Stangerbad
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Das Stangerbad ist eine physiotherapeutische Behandlungsmethode, die mit Elektrotherapie kombiniert wird. Dabei liegt der zu behandelnde Patient in einer Spezialwanne, die mit Wasser gefüllt ist. Durch Metallplatten am Wannenende und an den Seiten wird Strom durch das Wasser geleitet. Sie soll die Heilung oder Linderung von chronischen und akuten Erkrankungen unterstützen.
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Was ist das Stangerbad?
Bei dem Stangerbad handelt es sich um eine Form der Elektrotherapie. Diese Form der Behandlung wird in einer speziellen Wanne durchgeführt. Am Wannenende und an den Seiten der Wanne sind Metallplatten angebracht, über die galvanischer Strom in das Wasser eingeleitet wird. Frei wählbar ist dabei, welche Platte als Plus- und welche als Minuspol arbeitet.
Der Name geht auf den Ulmer Gerbermeister Heinrich Stanger zurück, der das Verfahren im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte. Den Anstoß gab eine Beobachtung im eigenen Handwerk: Sein an Gicht leidender Vater fühlte sich nach der Arbeit in den elektrisch betriebenen Gerbgruben beschwerdefreier. Stanger stellte daraufhin Versuche mit weiteren Betroffenen an und arbeitete die Anwendung gemeinsam mit dem Arzt Emil Hartmann zu einer Behandlungsform aus. Weil das Wasser den Strom leitet, die Wanne ihn aber nicht ableiten darf, muss diese aus einem nichtleitenden Werkstoff bestehen; die ersten Wannen wurden deshalb aus Holz gebaut, heute werden dafür Kunststoffe verwendet. Die Bezeichnung Stangerbad ist als Wortmarke geschützt. Daneben ist für die Anwendung der Ausdruck hydroelektrisches Vollbad gebräuchlich, der die beiden zusammenwirkenden Prinzipien Wasser und Strom im Namen führt.
Der eingesetzte galvanische Strom ist ein gleichbleibender Gleichstrom, der also stets in dieselbe Richtung fließt. Darin unterscheidet sich das Stangerbad von Verfahren, die mit Impulsen oder mit Wechselstrom arbeiten: Ein solcher Gleichstrom löst keine Muskelzuckungen aus, sondern verändert die Erregbarkeit der Nerven und ruft die Wärme- und Durchblutungswirkung hervor, auf die die Behandlung zielt. Er fließt zudem nicht über Elektroden, die auf der Haut aufliegen, sondern durch das gesamte Wasservolumen; dadurch verteilt er sich über die ganze eintauchende Körperoberfläche, statt sich an einzelnen Auflagepunkten zu bündeln.
Vom Stangerbad als Vollbad zu unterscheiden ist das Zellenbad, bei dem nur einzelne Gliedmaßen in getrennte kleine Wannen tauchen, beim Vierzellenbad also Arme und Beine in je eine eigene. Dessen Aufbau ist ungleich einfacher und der Platzbedarf geringer, weshalb viele Einrichtungen ihm den Vorzug geben; die für ein Stangerbad nötige Spezialwanne findet sich vor allem in größeren Therapiezentren, Rehabilitationseinrichtungen und Kurbetrieben. Auf demselben Gleichstromprinzip beruht auch die Iontophorese, bei der der Strom Wirkstoffe durch die Haut befördert; dieses Ziel verfolgt das Stangerbad nicht.
Bei der Form der Therapie spielen nicht nur die Stromreize eine wesentliche Rolle, sondern auch der Wärmeeffekt. Mithilfe eines Schaltpults kann der behandelnde Therapeut die Verteilung der Pole und der Stromstärke regulieren. Der Patient liegt während des Stangerbads in der dafür vorgesehenen Wanne und wird mit Stromreizen therapiert, die auf seine Beschwerden abgestimmt werden können. Die dabei abgegebenen Reize werden während der Behandlung deutlich ausgeübt, sind jedoch vom Empfinden des Patienten abhängig. Zu beachten ist dabei, dass der Patient auch bei stärkerem Strom keine Schmerzen empfinden darf, jedoch sollte auch ein zu schwacher Reiz vermieden werden. Oftmals wird die Therapie des Stangerbads auch mit einer Unterwasserdruckstrahlmassage kombiniert. Dabei führt der Therapeut zusätzlich einen gebündelten Wasserstrahl über die Muskulatur, sodass sich die mechanische Wirkung der Massage mit Wärme und Stromreiz verbindet. Welche dieser Bestandteile im Einzelfall zusammengefügt werden, richtet sich nach dem Beschwerdebild und nach der ärztlichen Verordnung.
Funktion, Wirkung & Ziele
Der Strom wird über Metallplatten durch das Wasser geleitet. Die Platten fungieren als Pluspol (Anode) und Minuspol (Kathode), welche Platte als Anode oder Kathode arbeitet, kann der Therapeut je nach Patient und Behandlungsziel einstellen. Durch den Stromfluss kommt es zu einem sogenannten Wärmeeffekt, welcher auch eine hohe Bedeutsamkeit für den Behandlungserfolg hat. Die Durchblutung wird dadurch gesteigert. Lokal kann sie sich dabei deutlich erhöhen.
