Pädaudiologie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Pädaudiologie beschäftigt sich mit kindlichen Hör-, Stimm-, Schluck- und Sprechstörungen sowie Störungen in der Sprachentwicklung. Zusammen mit der Phoniatrie bildet die Pädaudiologie einen eigenständigen Facharztbereich, der bis 1993 als Teilbereich der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) geführt wurde.
Die Pädaudiologie wie auch die Phoniatrie haben einen stark interdisziplinären Charakter, weil die auftretenden Probleme häufig nicht rein organischen Ursprungs sind, die Pädaudiologie aber unabhängig davon disziplinübergreifend Diagnosen und Therapien bereithält.
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Was ist die Pädaudiologie?
Zentrale Themen in Diagnostik und Therapie sind in der Pädaudiologie Stimm-, Sprech- und Sprachentwicklungsstörungen des Kindes sowie Hör- und Wahrnehmungsstörungen. Auch Schluckstörungen bei Kindern fallen in das Behandlungs- und Diagnosespektrum der Pädaudiologie, weil die Themen häufig in ursächlichem Zusammenhang miteinander stehen. Die Pädaudiologie verfolgt in ihren Diagnose- und Therapieverfahren über die Untersuchung und Behandlung organischer Auffälligkeiten hinaus häufig interdisziplinäre, ganzheitliche Ansätze.
So bestehen Verzahnungen mit den medizinischen Fachgebieten HNO, Kieferorthopädie, Neurologie und Psychiatrie und mit nicht-medizinischen Fachgebieten wie Psychologie, Logopädie, Phonetik, Pädiatrie und vielen anderen. Zusammen mit der Phoniatrie bildet die Pädaudiologie einen eigenständigen fachärztlichen Bereich. Die ursprüngliche Bezeichnung lautete Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie. Ab Januar 2004 lautete die neue Bezeichnung Facharzt für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen. Nach der Muster-Weiterbildungsordnung von 2018 heißt der Facharzttitel inzwischen wieder Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie. Die fachärztliche Weiterbildung dauert insgesamt 5 Jahre und schließt eine fachlich spezialisierte Weiterbildung in kindlichen Entwicklungsstörungen hinsichtlich Hören, Stimme, Sprechen, Sprache und Schlucken ein.
Den interdisziplinären Charakter dieser medizinischen Fachrichtung griff als erster Hermann Gutzmann sen. 1905 in seiner Habilitationsschrift auf. Speziell die Pädaudiologie erhielt 2009 mit der Einführung des Neugeborenenhörscreenings weiteren Auftrieb. Beim Hörscreening auffällige Babys werden zur Weiterbehandlung an die Pädaudiologie verwiesen.
Der Bedarf für ein eigenes Fachgebiet ergibt sich aus dem Zeitfenster, in dem sich Hören und Sprache entwickeln. Das Gehör eines Kindes ist bei der Geburt bereits funktionsfähig, die Verarbeitung des Gehörten im Gehirn reift jedoch erst durch Gebrauch. Bleibt der Höreindruck in den ersten Lebensjahren aus oder ist er verzerrt, entwickeln sich die dafür zuständigen Bahnen nicht in gleicher Weise, und der Rückstand lässt sich später nur begrenzt aufholen. Daraus erklärt sich, warum in der Pädaudiologie so viel Gewicht auf der frühen Erkennung liegt und warum ein auffälliger Befund nicht abgewartet, sondern zügig abgeklärt wird.
In Zahlen ausgedrückt betrifft eine dauerhafte, behandlungsbedürftige Schwerhörigkeit etwa ein bis zwei von tausend Neugeborenen. Damit gehört sie zu den häufigsten angeborenen Beeinträchtigungen überhaupt und ist häufiger als manche Stoffwechselerkrankung, auf die seit Langem im Rahmen des Neugeborenenscreenings untersucht wird. Ein erheblicher Teil dieser Hörstörungen ist erblich bedingt; unter den Formen, die ohne weitere Fehlbildungen auftreten, gehen viele auf Veränderungen des Gens für das Protein Connexin 26 zurück. Daneben stehen Ursachen, die während der Schwangerschaft wirken, etwa eine Infektion mit Röteln oder eine angeborene Zytomegalie, sowie Belastungen rund um die Geburt wie eine ausgeprägte Frühgeburt, eine schwere Neugeborenengelbsucht oder eine Meningitis im Säuglingsalter.
