Acromelalga-Syndrom

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 18. März 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Im Rahmen einer Pilzvergiftung kann sich das Acromelalga-Syndrom einstellen, das von Schmerzen und neurologischen Symptomen gekennzeichnet ist. Der Verzehr des Wohlriechenden Trichterlings und des japanischen Bambustrichterlings sind die Ursache der Intoxikation. Meist hinterlässt die Vergiftung keine bleibenden Schäden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Acromelalga-Syndrom?

Giftpilze sind die Ursache des Acromelalga-Syndroms. Bisher wurde die Vergiftung vor allem mit dem wohlriechenden Trichterling in Zusammenhang gebracht.

Das Acromelalga-Syndrom entspricht einer Pilzvergiftung. Im Pazifikraum ist diese Erscheinung bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt. Innerhalb Europas wurde erst im 21. Jahrhundert ein nennenswerter Fall bekannt. Die Finger, Ohren, Zehen und Nase sowie Beine und Arme der Patienten verursachen im Rahmen der Intoxikation erhebliche Schmerzen. Mehrere Giftpilze sind mittlerweile als Ursachen bekannt.

Insgesamt tritt das Syndrom weltweit aber nur selten auf. Die ersten Symptome der Intoxikation stellen sich erst nach einer gewissen Latenzzeit ein. Die Betroffenen denken daher bei der Anamnese nicht immer direkt an die Tage vorher verzehrten Pilze, wenn sie sich auf Ursachenforschung begeben. Innerhalb Europas ist die das Acromelalga-Syndrom im Jahr 2001 erstmals in Frankreich vorgekommen. In der Regel resultiert die Vergiftung nicht in den Tod und verursacht keine bleibenden Schäden.

Ursachen

Giftpilze sind die Ursache des Acromelalga-Syndroms. Bisher wurde die Vergiftung vor allem mit dem wohlriechenden Trichterling und dem japanischen Bambustrichterling in Zusammenhang gebracht. Dass auch der Verzehr anderer Pilzarten das Syndrom verursachen kann, ist allerdings nicht vollkommen ausgeschlossen. Die Substanz Acromelsäure ist sowohl im wohlriechenden Trichterling, als auch im japanischen Baumtrichterling enthalten.

Diese Säure ist in den Namen des Syndroms mit eingegangen und spielt bei der Intoxikation eine wichtige Rolle. Daher zeigen alle Vergiftungen mit Acromelsäure-haltigen Lebensmitteln in etwa dieselben Symptome wie das Acromelalga-Syndrom. Acromelsäure ist ein hochwirksamer Antagonist von Glutamat, also ein Gegner der α-Aminosäuren, wie sie im menschlichen Organismus vorkommen. Speziell in Proteinen sind α-Aminosäuren enthalten.

Als Neurotransmitter zeigen sie eine anregende Wirkung auf das zentrale Nervensystem. Als Antagonisten der α-Aminosäuren blockieren sie deren Wirksamkeit im Nervensystem, indem sie sich an ihre Rezeptoren binden.


Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Bei der Acromelalga-Syndrom klagen die Patienten über starke Schmerzen am gesamten Körper. Besonders die Ohren und die Nase sowie die Arme und Beine schmerzen in der Regel anhaltend und stark. Zusätzlich zu dieser Schmerzsymptomatik treten verschiedene neurologische Symptome ein.

Da die Vergiftung die Wirksamkeit der α-Aminosäuren blockiert, werden verschiedene Funktionen im zentralen Nervensystem gehemmt. Zu den wichtigsten Symptomen sind vor allem Lähmungen und Missempfindungen oder Taubheitsgefühle der Arme und Beine zu rechnen. Zusätzlich kann es zu Depressionen und starker Müdigkeit kommen.

