Rindenblindheit

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 22. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Rindenblindheit ist die ältere Bezeichnung aus der Neurologie, die eine erworbene Blindheit beschreibt, die nicht auf ein erkranktes Auge zurückgeht, sondern auf eine Schädigung der primären Sehrinde im Gehirn. Häufig fallen in diesem Zusammenhang die Begriffe blindes Sehen und Blindsight. Letzteren Begriff haben englischsprachige Mediziner geprägt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Rindenblindheit?

Rindenblindheit
Bei der Rindenblindheit fällt die Funktionsfähigkeit der Sehrinde komplett aus. Im rechtlichen Sinne gilt eine Person mit dieser Krankheit als erblindet, obwohl die Augen nicht beschädigt sind.
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Menschen, die unter Rindenblindheit leiden, haben komplett funktionstüchtige Augen. Lediglich die primäre Sehrinde im Kortex des Gehirns ist beschädigt. Die häufigste Ursache für diese Schädigung ist ein Schlaganfall. Die Beschreibung dieser Erkrankung mit den Begriffen „blindes Sehen“ ist jedoch nicht ganz korrekt. Die Rindenblindheit verhindert, dass die über das Auge eintreffenden optischen Eindrücke in der primären Sehrinde des Gehirns zu einem bewusst wahrgenommenen Bild verarbeitet werden.

Der Begriff „blindes Sehen“ ist eine populäre Umschreibung für Menschen, die blind sind, sich jedoch so verhalten, als könnten sie sehen. Bei der Rindenblindheit bleiben die verschiedenen Nervenbahnen hinter dem Auge intakt. Sie sind zuständig für die Weiterleitung der eingehenden optischen Reize zum Gehirn. Ist die primäre Sehrinde jedoch geschädigt, entfällt die weitere Verarbeitung dieser optischen Reize und der Mensch ist nicht in der Lage, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen. Die medizinischen Fachgebiete sind die Neurologie und Ophthalmologie.

Ursachen

Es handelt sich um eine kortikale Amaurose, die mit dem Verlust der optischen Wahrnehmung bei gleichzeitig ausgedehnten Prozessen in der Sehrinde einhergeht. Die Pupillenreaktionen verändern sich jedoch nicht. Es liegt ein bilateraler Funktionsverlust der primären Sehrinde im Hinterhauptlappen vor. Weitere Ursachen sind Tumore, ein ischämischer Hirninfarkt der Arteriae cerebri posteriores (Minderdurchblutung der Hirnarterie) und alle Arten der schweren Kopfverletzungen, zum Beispiel ein Schädelbasisbruch nach einem Unfall. Auch ein länger anhaltender Sauerstoffmangel des Gehirns, etwa nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand, kann die Sehrinde schädigen.

Diese Patienten sehen ihre Umwelt nicht mehr bewusst, zeigen jedoch visuelle Reflexe. Im Hinterkopf befindet sich der visuelle Kortex, die primäre Sehrinde, die dafür zuständig ist, eingehende optische Signale zu einem bewusst wahrgenommenen Bild zusammenzufügen. Dieser visuelle Kortex ist sozusagen das Rechenzentrum des menschlichen Gesichtssinns. Patienten mit Rindenblindheit sehen in Wirklichkeit doch etwas, sie wissen es nur nicht, weil die Weiterleitung der visuell wahrgenommenen Reize über die primäre Sehrinde in das Bewusstsein unterbleibt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Rindenblindheit und die mit ihr nah verwandte Seelenblindheit gehören in den medizinischen Bereich der Agnosie. Dieser Begriff kommt aus der griechischen Sprache und bedeutet „Nichtwissen“. Die Seelenblindheit unterscheidet sich dahingehend von der Rindenblindheit, dass Objekte zwar wahrgenommen werden, diese jedoch nicht mehr zugeordnet werden können.

Sigmund Freud ordnete beide Sehstörungen der Agnosie zu. Bei der Rindenblindheit liegen keine Aufmerksamkeitsstörungen, sensorischen Defekte oder kognitive Störungen vor. Der Sehapparat besteht aus Auge, Sehnerv und Sehzentrum der Gehirnrinde. Bei der Rindenblindheit fällt die Funktionsfähigkeit der Sehrinde komplett aus. Im rechtlichen Sinne gilt eine Person mit dieser Krankheit als erblindet, obwohl die Augen nicht beschädigt sind.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die hauptsächlichen Symptome sind Gesichtsfelddefekte im Schläfenbereich (temporal) oder im Nasenbereich und der anschließende Verlust der optischen Wahrnehmung. Typisch für diese Art der Erkrankung ist eine gleichseitige (homonyme) Hemianopsie. Besteht eine linksseitige Läsion der Sehrinde, fallen die rechten Gesichtsfeldhälften beider Augen aus und umgekehrt. Sind Traktusende oder Corpus geniculatum laterale (seitlicher Kniehöcker des Zwischenhirns) betroffen, ist die Hemianopsie in vielen Fällen komplett, ansonsten inkongruent und inkomplett.

