Physikalische und Rehabilitative Medizin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Im Altertum wurden z. B. Rückenschmerzen durch bestimmte Massage- und Grifftechniken behandelt. Beschrieben hat das Ganze u. a. Hippokrates, der in seinen Schriften angab, wie Ausrenkungen oder leichte Wirbelverschiebungen wieder zurechtzurücken wären. Von da an waren etliche „Knocheneinrenker“ unterwegs, was sich erst allmählich zur eher behutsamen und kenntnisreichen klassischen Orthopädie entwickelte.
Fachärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin befassen sich mit der Rehabilitation und dem Erhalt der Funktionsfähigkeit nach Erkrankungen und Verletzungen — häufig am Bewegungsapparat, ebenso aber nach neurologischen und internistischen Erkrankungen. Das beinhaltet Erkrankungen an den Muskeln, der Wirbelsäule, den Nerven, den Sehnen und Gelenken.
Diese Form der medizinischen Behandlung ist in Deutschland relativ neu und wurde als Fachrichtung erst 1992 ins Leben gerufen. Da die Anzahl an Menschen mit chronischen Schmerzen und anderen multiplen körperlichen Problemen in den letzten Jahren enorm angestiegen ist, wurde das Fachgebiet endgültig an deutschen Universitäten eingeführt.
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Was ist die Physikalische & Rehabilitative Medizin?
Die Physikalische und Rehabilitative Medizin, auch kurz PRM genannt, ist ein eigenständiges Facharztgebiet mit engem Bezug zur klassischen Orthopädie. Von der Physiotherapie unterscheidet sie sich darin, dass die PRM ein ärztliches Fachgebiet ist, während die Physiotherapie ein nichtärztlicher Gesundheitsfachberuf ist, dessen Leistungen vom Arzt als Heilmittel verordnet werden. Ärzte der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin haben nicht nur Zusatzkenntnisse in der Inneren Medizin, sie sind auch ausgebildet, um neben inneren Erkrankungen komplexe, chronisch orthopädische oder neurologische Probleme zu behandeln.
Die PRM fällt unter die deutsche Weiterbildungsordnung für Fachärzte samt einer fachbezogenen Diagnostik, einer Untersuchung und Rehabilitation von Erkrankungen oder Schädigungen durch physikalische oder manuelle Therapie, durch Naturheilverfahren, durch Balneotherapie und Klimatherapie. Daher arbeiten spezialisierte Fachärzte dieser Richtung auch meistens in Rehabilitationszentren und Kliniken. Die Weiterbildung dauert fünf Jahre.
Untersuchungen und Behandlungen von Patienten mit solchen Beschwerden müssen einen ganzheitlichen medizinischen Ansatz möglich machen. Fachärzte waren zuvor nicht dazu ausgebildet, das Gesamtkonzept einer solchen Behandlung in Arztpraxen umzusetzen. Über die konservativ orthopädischen Grundkenntnisse hinaus bieten Mediziner dieser Richtung auch chirotherapeutische, apparative, osteopathische und naturheilkundliche Therapien an.
Was das Fach von den benachbarten Gebieten trennt, ist weniger das Organ als die Fragestellung. Nicht der Befund allein steht im Mittelpunkt, sondern seine Auswirkung auf das tägliche Leben. Den begrifflichen Rahmen dafür liefert die von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF), die von der Weltgesundheitsversammlung im Jahr 2001 angenommen wurde. Sie unterscheidet die Schädigung von Körperstrukturen und Körperfunktionen, die daraus folgende Einschränkung von Tätigkeiten und die Beeinträchtigung der Teilhabe am Alltags-, Berufs- und Gemeinschaftsleben und bezieht ausdrücklich die Umweltbedingungen mit ein. Zwei Menschen mit demselben Röntgenbild können sich danach in völlig verschiedenen Lagen befinden – je nachdem, ob sie im Erdgeschoss oder im vierten Stock ohne Aufzug wohnen, ob sie körperlich arbeiten und wer sie zu Hause unterstützt.
Von der Unfallchirurgie und der operativen Orthopädie unterscheidet sich die Physikalische und Rehabilitative Medizin dadurch, dass sie nicht die Struktur wiederherstellt, sondern die Funktion danach; von der Neurologie dadurch, dass diese die Ursache einer Störung klärt, während die PRM daran arbeitet, verlorene Fähigkeiten wieder verfügbar zu machen oder zu ersetzen. Entsprechend arbeitet sie in einem Team: Neben dem Arzt gehören dazu Physiotherapie, Ergotherapie, Sprachtherapie, Pflege, Psychologie, Ernährungsberatung und der Sozialdienst. Die Beteiligten stimmen sich in regelmäßigen Besprechungen ab und verständigen sich gemeinsam mit dem Patienten auf Ziele, an denen sich die Behandlung messen lässt.
