Marine-Lenhart-Syndrom
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 20. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Beim Marine-Lenhart-Syndrom handelt es sich um eine relativ seltene Erkrankung. Morbus Basedow oder eine andere Autoimmunthyreopathie, die mit einer Schilddrüsenüberfunktion einhergeht, treten hier zusammen mit warmen Schilddrüsenknoten auf. Eine Differentialdiagnose ist schwierig, die Symptome des Syndroms entsprechen größtenteils denen von Morbus Basedow und einer Schilddrüsenüberfunktion.
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Was ist das Marine-Lenhart-Syndrom?
Das Marine-Lenhart-Syndrom ist eine Variante des Morbus Basedow, bei der koexistente autonome Schilddrüsenknoten vorhanden sind. Es wird auch häufig als Morbus Basedow mit koexistentem multinodularem Kropf oder knotiger Morbus Basedow bezeichnet, da es von vielen als Unterart von Morbus Basedow betrachtet wird.
Das Syndrom tritt selten auf, mit einer berichteten Prävalenz, die sich zwischen 1-4,1 Prozent bei Patienten mit Morbus Basedow befindet. Die Autoimmunerkrankung mit stimulierendem Autoantikörper tritt am TSH-Rezeptor in einer koexistierenden nodulären Drüse auf. Das Syndrom wurde erstmals im Jahre 1911 von den amerikanischen Chirurgen David Marine und Carl H. Lenhart beschrieben. Bei Studien des Kropfes stießen sie auf acht Fälle, in denen ein Kropf mit Knoten in der Schilddrüse einherging.
Ursachen
Das Zusammenspiel mehrerer Faktoren führt schließlich dazu, dass die Selbsttoleranz der Schilddrüse gegenüber Antigenen zusammenbricht. Dies hat eine Autoimmunkrankheit zur Folge. Die gebildeten Autoantikörper binden sich an den TSH-Rezeptor. Durch ihre intrinsische Aktivität stimulieren sie die Follikelepithelzellen der Schilddrüse.
Das führt zu einer gesteigerten Jodaufnahme, einer vermehrten Produktion und Ausschüttung der Schilddrüsenhormone und letztlich zu einer Hyperthyreose. Beim Morbus Basedow werden also die TSH-Rezeptoren dauerhaft stimuliert, wodurch SD-Hormone unkontrolliert gebildet werden. Das Marine-Lenhart-Syndrom ergibt sich aus der Verbindung der Basedow’schen Krankheit mit einer fokalen Autonomie. Dabei handelt es sich um abgegrenzte Knoten, die SD-Hormone unkontrolliert und selbstständig produzieren.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Zu den möglichen Symptomen zählen alle Beschwerden, die auch bei einer Hyperthyreose auftreten können. Diese reichen vom typischen Kropf bis zu Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Gereiztheit und Zittern. Auch Bluthochdruck, Herzrasen und Vorhofflimmern oder eine ungewollte Gewichtsabnahme können die Folgen sein.
Begleitend kommt es durch die Mobilisierung der Glykogen- und Fettreserven zu einer gestörten Glukosetoleranz, eventuell sogar zu einer Hyperglykämie. Weiterhin macht sich das Syndrom auch durch die Symptome des Morbus Basedow bemerkbar. Diese umfassen unter anderem hervortretende Augäpfel, Myxödeme, Muskelschwäche, Osteoporose und Zyklusstörungen, die zu einer vorübergehenden Unfruchtbarkeit führen können.
Auch Wärmeintoleranz, Schweißausbrüche und eine gesteigerte Stuhlfrequenz können zu den Anzeichen gehören. Wenn die Knoten auf die Luftröhre drücken, hat dies Schluckbeschwerden und ein Enge-Gefühl im Hals zur Folge.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Bei der Feststellung der Erkrankung ergeben sich differentialdiagnostische Herausforderungen. Während der primären Hyperthyreose erscheinen die Knoten zunächst als szintigraphisch kalt. Nach der Therapie stellen sie sich jedoch als normal speichernde oder warme Areale heraus. Zur Diagnose dient zunächst eine Blutentnahme. Hierbei werden die Schilddrüsenwerte bestimmt und nach Autoantikörpern gesucht. Entscheidend für den Nachweis eines Morbus Basedow sind dabei die TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK); ergänzend werden die Antikörper TPO und TG bestimmt.