Die Pädaudiologie arbeitet dabei nicht nur mit anderen ärztlichen Fächern zusammen. Zum Umfeld gehören die Logopädie und die Sprachtherapie, die Hörgeschädigtenpädagogik, die Frühförderstellen, Hörakustikerinnen und Hörakustiker sowie die Sozialpädiatrischen Zentren, an denen Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten fachübergreifend betreut werden. Für die Familien bedeutet das, dass Diagnostik und Therapie über einen längeren Zeitraum begleitet werden und in der Regel mehrere Einrichtungen beteiligt sind. Als wissenschaftliche Fachgesellschaft des Gebietes wirkt die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie an den Leitlinien für Diagnostik und Behandlung mit.
Unterschiedlich ist auch der Weg, auf dem Familien in die Pädaudiologie gelangen. Ein Teil der Kinder kommt über das Neugeborenenhörscreening, ein anderer über die Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt, wenn die Sprachentwicklung hinter dem Erwarteten zurückbleibt. Häufig sind es die Eltern selbst, die bemerken, dass ein Kind auf Ansprache nicht reagiert, den Fernseher auffällig laut stellt oder in einer Gruppe deutlich schlechter zurechtkommt als in ruhiger Umgebung. Solche Beobachtungen sind ernst zu nehmen, auch wenn ein früheres Screening unauffällig ausgefallen ist, denn Hörstörungen können nach der Geburt entstehen, etwa nach einer Entzündung oder als Folge einer erblichen Anlage, die sich erst später bemerkbar macht. Der Weg über die kinderärztliche oder die HNO-ärztliche Praxis führt dann zur weiterführenden Diagnostik. Weil die Sprachentwicklung an ein Zeitfenster gebunden ist, gilt in der Pädaudiologie der Grundsatz, im Zweifel zu untersuchen statt abzuwarten.
Behandlungen & Therapien
Seit Januar 2009 werden standardmäßig audiometrische Neugeborenenscreenings durchgeführt, bei denen angeborene, häufig genetisch bedingte, Hörstörungen aufgedeckt werden, damit sie frühzeitig erkannt und behandelt werden können. Bei dem Hörscreening kommen nur Methoden in Betracht, die eine objektive Messung erlauben. Hörstörungen können viele Ursachen haben, das Gesamtspektrum der Hörstörungen reicht von Verstopfungen des äußeren Gehörgangs durch Ohrschmalzpfröpfchen oder Fremdkörper über Schallleitungsprobleme im Mittelohr bis hin zu Schallempfindungsstörungen.
Während Schallleitungsprobleme meist auf organisch-physische Gründe zurückgeführt werden können, handelt es sich bei Schallempfindungsstörungen um Probleme bei der Umwandlung der Schallwellen in elektrische Nervenimpulse in der Hörschnecke (Cochlea) im Innenohr oder um Funktionsbeeinträchtigungen des Hörnervs (Nervus vestibulocochlearis) durch Läsionen oder Krankheit oder um Probleme im Gehirn bei der Weiterverarbeitung der nervlichen Hörimpulse. Festgestellte Anomalien bei der kindlichen Sprachentwicklung können sich aufgrund verminderter Hörleistung einstellen, beruhen aber häufig auf anderen Ursachen wie Stimmstörungen, die ebenfalls organischen Ursprungs sein können, oder auf Sprech- und Redeflussstörungen wie Stottern, Artikulationsstörungen (Dyslalie) oder auf einer Vielfalt erworbener oder ererbter Stimmstörungen.
Ein Beispiel für einen unbedingt notwendigen interdisziplinären Ansatz hinsichtlich Diagnostik und Therapie ist der selektive oder totale Mutismus, der teilweise oder gänzliche Verlust des Sprechens nach vollständigem Erlernen der Sprache, obwohl keine direkten organischen Ursachen für das Nicht-mehr-Sprechen erkennbar sind. Auch funktionelle oder neurogene Schluckstörungen oder Schluckstörungen nach bestimmten operativen Eingriffen interagieren häufig mit Stimm- und Sprachbildung.
Wie eine erkannte Hörstörung behandelt wird, richtet sich nach ihrem Ort und ihrem Ausmaß. Schallleitungsstörungen sind bei Kindern meist Folge eines Paukenergusses, also einer zähen Flüssigkeitsansammlung hinter dem Trommelfell, wie sie nach wiederholten Erkältungen oder einer Mittelohrentzündung entsteht. Ein solcher Erguss bildet sich häufig von selbst zurück; hält er an und beeinträchtigt er das Hören über längere Zeit, kommen die Belüftung des Mittelohrs über ein eingelegtes Röhrchen und gegebenenfalls die Entfernung der vergrößerten Rachenmandel in Betracht. Weil gerade diese Form der Schwerhörigkeit schwankt und von außen nicht sichtbar ist, wird sie im Alltag oft für Unaufmerksamkeit oder Trotz gehalten.