Die korrespondierenden Nervenfasern haben sich noch nicht komplett zusammengelagert. Bei manchen Patienten liegt eine beidseitig mehr oder weniger ausgebildete Optikusatrophie (degenerative Erkrankung des Sehnervs) vor. Die Diagnose erfolgt überwiegend in Versuchen mit Lichtblitzen, die Rindenblinde zwar nicht bewusst wahrnehmen, jedoch intuitiv bestimmen können, aus welcher Richtung diese kommen. Sie sind jedoch nicht in der Lage zu sagen, warum dies so ist.

Neurologen vermuten, dass die betroffenen Personen die Lichtblitze im Unterbewusstsein wahrnehmen. Da die Medizin bisher noch nicht abschließend feststellen konnte, wie dieser Prozess tatsächlich verläuft, haben Wissenschaftler auch Versuche mit gesunden Personen unternommen. In diesen Versuchsreihen wurde das Sehzentrum der Probanden mittels der Transkraniellen Magnetstimulation (TMS) blockiert. Auch diese getesteten Personen nahmen die Lichtblitze nicht bewusst wahr, konnten jedoch gleichfalls die Richtung benennen.

Farben, die ihnen vorgelegt wurden, konnten sie intuitiv richtig benennen. Die Tests zeigten, dass sie die Blitze und die Farben nicht bewusst wahrgenommen hatten, da sie bestritten, überhaupt etwas gesehen zu haben. Bei allen Personen mit Rindenblindheit lässt sich eine Schädigung der Sehrinde im Gehirn feststellen, mag deren Ursache auch von Fall zu Fall verschieden sein. Weitere Befunde erfolgen aufgrund des neurologischen und ophthalmologischen Bildes sowie über die Auswertung der Kernspintomografie oder der Computertomografie.

Da die Augen selbst unauffällig sind und die Pupillen weiterhin normal auf Licht reagieren, wird eine Rindenblindheit anfangs häufig übersehen oder für eine psychische Störung gehalten. Der Befund am Auge hilft hier nicht weiter; entscheidend sind die neurologische Untersuchung und die Bildgebung des Gehirns.

Komplikationen

Die Rindenblindheit kann sich als Komplikation nach einem überstandenen Schlaganfall, nach Blutungen im Bereich der Sehrinde, nach Hirntumoren oder einem Schädel-Hirn-Trauma entwickeln. Im Rahmen dieser Erkrankungen wird manchmal die Sehrinde zerstört, was zur Blindheit führen kann.

Durch die normal funktionierenden Augen werden die Bilder zwar aufgenommen. Sie können aber aufgrund der Rindenschädigung nicht mehr verarbeitet und bewusst gemacht werden. Ernsthafte Komplikationen, die zu lebensgefährlichen Verläufen führen, werden nicht von der Rindenblindheit verursacht. Es handelt sich dann um Komplikationen der zugrunde liegenden Erkrankung.

Da die beschädigte Hirnrinde nicht regeneriert werden kann, ist eine kurative Behandlung der Rindenblindheit nicht möglich. Als direkte Folge der Rindenblindheit kann sich das Risiko für die Betroffenen erhöhen, einen Unfall zu erleiden. Besonders ausgeprägt ist diese Gefahr bei einer besonderen Form der Rindenblindheit, bei welcher der Patient keine Krankheitseinsicht besitzt. Dabei handelt es sich um das sehr selten vorkommende Anton-Syndrom.