Manchmal treten auch Schwellungen und dermatologische Auffälligkeiten auf. Die Patienten leiden an Krämpfen und anhaltender Schlaflosigkeit, die in der Regel vor allem von den Muskelschmerzen verursacht wird. Wärme kann die Symptome noch verschlechtern und ein Taubheitsgefühl in den Beinen zum Beispiel erst zu einer Lähmung heranreifen lassen.

Diagnose & Verlauf

Die Symptome des Acromelalga-Syndroms treten ein bis zwei Tage oder sogar eine ganze Woche nach dem Genuss der Pilze auf. Das macht dem Arzt die Diagnose schwer. Pilzreste im Erbrochenen der Patienten geben ihm bestenfalls einen ersten Verdacht auf eine Pilzvergiftung. Die Anamnese kann diesen Verdacht erhärten. In der Regel gilt der Nachweis von Acromelsäure im Organismus des Patienten als diagnosesichernd.

Dieser Nachweis wird durch Laboruntersuchungen des Bluts erbracht. Das Acromelalga-Syndrom wird mit einer günstigen Prognose assoziiert. Ein tödlicher Ausgang oder bleibende Schäden sind relativ unwahrscheinlich. Wie lange die Patienten aber von den Symptomen gequält werden, hängt vom Einzelfall ab. Die Vergiftung ist eher langwierig und kann über Wochen oder sogar Monate Symptome hervorrufen.

Komplikationen

Bei Verdacht auf falschem Pilzverzehr sollte sich der Betroffene sofort in ärztliche Obhut begeben. Das Acromelalga-Syndrom verursacht je nach Zustand des Patienten erhebliche Komplikationen, führt aber nicht zum Tod. Auslöser für die Intoxikation sind verschiedene Giftpilze. Die Betroffenen klagen über starke Schmerzen an den Extremitäten sowie an Nase und Ohren.

Die Haut kann anschwellen, Wärme wird nicht vertragen und heftige Muskelkrämpfe sowie Erschöpfungszustände plagen den Körper. Ferner können Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen in Armen und Beinen auftreten. Insbesondere bei emotional instabilen Patienten kann sich eine bestehende Depression verschlimmern.

Im schlimmsten Fall versagt das zentrale Nervensystem, da die Funktionsweise der α-Aminosäuren regelrecht geblockt wird. Diese Art der Pilzvergiftung hinterlässt an den Organen keine Schäden, dennoch benötigt der Betroffenen durch die Schwere des Krankheitsbildes eine gewisse Zeit der Genesung. Für das Acromelalga-Syndrom gibt es kein Antidot.

Als medizinische Sofortmaßnahme wird durch Flüssigkeitszufuhr versucht, die eingenommene Giftmenge zu reduzieren, damit sie zügiger vom Körper abgebaut werden kann. Zusätzlich kommen Beruhigungsmittel und Analgetika zum Einsatz.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Ob beim Acromelalga-Syndrom ein Arzt aufgesucht werden muss oder nicht, hängt in der Regel von der Ausprägung der Symptome ab. Die Vergiftung selbst ist nicht besonders gefährlich für den menschlichen Körper und muss nicht besonders behandelt werden. Es kommt durch die Vergiftung in der Regel auch nicht zu bleibenden Schäden, die sich im weiteren Verlauf des Lebens bemerkbar machen würden.

Sollten die Schmerzen oder Beschwerden für den Patienten allerdings unerträglich werden, so muss ein Arzt aufgesucht werden. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es durch das Acromelalga-Syndrom zu Lähmungen in verschiedenen Regionen des Körpers kommt. Diese schränken die Bewegung des Patienten ein und sollten behandelt werden.

Auch eine andauernde Müdigkeit und Schlaflosigkeit kann ein Zeichen für das Acromelalga-Syndrom sein. Auch bei Muskelkrämpfen muss direkt ein Arzt aufgesucht werden, da es dabei in der Regel zu sehr starken Schmerzen kommt. Sollte es zu einem Bewusstseinsverlust kommen, so ist sofort ein Notarzt zu verständigen. In der Regel kann der Betroffene eine hohe Menge an Flüssigkeit zu sich nehmen, um die Beschwerden des Acromelalga-Syndroms zu minimieren.

