Multiorganversagen

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 20. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Zu den gefürchtetsten Komplikationen, die im Verlauf einer schweren Erkrankung oder Verletzung auftreten können, gehört das Multiorganversagen. Nur etwa die Hälfte der betroffenen Patienten überlebt es, wenn mehrere Organe wie Nieren, Lunge oder Herz gleichzeitig ausfallen. Die Sterblichkeit steigt dabei mit der Zahl der ausgefallenen Organe steil an.

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein Multiorganversagen?

Multiorganversagen
Die Symptome des Multiorganversagens ergeben sich aus den jeweiligen Insuffizienzen der betroffenen Organe.
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Das Multiorganversagen ist dabei kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern die gemeinsame Endstrecke schwerer Erkrankungen und Verletzungen – am häufigsten einer Sepsis. Die Organe lassen sich zur Not eine Zeit lang durch Maschinen ersetzen. Sind Gehirn oder Leber von dem Ausfall betroffen, ist die Prognose besonders ungünstig. Um bei einem mehrfachen Versagen verschiedener Organe überhaupt eine Überlebenschance zu haben, muss der Patient unbedingt intensivmedizinisch behandelt werden.

Allerdings tritt das Multiorganversagen oft erst auf der Intensivstation auf. Dort wird es jedoch meist sehr schnell erkannt. Trotz schneller Gegenmaßnahmen bleibt diese Komplikation eine der häufigsten Todesursachen auf Intensivstationen.

Das Multiorganversagen ist im Grunde sehr einfach definiert. Stellen zwei oder mehr Organe gleichzeitig ihre Arbeit ein, ist das bereits ein Multiorganversagen. Mediziner sprechen allerdings inzwischen von einem multiplen Organdysfunktions-Syndrom, abgekürzt MODS.

Ursachen

Es gibt verschiedene Gründe, die zu einem Multiorganversagen führen können. Die beiden wichtigsten sind Unfälle und schwere bakterielle Infektionen; die häufigste Einzelursache ist dabei die Sepsis.

Wenn mehrere Organe bei einem Unfall verletzt werden, kann das zu einer Kettenreaktion führen, die den Ausfall anderer Organe mit sich bringt. Ähnliches gilt für die gefürchtete Sepsis. Dabei handelt es sich entgegen dem umgangssprachlichen Namen „Blutvergiftung“ nicht um eine Vergiftung, sondern um eine überschießende Reaktion des Körpers auf eine Infektion, die sich rasend schnell über den gesamten Körper ausbreitet und überall zu schweren Entzündungen führen kann.

Auch Herzerkrankungen oder Allergien können ein Multiorganversagen auslösen. Das kann der Fall sein, wenn der Patient einen lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock erleidet, der den Kreislauf und verschiedene Organe lahm legen kann. Eine weitere Ursache ist einfach die Altersschwäche. Bei einem sehr alten und sehr geschwächten Körper kann schon der Ausfall eines Organs die anderen schnell zu Fall bringen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Symptome des Multiorganversagens ergeben sich aus den jeweiligen Insuffizienzen der betroffenen Organe. So äußert sich ein manifestes Nierenversagen in einer Abnahme der Filterleistung der Nieren. Es bleiben vermehrt harnpflichtige Substanzen, Wasser und Elektrolyte im Körper. Das kann zu einer Überwässerung mit Hirnödem, Lungenödem oder Herzversagen führen.

Die Leberinsuffizienz äußert sich durch eine Gelbfärbung der Haut (Ikterus) sowie durch Blutgerinnungsstörungen mit verlängerter Blutungszeit. Ebenso können Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma auftreten. Die Patienten riechen aus dem Mund nach roher Leber (Foetor hepaticus) und weisen einen sogenannten Flapping tremor auf.

Es handelt sich dabei um ein grobschlägiges Zittern der Hände. Da Gallenbestandteile aus den Gallenwegen in das Blut übertreten, leiden Menschen mit Leberversagen ferner an Juckreiz. Dieser macht sich insbesondere an Handflächen und Fußsohlen bemerkbar. Eine schnelle Atmung sowie Atemnot sind die Leitsymptome der akuten Lungenschädigung.

Aufgrund der mangelnden Sauerstoffversorgung färbt sich die Haut der Patienten blau. Man spricht hier auch von einer Zyanose. Unruhe und Verwirrtheit sind weitere Symptome, die beim Lungenversagen auftreten können. Bei einigen Patienten lässt sich ferner ein Abfallen der Körpertemperatur (Hypothermie) oder ein Ansteigen (Hyperthermie) bis hin zum Fieber beobachten.

