Stimmgabeltest
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Behandlungen Stimmgabeltest
Verschiedene Stimmgabeltests dienen der Erkennung von Funktionsbeeinträchtigungen peripherer Nerven und der Feststellung und Differenzierung von Hörproblemen nach Schallleitungs- und Schallempfindungsstörungen. In ärztlichen Praxen kommen dafür unterschiedliche Stimmgabeln zum Einsatz: für die Hörprüfungen eine höher gestimmte Gabel im Bereich des Kammertons a, für die Vibrationsprüfung der Nerven die Rydel-und-Seiffer-Stimmgabel, die ohne Gewichte mit 128 Hertz und mit aufgesetzten kleinen Gewichten mit der halben Frequenz, mit 64 Hertz, schwingt.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist der Stimmgabeltest?
Stimmgabeltests werden an bestimmten Punkten des Körpers zur Funktionsprüfung peripherer Nerven genutzt und zur Feststellung von Beeinträchtigungen des Hörvermögens. Verschiedene Stimmgabeltests lassen dabei die Unterscheidung zwischen Schallleitungs- und Schallempfindungsstörungen zu. Schallleitungsprobleme betreffen den mechanischen Teil des Hörorgans, also äußeres Ohr (Ohrmuschel und äußerer Gehörgang) mit Trommelfell und das Mittelohr mit der mechanisch-akustischen Weiterleitung der Schallwellen an die Hörschnecke (Cochlea).
In der Cochlea im Innenohr werden die ankommenden Schallwellen durch die Haarzellen in elektrische Nervensignale umgewandelt, die vom Hörnerv (Nervus vestibulocochlearis) in das Zentralnervensystem (ZNS) weitergeleitet werden. Bei einer Minderung des Hörvermögens, die auf Umwandlungs-, Weiterleitungs- oder Verarbeitungsproblemen der Schallreize beruht, also auf dem elektrisch-nervlichen Teil des Hörorgans, handelt es sich um Schallempfindungsstörungen. Mehrere einfach durchzuführende Stimmgabelhörtests stehen zur Verfügung, um Schallleitungs- von Schallempfindungsstörungen unterscheiden zu können; gebräuchlich sind vor allem der Weber-, der Rinne- und der Gellé-Versuch. Für sie wird eine höher gestimmte Stimmgabel verwendet, üblicherweise eine solche im Kammerton a mit 440 Hz.
Alle drei Hörversuche beruhen dabei auf demselben Zusammenhang: Schall kann das Innenohr auf zwei verschiedenen Wegen erreichen. Der übliche Weg führt über die Luft durch den äußeren Gehörgang, das Trommelfell und die Gehörknöchelchenkette; das ist die Luftleitung. Daneben gelangt Schall aber auch unmittelbar über die Knochen des Schädels an die Hörschnecke und umgeht dabei den gesamten mechanischen Apparat; das ist die Knochenleitung. Beim Gesunden ist die Luftleitung der Knochenleitung überlegen, weil das Mittelohr den Schall gezielt verstärkt. Ist der mechanische Teil des Hörorgans gestört, fällt diese Verstärkung weg, und die Knochenleitung schneidet vergleichsweise besser ab. Ist dagegen das Innenohr oder der Hörnerv betroffen, sind beide Wege gleichermaßen beeinträchtigt, weil sie sich dieselbe Endstrecke teilen. Genau dieses Verhältnis machen die Stimmgabelversuche hörbar, und darauf beruht ihre Fähigkeit, zwischen den beiden Störungsarten zu unterscheiden.
Bei neurologischen Stimmgabeltests zur Überprüfung der Funktionstüchtigkeit peripherer Nerven macht man sich zunutze, dass eine bestimmte Art schnell adaptierender und besonders auf Vibrationen ansprechender Mechanorezeptoren in der Haut, die Vater-Pacini-Körperchen, sehr sensibel Nervenleitprobleme widerspiegeln. Die neurologischen Vibrationstests werden mit der Rydel-und-Seiffer-Stimmgabel durchgeführt, deren Schwingung durch die aufgesetzten Gewichte von 128 Hz auf 64 Hz halbiert wird. Am Stiel der Stimmgabel kann auf einer Skala von 0 – 8 abgelesen werden, ab welcher Stärke die Vibrationen wahrgenommen werden.