Behandlung & Therapie

Normalerweise versucht der Arzt bei Vergiftungen ein Erbrechen herbeizuführen, um so die Reste des giftigen Lebensmittels aus dem Organismus des Patienten herauszuholen. Dieser Versuch kann durch die Gabe von Brechmitteln geschehen. Auch ein Auspumpen des Magens ist denkbar. Das Acromelalga-Syndrom zeigt im Durchschnitt erst nach mehreren Tagen erste Symptome. Daher ist das Erbrechen bei dieser Erscheinung in der Regel nicht von bahnbrechendem therapeutischem Erfolg, denn eine gewisse Menge der Giftstoffe ist im Magen und Darm bereits adsorbiert worden.

Nichtsdestotrotz sollte der Versuch unternommen werden, da die Giftmenge so mit ein wenig Glück zumindest reduziert werden kann. Eine kurative Behandlung des Acromelalga-Syndroms existiert bislang nicht, da kein Gegengift bekannt ist. Die Symptome des Syndroms lassen sich allerdings bis zu einem gewissen Grad behandeln. Gegen die Schmerzen werden zum Beispiel starke Analgetika wie Novalgin in bedarfsgerecht hoher Dosis verabreicht.

Gegen die psychischen Verstimmungen kann der Arzt gegebenenfalls Beruhigungsmittel geben. Die Remission der Symptome ist binnen Wochen zu erwarten. Falls die neurologischen Symptome des Syndroms entgegen aller Erwartungen nicht remittieren, werden in der Regel physiotherapeutische Behandlungen verschrieben.

Aussicht & Prognose

Durch das Acromelalga-Syndrom kommt es in der Regel nicht zu besonderen Schäden oder Komplikationen. Der Patient leidet an Beschwerden des Nervensystems, welche aufgrund der Vergiftung auftreten. Dabei kann es zu Missempfindungen und Taubheitsgefühlen in verschiedenen Regionen des Körpers kommen. Weiterhin treten auch Lähmungen auf, die zu einer Bewegungseinschränkung führen können.

Teils treten durch die Einschränkungen und Lähmungen auch Depressionen und andere psychische Beschwerden auf. Der Betroffene fühlt sich krank und müde. Die Muskeln schmerzen und es kann in schwerwiegenden Fällen auch zu Krämpfen kommen. Oft können die Symptome einer Vergiftung auch zu einer Panikattacke führen.

In der Regel wird eine medizinische Behandlung des Acromelalga-Syndroms nicht benötigt und die Symptome verschwinden, wenn der Körper das Gift abgebaut hat. In akuten Fällen oder bei lebensgefährlichen Symptomen können Medikamente zur Behandlung eingesetzt werden. Oft hilf auch ein gewöhnliches Erbrechen, um das Gift aus dem Körper zu befördern. Falls der Patient über psychische Beschwerden klagt, können vom Arzt auch entsprechende Medikamente verschrieben werden.

Die Lebenserwartung wird durch das Acromelalga-Syndrom in der Regel nicht verringert und es kommt in den meist zu einem positiven Krankheitsverlauf.


Vorbeugung

Dem Acromelalga-Syndrom kann durch Gewissenhaftigkeit beim Pilzverzehr vorgebeugt werden. Giftige Pilze wie der wohlriechende Trichterling und der japanische Bambustrichterling sollten nicht verzehrt werden. Auch alle anderen Giftpilze sind nicht zum Verzehr geeignet. Pilzsuchende sollten sich daher entweder selbst mit Pilzen auskennen oder eine erfahrene Stelle zu Rate ziehen, anstatt ihre Ausbeute einfach zu essen.