Diagnose & Verlauf

Die genaue Diagnose des Multiorganversagens hängt natürlich davon ab, welche Organe betroffen sind. Da diese Komplikation jedoch meistens auf Intensivstationen auftritt, wird der Ausfall verschiedener Organe normalerweise auch sehr schnell erkannt und durch technische Mittel dem Pflege- und behandelnden Personal angezeigt. In dem Moment, in dem ein multiples Versagen der Organe erkannt wird, muss sehr schnell gehandelt werden, da jegliche Verzögerung die Überlebensaussichten des Patienten dramatisch einschränkt.

Komplikationen

Ein Multiorganversagen infolge einer schwerwiegenden Krankheit, Infektion, Schockreaktionen, Allergien oder einer gravierenden Nährstoffunterversorgung ist bereits eine Komplikation, die mit der Anzahl versagender Organsysteme an Schwere gewinnt. Müssen die Funktionen einzelner Organe durch intensivmedizinische Maßnahmen kompensiert werden, ist dies mit erheblichen Eingriffen in den Patienten verbunden. So können Operationen und Organentnahmen nötig sein, die noch einmal eigene Risiken bergen.

Der dauerhafte Verlust einer Organfunktion führt zu einer langfristigen Abhängigkeit von Maschinen wie zum Beispiel Dialysegeräten (Nieren) oder Beatmungsgeräten (im Falle einer versagenden Lunge). Besonders gefährlich ist eine Sepsis, die aus abgestorbenem Gewebe heraus entstehen kann. Die überschießende Abwehrreaktion des Körpers führt dann zu weiteren Entzündungen und zum Verlust weiterer Organfunktionen.

Zudem kann infolge eines multiplen Organversagens, oder auch eines eingeleiteten Komas in einem solchen Fall, eine Sauerstoffunterversorgung von Hirnarealen auftreten. Die ausgelösten Schädigungen sind nicht reversibel und beeinträchtigen den Betroffenen anschließend für immer.

Werden die Leber oder das Gehirn von einer Sepsis betroffen, die im Zuge von multiplem Organversagen auftritt, sind die Behandlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Gleiches gilt bei völligem Leberversagen als Teil eines multiplen Organversagens; in ausgewählten Fällen kann hier eine Lebertransplantation die einzige verbleibende Option sein. Ein Hirntod ist mit dem Tod gleichzusetzen. Die Mortalitätsrate erhöht sich mit der Menge der versagenden Organe und den Folgeerscheinungen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei einem Multiorganversagen muss unverzüglich über den Notruf 112 ein Notarzt gerufen oder direkt das Krankenhaus aufgesucht werden. Sollte keine schnelle ärztliche Behandlung eingeleitet werden, so führt das Multiorganversagen in der Regel zum Tode des Betroffenen. Je früher die Krankheit diagnostiziert und behandelt wird, desto höher sind die Chancen auf eine Genesung des Betroffenen. In den meisten Fällen befindet sich der Patient bei einem Multiorganversagen allerdings schon in einem Krankenhaus oder in einer anderweitigen ärztlichen Behandlung.

Die Patienten leiden dabei an starken Schmerzen, Fieber, Atemnot und an Störungen des Bewusstseins. Sie können häufig nicht mehr alleine gehen, essen oder trinken und benötigen in ihrem Alltag Hilfe von anderen Menschen. Sollten diese Beschwerden eintreten, so muss sofort ein Arzt eine Untersuchung durchführen. Weiterhin kann es dabei auch zu einem Herzversagen oder zu einem Nierenversagen kommen. Auch eine Zyanose oder andere Atembeschwerden können dabei auf das Multiorganversagen hinweisen und sollten untersucht werden.

Die Behandlung richtet sich dabei stark nach den betroffenen Organen und wird meistens in einem Krankenhaus durchgeführt. Ob es dabei zu einem positiven Krankheitsverlauf kommt, kann jedoch nicht im Allgemeinen vorhergesagt werden. Häufig wird die Lebenserwartung des Betroffenen durch das Multiorganversagen deutlich verringert.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung eines Multiorganversagens hängt naturgemäß von den betroffenen Organen, aber auch von dem Auslöser der Komplikation ab. Ist beispielsweise eine Sepsis Ausgangspunkt für das Organversagen, muss der Entzündungsherd so schnell wie möglich ermittelt und beseitigt werden, außerdem wird der Patient mit Antibiotika behandelt. Bei schwereren äußeren Verletzungen, etwa durch einen Unfall, müssen die betroffenen Organe in ihrer Funktion unter Umständen maschinell unterstützt oder gar ersetzt werden.

