Interventionelle Radiologie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Bei der interventionellen Radiologie handelt es sich um ein relativ junges Teilgebiet der Radiologie. Die interventionelle Radiologie übernimmt therapeutische Aufgaben.
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Was ist die interventionellen Radiologie?
Die interventionelle Radiologie ist das therapeutische Teilgebiet der ansonsten diagnostisch ausgerichteten Radiologie. Dieser Umstand mag recht skurril anmuten, geht jedoch auf die Tatsache zurück, dass die interventionelle Radiologie ein noch recht junges Teilgebiet der Radiologie ist.
Aus diesem Grund konnte sie sich, zumindest in Deutschland, noch nicht von der diagnostischen Radiologie abtrennen. Im angelsächsischen Raum hingegen stellt die interventionelle Radiologie neben der diagnostischen Radiologie ein eigenes Fachgebiet dar. Die Aufgabe der interventionellen Radiologie ist, unter Bildsteuerung (z. B. durch CT, MRT oder Sonographie) Eingriffe durchzuführen. Diese Eingriffe werden meist am vaskulären oder biliären System oder an anderen Organen vorgenommen. Eine ständige Weiterentwicklung der interventionellen Radiologie, ihrer Aufgaben und ihrer Verfahren ist zu beobachten.
Behandlungen & Therapien
Im Vorfeld war es Radiologen gelungen, das Gefäßsystem des Menschen durch spezielle Angiographiekatheter darzustellen. Aus diesem Erfolg entwickelte sich zunächst die Idee, Gefäßerkrankungen durch Ballondilatation oder durch metallische Gefäßstützen ("Stent") zu behandeln. Aus diesen Grundgedanken heraus entwickelte sich die interventionelle Radiologie. Diese wurde also zunächst als minimalinvasive Therapieoption bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt. Später folgte eine Weiterentwicklung der interventionellen Radiologie. So wurde das Spektrum dieser auf komplexe Krankheitsbilder und die Behandlung von Tumorerkrankungen ausgeweitet.
Heute gibt es diverse Eingriffe, die von der interventionellen Radiologie durchgeführt werden. Allen diesen Eingriffen ist es gemein, dass sie bildgesteuert und/oder mit den Methoden der Radiologie durchgeführt werden. Die Eingriffe lassen sich nach dem Ort des Eingriffs und nach der jeweiligen Bildsteuerung unterscheiden. So lassen sich vor allem vaskuläre Interventionen, tumorablative Interventionen, Gallengangsinterventionen und CT-, MRT- und ultraschallgesteuerte Interventionen unterscheiden. Im Folgenden werden einige der häufigsten Eingriffe der interventionellen Radiologie kurz erläutert.
- Angioplastie: Bei der Angioplastie handelt es sich um ein Verfahren aus dem Bereich der vaskulären Interventionen. Bei der Angioplastie handelt es sich um die Wiedereröffnung eines verengten oder verschlossenen Gefäßes mithilfe einer metallischen Gefäßstütze ("Stent") oder durch Ballondilatation. Die Angioplastie wird allerdings nicht nur von der interventionellen Radiologie, sondern auch von der interventionellen Kardiologie und der Neuroradiologie durchgeführt. Hierbei versorgt die interventionelle Kardiologie die Herzgefäße, die Neuroradiologie die intrakraniellen und die hirnversorgenden Gefäße und die interventionelle Radiologie alle peripheren Gefäße. Zu diesen zählen auch mesenteriale und retroperitoneale Gefäße des Menschen.
- Chemoembolisation: Bei der Chemoembolisation handelt es sich ebenfalls um eine vaskuläre Intervention. Es handelt sich um eine nichtoperative Therapie von malignen Tumoren der Leber. Zunächst werden die tumorversorgenden Gefäße unter Röntgendurchleuchtung identifiziert. Ein Chemotherapeutikum wird über das tumorversorgende Gefäß appliziert. Anschließend wird das Gefäß verschlossen. Dies geschieht durch die Embolisation. Der Tumor kann somit nicht mehr mit Blut und damit auch nicht mehr mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden. Zudem wird das Chemotherapeutikum daran gehindert, aus dem Tumorgewebe zu entweichen.
- Thrombolyse: Die Thrombolyse ist ein Notfallbehandlungsverfahren zur Wiedereröffnung eines thrombotisch verschlossenen Gefäßes. Dies kann mittels Instillation von gerinnselauflösenden Medikamenten in die betroffenen Gefäße oder mittels Zerstörung des Blutgerinnsels erfolgen.
