FSME-Virus
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Das FSME-Virus ist Krankheitserreger der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Als Hauptüberträger der grippeähnlichen Erkrankung gilt die Zecke. Der Verlauf fällt sehr variabel aus. Im ungünstigsten Fall treten schwere Komplikationen bis hin zu Langzeitschäden des Nervensystems auf.
Was ist das FSME-Virus?
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FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) gehört zu den meldepflichtigen Infektionskrankheiten in Deutschland. Das auslösende Virus entstammt der Familie der Flaviviridae. Dessen Erbgut besteht aus einem einzelnen RNA-Strang, der von einer Virushülle umgeben ist. Es existieren drei Unterarten des FSME-Virus: Far Eastern Subtype, Western Subtype und der Siberian Subtype.
Als natürlichen Überträger nutzt das Virus Zecken für die Übertragung zum Endwirt. Durch kontaminierten Speichel übertragen hauptsächlich Zecken während ihrer Blutmahlzeit das FSME-Virus auf den Menschen. Es besteht eine enge Verwandtschaft des FSME-Virus zu den Verursachern des Dengue- und Gelbfiebers.
Allein in Deutschland erkranken jährlich Personen im dreistelligen Bereich. Aufgrund der äußerst variablen Ausprägung der Auswirkungen auf die Gesundheit werden zudem nicht alle Fälle registriert. Zu Beginn verlaufen Symptome zusätzlich sehr unspezifisch. Oft kommt es allerdings auch trotz Eindringen des Erregers in den Blutkreislauf zu keiner Erkrankung.
Die Inkubationszeit beträgt etwa ein bis drei Wochen bis zum Aufkeimen erster Krankheitsanzeichen. Aufgrund der zeitlichen Differenz und der unspezifischen Symptomatik besteht Verwechslungsgefahr mit einer gewöhnlichen Sommergrippe. Häufig geht daher der Kontakt des Virus mit dem Immunsystem völlig unbemerkt vonstatten.
Als Hauptüberträger gilt die Zecke namens Gemeiner Holzbock (Ixodes ricinus). Unter den Zwischenwirten existieren zahlreiche Arten, die ebenfalls den Erreger in sich tragen. Auch Mitglieder der Familie der Lederzecken (Argas und Ornithodoros) sind gelegentlich infiziert.
Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften
Hauptbestandteile der schützenden Virushülle sind die Proteine Envelope-Protein E, Core-Protein C sowie das Membrane-Protein. Als gefährlichster Vertreter des FSME-Virus gilt bis heute der Far Eastern Subtype. Die Letalität bei dieser Variante beträgt 20 Prozent. Dessen Verbreitungsgebiet dehnt sich von Russland bis hin zu China, Korea und Japan aus.
In Europa dominiert der weniger gefährliche Western Subtype, bei dem tödliche Verläufe deutlich seltener sind. Der Stich durch eine Zecke in Risikogebieten ist nicht gleichbedeutend mit einer Infektion. Schätzungen rechnen mit einer Ansteckungsquote von 1 : 150. Nur bei rund 30 Prozent der Infizierten kommt es überhaupt zu Krankheitszeichen. Darunter befinden sich zum großen Teil Männer. Nur jedes dritte Opfer ist weiblich. Diese Tendenz ist auch bei den Todesfällen zu beobachten. Dort liegt das männliche Geschlecht mit 75 Prozent Anteil deutlich vorne. Bei älteren Personen ab dem 50. Lebensjahr ist eine Häufung von längeren und schweren Krankheitsverläufen zu beobachten.
In Deutschland besteht in den südlichen Bundesländern erhöhte Gefahr einer Ansteckung. Bayern, Baden-Württemberg, Südostthüringen und Sachsen sowie südliche Teile von Hessen und Rheinland-Pfalz gelten laut Robert Koch-Institut als Risikogebiet. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit einer FSME-Infektion messbar über dem Durchschnitt. Das Institut schreibt die Liste der Risikogebiete jährlich fort; sie hat sich in den vergangenen Jahren schrittweise nach Norden ausgedehnt, sodass inzwischen auch einzelne Landkreise weiter nördlich gelegener Bundesländer dazugehören. Gegen FSME steht eine Schutzimpfung zur Verfügung; die Ständige Impfkommission empfiehlt sie Menschen, die sich in Risikogebieten aufhalten und dort Zecken ausgesetzt sind.