Bei Schallempfindungsstörungen steht die Versorgung mit Hörgeräten am Anfang, und zwar so früh wie möglich. Säuglinge erhalten dafür weiche Ohrpassstücke, die dem Wachstum entsprechend mehrfach erneuert werden müssen. Reicht die Verstärkung nicht aus, weil die Haarzellen im Innenohr weitgehend ausgefallen sind, kommt ein Cochlea-Implantat infrage. Es umgeht die Haarzellen und reizt den Hörnerv unmittelbar über eine in die Hörschnecke eingeführte Elektrode. Bei angeborener Taubheit wird die Versorgung heute im ersten Lebensjahr angestrebt, weil das Ergebnis umso besser ausfällt, je früher der Hörnerv wieder Reize erhält; bei beidseitiger Taubheit werden in der Regel beide Ohren versorgt, damit Richtungshören und Verstehen bei Störgeräuschen möglich werden.
Mit der Anpassung eines Geräts ist die Behandlung allerdings nicht abgeschlossen. Ein Kind, das erstmals hört, muss den Umgang mit dem Gehörten erst erlernen. Deshalb schließt sich eine Hör- und Sprachtherapie an, die über Jahre begleitet und in die die Familie einbezogen wird. Regelmäßige Kontrollen prüfen, ob die Einstellung noch passt und ob die Sprachentwicklung Schritt hält.
Ein weiterer Schwerpunkt sind die Stimmstörungen des Kindesalters. Sie entstehen häufig durch dauerhafte Überlastung der Stimmlippen, etwa durch anhaltend lautes Sprechen und Schreien, und äußern sich in einer heiseren, rauen oder behauchten Stimme. Die Behandlung liegt vorwiegend bei der Stimmtherapie und zielt darauf, den Gebrauch der Stimme zu verändern; ein Eingriff am Kehlkopf ist im Kindesalter nur selten angezeigt. Auch hier muss eine begleitende Hörstörung ausgeschlossen sein, weil Kinder ihre Lautstärke über das eigene Gehör regeln.
Diagnose & Untersuchungsmethoden
Bei der Hirnstamm-Methode BERA (brain stem evoked response audiometry) werden am Ohr des Neugeborenen leichte akustische Reize gesetzt und über wenige Ableitelektroden die Hirnströme gemessen. Sie lassen Rückschlüsse auf die Funktion des Hörnervs und der weiterverarbeitenden Zentren im Gehirn zu. Die etwa 20 Minuten dauernde Untersuchung wird während des normalen Schlafes des Babys durchgeführt und stört das Kind nicht. Bei der anderen Methode – TEOAE (transitorische otoakustische Emissionen) genannt – macht man sich zunutze, dass die äußeren Haarzellen in der Hörschnecke Schallreize wie ein Verstärker mit eigenen Schallreizen beantworten, die messbar sind. Zur Untersuchung wird in den äußeren Gehörgang eine winzige Sonde eingeführt, die Lautsprecher und Mikrofon enthält.
Mit dem Lautsprecher werden sogenannte Clicks erzeugt und mit dem Mikrofon werden die Schallwellen, die die äußeren Haarzellen wenige Millisekunden später erzeugen, gemessen. Beide Verfahren sind weitestgehend automatisiert, haben aber den Nachteil, dass erkannte Auffälligkeiten nicht immer auf Problemen der Weiterverarbeitung von Schallreizen oder auf Problemen der Umwandlung mechanischer Schallreize in elektrische Nervenimpulse beruhen. Positive Diagnosen bedürfen daher sorgfältiger Abklärung durch weitere Diagnoseverfahren.
Zur Messung von Hörstörungen bei Kindern ab etwa 3 Jahren und älter stehen eine Vielzahl objektiver und subjektiver audiometrischer Verfahren zur Auswahl. Hörprobleme können auch als Nebenwirkungen bestimmter Antibiotika und Diuretika (harntreibende Mittel) entstehen. Bei Schluckstörungen hat sich als bildgebendes Diagnoseverfahren die fiberendoskopische Schluckuntersuchung (FEES) durchgesetzt, bei der Nasen- und Rachenraum über eine optische Fiber inspiziert werden können. In manchen Fällen muss die FEES durch eine Videofluoroskopie (VFS) ergänzt werden.
