Rhizopoden

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 11. April 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Rhizopoden, die zu den Protozoen zu zählen sind, bilden keine einheitliche Art oder Klasse von einzelligen Lebewesen mit definiertem Zellkern (Eukaryoten), sondern sie alle verbindet nur die Fähigkeit zur Ausbildung von Pseudopodien. Rhizopoden verkörpern so unterschiedliche Einzeller wie Amöben, Strahlen- und Sonnentierchen, Foraminiferen und andere. Für den Menschen haben nur wenige Amöbenarten eine Bedeutung als harmloser Bestandteil der Darmflora und auch als Pathogene.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Rhizopoden?

Rhizopoden, zu denen so unterschiedliche Ordnungen wie Amöben, Foraminifera, Sonnentierchen und Strahlentierchen mit Tausenden von Arten und Unterarten gehören, sind in allen Weltmeeren heimisch.
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Rhizopoden, auch Wurzelfüßer genannt, werden den Protozoen, also den einzelligen Lebewesen mit Zellkern, zugeordnet. Es handelt sich nicht um eine einheitliche Art, Familie oder Klasse von Einzellern, sondern um eukaryotische Einzeller aus völlig unterschiedlichen und unabhängigen evolutionsbiologischen Entwicklungslinien. Das einzige gemeinsame Merkmal, das sie verbindet, ist ihre Fähigkeit, schnell wechselnde Pseudopodien (Scheinfüßchen) auszubilden. Dies sind Ausstülpungen des Cytoplasmas, das sie unter anderem zu aktiver Fortbewegung, zur Nahrungsaufnahme und zum „Festhalten“ in einem Substrat befähigt.

Evolutionsbiologisch handelt es sich um erdgeschichtlich sehr frühe Lebewesen, die bereits seit mehr als einer Milliarde Jahren existieren. Die meisten Rhizopodenarten besiedeln die Weltmeere, einige wenige Arten bevorzugen allerdings auch das Süßwasser der heimischen Seen und Flüsse oder leben im Boden.

Fast alle Rhizopoden ernähren sich heterotroph, das heißt von organischen Abbau- und Abfallprodukten. Außer einigen Amöbenarten, die Teil der gesunden Darmflora sind und einigen wenigen Krankheitserregern, die die Amöbenruhr, primäre Amöben-Meningoenzephalitis oder Amöbenkreatitis verursachen können, haben Rhizopoden keine direkte gesundheitliche Bedeutung für den Menschen.

Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften

Rhizopoden, zu denen so unterschiedliche Ordnungen wie Amöben, Foraminifera, Sonnentierchen und Strahlentierchen mit Tausenden von Arten und Unterarten gehören, sind in allen Weltmeeren heimisch. Einige Arten sind auch als Süßwasserbewohner bekannt. Als meist freilebende Urtierchen spielen sie, mit Ausnahme einiger weniger Amöbenarten, für die Gesundheit des Menschen keine Rolle.

Die meisten Amöbenarten mit gesundheitlicher Relevanz leben in der Regel als Kommensale im Dickdarm und ernähren sich heterotroph von Abbauprodukten, die der Körperstoffwechsel nicht mehr verwerten kann. Sie sind Teil der gesunden Darmflora und kommen weltweit vor. Amöben vermehren sich ungeschlechtlich durch Teilung. Zunächst teilt sich der Zellkern, so dass vorübergehend zwei Zellkerne in der Amöbe vorhanden sind, bevor die anschließende Teilung des Cytoplasmas den Teilungsvorgang abschließt und aus einer Amöbe zwei gleichberechtigte neue Amöben entstanden sind, die sich unter günstigen Wachstumsbedingungen wiederum teilen können.

Falls im Darm lebende Amöben mit dem Stuhl ausgeschieden werden und sehr ungünstige Lebensbedingungen vorfinden, bilden sie Dauerformen (Zysten). Sie schrumpfen durch Ausscheidung überflüssigen Wassers zu einer kleinen Kugel zusammen und umgeben sich mit einer dicken Kapsel. Die Zysten sind sehr widerstandsfähig und überstehen lange Zeit widrige Bedingungen wie Kälte, Hitze und Trockenheit. Zysten der Amöben sind fast allgegenwärtig und überstehen nach oraler Aufnahme die Magen-Darm-Passage bevor sie das Zystenstadium im Dickdarm wieder verlassen. Dies ist dann problematisch, wenn die aufgenommenen Zysten von einer der wenigen pathogenen Amöbenarten abstammen.