Allgemein deckt die Verbreitung des Erregers in Zeckenbeständen weite Teile Europas mit einer Konzentration in den zentralen und östlichen Gebieten ab. Die Parasiten lauern bevorzugt zur Frühjahreszeit und zu Sommerbeginn in Gräsern und Büschen. Waldgebiet und private Gartenanlagen bieten für sie zahlreiche Unterschlupfmöglichkeiten. Ansteckungsgefahr besteht somit theoretisch überall in der freien Natur. Freizeitaktivitäten von Personen mit kurzer Kleidung bieten daher eine optimale Angriffsfläche für die Zecken. Es ist daher ratsam, sich nach einem Aufenthalt in der Natur nach Zecken abzusuchen und diese ggf. mit einer Zeckenzange oder anderen Hilfsmitteln zu entfernen.
Als sekundäre Infektionsquelle stellen infizierte Milchprodukte von kranken Tieren eine Gefahr dar. Der Verzehr von Rohmilchprodukten führt bei ausreichendem Vorkommen an FSME-Erregern durch die orale Aufnahme zur Erkrankung. Durch Pasteurisierung fällt die Wahrscheinlichkeit für eine Übertragung auf deutschem Bundesgebiet äußerst niedrig aus. Auffällig ist eine endemische Häufung von Fällen innerhalb von Risikogebieten in der Nähe von Flüssen. Die Ursache für diesen Zusammenhang ist weiterhin ungeklärt.
Krankheiten & Beschwerden
Im ersten Stadium sind die tragenden Merkmale Müdigkeit, Übelkeit sowie Kopf- und Gliederschmerzen, die mit Fieber einhergehen. Die Charakteristik ähnelt anfangs der einer üblichen Sommergrippe. Meistens bleibt es bei dieser Intensität der Ausprägung und die Krankheit klingt im Anschluss ab.
Wenige Wochen danach kann ein zweiter Ausbruch erfolgen. Während des Eintritts in das zweite Stadium ist ein Befall des zentralen Nervensystems festzustellen. Verstärktes Fieber sowie intensive Kopfschmerzen sind typisch. Hinzu kommt ein steifer Nacken. Häufig stehen diese Symptome im direkten Zusammenhang mit einer Meningitis (Hirnhautentzündung). In besonders schweren Fällen weitet sich der Entzündungsherd auf das Rückenmark und das Gehirn aus. Auch Nervenwurzeln werden in Mitleidenschaft gezogen.
Erste Ausfallerscheinungen im sensorischen und motorischen Bereich sind die Konsequenz. So können Sprachstörungen und Schluckbeschwerden auftreten. Lähmungserscheinungen einzelner Körperpartien und psychische Auswirkungen treten je nach Lokalisation des Befalls im Gehirn und Rückenmark auf.
Die Letalität innerhalb der schweren Fälle liegt in Europa bei ein bis zwei Prozent. Damit haben Personen in dieser Krankheitsphase die schlechteste Aussicht auf Heilung. Ein Teil dieser Patienten erholt sich im Verlauf von Monaten vollständig, bei anderen bilden sich die Beschwerden nur teilweise zurück.
Knapp die Hälfte der Betroffenen mit schwerem Verlauf muss ein Leben mit chronischen Folgeerscheinungen der FSME führen. Neurologische Schäden stehen dabei im Vordergrund. Abhängig vom Schweregrad äußern diese sich in Atembeschwerden, Taubheitsgefühlen und Störungen des Gleichgewichtssinnes. Lähmungen und Sprachbehinderungen können weiterhin bestehen bleiben. Vereinzelt kann es jedoch auch zur spontanen Heilung aller Beschwerden kommen.
Aufbau und Vermehrung
Das FSME-Virus ist ein kugelförmiges, von einer Fetthülle umgebenes Teilchen und gehört damit zu den vergleichsweise einfach gebauten Erregern. Sein Erbgut liegt als ein einziger Strang Ribonukleinsäure (RNA) vor, den die befallene Zelle unmittelbar ablesen kann, ohne dass zuvor eine Zwischenkopie hergestellt werden müsste. Abgelesen wird er in ein einziges langes Eiweiß, das anschließend von Enzymen zerschnitten wird – in die drei Eiweiße, aus denen das fertige Virusteilchen besteht, und in weitere, die nur im Zellinneren für die Vermehrung gebraucht werden.
