Aderlass
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der Aderlass wird zu den ältesten Heilverfahren gezählt. Dabei wird dem Patienten gezielt Blut entnommen.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist der Aderlass?
In früheren Zeiten zählte der Aderlass (Phlebotomie) zu den häufigsten Therapiemaßnahmen; er kam bei zahlreichen Erkrankungen zum Einsatz. Er war bis in das 19. Jahrhundert als Heilmittel weit verbreitet.
In der heutigen Zeit gilt der Aderlass, bei dem den Patienten eine hohe Menge an Blut abgenommen wird, lediglich in wenigen Fällen als vorteilhaft. Aus diesem Grund gelangt er heutzutage nur noch selten zum Einsatz. Als Aderlass werden in der Umgangssprache auch Blutabnahmen zum Zweck der Blutuntersuchung oder Blutspende angesehen.
In früheren Zeiten galt der Aderlass als Allzweckheilmittel. So wurde die Blutabnahme zu den unterschiedlichsten Erkrankungen genutzt, was jedoch nicht selten bei den Patienten zu Schäden führte. Dabei bluteten manche Erkrankte mitunter regelrecht aus. Zu den prominentesten Patienten des Aderlasses gehörte George Washington (1732-1799). So wurde bei ihm eine starke Kehlkopfentzündung durch den Aderlass behandelt, dessen Durchführung mehrmals erfolgte. Dabei galt der enorme Blutverlust des ersten amerikanischen Präsidenten als möglicher Grund für dessen Ableben.
Aderlassverfahren sind bereits aus der frühen indischen Medizin überliefert. Noch heute wird im Ayurveda der Aderlass durchgeführt. In Europa erfolgten die Behandlungen durch den griechischen Arzt Hippokrates (460 bis 370 v. Chr.). Seinerzeit gingen die Mediziner davon aus, dass die Krankheiten zumeist durch ein Übermaß an Blut verursacht wurden. Gleiches galt für ein Ungleichgewicht bei den Körpersäften. Es wurde angenommen, dass sich das Blut in den Gliedern anstaute und verdarb. Daher galt die Entfernung des schlechten Blutes als sinnvoll.
Im Jahr 1628 entdeckte der Engländer William Harvey (1578-1657) den Blutkreislauf und widerlegte damit die Aderlassgrundlagen. Dennoch blieb der Aderlass als Behandlungsmethode weiterhin im Einsatz. So wurde die Therapiemethode noch bis ins 19. Jahrhundert empfohlen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Mithilfe des Aderlasses sollen die Selbstheilungskräfte des Organismus gestärkt werden. Der Körper bildet dabei neue Blutzellen, die fehlende Zellen ersetzen. Nach Auffassung der Naturheilkunde weisen die neuen Zellen eine bessere Arbeitsweise auf als die vorherigen Blutzellen. In der Naturheilkunde gelten als positive Wirkungen des Aderlasses die zunehmende Aufnahme von Sauerstoff, die verbesserten Fließeigenschaften des Blutes, die effizientere Arbeit des Immunsystems sowie das Anregen der Entgiftung.
Als unterstützende Therapiemethode wird der Aderlass von der Alternativmedizin zur Behandlung oder Prävention von Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Entzündungen, Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck, Gicht und Übergewicht empfohlen. Allerdings liegen kaum wissenschaftliche Studien vor, die die gesundheitsfördernde Wirkung des Aderlasses bestätigen. So fielen die wenigen Studien unterschiedlich aus. Als positiv galt u. a. die Abnahme des oberen (systolischen) Blutdruckwerts, der in einer Untersuchung im Mittel um 16 mmHg sank.
Aber auch in der Schulmedizin kommt der Aderlass durchaus zum Einsatz, wenn auch nur noch selten. Dazu gehören zum Beispiel Erkrankungen wie Polyglobulie, bei der sich die Anzahl an Erythrozyten (roten Blutkörperchen) erhöht, Polycythaemia vera (PV), die mit hohen Hämatokritwerten einhergeht, sowie die Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose, bei der der Darm übermäßig viel Eisen aufnimmt. Dies führt wiederum zu einer Überlastung von Herz und Leber. Zur Durchführung des Aderlasses erfolgt in der Regel die Blutentnahme durch die Armvene innerhalb der Ellenbeuge.