Ihren Platz in der Untersuchung verdankt die Stimmgabel einer physikalischen Eigenschaft: Sie erzeugt einen nahezu reinen Ton mit sehr wenigen Obertönen und schwingt lange und gleichmäßig aus. Damit das so bleibt, kommt es auf die Handhabung an. Angeschlagen wird die Gabel an einer nachgiebigen Unterlage, etwa am Handballen oder am eigenen Knie, nicht an einer harten Tischkante; ein harter Anschlag setzt Obertöne frei und lässt die Schwingung ungleichmäßig abklingen. Gehalten wird die Gabel ausschließlich am Stiel, denn schon eine Berührung der Zinken dämpft sie ab.
Die aufsetzbaren Gewichte, mit denen die Gabel für die neurologische Untersuchung ausgerüstet wird, vergrößern die schwingende Masse an den Enden der Zinken. Dadurch schwingt sie langsamer, und die Frequenz halbiert sich. Auf den Gewichten sind zugleich zwei gegeneinander laufende Dreiecke aufgedruckt. Während die Schwingung abklingt, verschiebt sich deren scheinbarer Schnittpunkt; in dem Moment, in dem der Untersuchte die Vibration nicht mehr spürt, wird er auf der Skala abgelesen.
Der Name des Instruments erinnert an die beiden Ärzte, auf die diese Untersuchung zurückgeht: Adam Rydel und Friedrich Wilhelm Seiffer prägten 1903 den Begriff der Pallästhesie, also des Vibrationsempfindens, und beschrieben das Verfahren, mit dem es sich abstufen lässt. Bis dahin ließ sich nur festhalten, ob ein Patient eine Vibration spürte oder nicht. Die abgestufte Skala machte aus dieser Ja-Nein-Angabe einen Wert, der sich im Verlauf und im Seitenvergleich beurteilen lässt.
Funktion, Wirkung & Ziele
Ebenso können durch die Vibrationstests Rückschlüsse auf Funktionsausfälle bestimmter Regionen im Gehirn, etwa nach einem Schlaganfall oder einem Schädel-Hirn-Trauma, gezogen werden. Für die einfach durchzuführenden Stimmgabel- oder Vibrationstests wird die Rydel-und-Seiffer-Stimmgabel mit einer Schwingungsrate von 64 Hz genutzt. Die Schwingungsrate liegt im Reaktionsspektrum der in der Haut häufig vorkommenden Vater-Pacini-Körperchen, besonders sensibel reagierender Rezeptoren, die zur Klasse der schnell adaptierenden Mechanorezeptoren gehören.
Gemessen wird bei diesem Test eine Schwelle: der Punkt, an dem die abklingende Vibration gerade noch wahrgenommen wird. Weil dieser Punkt vom Untersuchten selbst angegeben wird, handelt es sich um eine subjektive Größe, die von Aufmerksamkeit, Verständnis und Mitarbeit abhängt. Als grobe Orientierung gilt bei jüngeren Erwachsenen ein Wert oberhalb von 5 als unauffällig. Mit steigendem Lebensalter nimmt die Zahl funktionsfähiger Nervenfasern jedoch auch beim Gesunden ab, sodass die Schwelle ansteigt; ein Ergebnis lässt sich deshalb nur im Zusammenhang mit dem Alter des Untersuchten beurteilen.
Aussagekräftig ist vor allem das Muster der Ausfälle. Ist das Vibrationsempfinden an den Knöcheln deutlich schlechter als am Schienbein und dort schlechter als am Beckenkamm, spricht das für eine Schädigung, die an den längsten Nervenfasern beginnt und von den Zehen aus nach oben fortschreitet – das typische Bild einer Polyneuropathie, wie sie bei langjährigem Diabetes auftritt. Ein einseitiger Ausfall in einem umschriebenen Hautbezirk deutet dagegen eher auf die Schädigung eines einzelnen Nervs oder einer Nervenwurzel hin.
Der Stimmgabeltest steht dabei nie für sich allein. Er ist Teil einer Untersuchung, zu der außerdem die Prüfung des Berührungsempfindens mit einem dünnen Kunststofffaden, die Prüfung des Temperatur- und des Schmerzempfindens sowie der Reflexstatus gehören. Erst das Zusammenspiel dieser einfachen Prüfungen ergibt ein Bild. Bestätigt sich der Verdacht auf eine Nervenschädigung, folgen apparative Verfahren: Die Elektroneurographie misst die Nervenleitgeschwindigkeit und kann die Schädigung genauer einordnen, und eigens dafür gebaute Messgeräte bestimmen die Vibrationsschwelle in physikalischen Einheiten statt auf einer Skala von 0 bis 8.