Den rechtlichen Rahmen der Rehabilitation setzt in Deutschland das Neunte Buch Sozialgesetzbuch, das die Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen regelt. Wer die Kosten trägt, richtet sich nach dem Anlass und dem Ziel: Steht die Erwerbsfähigkeit im Vordergrund, ist in der Regel die Rentenversicherung zuständig, geht es um die Bewältigung des Alltags, meist die Krankenkasse, und nach einem Arbeitsunfall oder bei einer Berufskrankheit die gesetzliche Unfallversicherung. Diese Aufteilung erklärt, warum vor jeder Maßnahme ein Antrag steht und warum die sozialmedizinische Beurteilung zum Handwerk des Fachgebiets gehört.
Angeboten wird die Behandlung in mehreren Formen. Die Frührehabilitation setzt bereits im Akutkrankenhaus ein, oft noch auf der Intensivstation; die Anschlussrehabilitation schließt unmittelbar an einen Krankenhausaufenthalt an, etwa nach dem Einsatz eines künstlichen Gelenks, nach einem Schlaganfall oder nach einem Herzinfarkt. Daneben stehen stationäre und wohnortnahe ambulante Einrichtungen sowie die geriatrische Rehabilitation für ältere Menschen, bei denen mehrere Erkrankungen zusammentreffen.
Der Kreis der Patienten reicht dementsprechend weit über den Bewegungsapparat hinaus. Zu den häufigen Anlässen zählen die Zeit nach dem Einsatz eines künstlichen Gelenks (Endoprothese) und nach Knochenbrüchen, der Bandscheibenvorfall und anhaltende Rückenbeschwerden, Arthrose, entzündlich-rheumatische Erkrankungen und die Osteoporose. Hinzu kommen neurologische Krankheitsbilder wie der Schlaganfall, die Multiple Sklerose und die Querschnittslähmung, internistische Anlässe wie Herzschwäche und chronische Lungenerkrankungen sowie die Nachbetreuung nach einer Krebsbehandlung, bei der Kraft, Ausdauer und Belastbarkeit oft über Monate wiederaufgebaut werden müssen. So verschieden diese Ausgangslagen sind, das Vorgehen folgt demselben Muster: erfassen, was noch geht und was nicht mehr, daraus ein Ziel ableiten und den Weg dorthin in überprüfbare Schritte zerlegen.
Behandlungen & Therapien
Ein Teilbereich ist die Chirotherapie, die sich mit Störungen speziell an der Wirbelsäule auseinandersetzt. Der Chirotherapeut nutzt in seiner Behandlung alleine seine Hand. Der Name der Therapie leitet sich vom griechischen Wort für „Hand“ ab und basiert auf der Grundidee, körperliche Schmerzen und Beschwerden auf Fehlstellungen der Gelenke und Blockaden zurückzuführen. Dabei gibt es zwei Techniken, die weiche, die Mobilisation genannt wird und Verspannungen der Muskulatur durch Druck beeinflusst, und die harte, auch als Manipulation bezeichnet, die Gelenkeinschränkungen gezielt durch beispielsweise kurze Impulse verbessert, die ein Knackgeräusch verursachen.
Das Anwenden von Naturheilkunde im Bereich der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin soll die körpereigenen Fähigkeiten einer Selbstheilung durch verschiedene Methoden anregen. Das kann z. B. auch durch Akupunktur erfolgen. Die Schmerzen und Reize werden ebenso mit aus der Natur stammenden Mitteln behandelt, die die Selbstheilung aktivieren sollen.
Bei der Balneotherapie handelt es sich um die Lehre von der Nutzung natürlicher Heilquellen, Schlamm und Heilgase. Diese Therapie findet in Form von Inhalationen, Trinkkuren oder Bädern statt. Wissenschaftlich begründet wurde sie von dem deutschen Arzt Emil Osann, der sich intensiv mit der Wirkung von Heilquellen auseinandersetzte.