Von den Bestandteilen der Hülle ist das bereits erwähnte Envelope-Protein E das entscheidende. Es vermittelt die Anheftung an die nächste Zelle und lässt anschließend die Virushülle mit der Zellmembran verschmelzen. Zugleich ist es der Baustein, gegen den sich die schützenden Antikörper richten, und damit die Grundlage der verfügbaren Impfung. Dass die drei Unterarten des Virus einander gerade in diesem Eiweiß stark ähneln, ist der Grund dafür, dass die in Europa verwendeten Impfstoffe nach derzeitigem Kenntnisstand auch gegen die östlichen Varianten schützen.
Die Vermehrung findet vollständig außerhalb des Zellkerns statt, an eigens umgebauten Membranen im Zellinneren. Ein Einbau des Virus-Erbguts in das Erbgut des Menschen erfolgt nicht; eine ruhende Dauerinfektion, wie sie von anderen Virusgruppen bekannt ist, gibt es beim FSME-Virus nicht. Wer die Erkrankung überstanden hat, gilt nach heutigem Wissen als dauerhaft geschützt.
Der Weg vom Zeckenstich ins Nervensystem
Anders als die Erreger der Borreliose, die sich zunächst im Darm der Zecke aufhalten und erst nach Stunden in den Wirt übergehen, liegt das FSME-Virus in den Speicheldrüsen des Tieres bereit. Es wird deshalb schon zu Beginn der Blutmahlzeit mit dem Speichel abgegeben. Eine Zecke rasch zu entfernen senkt das Risiko einer Borrelieninfektion, schützt aber nicht zuverlässig vor einer Ansteckung mit dem FSME-Virus.
Im Körper vermehrt sich der Erreger zunächst an der Einstichstelle in Zellen der Haut, darunter in wandernden Abwehrzellen. Diese tragen ihn in die nächstgelegenen Lymphknoten, von wo aus er ins Blut gelangt. In dieser Phase entstehen die unspezifischen Beschwerden des ersten Stadiums. Bei den meisten Infizierten fängt die Abwehr das Virus hier ab, und die Sache ist überstanden.
Gelingt es dem Erreger dagegen, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden – jene Barriere aus dicht schließenden Gefäßzellen, die das Gehirn gegen Stoffe aus dem Blut abschirmt –, befällt er Nervenzellen. Die Schäden entstehen dann nicht allein durch das Virus, sondern in erheblichem Maß durch die Abwehrreaktion selbst: Abwehrzellen dringen in das Gewebe ein, um befallene Nervenzellen zu beseitigen, und schädigen dabei auch gesunde. Das erklärt, warum die zweite Krankheitsphase erst mit zeitlichem Abstand einsetzt und warum Beschwerden fortbestehen können, obwohl im Nervengewebe kein vermehrungsfähiges Virus mehr nachweisbar ist.
Zecken als Überträger und Reservoir
Der Gemeine Holzbock durchläuft nach dem Schlüpfen aus dem Ei drei Stufen: Larve, Nymphe und ausgewachsene Zecke. Auf jeder dieser Stufen saugt das Tier ein einziges Mal Blut. Eine Larve, die an einem infizierten Kleinnager Blut aufnimmt, behält das Virus über die Häutung hinweg und gibt es als Nymphe weiter. Auch die Übertragung vom Zeckenweibchen auf dessen Eier ist möglich, sodass sich der Erreger in der Zeckenpopulation halten kann, ohne einen Wirbeltierwirt zu benötigen.
Als Reservoir dienen vor allem kleine Nagetiere wie Wühl- und Waldmäuse, die selbst nicht erkranken. Eine Besonderheit ist die Übertragung zwischen Zecken, die dicht nebeneinander am selben Tier saugen: Der Erreger geht dabei unmittelbar von der infizierten auf die nicht infizierte Zecke über, ohne dass das Wirtstier selbst nennenswerte Virusmengen im Blut tragen müsste. Größere Tiere wie Rehe sind für den Bestand der Zecken wichtig, weil die ausgewachsenen Weibchen an ihnen ihre letzte Blutmahlzeit nehmen; als Virusreservoir spielen sie hingegen keine Rolle.
Für den Menschen sind vor allem die Nymphen von Bedeutung. Sie sind kaum stecknadelkopfgroß, werden deshalb häufig übersehen und treten in weit größerer Zahl auf als die ausgewachsenen Zecken. Nicht selten können sich Erkrankte an keinen Zeckenstich erinnern.