Je nachdem, in welcher Verfassung sich der Patient befindet, entnimmt der Arzt entweder eine kleine Menge an Blut zwischen 50 und 150 Millilitern oder eine große Menge, die bis zu 500 Milliliter betragen kann. Via Schlauch gelangt das Blut des Patienten in ein Auffanggefäß, bei dem es sich in der Regel um eine Unterdruck-Glasflasche handelt. Außer dem Einstich verspürt der Patient in der Regel keine Schmerzen. Insgesamt dauert die Prozedur nicht länger als fünf Minuten. Außerdem überprüft der Arzt regelmäßig den Blutdruck des Patienten.
Eine spezielle Variante stellt der japanische Aderlass dar, der auch als Shiraku oder Mikroaderlass bekannt ist. Bei diesem Verfahren sticht der Therapeut Krampfadern am Unterschenkel mit einer Lanzette oder einem Messer auf. Auf diese Weise werden Blutstauungen behandelt, die mit Dehnungen der Blutgefäße zusammenhängen.
Eine andere Form ist der Aderlass nach Hildegard von Bingen, der von verschiedenen Heilpraktikern angeboten wird. Dabei soll der Körper von „schlechtem Blut“ bzw. Giften befreit werden.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Fällt der Blutdruck zu stark ab oder wird zu viel Blut entnommen, besteht das Risiko von Schwindelgefühlen, Kreislaufproblemen und Ohnmacht. Durch den Einstich in die Haut ist es wiederum möglich, dass schädliche Bakterien in den Körper eindringen und eine Entzündung verursachen. Allerdings lässt sich diese Nebenwirkung durch sorgfältige Hygiene in der Regel vermeiden. Erfolgt ein zu hoher Entzug von Blut, besteht das Risiko eines Eisenmangels.
Es gibt auch einige Gegenanzeigen, bei deren Vorliegen kein Aderlass vorgenommen werden darf. Dabei handelt es sich um akuten Durchfall, Anämie (Blutarmut), krankhaft niedrigen Blutdruck sowie eine Dehydratation. Bei Kindern und alten Menschen ist auf eine allgemeine körperliche Schwäche zu achten.
Geschichte & Entwicklung
Die gedankliche Grundlage des Aderlasses war über zwei Jahrtausende hinweg die Lehre von den vier Körpersäften. Nach ihr bestimmen Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle den Zustand des Menschen, und Krankheit galt als Folge eines Übermaßes oder eines gestörten Mischungsverhältnisses dieser Säfte. Der griechische Arzt Galenos von Pergamon fasste diese Vorstellung im zweiten Jahrhundert nach Christus zu einem geschlossenen Lehrgebäude zusammen und legte fest, bei welchen Beschwerden welche Vene zu öffnen sei. Seine Schriften bestimmten die europäische Heilkunde bis weit in die Neuzeit hinein.
Im Mittelalter reichte die Anwendung weit über die Krankenbehandlung hinaus. In Klöstern gehörte der Aderlass zu wiederkehrenden Terminen des Jahres und war Teil der Ordnung des Zusammenlebens; er sollte Gesunde vor einem Überfluss an Blut bewahren. Weit verbreitet waren Aderlasstafeln und Aderlasskalender sowie die Darstellung des sogenannten Aderlassmännchens, einer Figur, an der die zu öffnenden Venen eingezeichnet waren. Solche Tafeln ordneten den einzelnen Gefäßen bestimmte Beschwerden zu und legten zugleich fest, welcher Tag nach Mondstand und Tierkreiszeichen als günstig galt.
Ausgeführt wurde der Eingriff nur selten von studierten Ärzten, denen die handwerkliche Tätigkeit am Körper lange als standeswidrig galt. Zuständig waren Bader, Barbiere und Wundärzte, die den Aderlass neben dem Zähneziehen und der Wundversorgung als Gewerbe betrieben. Die rot-weiß gewundene Stange, die bis heute als Zeichen der Barbiere gilt, wird auf diese Tätigkeit zurückgeführt: auf den weißen Verband und das Blut.
An Werkzeugen dienten die Lanzette und der Schnepper, ein federgetriebenes Gerät, das die Haut mit einem raschen Schnitt öffnete. Daneben standen das blutige Schröpfen, bei dem die geritzte Haut mit einer Saugglocke bedeckt wird, und das Ansetzen von Blutegeln. Im frühen 19. Jahrhundert erreichte die Anwendung ihren Höhepunkt; in Frankreich wurden Blutegel damals in großem Umfang eingeführt, weil die einheimischen Bestände den Bedarf nicht mehr deckten.