Bei der Balneotherapie ist der höhere Gehalt an gelösten Stoffen im Heilquellenwasser ausschlaggebend, darunter Mineralsalze, gelöste Gase wie Schwefelwasserstoff oder Kohlendioxid (Kohlensäure) sowie radioaktive Stoffe wie Radon. Die Bäder sollen durch das Wasser Gelenke und Muskeln entlasten, so dass durch den Therapeuten auch Bewegungen durchgeführt werden können, die ansonsten beim Patienten zu viel Schmerz verursachen. Die Bäder werden als Sitz- oder Vollbäder, auch als Dampf- oder Schlammbad verordnet und können warm, heiß oder kalt sein. Das Trinken von warmem Wasser wiederum soll sich positiv auf das vegetative Nervensystem auswirken und schmerzlindernd wirken.
Schließlich dient die Klimatherapie ebenfalls den Knochen und Gelenken. Natürliche klimatische Umweltbedingungen besonderer Gegenden sollen die Heilung unterstützen. So werden Aufenthalte in der Nähe von Hoch- oder Mittelgebirgen oder am Meer verschrieben, um rheumatischen Beschwerden entgegenzuwirken. Außerhalb dieses Anwendungsgebiets wird die Klimatherapie vor allem bei Erkrankungen der Atemwege und der Haut eingesetzt.
Den Kern der Behandlung bildet die Bewegungs- und Trainingstherapie. Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Gleichgewicht werden getrennt betrachtet und schrittweise gesteigert, wobei die Belastung so gewählt wird, dass sie fordert, ohne zu überfordern. Ein Teil der Übungen wird bewusst so aufgebaut, dass der Patient sie selbstständig zu Hause fortführen kann, denn das Erreichte hält sich nur, solange es weiter geübt wird. Bei langer Bettlägerigkeit tritt die Vorbeugung hinzu: Muskelabbau, Versteifungen (Kontrakturen) und Druckgeschwüre (Dekubitus) entstehen rasch und lassen sich später nur mühsam wieder ausgleichen.
Aus dem Bestand der physikalischen Anwendungen kommen daneben die Elektrotherapie, die Behandlung mit Ultraschall sowie Wärmetherapie und Kältetherapie zum Einsatz. Wärme wird eingesetzt, um Muskulatur zu lockern und die Durchblutung zu fördern, Kälte, um eine akute Entzündung und den Schmerz zu dämpfen; welche der beiden passt, entscheidet der Zustand des Gewebes und nicht die Vorliebe. Bei Schwellungszuständen nach Operationen oder nach der Entfernung von Lymphknoten gehören die Lymphdrainage und eine anschließende Kompression zum festen Bestandteil der Behandlung.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Alltag selbst. Die Ergotherapie übt Handgriffe ein, die zum Anziehen, Waschen, Kochen und Arbeiten nötig sind, trainiert die Handfunktion und erprobt Hilfsmittel unter den Bedingungen, unter denen sie später gebraucht werden. Dazu gehören Schienen und Stützapparate (Orthesen), nach einer Amputation die Anpassung und das Training mit einer Prothese, Gehstützen und, wo nötig, ein Rollstuhl samt geeigneter Sitzversorgung. Häufig schließt sich eine Beratung zur Anpassung der Wohnung oder des Arbeitsplatzes an, weil viele Einschränkungen sich weniger durch Übung als durch veränderte Umgebungsbedingungen beheben lassen.
Bei anhaltenden Schmerzen genügt keiner dieser Bausteine für sich. Die multimodale Schmerztherapie verbindet daher Bewegung, Schulung über die Entstehung und Aufrechterhaltung von Schmerz sowie psychologische Verfahren zu einem gemeinsam abgestimmten Programm, das über mehrere Wochen läuft. Das Ziel ist dabei nicht in erster Linie Schmerzfreiheit, sondern eine größere Belastbarkeit und die Rückkehr zu Tätigkeiten, die zuvor aufgegeben wurden.
Diagnose & Untersuchungsmethoden
Durch die verschiedenen Therapien der PRM kann die Heilung unterstützt und gefördert und dabei auch verhindert werden, dass bestimmte Fähigkeiten nach z. B. einer schwerwiegenden Erkrankung verlorengehen oder fehlerhaft neu ausgebildet werden. Fachärzte der PRM unterstützen den Patienten gezielt und individuell, um eine möglichst weitgehende Genesung zu erreichen, ohne dass die Lebensqualität nach der Erkrankung eingeschränkt ist.
Das kann so aussehen, dass eine langfristige Rehabilitation angesetzt, der Patient auch stufenweise in das alte Leben eingegliedert wird und neu lernt, seinen Alltag und Beruf zu bewältigen. Bei eventuellen Einschränkungen und Behinderungen kann ein Facharzt für PRM individuelle Anpassung und Hilfsmittel vorschlagen, um das Leben mit den Folgen zu erleichtern.