- Kryoablation: Die Kryoablation ist eine tumorablative Intervention. Bei der Kryoablation wird ein Tumor mittels Kälte zerstört. Die Kälte wird nur lokal am Ort des Tumors eingesetzt.
- Drainageanlage: Die Drainageanlage ist den bildgesteuerten Verfahren zuzuordnen. Bei dieser werden Drainagekatheter angelegt, um entzündliche und nichtentzündliche Flüssigkeiten aus dem Körper abzuleiten.
Diagnose & Untersuchungsmethoden
Die eingesetzten Geräte in der interventionellen Radiologie sind die zur bildgebenden Diagnostik eingesetzten, technischen Geräte. Diese dienen dem Arzt in der interventionellen Radiologie dazu, sich einen Überblick über die Situation zu schaffen und die Vorgänge des Eingriffs beobachten zu können. Der Arzt ist auf die bildgebenden Verfahren angewiesen, da er sein Handeln nicht direkt, sondern nur über die bildgebenden Geräte beobachten kann. Die bildgebenden Geräte dienen also der "Steuerung" des Eingriffs. Des Weiteren werden in der interventionellen Radiologie in den meisten Fällen Katheter verwendet, um in den Körper eindringen zu können.
Medikamentös werden durch die interventionelle Radiologie vor allem Chemotherapeutika verwendet. Dies geschieht im Rahmen der minimalinvasiven Tumortherapie. Hierbei wird zunächst ein Chemotherapeutikum über die tumorversorgenden Gefäße in den Tumor eingebracht, um diesem anschließend die Blutversorgung zu 'kappen'. Dies dient zum einen dem Unterbinden der Versorgung des Tumors mit Sauerstoff und Nährstoffen und sorgt zudem dafür, dass das Chemotherapeutikum das Tumorgewebe nicht verlässt. Dieser Vorgang wird als Chemoembolisation bezeichnet und zur Therapie von malignen Lebertumoren eingesetzt.
Geschichte & Entwicklung
Die interventionelle Radiologie hat ihren Ursprung in einer Technik, die zunächst rein diagnostischen Zwecken diente. Der schwedische Radiologe Sven Ivar Seldinger beschrieb 1953 ein Verfahren, mit dem sich ein Katheter über eine Punktionsnadel und einen Führungsdraht in ein Gefäß einbringen lässt, ohne dieses chirurgisch freilegen zu müssen. Diese nach ihm benannte Seldinger-Technik machte den Gefäßzugang durch die Haut zu einem Routineschritt und ist bis heute die Grundlage nahezu aller Katheterverfahren.
Den Schritt von der Darstellung zur Behandlung ging der US-amerikanische Radiologe Charles Dotter. Er weitete 1964 erstmals eine verengte Beinarterie mit einem Katheter auf und begründete damit die perkutane Angioplastie. Der deutsche Arzt Andreas Grüntzig entwickelte das Verfahren mit einem aufblasbaren Ballonkatheter weiter und führte 1977 die erste Ballonaufdehnung eines Herzkranzgefäßes am Menschen durch. Damit war das Grundprinzip etabliert: Ein krankhaft verändertes Gefäß wird nicht eröffnet, sondern von innen behandelt.
In den 1980er Jahren kamen Gefäßstützen aus Metall hinzu, die das aufgedehnte Gefäß offen halten sollen und das Wiederverschließen seltener machen. Parallel verbesserte sich die Bildgebung: Die digitale Subtraktionsangiographie rechnet störende Strukturen wie Knochen aus dem Bild heraus und stellt allein die kontrastmittelgefüllten Gefäße dar. Später traten die Schnittbildverfahren hinzu, sodass sich Eingriffe auch außerhalb der Gefäße unter CT- oder Ultraschallsteuerung durchführen ließen.
Damit erweiterte sich das Fach über die Gefäßmedizin hinaus. Heute gehören die Tumorbehandlung, die Ableitung von Flüssigkeiten und die Stabilisierung von Knochen ebenso dazu wie die ursprüngliche Gefäßaufdehnung. Der Katalog der Eingriffe wächst weiter, weil sich immer mehr Behandlungen, die früher eine offene Operation erforderten, über einen Katheter oder eine Nadel erledigen lassen.
Weitere Anwendungsgebiete
Über die weiter oben beschriebenen Eingriffe hinaus umfasst das Fach eine Reihe weiterer Verfahren. Bei der Embolisation wird ein Gefäß gezielt verschlossen, etwa um eine Blutung zu stillen, die auf anderem Weg nicht beherrschbar ist. Dasselbe Prinzip wird bei gutartigen Geschwülsten der Gebärmutter angewandt: Werden die zuführenden Gefäße eines Myoms verschlossen, kann es schrumpfen. Auch krankhafte Gefäßaussackungen (Aneurysmen) lassen sich in geeigneten Fällen von innen ausschalten, indem eine ummantelte Gefäßstütze die schwache Wand überbrückt.