Dabei handelt es sich um spezifische Antikörper, die zur Feststellung von Morbus Basedow und Erkrankungen der Schilddrüse herangezogen werden. Bei einer Ultraschalluntersuchung wird anschließend sowohl nach Knoten als auch nach einer Schilddrüsenentzündung gesucht. Merkmale, die auf eine Entzündung der Schilddrüse hindeuten, sind eine diffus vergrößerte Drüse, ein echoarmes Drüsengewebe sowie eine deutlich erhöhte Durchblutung, die im Englischen als „Thyroid Inferno“ bezeichnet wird.
Auch wenn die Auffälligkeiten bei der Ultraschalluntersuchung in der Regel nicht von den Befunden der Hashimoto-Thyreoiditis zu unterscheiden sind, machen das klinische Bild und die Blutproben eine Diagnose einfach. Eine SD-Szintigraphie verschafft zusätzlich Klarheit. Sie ist beim Marine-Lenhart-Syndrom besonders wichtig, weil sich nur mit ihr die autonomen Knoten neben der diffus überaktiven Schilddrüse nachweisen lassen.
Komplikationen
Nicht selten kommt es zu einem Gewichtsverlust und zu einer Muskelschwäche. Der Alltag des Patienten wird durch das Marine-Lenhart-Syndrom stark eingeschränkt und es kommt zu Schweißausbrüchen oder zu Schluckbeschwerden. Weiterhin können die Schluckbeschwerden zu einer eingeschränkten Einnahme von Flüssigkeiten und Nahrung führen, sodass es zu einer Dehydrierung oder zu verschiedenen Mangelerscheinungen kommt.
Die Behandlung beginnt beim Marine-Lenhart-Syndrom meist mit Medikamenten und einer Radiojodtherapie. Da die autonomen Knoten jedoch schlechter auf Radiojod ansprechen als eine reine Basedow-Schilddrüse, sind höhere Dosierungen, wiederholte Behandlungen oder eine Operation häufiger nötig als beim Morbus Basedow allein. Bei einer frühzeitigen Behandlung wird die Lebenserwartung des Patienten nicht verringert.
Eine gefürchtete Komplikation der unbehandelten Schilddrüsenüberfunktion ist die thyreotoxische Krise. Hohes Fieber, sehr schneller Puls, Erbrechen, starke Unruhe und Bewusstseinsstörungen weisen auf diesen lebensbedrohlichen Notfall hin. In einem solchen Fall ist sofort der Notruf 112 zu wählen. Allerdings sind die Betroffenen in der Regel ihr gesamtes Leben lang auf Hormone angewiesen.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Schlafstörungen, Müdigkeit oder Mattigkeit sind Anzeichen einer vorliegenden gesundheitlichen Beeinträchtigung. Hält der Zustand an oder nimmt er an Intensität zu, wird ein Arzt benötigt. Bei einer inneren Unruhe, einer Gereiztheit oder einem Zittern besteht Anlass zur Besorgnis. Ein Arzt wird benötigt, damit eine Linderung der Beschwerden durch eine medizinische Versorgung des Betroffenen eingeleitet werden kann. Störungen des Herzrhythmus, Bluthochdruck, eine innere Hitze oder Unterbrechungen des Herzschlages sind von einem Arzt schnellstmöglich untersuchen und abklären zu lassen. Kommt es zu einer plötzlichen und ungewollten Abnahme des Körpergewichts, ist dies ein Anzeichen einer vorliegenden Unregelmäßigkeit.
Beschwerden des Schluckaktes, eine Verweigerung der Lebensmittelzufuhr sowie optische Veränderungen im Gesicht sind einem Arzt vorzustellen. Bei Schweißausbrüchen oder bei einer Abnahme der gewohnten körperlichen Leistungsfähigkeit ist ein Arztbesuch anzuraten. Können die alltäglichen Verpflichtungen nicht mehr wahrgenommen werden, zeigt sich eine Abnahme an der Teilhabe gesellschaftlicher Aktivitäten oder treten andere Verhaltensauffälligkeiten auf, benötigt der Betroffene Hilfe und Unterstützung.
Atembeschwerden oder ein Gefühl der Enge im Hals sind von einem Arzt begutachten zu lassen. Eine Schwäche der Muskeln sowie bei geschlechtsreifen Frauen eine Unregelmäßigkeit des Monatszyklus sind weitere Anzeichen einer gesundheitlichen Störung. Es besteht Handlungsbedarf, damit eine Diagnosestellung ermöglicht wird.