Praktische Bedeutung hat der Test vor allem als Suchverfahren. Er braucht kein Gerät im eigentlichen Sinne, keinen Strom und kaum Zeit, lässt sich in jeder Sprechstunde durchführen und beliebig oft wiederholen. In der Betreuung von Menschen mit Diabetes gehört die Prüfung des Vibrationsempfindens an den Füßen deshalb zur regelmäßigen Kontrolle. Sie hat dort einen sehr konkreten Zweck: Wer an den Füßen nichts mehr spürt, bemerkt Druckstellen, Blasen und kleine Verletzungen nicht rechtzeitig, und aus solchen unbemerkten Wunden entstehen die schwer heilenden Geschwüre, die bei fortgeschrittener Nervenschädigung gefürchtet sind. Ein auffälliger Befund ist damit weniger eine Diagnose als ein Anlass, die Füße von da an regelmäßig anzusehen und ansehen zu lassen.
Typische Punkte zur Überprüfung des Vibrationsempfindens liegen am Außen- und Innenknöchel des Fußes, am Schienbein unterhalb der Kniescheibe am Ansatzpunkt der Oberschenkelmuskulatur, am Beckenkamm und am Brustbein. Die spezialisierte Stimmgabel ermöglicht die Ermittlung eines (subjektiven) Schwellenwertes für das Vibrationsempfinden auf einer Skala von 0 bis 8, wobei 8 die niedrigste Stärke repräsentiert. Vibrationstests, die pathologische Werte an bestimmten Körperregionen ergeben, müssen mit anderen Diagnoseverfahren zur Verifikation und differenzierteren Aussage weiter abgeklärt werden. Zu den relativ simpel durchzuführenden Hörtests zählen vor allem der Weber-, der Rinne- und der Gellé-Versuch.
Im Weber-Versuch wird die Stimmgabel angeschlagen und der Fuß fest auf die Mitte des Schädels (Scheitel) gehalten. Der Ton überträgt sich auf den Schädelknochen und wird bei einem Normalhörigen auf beiden Ohren gleichstark wahrgenommen. Wird der Ton auf einem Ohr lauter wahrgenommen, deutet das auf eine einseitige Schallleitungsstörung auf dem Ohr hin, mit dem der Knochenschall besser wahrgenommen wird oder es liegt ein Schallempfindungsproblem auf dem anderen Ohr vor. Der anschließende Rinne-Versuch gibt dann Klarheit darüber, welche Art von Hörminderung tatsächlich vorliegt.
Die schwingende Stimmgabel wird auf den Knochenfortsatz hinter der Ohrmuschel gehalten. Wenn der Patient den schwächer werdenden Ton nicht mehr wahrnimmt, wird die noch leise schwingende Stimmgabel vor die Ohrmuschel gehalten. Wenn der Patient jetzt den Ton über die Luftleitung durch den äußeren Gehörgang wieder hört, aber gleichzeitig an vermindertem Hörvermögen leidet, deutet der Befund auf eine Schallempfindungsstörung hin. Ein solcher Befund, bei dem die Luftleitung besser abschneidet als die Knochenleitung, wird als positiver Rinne-Versuch bezeichnet; er ist zugleich die normale Befundlage bei ungestörtem Gehör. Bleibt der Ton vor der Ohrmuschel dagegen aus, fällt der Rinne-Versuch negativ aus und weist auf eine Schallleitungsstörung hin. Wenn bei dem Patienten eine Otosklerose, ein krankhafter Knochenumbau, der den Steigbügel in der Kette der Gehörknöchelchen im Mittelohr festwachsen lässt, vermutet wird, kann der Verdacht durch den Gellé-Versuch bestätigt oder widerlegt werden.
Die Stimmgabel wird wie bei dem Rinne-Versuch auf den Knochenfortsatz hinter der Ohrmuschel gehalten und gleichzeitig der äußere Gehörgang verschlossen und ein geringer Überdruck aufgebaut, der die Gehörknöchelchenkette ein wenig versteift und das Hörvermögen vorübergehend vermindert. Falls sich nach dem Druckaufbau der Ton der Stimmgabel leiser anhört, ist die Schallleitung im Bereich der Gehörknöchelchenkette in Ordnung. Falls sich die Lautstärke nicht verändert, kann das als Bestätigung des Verdachts auf Otosklerose gewertet werden.
