Leitungsanästhesie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Bei der Leitungsanästhesie handelt es sich um ein spezielles Narkoseverfahren. Sie dient zum Ausschalten bestimmter Nerven oder Nervenäste.
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Was ist die Leitungsanästhesie?
Unter einer Leitungsanästhesie wird ein Narkoseverfahren verstanden, in dessen Rahmen der Arzt spezielle Nerven oder Nervenäste einer Betäubung unterzieht. Dabei greift er auf Lokalanästhetika zurück, die zur örtlichen Betäubung dienen. Die Leitungsanästhesie wird zu den Verfahren der Regionalanästhesie gezählt. Zur Anwendung kommt die Methode auch in der Zahnmedizin.
Durch das Verabreichen von Betäubungsmitteln in die Nähe von Nerven lässt sich das Weiterleiten von schmerzhaften Impulsen über die afferenten Nervenfasern unterbinden. Dabei wird in der Medizin zwischen peripheren und rückenmarksnahen Verfahren unterschieden.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die betäubten Nerven sind für die Versorgung einer bestimmten Körperregion verantwortlich. Das Aufsuchen dieser Stellen erfolgt unter der Kontrolle von Ultraschall oder eines Nervenstimulators. Die Betäubung findet durch den Einsatz eines Lokalanästhetikums statt, welches mit einer Kanüle eingespritzt wird. Die Steuerung via Ultraschall hat sich in den letzten Jahren gut bewährt und gilt mittlerweile als Standard. So fällt das Versagen der Blockaden durch die Ultraschallsteuerung deutlich niedriger aus. Gleiches gilt für die Verletzung von Blutgefäßen.
Zum Einsatz kommt diese Form der Leitungsanästhesie oftmals am Arm. Dabei finden Blockaden des Plexus brachialis oder von einzelnen Nerven der Finger bzw. der Hände statt. Aber auch das Bein lässt sich einer Leitungsanästhesie unterziehen. Als gängige Einsatzgebiete gelten Blockaden des Plexus sacralis, des Plexus lumbalis, des Nervus obturatorius sowie des Nervus femoralis. Die Augenheilkunde wendet das Verfahren im Rahmen von intraokularen Eingriffen an. Als häufigstes Gebiet der Leitungsanästhesie gilt jedoch die Zahnmedizin. Dort dient sie in erster Linie zum Blockieren des Nervus mandibularis. Es lassen sich aber noch weitere Nerven einer Leitungsanästhesie unterziehen.
Unter einem Rückenmarksverfahren werden in der Medizin eine Epiduralanästhesie bzw. Periduralanästhesie sowie eine Spinalanästhesie verstanden. Bei diesen Methoden erfolgt die Einwirkung des Betäubungsmittels auf die Nervenwurzeln, deren Ausgang im Rückenmark erfolgt. Im Rahmen der Spinalanästhesie punktiert der Narkosearzt den Liquorraum auf Höhe der Nervenwurzeln. Die injizierten Medikamente bewirken eine rasche Betäubung des unteren Körperabschnittes. Normalerweise handelt es sich dabei um eine einmalige Injektion. Bei einer Periduralanästhesie wird ein Katheter in den Periduralraum vorgeschoben. Auf diese Weise kann das Lokalanästhetikum vorwiegend außerhalb der Hirnhäute auf die Spinalnerven einwirken, die vom Rückenmark abgehen.
Bei der Leitungsanästhesie legt der Narkosearzt kleinere Depots des örtlichen Betäubungsmittels, das eine lange Wirkung hat, an. Diese Depots injiziert er in die benachbarte Umgebung der Austrittsstellen von sensiblen Nerven. Für das Lokalisieren der passenden Stellen greift der Mediziner auf einen Nervenstimulator zurück. Dieser sendet Stromstöße aus, die so niedrig ausfallen, dass sie keine Schmerzen hervorrufen. Befindet sich die Nadel des Stimulators in direkter Nervennähe, hat dies Zuckungen an der betroffenen Hand oder dem betroffenen Fuß zur Folge. Nach dem Ermitteln dieser Stelle kann der Narkosearzt das entsprechende Lokalanästhetikum injizieren. Bis das Nervenversorgungsgebiet der betroffenen Körperstelle keine Empfindungen mehr verspürt, dauert es ungefähr 10 bis 20 Minuten. Nach dem Erschlaffen der Muskeln setzt dann der chirurgische Eingriff ein.