Dass die Zecken vor allem im Frühjahr und zu Sommerbeginn lauern, hat einen einfachen Grund: Sie werden aktiv, sobald die Temperaturen dauerhaft über den Gefrierpunkt steigen, und stellen ihre Aktivität bei Hitze und Trockenheit vorübergehend wieder ein. Daraus ergibt sich der für die Erkrankung namengebende Schwerpunkt, dem in milden Jahren ein zweiter, kleinerer im Herbst folgen kann. In warmen Wintern werden vereinzelt auch dann Zecken angetroffen.
Nachweis und Diagnostik
Ein direkter Nachweis des Virus ist beim FSME-Virus nur eingeschränkt möglich. In der ersten, grippeähnlichen Phase ließe sich das Erbgut mit der Polymerase-Kettenreaktion aus dem Blut gewinnen – zu diesem Zeitpunkt denkt allerdings kaum jemand an die Erkrankung. Sobald die Beschwerden des zweiten Stadiums beginnen, ist das Virus aus dem Blut in der Regel bereits verschwunden.
Die Diagnose stützt sich deshalb im Regelfall auf den Nachweis von Antikörpern im Blut. Unterschieden werden die früh auftretenden von den später gebildeten Immunglobulinen; erst ihr Verhältnis zueinander erlaubt die Aussage, ob die Infektion frisch ist. Erschwert wird die Bewertung dadurch, dass Antikörper gegen verwandte Flaviviren – etwa nach einer Impfung gegen Gelbfieber oder gegen die Japanische Enzephalitis – im Test mitreagieren können.
Bei Beteiligung des Nervensystems wird zusätzlich das Nervenwasser untersucht, das bei einer Lumbalpunktion aus dem Wirbelkanal entnommen wird. Typisch sind eine erhöhte Zellzahl und der Nachweis von Antikörpern, die im Nervenwasser selbst gebildet wurden. Bildgebende Verfahren dienen vor allem dazu, andere Ursachen einer Hirnentzündung auszuschließen.
Widerstandsfähigkeit und Vorbeugung
Außerhalb eines Wirtes ist das FSME-Virus empfindlich. Wärme, Austrocknung, Seifen und übliche Desinfektionsmittel zerstören die Fetthülle und machen es unschädlich. In roher Milch und in daraus hergestelltem Frischkäse hält es sich dagegen über eine gewisse Zeit – auf dieser Eigenschaft beruht der weiter oben genannte Übertragungsweg über Rohmilchprodukte. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht bekannt – ein Erkrankter ist für seine Umgebung nicht ansteckend. Beschrieben sind einzelne Übertragungen über gespendetes Blut und über verpflanzte Organe.
Mittel, die vor Stechmücken schützen, wirken nicht ohne Weiteres auch gegen Zecken; hier sind eigens dafür geprüfte Präparate erforderlich, deren Wirkung zudem nach einigen Stunden nachlässt. Eine Behandlung, die das Virus selbst angreift, steht nicht zur Verfügung; die ärztliche Betreuung richtet sich allein nach den auftretenden Beschwerden. Die früher übliche Gabe fertiger Antikörper nach einem Zeckenstich ist heute nicht mehr gebräuchlich – sie erwies sich als nicht ausreichend wirksam, und ein ungünstiger Einfluss auf den Krankheitsverlauf ließ sich nicht ausschließen.
Abgrenzung zur Borreliose
Beide Erkrankungen werden vom selben Tier übertragen und deshalb häufig miteinander verwechselt. Die Unterschiede sind allerdings grundlegend. Die Lyme-Borreliose wird durch Bakterien verursacht und lässt sich mit Antibiotika behandeln; eine Impfung gegen sie gibt es nicht. Beim FSME-Virus verhält es sich umgekehrt: Es steht eine Impfung zur Verfügung, aber kein Mittel gegen den Erreger. Auch die Verbreitung unterscheidet sich – Borrelien kommen in Zecken in ganz Deutschland vor, das FSME-Virus dagegen nur in bestimmten Gebieten. Eine einzelne Zecke kann beide Erreger zugleich tragen, sodass sich beide Erkrankungen im Anschluss an denselben Stich entwickeln können.
Quellen
- Löscher, T. et al. (Hrsg.): Tropenmedizin.
ISBN: 9783437216428
- Modrow, S., Falke, D., Truyen, U., Schätzl, H.: Molekulare Virologie.
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- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
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- Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen.
ISBN: 9783642171574
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
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