Die Abkehr begann in derselben Zeit, und sie ging nicht von einer neuen Theorie aus, sondern vom Zählen. Der französische Arzt Pierre Charles Alexandre Louis verglich in den 1830er Jahren die Verläufe von Kranken mit einer Lungenentzündung, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten zur Ader gelassen worden waren, und fand den erwarteten Vorteil nicht. Sein Vorgehen, Behandlungsergebnisse abzuzählen, statt sie aus der Lehre abzuleiten, gilt als früher Vorläufer der heutigen klinischen Forschung. Zusammen mit dem neuen, auf Zellen und Organe bezogenen Krankheitsverständnis des 19. Jahrhunderts entzog es dem Aderlass als Allzweckmittel die Grundlage.
Im Sprachgebrauch hat das Verfahren die Medizin überdauert: Als „Aderlass“ wird bis heute ein empfindlicher Verlust bezeichnet, etwa an Personal oder an Geld.
Der therapeutische Aderlass in der heutigen Medizin
Wo der Aderlass heute in der Schulmedizin angewandt wird, ist er kein allgemeines Heilmittel mehr, sondern ein gezielter Eingriff mit einem messbaren Ziel: Dem Körper wird entweder Eisen oder ein Überschuss an roten Blutkörperchen entzogen. Beides lässt sich im Labor verfolgen, und die Laborwerte bestimmen, wie häufig und wie lange behandelt wird.
Bei der Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose nimmt der Darm mehr Eisen auf, als der Körper wieder abgeben kann. Das überschüssige Eisen lagert sich in Leber, Bauchspeicheldrüse, Herz und weiteren Organen ab und schädigt sie mit der Zeit. Da der Körper Eisen kaum ausscheiden kann, es aber für jedes neu gebildete rote Blutkörperchen benötigt, ist die wiederholte Entnahme von Blut das etablierte Vorgehen, um den Speicher zu entleeren. Die Behandlung verläuft in zwei Abschnitten: einer Entspeicherungsphase mit dicht aufeinanderfolgenden Entnahmen, bis die Speicherwerte im angestrebten Bereich liegen, und einer anschließenden Erhaltungsphase mit deutlich größeren Abständen, die in der Regel dauerhaft fortgeführt wird. Kontrolliert wird über das Blutbild sowie über Ferritin und Transferrinsättigung, zwei Laborwerte, die den Eisenbestand des Körpers abbilden.
Bei der Polycythaemia vera, einer Erkrankung des Knochenmarks mit gesteigerter Bildung roter Blutkörperchen, verfolgt der Aderlass ein anderes Ziel. Das Blut ist hier zähflüssiger als normal, wodurch das Risiko für eine Thrombose steigt. Durch wiederholte Entnahmen wird der Anteil der Zellen am Blutvolumen, der Hämatokritwert, gesenkt und anschließend in einem festgelegten Bereich gehalten. Bei erworbenen Formen der Polyglobulie, etwa infolge einer schweren Lungenerkrankung oder eines langen Aufenthalts in großer Höhe, wird deutlich zurückhaltender vorgegangen: Die vermehrte Zellbildung ist dort eine Anpassung an den Sauerstoffmangel, und ihre Beseitigung kann dem Betroffenen schaden.
Eine weitere anerkannte Anwendung ist die Porphyria cutanea tarda, eine Störung im Aufbau des roten Blutfarbstoffs, bei der die Haut auf Licht mit Blasen und Verletzlichkeit reagiert. Der Entzug von Eisen entlastet hier den gestörten Stoffwechselweg in der Leber.
In spezialisierten Einrichtungen steht mit der Erythrozytapherese ein technisch aufwendigeres Verfahren zur Verfügung. Dabei werden dem Blut in einem Gerät gezielt nur die roten Blutkörperchen entnommen, während Blutplasma und die übrigen Bestandteile zurückgegeben werden. Auf diese Weise lässt sich mehr Eisen in einem Durchgang entfernen, ohne dem Kreislauf ebenso viel Flüssigkeit zu entziehen.
Abgrenzung zu ähnlichen Verfahren
Umgangssprachlich wird eine ganze Reihe verschiedener Vorgänge als Aderlass bezeichnet. Fachlich unterscheiden sie sich vor allem im Zweck.