Bei Tumoren kommen neben der Kälteanwendung weitere ablative Verfahren zum Einsatz, bei denen Gewebe über eine eingebrachte Sonde durch Hitze zerstört wird. Solche Verfahren werden vor allem bei einzelnen Herden in Leber, Niere oder Lunge erwogen, wenn eine Operation nicht infrage kommt. Ob sie geeignet sind, hängt von Lage, Größe und Zahl der Herde ab und wird in der Regel gemeinsam von mehreren Fachrichtungen in einer Tumorkonferenz besprochen.
Ein weiteres Feld ist die Ableitung von Sekreten und Flüssigkeiten. Staut sich Galle vor einem Hindernis, kann ein von außen eingebrachter Katheter sie ableiten und die damit verbundene Gelbsucht bessern; ist der Harnabfluss aus der Niere blockiert, lässt sich das Nierenbecken auf demselben Weg entlasten. Auch Abszesse und Ergüsse werden häufig unter Bildsteuerung punktiert und über einen liegenden Katheter entleert, statt sie operativ zu eröffnen.
An der Wirbelsäule können eingebrochene Wirbelkörper, wie sie bei fortgeschrittener Osteoporose oder durch Tumorbefall vorkommen, unter Bildsteuerung mit Knochenzement stabilisiert werden; bei der Kyphoplastie wird der Wirbelkörper zuvor mit einem Ballon aufgerichtet. Schließlich legt die interventionelle Radiologie dauerhafte Zugänge für die Medikamentengabe an, etwa einen Portkatheter für eine über längere Zeit geplante Chemotherapie.
Durchführung & Ablauf
Vor einem geplanten Eingriff steht ein Aufklärungsgespräch, in dem Ziel, Ablauf und mögliche Komplikationen besprochen werden. Vorbefunde aus der bildgebenden Diagnostik werden gesichtet, um Zugangsweg und Vorgehen festzulegen. In aller Regel werden vorher Laborwerte bestimmt, insbesondere zur Blutgerinnung und zur Nierenfunktion, da beides für die Sicherheit des Eingriffs von Bedeutung ist. Wer gerinnungshemmende Medikamente einnimmt, bespricht mit dem behandelnden Arzt, wie damit vor dem Termin zu verfahren ist; eigenmächtig sollten solche Mittel nicht abgesetzt werden. Häufig wird verlangt, einige Stunden vorher nichts mehr zu essen.
Die meisten Eingriffe finden in einem eigens ausgestatteten Untersuchungsraum statt, der Angiographieanlage, an der Röntgendurchleuchtung in Echtzeit möglich ist; andere Eingriffe werden am Computertomographen oder unter Ultraschall durchgeführt. Die Punktionsstelle wird sorgfältig desinfiziert und steril abgedeckt. Der Zugang zum Gefäßsystem erfolgt meist über eine Arterie in der Leiste, seltener über den Arm; bei nicht gefäßbezogenen Eingriffen wird direkt zum Zielorgan punktiert.
Der Eingriff selbst wird gewöhnlich in Lokalanästhesie durchgeführt; die Betäubung betrifft nur die Einstichstelle. Viele Patienten sind dabei wach und ansprechbar, was von Vorteil ist, weil sie auf Aufforderung die Luft anhalten und Beschwerden unmittelbar mitteilen können. Bei Bedarf wird zusätzlich eine Sedierung angeboten; eine Vollnarkose ist nur bei aufwendigen oder besonders schmerzhaften Eingriffen sowie bei Kindern üblich. Das Vorschieben des Katheters im Gefäß ist in der Regel nicht spürbar, da Gefäßinnenwände keine Schmerzempfindung vermitteln. Die Gabe von Kontrastmittel kann ein kurzes Wärmegefühl auslösen.
Nach einem Eingriff über eine Arterie muss die Punktionsstelle verschlossen werden, entweder durch längeres Abdrücken mit anschließendem Druckverband oder mit einem speziellen Verschlusssystem. Danach ist meist für einige Stunden Bettruhe einzuhalten, damit es nicht nachblutet. Kreislauf, Punktionsstelle und je nach Eingriff auch die Durchblutung der betroffenen Gliedmaße werden in dieser Zeit überwacht. Viele Eingriffe sind ambulant oder mit kurzem stationärem Aufenthalt möglich; nach umfangreicheren Behandlungen schließt sich eine längere Überwachung an. Kontrolluntersuchungen mit Bildgebung dienen später dazu, das Ergebnis zu beurteilen.