Ein wichtiges Mittel bei der Behandlung des Multiorganversagens ist das künstliche Koma. Mediziner bevorzugen allerdings den Ausdruck "Künstlicher Tiefschlaf". Dabei wird der Patient mittels verschiedener Medikamente in einen Koma ähnlichen Zustand versetzt. Damit soll der Körper entlastet und das Gehirn vor den Auswirkungen des mehrfachen Versagens der Organe geschützt werden. Ist das Gehirn selbst schwer geschädigt, sind die Aussichten des Patienten sehr schlecht. Lange Zeit wurden Intensivpatienten dafür routinemäßig tief sediert. Heute wird stattdessen eine möglichst flache Sedierung bevorzugt, weil eine tiefe Sedierung die Beatmungsdauer verlängert und das Risiko für Verwirrtheitszustände (Delir) und bleibende Muskelschwäche erhöht.

Hirnregionen, die von einer MODS berührt sind, etwa durch Sauerstoffmangel, bleiben unwiderruflich geschädigt. Eine tiefe Sedierung wird deshalb heute nur noch eingesetzt, wenn sie im Einzelfall zwingend nötig ist – etwa um eine Beatmung überhaupt zu ermöglichen oder den Sauerstoffverbrauch des Körpers zu senken.


Aussicht & Prognose

Tritt bei einem Patienten ein Multiorganversagen auf, ist die Chance zum Überleben sehr gering. Dies hängt von den eingeschränkten oder ausgefallenen Organen sowie von den Behandlungsmöglichkeiten ab. Wird ein multiples Organversagen nicht umgehend behandelt, ist der Tod unabwendbar. Es gibt keinerlei Aussicht auf Spontanheilung oder ähnliches. Die Mortalitätsrate bei drei ausgefallenen Organen liegt auch bei medizinischer Behandlung noch bei circa 80 Prozent.

Betroffene können in einer Intensivstation teilweise stabilisiert und am Leben erhalten werden. Wie gut dies gelingt, hängt von den ausgefallenen Organen ab. Es ist beispielsweise leichter, Nieren und Lungen zu ersetzen, als etwa die Leber oder das Herz. Gerade der Ausfall des Herz-Kreislauf-Systems ist so gut wie immer tödlich. Eine künstliche Beatmung kann teilweise sehr lang aufrecht erhalten werden. Ebenso kann ein ausgefallener Magen-Darm-Trakt kompensiert werden. Da die Betroffenen in diesem Zustand meistens ins Koma fallen oder in eines versetzt werden, scheint zumindest das Leid eingeschränkt.

Es ist beim Ausfall mehrerer Organsysteme aber selbst beim Erwachen aus dem Koma häufig nicht mehr damit zu rechnen, dass die Betroffenen sich gut erholen werden. Dies wäre allenfalls beim Ausfall weniger, im Idealfall nicht lebenswichtiger Organsysteme der Fall.

Vorbeugung

Unfällen lässt sich schlecht vorbeugen. Infektionen hingegen schon. 15 Prozent aller Patienten auf deutschen Intensivstationen erleiden eine sogenannte Nosokomiale Infektion. Dahinter steckt die gefürchtete „Krankenhaus-Infektion“. Diese kann zu einem Multiorganversagen führen, vor allem, wenn die Infektion durch resistente Erreger ausgelöst wurde.

Daher gehört zu den wichtigsten Vorbeugungsmaßnahmen gegen das Mehrfachversagen der Organe eine sehr ausgeprägte und penible Krankenhaushygiene. Allergiker hingegen sollten jegliche Situation vermeiden, die zu einem allergischen Schock führen könnte. Deshalb ist es auch grundsätzlich wichtig, genau über das eigene mögliche Allergieverhalten Bescheid zu wissen.

Nachsorge

Multiorganversagen führt in den meisten Fällen zu einer verkürzten Lebenserwartung. Dann kann die Nachsorge nur einen palliativen Charakter annehmen. Ärzte versuchen dem Ausfall lebenswichtiger Organe zu begegnen. Eine intensivmedizinische Behandlung ist angezeigt. Da nur wenig Zeit verbleibt, kommt seelsorgerischen Gesprächen eine bedeutende Rolle zu.