Die vom Anton-Syndrom betroffenen Patienten können nicht erkennen, dass sie nichts sehen. Die Herausforderung des behandelnden Arztes besteht zunächst darin, die Betroffenen von ihrer Blindheit zu überzeugen, um zu verhindern, dass sie sich der Gefahr aussetzen, einen Unfall zu erleiden. Die Überzeugungsarbeit ist oft nur sehr schwer möglich und nur mit Hilfe einer Kombination aus Physio-, Psycho- und Ergotherapie zu erreichen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Die Rindenblindheit ist ein ernstes Leiden, das ärztlich behandelt werden muss. Wenn nach einem Schlaganfall oder einem anderen medizinischen Notfall die Sehfähigkeit eingeschränkt ist, muss der Arzt informiert werden. Weitere Arztbesuche sind angezeigt, wenn die Sehfähigkeit weiter abnimmt, obwohl bereits Maßnahmen zur Behandlung unternommen wurden. Dann liegen womöglich weitere Störungen zugrunde, die am besten zeitnah abgeklärt werden. Erfolgt die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung frühzeitig, lässt sich der Schaden an der Sehrinde häufig begrenzen. Bei fehlender Behandlung können sich die Sehstörungen verstärken. Im schlimmsten Fall kommt es zum vollständigen Verlust des bewussten Sehens. Deshalb ist eine frühzeitige Diagnose in jedem Fall wichtig.

Die Rindenblindheit wird von einem Neurologen oder Augenarzt behandelt. Im Vordergrund steht die Behandlung der Grunderkrankung. Ergänzend werden in Zentren für Sehstörungen Trainingsverfahren angeboten, bei denen der Betroffene lernt, den ausgefallenen Gesichtsfeldbereich durch gezielte Blick- und Kopfbewegungen abzusuchen. Während der Behandlung ist eine enge ärztliche Überwachung vonnöten. Der Arzt sollte über ungewöhnliche Symptome sowie etwaige Nebenwirkungen der Behandlung informiert werden, damit die Therapie entsprechend angepasst werden kann.

Der erstmalige Ausfall des Sehens ist dagegen ein Notfall, bei dem Minuten zählen. Sieht jemand von einem Moment auf den anderen nichts mehr oder fehlt ihm plötzlich eine Gesichtsfeldhälfte auf beiden Augen, steckt meist ein Verschluss einer Hirnarterie im hinteren Stromgebiet dahinter. Warnzeichen sind zusätzlich Doppelbilder, Schwindel, Gangunsicherheit, Sprech- oder Sprachstörungen, Verwirrtheit sowie eine plötzliche Schwäche oder Taubheit einer Körperhälfte. In diesem Fall muss sofort der Notruf 112 gewählt werden, denn nur in den ersten Stunden lässt sich das verschlossene Gefäß wieder eröffnen und der Schaden an der Sehrinde begrenzen. Bis der Rettungsdienst eintrifft, sollte der Betroffene nicht allein gelassen werden und nichts essen oder trinken.

Behandlung & Therapie

Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass innerhalb des visuellen Kortexes ein Bewusstsein generiert wird und auch ohne die bewusste Wahrnehmung eine Informationsverarbeitung stattfindet. Aus diesem Grund sind die untersuchten Patienten in der Lage, intuitiv zu sagen, aus welcher Richtung die Lichtblitze kommen oder vorgelegte Farben richtig zu benennen. Weitere Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit einer Läsion der Sehrinde, die zu einer Hemianopsie (halbseitig begrenzter Gesichtsfeldausfall) geführt hat, emotionale Inhalte von Gesichtern wahrnehmen.

Diese werden in dem nicht mehr bewusst wahrgenommenen Gesichtsfeld präsentiert. Dieser Prozess geschieht durch die Aktivierung visueller Zentren im Colliculus superior (Vierhügelplatte des Mittelhirns). Die unbewusste Wahrnehmung wird auf das limbische System projiziert, speziell auf die Amygdala (paariges Kerngebiet des Gehirns des medialen Teils des jeweiligen Temporallappens), die wichtig ist für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Emotionen.

Da die Prognose meistens dahingehend lautet, dass sich Gesichtsfeldausfälle nicht zurückbilden, ist die Therapie ursächlich ausgerichtet. Schlaganfallpatienten bekommen eine umfangreiche Physio- und Sprachtherapie, während Tumorpatienten in erster Linie eine Strahlentherapie erhalten. Bei Schädel-Hirnverletzungen erfolgen neben dem operativen Eingriff verschiedene Rehamaßnahmen.

Gegen den Gesichtsfeldausfall selbst hat sich vor allem ein Training bewährt, bei dem der Betroffene lernt, den blinden Bereich durch gezielte Blicksprünge und Kopfbewegungen systematisch abzusuchen. So findet er sich im Alltag und im Straßenverkehr wieder sicherer zurecht, auch wenn der Gesichtsfeldausfall selbst bestehen bleibt.