Patienten, die Angst vor dem Eingriff haben, können zusätzlich ein Schlafmittel erhalten. Dieses wirkt zwar nicht so stark wie eine Vollnarkose, doch bekommt der Patient von der Operation normalerweise nichts mit.
Zur Anwendung gelangt die Leitungsanästhesie immer dann, wenn es gilt, größere Körperstellen wie einen Arm oder ein Bein zu betäuben, ohne jedoch eine Vollnarkose einsetzen zu müssen. So findet diese Form der Regionalanästhesie oftmals an Armen oder Beinen Verwendung. Aber auch kleine Eingriffe am Knie oder am Fuß wie das Beseitigen von Krampfadern oder zahnmedizinische Behandlungen sind mit einer Leitungsanästhesie im Bereich des Möglichen. Gleiches gilt für Operationen am Gesicht, an den Augen oder am Penis.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Bei der Leitungsanästhesie sind verschiedene Nebenwirkungen möglich. Dazu gehört zum Beispiel eine unvollständige Wirksamkeit des Anästhetikums. In solchen Fällen muss die Betäubung wiederholt werden. Außerdem kann es zu Schwellungen, Fremdkörpergefühlen, Problemen beim Sprechen oder Schlucken, Schmerzen an der Einstichstelle, blitzartigen Schmerzen oder Missempfindungen bei der Berührung der Nerven oder Blutergüssen kommen. Auch Infektionen durch das Eindringen von Keimen sind denkbar, aber durch konsequente Hygienemaßnahmen in der Regel vermeidbar. Weil die Nadelspitzen, die bei der Leitungsanästhesie zum Einsatz gelangen, meist abgeschrägt und stumpf sind, sind Nervenverletzungen selten.
Eine unmittelbare Berührung des Nervs mit der Nadel würde sich zudem sofort durch Schmerzen bemerkbar machen. Gelangt das Betäubungsmittel versehentlich in ein Blutgefäß oder wird eine größere Menge davon rasch aufgenommen, kann es auf Gehirn und Herz wirken: Metallgeschmack im Mund, Ohrgeräusche und Unruhe sind erste Anzeichen, in schweren Fällen kommt es zu Krampfanfällen und Herzrhythmusstörungen. Aus diesem Grund werden Kreislauf und Bewusstsein während und nach der Betäubung überwacht. Von den injizierten Betäubungsmitteln geht in der Regel keine dauerhafte Schädigung aus, da der Körper deren Substanzen rasch abbaut und sich die Funktionstüchtigkeit des Nervs in aller Regel vollständig wiederherstellt.
Vorbereitung & Ablauf
Vor einer Leitungsanästhesie steht ein Gespräch mit dem Narkosearzt. Darin werden Vorerkrankungen, frühere Betäubungen, bekannte Unverträglichkeiten und vor allem die eingenommenen Medikamente erfragt. Besonderes Augenmerk gilt gerinnungshemmenden Präparaten, weil sie das Blutungsrisiko an der Einstichstelle erhöhen und bei rückenmarksnahen Verfahren besonders sorgfältig bedacht werden müssen. Der Arzt erläutert im selben Gespräch, welches Verfahren vorgesehen ist, wie es sich anfühlen wird und welche Alternativen bestehen.
Obwohl der Patient bei einer Leitungsanästhesie wach bleibt, wird in aller Regel Nüchternheit verlangt. Der Grund liegt nicht in der Betäubung selbst, sondern in der Möglichkeit, dass die Blockade nicht ausreichend wirkt oder sich der Eingriff ausweitet und auf eine Vollnarkose gewechselt werden muss. Aus demselben Grund werden vor Beginn ein venöser Zugang gelegt und die Kreislaufwerte überwacht; Blutdruck, Herzrhythmus und Sauerstoffsättigung werden während des gesamten Vorgangs verfolgt.
Für die Anlage wird die entsprechende Körperregion so gelagert, dass der Zielnerv gut erreichbar ist, und großflächig desinfiziert. Der Arzt arbeitet unter sterilen Bedingungen. Mit dem Ultraschallkopf sucht er die Nervenstrukturen auf und verfolgt am Bildschirm, wohin sich die Nadelspitze bewegt und wie sich das Betäubungsmittel im Gewebe verteilt. Alternativ oder ergänzend kommt der Nervenstimulator zum Einsatz. Die Einstichstelle selbst wird zuvor häufig oberflächlich betäubt, sodass vom eigentlichen Vorgang meist nur ein Druckgefühl bleibt.