Bei der diagnostischen Blutentnahme geht es um die Untersuchung des Blutes; entnommen wird nur eine sehr kleine Menge, die für den Kreislauf ohne Bedeutung ist. Die Blutspende dient nicht der Behandlung des Spenders, sondern anderen Menschen; entnommen wird eine festgelegte Menge, und vorab wird geprüft, ob der Spender geeignet ist und ob sein Blut verwendet werden darf. Eine Sonderform ist die Eigenblutspende vor planbaren Operationen, bei der das Blut für den Spender selbst zurückgelegt wird. Der therapeutische Aderlass unterscheidet sich von allen dreien dadurch, dass die Entnahme selbst die Behandlung ist.
Vom Aderlass zu trennen sind außerdem die ableitenden Verfahren der Naturheilkunde, die zwar ebenfalls Blut entziehen, aber in anderer Weise. Beim blutigen Schröpfen wird die Haut geritzt und mit einer Saugglocke bedeckt; das Blut stammt aus oberflächlichen Hautgefäßen, und die Menge bleibt gering. Bei der Behandlung mit Blutegeln entzieht das Tier nicht nur Blut, sondern gibt zugleich Bestandteile seines Speichels ab, die die Blutgerinnung hemmen und örtlich wirken sollen; das Verfahren ist deshalb mit einem Aderlass nicht gleichzusetzen. Zwischen diesen Formen steht der weiter oben beschriebene japanische Mikroaderlass, bei dem oberflächliche Gefäße eröffnet werden.
Voraussetzungen, Durchführung & Nachsorge
Wer einen Aderlass vornimmt, hängt vom Anlass ab. Bei den anerkannten Krankheitsbildern liegt die Behandlung in ärztlicher Hand, meist in hämatologischen Ambulanzen, in transfusionsmedizinischen Einrichtungen oder in Schwerpunktpraxen; dort werden die Entnahmen geplant, dokumentiert und anhand der Laborwerte gesteuert. Im naturheilkundlichen Bereich wird der Aderlass von Ärzten mit der Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren und von Heilpraktikern angeboten. Die Ausbildungswege sind dort uneinheitlich, weshalb die Qualifikation des Behandelnden von Fall zu Fall sehr verschieden ausfallen kann.
Vor der Entnahme steht die Befragung des Patienten nach Vorerkrankungen und Medikamenten, dazu die Bestimmung von Laborwerten und die Messung von Puls und Blutdruck. Geprüft wird auch, ob eine der weiter unten genannten Gegenanzeigen vorliegt. Der Behandelnde achtet darauf, dass der Patient nicht nüchtern erscheint und ausreichend getrunken hat, weil der Kreislauf den Volumenverlust dann besser abfängt.
Die Entnahme erfolgt im Liegen oder in halb liegender Haltung, damit ein Kreislaufabfall nicht zum Sturz führt. Während des Vorgangs bleibt der Patient unter Beobachtung; auf Blässe, Schwitzen, Übelkeit und Unruhe wird geachtet, weil sie einer Ohnmacht vorausgehen können. Nach dem Entfernen der Nadel wird die Einstichstelle für einige Zeit zusammengedrückt und anschließend verbunden.
Im Anschluss bleibt der Patient noch eine Weile in der Einrichtung, nimmt Flüssigkeit zu sich und wird auf Kreislaufreaktionen beobachtet. Auf körperliche Anstrengung wird an diesem Tag üblicherweise verzichtet. Bei wiederholten Aderlässen gehört die Verlaufskontrolle zur Behandlung: Neben dem Blutbild werden die Eisenwerte verfolgt, denn bei zu häufigen Entnahmen kann aus dem erwünschten Eisenentzug ein Eisenmangel mit Blutarmut werden. Genau hierin liegt der wichtigste Unterschied zwischen dem ärztlich gesteuerten Aderlass und der naturheilkundlichen Anwendung: Dort, wo ein Laborwert das Behandlungsziel vorgibt, ist auch der Punkt bestimmt, an dem die Behandlung zu beenden ist.
Quellen
- Kraft, K., Stange, R. (Hrsg.): Lehrbuch Naturheilverfahren.
ISBN: 9783830453338
- Bühring, U.: Lehrbuch Heilpflanzenkunde.
ISBN: 9783132455290
- Dobos, G., Paul, A. (Hrsg.): Mind-Body-Medizin.
ISBN: 9783437579318
- Bühring, U., Girsch, M.: Praxis Heilpflanzenkunde.
ISBN: 9783132460522
- Focks, C. (Hrsg.): Leitfaden chinesische Medizin.
ISBN: 9783437550584
