseinszustands, der Pupillenreaktion und der Bewegungsfähigkeit. Bildgebende Verfahren, in der Akutsituation meist eine Computertomographie des Kopfes, sollen zeigen, ob eine Hirnblutung, ein Hirnödem, ein Hirntumor oder ein Aufstau von Hirnwasser vorliegt. Die Ergebnisse entscheiden über das weitere Vorgehen.
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Sie kann in einer neurochirurgischen Operation bestehen, etwa der Ausräumung einer Blutung, der Ableitung von Hirnwasser oder der Entlastung des Schädels. Daneben stehen intensivmedizinische Maßnahmen, die auf eine Senkung des Drucks und auf eine ausreichende Sauerstoffversorgung des Gehirns zielen; dazu gehören eine kontrollierte Beatmung, die Lagerung mit erhöhtem Oberkörper, die Vermeidung von Abflusshindernissen am Hals sowie der Einsatz osmotisch wirksamer Substanzen. Betroffene werden auf einer Intensivstation überwacht, wobei Blutdruck, Herzfrequenz und, wo eine Sonde liegt, der Hirndruck fortlaufend aufgezeichnet werden.
Für Angehörige ist die Situation schwer einzuordnen, weil ein langsamer Puls im Alltag eher als beruhigendes Zeichen gilt. In Verbindung mit einem steigenden Blutdruck und einer zunehmenden Bewusstseinstrübung ist er das Gegenteil. Treten Zeichen wie starke Kopfschmerzen, Erbrechen im Schwall, zunehmende Schläfrigkeit oder eine einseitig weite Pupille auf, ist ärztliche Hilfe ohne Aufschub erforderlich.
Der Druckpuls in der Gefäßforschung
Über die Notfallmedizin hinaus ist die Form der Druckpulskurve Gegenstand der Gefäßforschung. Weil die Kurve durch die Reflexion der Druckwellen an Verzweigungen und kleinen Widerstandsgefäßen geprägt wird, hängt ihre Gestalt von den Eigenschaften der Gefäßwände ab. Werden die großen Arterien steifer, laufen die Wellen schneller und die reflektierte Welle trifft früher wieder am Herzen ein, nämlich schon während der Auswurfphase statt danach.
Aus diesem Zusammenhang wurden Messgrößen abgeleitet. Die Pulswellengeschwindigkeit beschreibt, wie schnell sich die Druckwelle zwischen zwei Messpunkten ausbreitet; der sogenannte Augmentationsindex beschreibt, wie stark die reflektierte Welle den Gipfel der Kurve überhöht. Beide Größen werden als Maße der Gefäßsteifigkeit verstanden und im Zusammenhang mit dem Lebensalter, mit Bluthochdruck und mit Arteriosklerose untersucht. Verfahren, die den zentralen Druckverlauf aus einer Messung am Arm oder am Handgelenk berechnen, sind verfügbar; welchen zusätzlichen Nutzen sie gegenüber der einfachen Blutdruckmessung im Alltag der Praxis haben, wird weiterhin diskutiert.
Quellen
- Silbernagl, S., Despopoulos, A., Draguhn, A.: Taschenatlas Physiologie.
ISBN: 9783132410305
- Füeßl, H., Middeke, M.: Duale Reihe Anamnese und Klinische Untersuchung.
ISBN: 9783132443105
- Marx, N., Erdmann, E. (Hrsg.): Klinische Kardiologie.
ISBN: 9783662629314
- Berlit, P.: Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606742
- Ziegenfuß, T.: Notfallmedizin.
ISBN: 9783662635674