Für das Ergebnis des Weber-Versuchs hat sich der Begriff der Lateralisation eingebürgert: Man sagt, der Ton lateralisiere in dasjenige Ohr, in dem er lauter wahrgenommen wird. Beim Normalhörigen lateralisiert er nicht, sondern scheint aus der Mitte des Kopfes zu kommen. Der Versuch trägt den Namen von Ernst Heinrich Weber (1795–1878), Professor für Anatomie und Physiologie in Leipzig, der 1834 den zugrunde liegenden Befund veröffentlichte; die Deutung der Lateralisation, die den Versuch diagnostisch erst brauchbar macht, geht auf eine Arbeit von Eduard Schmalz aus dem Jahr 1846 zurück. Der Namensgeber des zweiten Versuchs, Heinrich Adolf Rinne (1819–1868), beschrieb diesen 1855.
Seine volle Aussagekraft entfaltet der Rinne-Versuch erst zusammen mit dem Weber-Versuch. Der eine sagt, auf welchem Ohr etwas nicht stimmt, der andere, welcher Art die Störung ist; erst beide Ergebnisse nebeneinander ergeben eine verwertbare Aussage. Deshalb werden sie in der Sprechstunde regelmäßig unmittelbar nacheinander durchgeführt und gemeinsam beurteilt.
So einfach diese Versuche sind, sie liefern nur eine grobe Einordnung. Sie beantworten die Frage, ob eine Hörminderung eher im mechanischen oder eher im nervlichen Teil des Hörorgans zu suchen ist, nicht aber, wie stark sie ausgeprägt ist und welche Frequenzbereiche sie betrifft. Dafür folgt in der Regel eine Messung im schallgedämmten Raum, deren Ergebnis als Tonaudiogramm festgehalten wird. Alle Stimmgabelversuche setzen außerdem voraus, dass der Untersuchte versteht, worauf er achten soll, und zuverlässig antwortet. Bei kleinen Kindern und bei Menschen mit eingeschränkter Mitarbeit sind sie deshalb nur begrenzt brauchbar; dort kommen Verfahren zum Einsatz, die keine aktive Antwort verlangen.
Trotz dieser Grenzen haben die Stimmgabelversuche ihren Platz behalten. Sie verursachen keine laufenden Kosten, brauchen keinen Strom und liefern in wenigen Augenblicken eine Antwort auf die Frage, in welche Richtung weiter untersucht werden muss – beim Hausbesuch, im ärztlichen Notdienst und überall dort, wo eine Messkabine nicht zur Verfügung steht. Hinzu kommt ihre Wiederholbarkeit am Krankenbett: Verändert sich der Befund im Verlauf, fällt das auch ohne Gerät auf. Aus denselben Gründen gehören sie unverändert zum festen Bestand der ärztlichen Ausbildung.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Die Gefahr einer Fehlinterpretation der Ergebnisse ist ebenfalls denkbar gering. Im Zweifelsfall können weitere Diagnoseverfahren zur Abklärung der Ergebnisse zum Einsatz kommen. Bei der Untersuchung neuronaler Probleme sollten Messungen an den gleichen Körperpunkten mehrmals wiederholt werden, um sicherzustellen, dass es sich nicht um Ausrutscher in der einen oder anderen Richtung handelt.
Damit die Gefahr einer Fehldeutung so gering bleibt, sind einige weitere Bedingungen einzuhalten. Die Stimmgabel muss an jedem Punkt gleich kräftig angeschlagen und auf den Knochen aufgesetzt werden, nicht auf Muskeln oder Fettgewebe, weil sich die Vibration dort schneller verliert. Kalte oder geschwollene Füße, ausgeprägte Hornhaut und Umgebungsgeräusche verändern das Ergebnis ebenso wie die nachlassende Aufmerksamkeit eines Patienten, der eine längere Untersuchungsreihe hinter sich hat. Auch die Fragestellung selbst wirkt sich aus: Wer fragt, ob der Patient noch etwas spüre, legt eine bejahende Antwort nahe; bewährt hat es sich, ihn selbst angeben zu lassen, wann die Vibration aufhört. Bei den Hörversuchen ist darauf zu achten, dass der Untersuchte die Stimmgabel nicht sieht, damit er das Ende des Tons nicht aus der Bewegung des Untersuchers erschließt.
Quellen
- Probst, R., Grevers, G., Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783131521231
- Kompis, M.: Audiologie.
ISBN: 9783456862453
- Mrowinski, D., Scholz, G., Steffens, T.: Audiometrie.
ISBN: 9783132452459
- Lehnhardt, E., Laszig, R. (Hrsg.): Praxis der Audiometrie.
ISBN: 9783133690096
- Füeßl, H. S., Middeke, M.: Anamnese und klinische Untersuchung.
ISBN: 9783132443099