Für die Zeit vor dem dritten Geburtstag steht ein eigenes Instrumentarium bereit, das ohne Mitarbeit des Kindes auskommt oder sie nur in geringem Maß voraussetzt. Zur objektiven Diagnostik gehört neben der Hirnstammaudiometrie die Messung des Widerstandes, den das Trommelfell dem Schall entgegensetzt (Tympanometrie). Sie zeigt zuverlässig an, ob sich Flüssigkeit im Mittelohr befindet, und ist deshalb bei der Abklärung schwankender Hörleistungen kaum zu ersetzen. Ergänzend wird geprüft, ob der Stapediusreflex auslösbar ist, mit dem sich das Mittelohr gegen laute Geräusche schützt. Vor jeder dieser Messungen steht der Blick in den Gehörgang, denn schon ein Pfropf aus Ohrenschmalz verändert das Ergebnis.
Mit zunehmendem Alter kommen Verfahren hinzu, bei denen das Kind selbst antwortet. Beim Säugling wird beobachtet, ob er sich einer Schallquelle zuwendet; im Kleinkindalter wird daraus die Spielaudiometrie, bei der das Kind auf einen gehörten Ton hin einen Baustein in eine Dose wirft oder eine Figur setzt. Etwa ab dem Schulalter lässt sich die Hörschwelle wie bei Erwachsenen bestimmen. Das Sprachverstehen wird mit Wortlisten geprüft, die dem Wortschatz des jeweiligen Alters angepasst sind, weil ein Kind nur wiederholen kann, was es bereits kennt.
Ein eigenes Kapitel sind die auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen. Betroffene Kinder hören gemessen an der Hörschwelle normal, haben aber Mühe, Gehörtes zu unterscheiden, es in lauter Umgebung herauszufiltern oder die Richtung einer Schallquelle zu bestimmen. Die Abklärung setzt voraus, dass ein Kind Aufgaben zuverlässig versteht und über eine gewisse Zeit mitarbeitet, und ist deshalb vor dem Vorschulalter nicht sinnvoll. Zugleich muss sorgfältig gegen andere Ursachen abgegrenzt werden, denn eine Sprachentwicklungsstörung, eine Legasthenie und eine Aufmerksamkeitsstörung wie ADHS können sich im Alltag sehr ähnlich äußern.
Eine Einschränkung des Neugeborenenscreenings verdient dabei besondere Beachtung. Die Messung otoakustischer Emissionen prüft die äußeren Haarzellen und fällt unauffällig aus, wenn diese Zellen arbeiten, der Hörnerv die Reize aber nicht ordnungsgemäß weiterleitet. Solche Störungen der Weiterleitung entgehen einem Screening, das allein auf otoakustischen Emissionen beruht, und werden erst durch die Hirnstammaudiometrie sichtbar. Weil Kinder mit besonderen Risiken, etwa nach einer schweren Frühgeburt oder einem längeren Aufenthalt auf einer Intensivstation, davon häufiger betroffen sind, wird bei ihnen von vornherein die Hirnstammmessung eingesetzt. Und weil eine Hörstörung auch nach einem unauffälligen Screening noch entstehen kann, bleibt die Beobachtung der Sprachentwicklung bei den Kindervorsorgeuntersuchungen ein wichtiger zweiter Zugang.
Für alle genannten Verfahren gilt, dass ein einzelner Messwert für sich genommen wenig aussagt. Erst das Zusammenführen von objektiven Messungen, altersgerechten Hörprüfungen, dem Befund am Ohr und der Beobachtung der Sprachentwicklung ergibt ein belastbares Bild. Bleibt dieses Bild uneinheitlich, wird die Untersuchung nach einigen Monaten wiederholt, statt einen unsicheren Befund zur Grundlage einer Versorgung zu machen.
Quellen
- Wendler, J., Seidner, W., Eysholdt, U. (Hrsg.): Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie.
ISBN: 9783131022950
- Eichel, H. W.: HNO-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie.
ISBN: 9783437061226
- Kompis, M.: Audiologie.
ISBN: 9783456862453
- Mrowinski, D., Scholz, G., Steffens, T.: Audiometrie.
ISBN: 9783132452459
- Götte, K., Nicolai, T. (Hrsg.): Pädiatrische HNO-Heilkunde.
ISBN: 9783437246616