Behandlung & Therapie
Eine erste Therapie besteht in der Regel aus der Einnahme von Thyreostatika. Diese Behandlung sollte jedoch nur zeitlich begrenzt durchgeführt werden, bis die Euthyreose, also die Normalfunktion der Schilddrüse, erreicht ist. SD-hormonhemmende Medikamente verhelfen hier etwa der Hälfte der Erkrankten zur Heilung. Sobald der Schilddrüsenhormonspiegel unter Kontrolle ist, kommen weitere Therapieoptionen in Betracht.
Wenn die Bösartigkeit des Befunds ausgeschlossen werden konnte, kann eine Radiojodtherapie angewendet werden. Bei diesem nuklearmedizinischen Verfahren kommt das radioaktive Jod-Isotop Jod-131 zum Einsatz. Überwiegend ein Beta-Strahler hat es eine Halbwertszeit von acht Tagen. Im menschlichen Körper reichert es sich nahezu ausschließlich in Zellen der Schilddrüse an.
Die Beta-Strahlen schädigen die DNA in der Umgebung der Schilddrüsenzellen, wodurch die betroffenen Zellen eliminiert werden. Da die vom Marine-Lenhart-Syndrom betroffenen Patienten deutlich schlechter auf Radiojod ansprechen als Patienten mit einem reinen Morbus Basedow, ist eine höhere Dosierung erforderlich. Dadurch konnten in der Vergangenheit viele Betroffene erfolgreich behandelt werden. Hierin liegt die eigentliche praktische Bedeutung des Syndroms: Bleibt die Überfunktion nach einer üblich dosierten Radiojodtherapie bestehen, muss die Behandlung wiederholt oder auf eine Operation umgestellt werden.
Früher galt eine Operation als einzig wirksame Therapie. Auch heute noch kann bei mehreren Knoten deren operative Entfernung zum Erfolg führen. Eine Entfernung der gesamten Schilddrüse ist ebenfalls denkbar. In diesem Fall müssen die Patienten jedoch für den Rest ihres Lebens Hormone einnehmen.
Aussicht & Prognose
Das Marine-Lenhart-Syndrom lässt sich behandeln, die Überfunktion ist jedoch oft hartnäckiger als bei einem reinen Morbus Basedow. Die Erkrankung ist keine Erbkrankheit: Sie beruht auf einer Autoimmunreaktion gegen die Schilddrüse, die mit eigenständig arbeitenden Schilddrüsenknoten zusammentrifft. Diese Fehlsteuerung des Immunsystems lässt sich bislang nicht ursächlich beheben. Ärzte richten ihre Aufmerksamkeit in einer Behandlung daher auf die Kontrolle der Schilddrüsenfunktion und auf symptomatische Ansätze.
Die individuell auftretenden Beschwerden werden durch unterschiedliche Therapien bestmöglich behandelt. Hormonelle Präparate führen dazu, dass ungefähr die Hälfte der Patienten weitestgehend beschwerdefrei werden. Bei einem Absetzen der Arznei ist jedoch mit einer Rückkehr der Beschwerden zu rechnen. Daher muss eine lebenslange medikamentöse Behandlung stattfinden, um die Lebensqualität des Betroffenen zu stabilisieren.
Bei einem ungünstigen Krankheitsverlauf kommt es zu Folgestörungen. Das Herz-Kreislaufsystem wird enormen Belastungen ausgesetzt. Bei einigen Patienten wird daher das vorzeitige Ableben aufgrund eines Herzversagens dokumentiert. Darüber hinaus kann es zu einer bösartigen Krankheitsentwicklung kommen. Auch hier droht dem Betroffenen eine Verminderung der durchschnittlichen Lebenszeit.
Als hilfreich und unterstützend ist neben der Gabe von Hormonen eine stabile Psyche von besonderer Bedeutung. Da der Betroffene sich einer Langzeittherapie unterziehen muss, sind Maßnahmen für die Selbsthilfe sowie das Vermeiden von Schadstoffen wichtig. Bei einer gesunden und stabilen mentalen Verfassung können häufig Verbesserungen der gesamten Situation beobachtet werden.
Vorbeugung
Da das Marine-Lenhart-Syndrom im Zusammenhang mit Morbus Basedow steht, gelten für beide Erkrankungen die gleichen Risikofaktoren. So sollte psychosozialer Stress möglichst vermieden werden. Entspannungsübungen können helfen, stressige Situationen zu entschärfen. Auch Rauchen kann die Entwicklung der Erkrankung begünstigen. Zudem sollten Viruserkrankungen sorgfältig behandelt und auskuriert werden.