Nachsorge

Das Acromelalga-Syndrom kann heute gut behandelt werden. Mit der entsprechenden Nachsorge lassen sich die Beschwerden innerhalb weniger Tage beheben. Der Patient sollte sich im Anschluss einige Wochen schonen und keine körperlich anstrengenden Tätigkeiten durchführen. Der Arzt wird in der Regel Bettruhe und gegebenenfalls auch eine entsprechende Diät empfehlen, damit das übrige Pilzgift aus dem Organismus ausgeschwemmt wird.

Typischerweise werden abführende Lebensmittel wie Kraut oder Bohnen empfohlen. Auf Koffein und Alkohol sollte zunächst verzichtet werden, da die Niere noch mit der Ausschwemmung der Acromelsäure beschäftigt ist. Darüber hinaus muss beim Acromelalga-Syndrom die Ursache der Beschwerden ermittelt werden, damit es nicht zu einer erneuten Vergiftung kommt.

Im Rahmen der Nachsorge wird der Mediziner eine weitere körperliche Untersuchung durchführen und außerdem ein umfassendes Gespräch mit dem Patienten durchführen. Anhand der Ergebnisse kann der Auslöser ermittelt werden. Anschließend sind entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten, also die Entsorgung der ursächlichen Lebensmittel oder die Vermeidung bestimmter Substanzen, die Stoffe des Parfümierten Trichterlings oder des Japanischen Bambustrichterlings enthalten.

Psychologische Maßnahmen sind normalerweise nicht notwendig. Allerdings kann es in Einzelfällen sinnvoll sein, die Erkrankung im Rahmen einer Traumatherapie aufzuarbeiten. Vor allem bei schweren Erkrankungen, bei denen der Patient zwischenzeitlich in Lebensgefahr war, sollte zumindest ein Gespräch mit einem Therapeuten stattfinden.

Das können Sie selbst tun

Eine Pilzvergiftung sollte in jedem Falle ärztlich behandelt werden, vor allem da es bei dem Acromelalga Syndrom zu neurologischen Störungen kommen kann. Betroffene vertragen zumeist keine Wärme. Daher sollte ein kühler Raum aufgesucht bzw. für zusätzliche Kühlung durch ein Klimagerät und ausreichend Verschattung gesorgt werden. Wenn sich keine Dermatosen gebildet haben, können auch kühlende Umschläge das Wohlbefinden steigern.

Um die Schmerzen in Armen und Beinen zu mindern verschreibt der Arzt oft leichte Schmerzmittel oder Analgetika. Diese können über einen begrenzten Zeitraum eingenommen werden. Da es kein Gegengift gibt, kann die Behandlung lediglich auf eine schnelle Ausscheidung der Toxine beruhen. Zunächst wird angeraten die Flüssigkeitszufuhr stark zu erhöhen, um so die Menge des im Körper befindlichen Giftes zu reduzieren. Auch ein künstlich hervorgerufenes Erbrechen – über ein Brechmittel – wird ärztlich angeraten. Weiterhin kann die Einnahme von Heilerde oder Bentonit helfen, die bereits von Magen und Darm resorbierten Toxine zu binden. Diese werden anschließend über den Stuhl ausgeschieden.

Bei sehr sensiblen oder zu Depressionen neigenden Patienten können auch Beruhigungsmittel eingenommen werden. Homöopathisch unterstützen die Mittel Nux Vomica und Arsenum bei bestehenden Vergiftungen. Verstärken sich Schmerzen und Lähmungsbeschwerden in kürzester Zeit oder tritt sogar ein Schock ein, ist umgehend der Notarzt zu konsultieren. In den meisten Fällen lässt sich die Erkrankung jedoch daheim therapieren.

Quellen

  • Braun, J., Dormann, A.J.: Klinikleitfaden Innere Medizin. Urban & Fischer, München 2009
  • Hahn, H., et al.: Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie. Springer, Berlin 2012
  • Ziegenfuß, T.: Notfallmedizin. Springer, Heidelberg 2011

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