Durch unterschiedliche Behandlungsmethoden wird der Patient demnach nicht nur physikalisch und physiotherapeutisch unterstützt, sondern auch zur Selbsthilfe angeleitet, samt einer Beratung zum eigenen Training oder Eigenübungen. Meistens wird auch eine psychosomatisch orientierte Unterstützung geboten, um den Schmerz verarbeiten und bewältigen zu können.
Am Anfang jeder Behandlung steht eine Funktionsuntersuchung. Die Beweglichkeit der Gelenke wird nach einem festen Messverfahren in Winkelgraden festgehalten, die Muskelkraft in abgestuften Graden beurteilt, der Umfang von Armen und Beinen gemessen, um Muskelabbau oder Schwellungen zu erfassen. Hinzu kommen die Prüfung von Gefühl und Reflexen sowie die Beobachtung von Stand, Gang und Gleichgewicht – Letzteres besonders bei älteren Patienten, weil sich daran das Risiko für Stürze abschätzen lässt. Anders als bei einer rein bildgebenden Untersuchung wird dabei nicht der Zustand eines Gewebes beschrieben, sondern was der Patient damit tatsächlich tun kann.
Ergänzt wird dies durch standardisierte Erhebungsbögen. Sie erfassen die Selbstständigkeit bei alltäglichen Verrichtungen, die zurückgelegte Gehstrecke, die Schmerzstärke auf einer Skala oder die geistige Leistungsfähigkeit und liefern damit Werte, die sich über den Verlauf hinweg vergleichen lassen. Genau darin liegt ihr Zweck: Ob eine Rehabilitation etwas bewirkt hat, zeigt sich nicht am Einzelbefund, sondern an der Differenz zwischen der Erhebung bei Aufnahme und derjenigen bei Entlassung.
Apparative Verfahren treten hinzu, wo eine Frage sich anders nicht klären lässt. Die Ultraschalluntersuchung beurteilt Muskeln, Sehnen und Gelenkumgebung im Bewegungsablauf, die Elektromyographie und die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit klären, ob eine Schwäche vom Nerv oder vom Muskel ausgeht, und Belastungsuntersuchungen zeigen, wie weit Kreislauf und Atmung mitgehen – eine Frage, die vor jedem Aufbautraining nach einem Herz- oder Lungenleiden zu beantworten ist. Bewegungs- und Ganganalysen halten fest, an welcher Stelle eines Bewegungsablaufs die Störung tatsächlich entsteht.
Aus alledem entsteht der Rehabilitationsplan. Er benennt die Ziele in überprüfbarer Form, legt fest, welche Behandlungen in welcher Abfolge stattfinden, und wird in Abständen mit dem Patienten überprüft und angepasst. Dazu gehört auch die sozialmedizinische Einschätzung: ob jemand rehabilitationsfähig ist, welche Aussicht auf Besserung besteht, welche Tätigkeiten wieder zumutbar sind und ob eine schrittweise Rückkehr an den Arbeitsplatz sinnvoll ist. Diese Beurteilung ist für die weitere Versorgung von erheblichem Gewicht, weil sich daran anschließende Leistungen und Hilfsmittelverordnungen orientieren.
Mit dem Ende einer Rehabilitationsmaßnahme ist die Betreuung selten abgeschlossen. Der Entlassungsbericht hält fest, was erreicht wurde, was offengeblieben ist und wie weiter verfahren werden soll; er geht an die weiterbehandelnden Ärzte und an den Kostenträger. Empfohlen werden darin regelmäßig die Fortführung eines Übungsprogramms, wohnortnahe Nachsorgeangebote und Kontrolltermine, bei denen die Erhebungsbögen erneut ausgefüllt werden. Erst dieser Vergleich über längere Zeiträume zeigt, ob eine Verbesserung Bestand hat oder ob nachgesteuert werden muss.
Quellen
- Seidel, E. J., Best, N. (Hrsg.): Physikalische und rehabilitative Medizin.
ISBN: 9783948442606
- Crevenna, R. (Hrsg.): Kompendium Physikalische Medizin und Rehabilitation.
ISBN: 9783662490341
- Gutenbrunner, C., Glaesener, J.-J.: Rehabilitation, physikalische Medizin und Naturheilverfahren.
ISBN: 9783540334118
- Bossert, F.-P., Müller, P., Vogedes, K. (Hrsg.): Leitfaden Physikalische Therapie.
ISBN: 9783437481017
- Herbold, D.: BASICS Medizinische Rehabilitation - physikalische Therapie.
ISBN: 9783437421631