Nachsorge

Die Rindenblindheit unterscheidet sich von den üblichen Formen des Blindseins. Sie ist meist nicht angeboren, sondern wird von einer Schädigung im verantwortlichen Hirnareal verursacht. Die Augen selbst bleiben dabei funktionsfähig. Betroffene von Rindenblindheit sind zudem nicht (immer) vollständig sehunfähig, sie können nur Umrisse oder Schattierungen erkennen.

Die Blindheit stellt sich bei bestimmten Sinneseindrücken ein, die vom Gehirn nicht korrekt verarbeitet werden. Für Patienten ist diese neue Situation ungewohnt und belastend. Eine Nachsorge ist nötig, um den angemessenen Umgang mit der Rindenblindheit zu erlernen. Die Nachsorge erfolgt sowohl im neurologischen als auch im augenärztlichen Rahmen. Inwieweit die Rindenblindheit therapierbar ist, hängt von der ursächlichen Erkrankung ab.

Bei manchen Patienten ist die Sehfähigkeit nach abgeschlossener Behandlung wieder vollständig hergestellt, in anderen Fällen bleibt die visuelle Einschränkung bestehen. Die Nachsorge beinhaltet Übungen für die Augen und für die Sinnesverarbeitung. Parallel dazu lernt der Betroffene, mit der Rindenblindheit im Alltag zurechtzukommen.

Je nach Ausprägung der Blindheit sind Hilfsmittel wie Blindenstöcke sinnvoll. Ruft die Erkrankung eine zusätzliche seelische Belastung hervor, sollte eine Psychotherapie in Betracht gezogen werden. Der Besuch von Selbsthilfegruppen zur Unterstützung kann sich ebenfalls positiv auf die Lebensqualität des Betroffenen auswirken.


Das können Sie selbst tun

Die Rindenblindheit muss abhängig von der Ursache behandelt werden. Eine angeborene Erkrankung schränkt die betroffenen Kinder erheblich ein, welche in den ersten Lebensjahren dauerhafte Unterstützung benötigen. Die Erziehungsberechtigten sollten sich frühzeitig um die Unterbringung in einem Sonderkindergarten und später in einer Sonderschule bemühen. Heute stehen daneben eine sehbehindertenspezifische Frühförderung und die inklusive Beschulung an einer Regelschule mit sonderpädagogischer Unterstützung zur Verfügung; welcher Weg der richtige ist, hängt vom Ausmaß der Sehstörung und den weiteren Beeinträchtigungen ab.

Eine Brille kann eine Rindenblindheit nicht ausgleichen, da die Augen selbst gesund sind und der Ausfall im Gehirn liegt. Weiterhelfen können stattdessen Hilfsmittel für Sehbehinderte sowie ein Training, den ausgefallenen Gesichtsfeldbereich durch Blick- und Kopfbewegungen abzusuchen. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, muss abhängig von der Schwere des Leidens von einem Arzt entschieden werden. Eine erworbene Rindenblindheit, etwa nach einem Schlaganfall, bedarf eines regelmäßigen Trainings. Physio- und Sprachtherapie sind wichtige Bestandteile der Therapie. Tumorpatienten, bei denen sich eine Rindenblindheit entwickelt hat, sollten sich zunächst schonen. Die Beschwerden bessern sich mitunter, wenn der Tumor durch die Strahlentherapie kleiner wird und weniger auf die Sehrinde drückt. Ist dies nicht der Fall, bleibt der Gesichtsfeldausfall bestehen und wird mit Seh- und Orientierungstraining aufgefangen. Eine Operation am Auge ändert an einer Rindenblindheit nichts.

Ist die Rindenblindheit auf eine Verletzung des Schädels oder des Gehirns zurückzuführen, sind physiotherapeutische Maßnahmen angezeigt. Der Patient sollte sich mit einem Facharzt in Verbindung setzen und darüber hinaus selbstständig Übungen durchführen, um die neurologischen Fähigkeiten wiederherzustellen.

Quellen

  • Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
    ISBN: 9783662606742
  • Hacke, W. (Hrsg.): Neurologie.
    ISBN: 9783662468913
  • Steffen, H., Kelbsch, C., Tonagel, F. (Hrsg.): Neuroophthalmologie.
    ISBN: 9783662642603
  • Masuhr, K. F., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie.
    ISBN: 9783132410961
  • Bähr, M., Bechmann, I.: Neurologisch-topische Diagnostik.
    ISBN: 9783132200050

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