Nachsorge
Das Marine-Lenhart-Syndrom kann eine lebenslange Nachsorge zur Folge haben. Dies ist unabhängig von der jeweiligen Behandlungsmethode. Außerdem muss verhindert werden, dass es zu Augenbeschwerden aufgrund einer endokrinen Orbitopathie kommt, was bei etwa 50 Prozent aller Patienten möglich ist. Darüber hinaus erfordert die Nachbehandlung viel Aufwand und Geduld. So sind die Therapiestrategien mittel- bis langfristig angelegt.
Im Falle einer konservativ-medikamentösen Therapie erhält der Patient ein bis zwei Jahre lang Thyreostatika. Je nach Ausgangslage beträgt das Risiko eines Rezidivs 30 bis 90 Prozent. Die Nachuntersuchungen müssen alle vier bis acht Wochen stattfinden. Als sicherste und schnellste Behandlungsmethoden von Morbus Basedow gelten die Radiojodtherapie sowie ein operativer Eingriff.
Im Anschluss an diese Verfahren ist es jedoch erforderlich, für den Rest des Lebens Schilddrüsenhormone einzunehmen. Nur auf diese Weise lässt sich die dadurch entstehende Unterfunktion der Schilddrüse, also ein Mangel an Schilddrüsenhormonen, ausgleichen. Sind anfangs regelmäßige Kontrolluntersuchungen notwendig, beschränken sich diese im weiteren Verlauf auf ein bis zwei Untersuchungen im Jahr.
Direkt nach einem chirurgischen Eingriff an der Schilddrüse erhält der Patient Schilddrüsenhormone in einer Standardmenge. Wie viele Hormone der Patient letztlich benötigt, wird in der Zeit nach der Operation ermittelt und individuell entsprechend angepasst. Die Zielwerte fallen unterschiedlich aus und werden vom Hausarzt oder einem Endokrinologen bestimmt.
Das können Sie selbst tun
Das Marine-Lenhart-Syndrom wird in erster Linie medikamentös behandelt. Patienten können die Thyreostatika-Therapie unterstützen, indem sie sich schonen und bei ungewöhnlichen Symptomen den Arzt informieren. Treten unter Thyreostatika Fieber, Halsschmerzen oder Entzündungen im Mund auf, ist umgehend ärztliche Hilfe nötig, denn dahinter kann ein gefährlicher Mangel an weißen Blutkörperchen stecken. Wichtig ist außerdem, vor Röntgen- oder Computertomographie-Untersuchungen mit jodhaltigem Kontrastmittel auf die Schilddrüsenerkrankung hinzuweisen, weil das Jod die autonomen Knoten zusätzlich anregen kann. Generell empfiehlt es sich, ein Beschwerdetagebuch anzulegen, in dem etwaige Beschwerden der Erkrankung sowie Nebenwirkungen der eingesetzten Medikamente notiert werden. Dies erleichtert es dem Arzt, die Medikation optimal auf die individuelle Verfassung des Patienten einzustellen. Eine Radiojodtherapie kann von den Betroffenen ebenfalls durch eine gute Zusammenarbeit mit dem zuständigen Arzt unterstützt werden.
Sollten diese Maßnahmen keine Wirkung zeigen, muss eine Operation durchgeführt werden. Nach einem Eingriff empfiehlt sich in den ersten Tagen weiche Kost, da das Schlucken zunächst schmerzhaft sein kann. Betroffene sollten außerdem auf Genussmittel wie Alkohol und Koffein verzichten und gegebenenfalls das Rauchen einstellen.
Begleitend dazu müssen die einzelnen Symptome behandelt werden. Gegen Schweißausbrüche hilft oftmals schon ein Spaziergang an der frischen Luft. Gereiztheit und Zittern kann mittels gezielter Entspannungsmaßnahmen entgegengewirkt werden. Stress und körperliche Anstrengung gilt es nach Möglichkeit zu vermeiden, bis die Symptome des Marine-Lenhart-Syndroms abgeklungen sind. Sollten Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Zyklusstörungen hinzukommen, müssen unter Umständen weitere Ärzte hinzugezogen werden.
Quellen
- Diederich, S., Feldkamp, J., Grußendorf, M., Reincke, M.: Checkliste Endokrinologie und Diabetologie.
ISBN: 9783132454132
- Allolio, B., Schulte, H. M. (Hrsg.): Praktische Endokrinologie.
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- Weber, M. M., Parhofer, K. G. (Hrsg.): Therapie-Handbuch - Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel.
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- Stalla, G.K. (Hrsg.): Rationelle Diagnostik und Therapie in der Inneren Medizin - Endokrinologie und Stoffwechsel.
ISBN: 9783437211843
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655