Das Betäubungsmittel wird nicht auf einmal, sondern in kleinen Portionen eingespritzt. Zwischen den Portionen prüft der Arzt, ob versehentlich ein Blutgefäß getroffen wurde, und fragt den Patienten nach Missempfindungen. Diese Vorsichtsmaßnahme dient dazu, eine unbeabsichtigte Gabe in die Blutbahn frühzeitig zu bemerken. Anschließend breitet sich die Wirkung allmählich aus: Zuerst lässt das Temperaturempfinden nach, dann der Schmerz, zuletzt folgen Berührungsempfinden und Muskelkraft. Vor Beginn des Eingriffs überprüft das Team, ob die Blockade vollständig ist. Reicht sie nicht aus, kann nachgespritzt, ergänzend örtlich betäubt oder auf ein anderes Verfahren gewechselt werden.
Soll die Betäubung über den Eingriff hinaus wirken, kann statt einer einmaligen Injektion ein dünner Katheter in die Nähe des Nervs gelegt werden. Über ihn lässt sich das Betäubungsmittel fortlaufend zuführen. Solche Katheterverfahren werden vor allem nach Operationen eingesetzt, die erfahrungsgemäß starke Schmerzen verursachen.
Gegenanzeigen
Die Leitungsanästhesie ist nicht in jeder Situation möglich. Die einfachste Gegenanzeige ist die Ablehnung durch den Patienten: Da das Verfahren die Mitarbeit und das Wachbleiben voraussetzt, wird es gegen den Willen des Betroffenen nicht durchgeführt. Ähnlich verhält es sich, wenn eine Verständigung nicht möglich ist oder der Patient nicht ruhig liegen kann, weil dann die notwendige Rückmeldung während der Anlage fehlt.
Eine Infektion der Haut im Bereich der geplanten Einstichstelle schließt das Verfahren an dieser Stelle aus, weil Keime in die Tiefe verschleppt werden könnten. Bei rückenmarksnahen Verfahren wiegt dieser Punkt besonders schwer. Gleiches gilt für Störungen der Blutgerinnung: Ein Bluterguss, der sich in einem peripheren Gewebe verteilt, ist meist harmlos, während eine Blutung im Wirbelkanal auf das Rückenmark drücken kann. Vor rückenmarksnahen Verfahren werden gerinnungshemmende Medikamente daher nach festen ärztlichen Vorgaben pausiert; über den zeitlichen Ablauf entscheidet der behandelnde Arzt.
Eine bekannte allergische Reaktion auf das vorgesehene Betäubungsmittel ist ebenfalls eine Gegenanzeige. Bei vorbestehenden Nervenschädigungen, etwa im Rahmen einer Nervenerkrankung bei Diabetes mellitus, wird sorgfältig abgewogen; hier ist zudem wichtig, den Zustand vor dem Eingriff zu dokumentieren, damit spätere Beschwerden richtig eingeordnet werden können. Bei einigen Blockaden am Rumpf und am Hals kommt eine anatomische Besonderheit hinzu: In der Nähe verlaufen Nerven, die das Zwerchfell versorgen, sodass die Atmung vorübergehend eingeschränkt sein kann. Für Menschen mit einer schweren Lungenerkrankung sind solche Blockaden deshalb nur bedingt geeignet.
Abgrenzung zu anderen Betäubungsverfahren
Die Leitungsanästhesie liegt zwischen zwei anderen Verfahren. Die einfache Lokalanästhesie wirkt unmittelbar dort, wo das Mittel eingespritzt oder aufgetragen wird, und erfasst nur ein kleines Hautgebiet. Die Leitungsanästhesie setzt dagegen weiter vorn an der Leitungsbahn an: Ein einziger Injektionsort schaltet die Empfindung in dem gesamten Gebiet aus, das der betroffene Nerv versorgt. Deshalb lässt sich mit vergleichsweise wenig Substanz ein ganzer Arm oder Fuß betäuben.
Am anderen Ende steht die Vollnarkose, bei der Bewusstsein und Schmerzempfinden im gesamten Körper ausgeschaltet werden und die Atmung meist unterstützt werden muss. Die Leitungsanästhesie kommt ohne diesen Eingriff in die Gesamtfunktion des Körpers aus. Das ist vor allem für Menschen von Bedeutung, deren Herz-Kreislauf- oder Lungenfunktion eingeschränkt ist. Andererseits ist die Vollnarkose überlegen, wenn mehrere Körperregionen betroffen sind, der Eingriff lange dauert oder eine ungewöhnliche Lagerung erfordert.