Risiken, Nebenwirkungen & Gegenanzeigen
Auch wenn die Eingriffe der interventionellen Radiologie den Körper weit weniger belasten als eine offene Operation, sind sie nicht risikofrei. An der Punktionsstelle können Blutergüsse, Nachblutungen und selten Verletzungen der Gefäßwand auftreten; ein Hämatom in der Leiste ist die häufigste harmlose Begleiterscheinung. Über den Katheter kann sich abgelöstes Material in kleinere Gefäße verschleppen und dort den Blutfluss stören. Wie bei jedem Eingriff, der die Haut durchdringt, besteht ein Infektionsrisiko.
Röntgengestützte Eingriffe gehen mit einer Strahlenexposition einher, die bei langen und komplexen Behandlungen erheblich ausfallen kann; deshalb wird die Durchleuchtungszeit so kurz wie möglich gehalten. Jodhaltiges Kontrastmittel kann Unverträglichkeitsreaktionen auslösen und die Nierenfunktion belasten; bei einer Schilddrüsenüberfunktion und bei eingeschränkter Nierenleistung ist deshalb besondere Vorsicht geboten, und es wird geprüft, ob sich der Eingriff mit weniger oder ohne Kontrastmittel durchführen lässt.
Gegen den Eingriff sprechen können eine nicht behandelbare Gerinnungsstörung, eine bekannte schwere Unverträglichkeit gegen das benötigte Kontrastmittel, eine Infektion im Bereich des geplanten Zugangs sowie ein Allgemeinzustand, der die Belastung nicht zulässt. In der Schwangerschaft wird die Strahlenanwendung nur bei zwingender Indikation und unter besonderen Schutzmaßnahmen erwogen. Ob Nutzen und Risiko im Einzelfall vertretbar sind, entscheidet sich immer an der konkreten Erkrankung und den Behandlungsalternativen.
Abgrenzung zu benachbarten Fachgebieten
Innerhalb der Radiologie steht die interventionelle Radiologie dem diagnostischen Zweig gegenüber, der Bilder erhebt und befundet, ohne selbst zu behandeln. Von der Strahlentherapie unterscheidet sie sich grundlegend: Dort wird Strahlung als Behandlungsmittel gegen Tumoren eingesetzt, hier dient sie nur der Steuerung des Eingriffs. Die Nuklearmedizin wiederum arbeitet mit radioaktiv markierten Stoffen, die in den Körper eingebracht werden.
Bei Gefäßeingriffen ergibt sich eine Arbeitsteilung mit zwei weiteren Fächern: Die Neuroradiologie versorgt die Gefäße des Kopfes und die hirnversorgenden Gefäße, die interventionelle Kardiologie die Herzkranzgefäße, während die interventionelle Radiologie für die übrigen Gefäßgebiete zuständig ist. Zur Gefäßchirurgie besteht kein Gegensatz, sondern eine Ergänzung: Welches Verfahren gewählt wird, hängt davon ab, wo und wie ausgedehnt die Veränderung ist und wie belastbar der Patient ist. In vielen Kliniken werden solche Entscheidungen gemeinsam getroffen, teilweise auch in Eingriffen, die katheter- und operationsgestützte Schritte verbinden.
Durchgeführt werden die Eingriffe von Fachärztinnen und Fachärzten für Radiologie, die sich zusätzlich auf interventionelle Verfahren spezialisiert haben. Angesiedelt ist das Fach ganz überwiegend an Krankenhäusern, weil dort die nötige Geräteausstattung sowie die Möglichkeit zur Überwachung nach dem Eingriff vorhanden sind und im Notfall andere Fachabteilungen unmittelbar hinzugezogen werden können. Radiologische Fachkräfte und Pflegepersonal assistieren bei der Durchführung.
Quellen
- Reiser, M., Kuhn, F.-P., Debus, J. (Hrsg.): Duale Reihe Radiologie.
ISBN: 9783132444621
- Reiser, M., Kuhn, F.-P., Debus, J.: Radiologie.
ISBN: 9783131253248
- Dietlein, M., Kopka, K., Schmidt, M. (Hrsg.): Nuklearmedizin.
ISBN: 9783132439269
- Henne-Bruns, D. (Hrsg.): Chirurgie.
ISBN: 9783132431874
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655