Bedeutung & Funktion

Die gesundheitliche Bedeutung der Amöbenstämme, die als Kommensale im menschlichen Dickdarm leben, ist (noch) nicht hinreichend erforscht. Als gesichert erscheint, dass sie bei einem intakten Immunsystem nicht parasitieren und keinen erkennbaren Schaden verursachen. Eine positive Wirkung besteht darin, dass sie Abbauprodukte, die der Körperstoffwechsel nicht mehr weiter katabolisieren kann, durch Phagozytose verwerten und damit einen Beitrag zur „Reinhaltung“ des Dickdarms leisten. Ob die Amöben dabei den Körper mit nützlichen Stoffen versorgen, ist nicht bekannt.

Bekannte nicht-pathogene Stämme der Amöben sind Entamoeba hartmanni, Entamoeba coli und drei weitere Arten, von denen Dientamoeba fragilis auch als Pathogen auftritt, vor allem wenn die Amöbe auf ein geschwächtes Immunsystem trifft. Dientamoeba fragilis ist morphologisch der Art Entamoeba histolytica sehr ähnlich, die als Erreger der Amöbenruhr bekannt ist.


Krankheiten & Beschwerden

Gefahren und Risiken, die im Zusammenhang mit Rhizopoden für den Menschen bestehen, beschränken sich weitestgehend auf wenige pathogene Amöbenstämme und auf solche, die als fakultativ pathogen beschrieben werden, wenn entsprechende Voraussetzungen, wie ein durch Krankheit oder durch künstliche Immunsuppression geschwächtes Immunsystem, gegeben sind.

Die wichtigste und häufigste pathogene Amöbenart ist Entamoeba histolytica. Sie ist der Erreger der Amöbenruhr, auch Amöbiasis genannt. Die Amöbenruhr tritt vorwiegend in den Tropen auf. Eine Infektion erfolgt meist durch orale Aufnahme der Zysten, der widerstandsfähigen Dauerform der Entamoeba histolytica. Strenggenommen ist auch Entamoeba histolytica ein fakultatives Pathogen, da nur etwa 10 Prozent der infizierten Menschen Symptome entwickeln, die allerdings unbehandelt einen schwerwiegenden Verlauf nehmen können.

Falls sich die Symptome auf den Magen-Darm-Trakt beschränken, handelt es sich um eine intestinale Amöbiasis. In seltenen Fällen geraten die Amöben in die Blutbahn und können andere Organe befallen. Es handelt sich dann um eine extraintestinale Amöbiasis.

Eine sehr seltene Infektionskrankheit ist die Primäre Amöben-Meningoenzephalitis (PAM). Sie wird durch die Amöbe Naegleria fowleri verursacht, eine Amöbe, die weltweit in Süßwasser vorkommt und zwar vorwiegend in den Tropen sowie Subtropen und in warmen Quellen. In sehr seltenen Fällen kann Naegleria fowleri nach dem Eindringen in die Nase über das Riechepithel und die Nervenbahnen bis ins Gehirn vordringen und eine PAM auslösen, die in kürzester Zeit tödlich verlaufen kann.

Acanthamoeba ist ebenfalls eine freilebende Amöbe mit weltweiter Verbreitung, die in Süßwasserseen und Flüssen sowie im Boden lebt. Allerdings wird sie auch häufig in Trinkwasser und in Schwimmbädern nachgewiesen. In sehr seltenen Fällen tritt die Amöbe als Verursacher der Acanthamoeba-Keratitis, einer Hornhautentzündung des Auges, auf. Meist betrifft es Kontaktlinsenträger, deren Kontaktlinsen die Amöben in der infizierten Reinigungsflüssigkeit aufnehmen und beim Einsetzen die Hornhaut des Auges infizieren. In extrem seltenen Fällen kann es dadurch zu einer Hirnhautentzündung, einer granulomatösen Amöbenenzephalitis, kommen.

Quellen

  • Frintrop, L., Keweloh, H.: Molekulare Biologie und Mikrobiologie. Basiswissen und Labormethoden. Europa-Lehrmittel, Haan-Gruiten 2016
  • Hacker, J.: Menschen, Seuchen und Mikroben. C.H.Beck, München 2003
  • Hecht, A., Lunzenauer, K.: Allgemeine Pathologie. Eine Einführung für Studenten. Springer, Wien 2012

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