Wird Multiorganversagen überlebt, bleiben in der Regel trotzdem Folgeschäden zurück. Diese bedürfen einer Dauerbehandlung. So sind viele Patienten für den Rest ihres Lebens auf die Dialyse angewiesen. Ein normaler Alltag ist kaum möglich. Die Einnahme von Medikamenten ist wichtig, um die Beschwerden zu lindern. Verlaufskontrollen in kurzen Abständen sind üblich.

Die Art der Nachsorgeuntersuchung hängt vom jeweiligen Krankheitsbild ab. Regelmäßig finden ein Gespräch und eine körperliche Untersuchung statt. Auch die Blutabnahme erfolgt häufig. Bildgebende Verfahren unterstützen regelmäßig die Diagnose und geben Aufschluss über den Krankheitsverlauf. Weitere ambulante Therapien können verschrieben werden.

Gehören Patienten zu der kleinen Gruppe an Menschen, bei denen keine Folgeerkrankungen zurückbleiben, ist angesichts der Beschwerdefreiheit keine organbezogene Dauerbehandlung notwendig. Ärztliche Kontrolluntersuchungen bleiben in den ersten Monaten dennoch sinnvoll. Allerdings haben erfahrungsgemäß viele Betroffene Probleme in ihren Alltag zurückzufinden. Oft verschreiben Ärzte deshalb Sitzungen bei einem Psychotherapeuten, um eine Stabilisierung zu erreichen.

Das können Sie selbst tun

Beim akuten Multiorganversagen selbst gibt es keine Selbsthilfemaßnahmen. Es handelt sich um einen intensivmedizinischen Notfall, bei dem jede Verzögerung die Überlebenschance senkt; wer bei einem Betroffenen Verwirrtheit, Atemnot, kalte fleckige Haut oder eine ausbleibende Urinausscheidung bemerkt, wählt sofort die 112. Die folgenden Hinweise beziehen sich deshalb auf die Zeit nach einem überstandenen Multiorganversagen.

Ein Multiorganversagen nimmt oft einen tödlichen Verlauf, selbst wenn es auf einer Intensivstation eintritt und die Ärzte mit dieser gefürchteten Komplikation gerechnet haben. Möglicherweise werden die Ärzte den Patienten in ein künstliches Koma legen oder die Funktion ausgefallener Organe maschinell ersetzen, beispielsweise die der Nieren durch eine Dialyse.

Dies hat für den Überlebenden Konsequenzen, die sein künftiges Leben nicht unerheblich beeinträchtigen. Möglicherweise ist er den Rest seines Lebens auf eine Dialyse und/oder weitere Therapien angewiesen. Diese Therapien dürfen keinesfalls ausgelassen werden. Das gilt auch für Physiotherapien, die den Patienten wieder mobilisieren sollen.

So nah an der Schwelle des Todes gestanden zu haben, geht an keinem Patienten spurlos vorbei. Selbst wenn keine Folgeerkrankungen bleiben, wird der Betroffene Mühe haben, sein vorheriges Leben wieder aufzunehmen. Er sollte sich in jedem Fall in eine psychotherapeutische Behandlung begeben. Auch Gruppentherapien mit weiteren Patienten sind anzuraten. Adressen und Ansprechpartner stellen die behandelnden Kliniken zur Verfügung. Da ein Multiorganversagen häufig die Komplikation einer Sepsis ist, bietet auch die Internetseite www.sepsis-hilfe.org Informationen und Hilfestellungen. Hilfreich sind hier insbesondere die Berichte von Betroffenen, die ein Multiorganversagen überlebt haben. Es gibt keine Möglichkeit, ein Multiorganversagen nach einem Unfall oder im Alter zu verhindern. Einer Sepsis hingegen kann man vorbeugen, was gleichzeitig auch einem Multiorganversagen vorbeugt.

Quellen

  • Marx, G., Muhl, E., Zacharowski, K., Zeuzem, S. (Hrsg.): Die Intensivmedizin.
    ISBN: 9783662686997
  • Braun, J., Preuss, R. (Hrsg.): Klinikleitfaden Intensivmedizin.
    ISBN: 9783437237676
  • Michels, G., Kochanek, M. (Hrsg.): Repetitorium Internistische Intensivmedizin.
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  • Van Aken, H., Reinhart, K., Welte, T., Weigand, M. (Hrsg.): Intensivmedizin.
    ISBN: 9783131148735
  • Herold, G.: Innere Medizin 2026.
    ISBN: 9783982116655

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