Beide Verfahren schließen einander nicht aus. Häufig werden sie kombiniert: Die Operation erfolgt in Narkose, die Leitungsanästhesie übernimmt die Schmerzausschaltung danach. In anderen Fällen erhält der wache Patient zusätzlich ein beruhigendes Medikament. Innerhalb der Regionalanästhesie wiederum grenzen sich die peripheren Blockaden von den rückenmarksnahen Verfahren ab, der Spinalanästhesie und der Periduralanästhesie: Bei diesen wird nicht ein einzelner Nerv, sondern die Nervenwurzel nahe ihrem Ursprung erreicht, weshalb sie größere Körperabschnitte erfassen und andere Vorsichtsmaßnahmen erfordern.
Bedeutung für die Schmerzbehandlung nach dem Eingriff
Über die eigentliche Operation hinaus hat die Leitungsanästhesie einen zweiten Anwendungsbereich, der in den vergangenen Jahrzehnten an Gewicht gewonnen hat: die Behandlung von Schmerzen nach dem Eingriff. Wirkt die Blockade fort, entfällt der stärkste Schmerz gerade in der Zeit, in der er sonst am ausgeprägtesten ist. Das kann den Bedarf an Schmerzmitteln senken, die auf den gesamten Körper wirken, und damit auch deren typische Begleiterscheinungen verringern.
Praktisch bedeutsam ist dies vor allem bei Operationen an Schulter, Knie und Fuß. Weil sich Betroffene früher und mit weniger Beschwerden bewegen können, lässt sich die krankengymnastische Behandlung eher beginnen. In der Schmerztherapie werden Nervenblockaden darüber hinaus zur Behandlung bestimmter chronischer Schmerzzustände genutzt sowie als diagnostisches Hilfsmittel: Lässt sich ein Schmerz durch die gezielte Blockade eines bestimmten Nervs vorübergehend aufheben, spricht dies dafür, dass er über diese Bahn vermittelt wird.
Zu beachten ist der Übergang, wenn die Blockade nachlässt. Weil die Schmerzen dann teils rasch einsetzen, wird die weiterführende Schmerzbehandlung in der Regel begonnen, bevor die Wirkung vollständig abgeklungen ist. Wann und womit das geschieht, legt das behandelnde Team fest.
Geschichte & Entwicklung
Die gezielte Betäubung eines einzelnen Nervs entstand unmittelbar nach der Entdeckung des Kokains als örtlich wirksames Betäubungsmittel. Nachdem in Wien die betäubende Wirkung am Auge gezeigt worden war, verfolgte der amerikanische Chirurg William Stewart Halsted gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Richard John Hall einen anderen Gedanken: Statt die Substanz dort einzusetzen, wo der Schmerz entsteht, brachten sie sie an den zuführenden Nerv. Im Jahr 1884 gelang ihnen auf diese Weise die Blockade von Nerven im Kieferbereich; ihre ausführliche Darstellung des Verfahrens erschien im Folgejahr. Damit war das Grundprinzip der Leitungsanästhesie beschrieben, das bis heute gilt.
Einen zweiten Entwicklungsstrang begründete der deutsche Chirurg August Bier. Er führte 1898 die erste Spinalanästhesie am Menschen durch und stellte 1908 ein Verfahren vor, bei dem eine Extremität mit einer Manschette abgebunden und das Betäubungsmittel in eine Vene eingebracht wird. Diese intravenöse Regionalanästhesie wird bis heute nach ihm benannt.
Die entscheidende Verbesserung der peripheren Verfahren kam erst deutlich später. Lange Zeit musste der Arzt die Lage des Nervs allein anhand anatomischer Orientierungspunkte und der Angaben des Patienten abschätzen. Mit dem Nervenstimulator ließ sich die Nähe zum Nerv erstmals objektiv prüfen. Seit die Nervenstrukturen mit dem Ultraschall sichtbar gemacht werden können, lassen sich Nadel und Ausbreitung des Betäubungsmittels unmittelbar am Bildschirm verfolgen. Parallel dazu wurde das Kokain durch die heutigen Betäubungsmittel abgelöst, deren Wirkdauer sich gezielt wählen lässt.
Quellen
- Meier, G., Büttner, J. (Hrsg.): Atlas der peripheren Regionalanästhesie.
ISBN: 9783132420038
- Striebel, H. W.: Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin.
ISBN: 9783132431041
- Larsen, R.: Anästhesie.
ISBN: 9783437225123
- Henne-Bruns, D. (Hrsg.): Chirurgie.
ISBN: 9783132431874
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655