Welche Wirkung von der Polung erwartet wird, gehört zum überlieferten Bestand der physiotherapeutischen Lehrbuchliteratur: Unter der Anode gilt die Erregbarkeit der Nerven als herabgesetzt, unter der Kathode als gesteigert, weshalb dem Pluspol eher eine dämpfende und dem Minuspol eher eine anregende Rolle zugeschrieben wird. Ebenso wird zwischen einer Längs- und einer Querdurchflutung unterschieden, je nachdem, ob der Strom den Körper in seiner Längsachse oder quer dazu durchsetzt. Kontrollierte Studien, die diese Zuordnungen für das Stangerbad belegen, liegen nicht vor; sie gehören zu einem Erfahrungswissen und nicht zu einem Wirksamkeitsnachweis.
Auch das warme Wasser in der Spezialwanne regt ganzheitlich die Durchblutung der Hautoberfläche an. Die erhöhte Durchblutung fördert vor allem den Stoffwechsel innerhalb der Zellen, was zu Erneuerungen und Regeneration der angegriffenen Zellen beiträgt. Das Stangerbad wird häufig zur Rehabilitation von Patienten mit Gelenksbeschwerden angewendet. Auch bei Gelenkbeschwerden nach einer Operation wird es eingesetzt. Muskelgewebe, das chronisch verkrampft ist, wird durch die gesteigerte Durchblutung in Kombination mit Elektroreizen wieder entspannt. Chronisch verkrampftes Muskelgewebe tritt häufig bei Rückenbeschwerden auf. Folglich können Rückenschmerzen mithilfe eines Stangerbads gelindert werden. Die Haupteigenschaft des Stangerbads ist die Nervenstimulation. Die Nerven werden durch den Strom stimuliert.
Neben dem Strom wirken auch die Eigenschaften des Wasserbades selbst auf den Körper ein. Die Wärme setzt den Muskeltonus herab und weitet die oberflächlichen Gefäße. Der Auftrieb nimmt dem Körper einen großen Teil seines Gewichts ab und entlastet damit Gelenke und Wirbelsäule, sodass Bewegungen möglich werden, die an Land Beschwerden bereiten würden. Der hydrostatische Druck des Wassers wirkt zugleich von außen auf Beine und Rumpf ein und begünstigt den Rückstrom des Blutes zum Herzen. Diese drei Faktoren sind unabhängig vom Strom vorhanden und prägen den Gesamteindruck der Behandlung mit; sie erschweren es allerdings auch, den Anteil des elektrischen Reizes am Ergebnis zu bestimmen.
Durch die flexible Ausrichtung der Plus- und Minuspole kann der Muskeltonus gesteigert oder gesenkt werden. Dies verbessert die Kontraktionsfähigkeit eines Muskels, was sich positiv auf die Beweglichkeit der Gelenke auswirkt. Des Weiteren soll die Therapie durch den Stromreiz chronische Schmerzen lindern. Der Patient sollte durch den Strom ein leichtes Kribbeln auf der Haut verspüren, welches jedoch nicht als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden sollte. Gewöhnlich werden beim Stangerbad Stromstärken von 200-600 mA in der Therapie angewendet.
Für den Behandelten läuft ein Stangerbad in mehreren Schritten ab. Vor dem Einsteigen werden Schmuck und alles Metallene abgelegt; das Wasser wird körperwarm temperiert, wobei die Temperatur nach dem Beschwerdebild gewählt wird. Erst wenn der Patient ruhig in der Wanne liegt, schaltet der Therapeut den Strom hinzu und steigert ihn langsam, bis das beschriebene Kribbeln einsetzt. Am Ende wird er ebenso langsam wieder zurückgenommen und erst dann abgeschaltet, denn ein abruptes Ein- oder Ausschalten wird als unangenehmer Schlag empfunden. Weil sich die Stromverteilung ändert, sobald ein Körperteil aus dem Wasser auftaucht, bleibt die Lage während der Anwendung möglichst unverändert.
Die Rückmeldung des Behandelten ist dabei nicht bloß eine Frage der Bequemlichkeit, sondern das eigentliche Steuerungsmittel: Da die Stärke des Reizes nach dem Empfinden bemessen wird, setzt ein Stangerbad einen wachen, empfindungsfähigen und mitteilungsfähigen Patienten voraus. Im Anschluss folgt üblicherweise eine Ruhephase, weil ein warmes Vollbad den Kreislauf belastet und der Übergang in die aufrechte Haltung sonst zu Schwindel führen kann. Eine Rötung der Haut nach der Anwendung ist Ausdruck der gesteigerten Durchblutung und bildet sich von selbst zurück.
Zusätzlich kann dem Wasser Salz oder andere Zusätze beigefügt werden, um die Leitfähigkeit des Stromes im Wasser zu verbessern. Der Zusatz senkt zugleich den Widerstand, den die Haut dem Strom entgegensetzt, sodass sich die angestrebte Reizstärke bei geringerer Spannung erreichen lässt. Traditionell wurden dafür gerbstoffhaltige Zusätze verwendet, was an die Herkunft des Verfahrens aus der Gerberei erinnert; heute sind Salzzusätze gebräuchlich. Ein Stangerbad darf heute nur unter der Vorgabe strenger Vorschriften durchgeführt werden. Diese sind im Medizinprodukterecht, in der Medizinprodukte-Betreiberverordnung und in DIN-Normen niedergeschrieben. Das früher maßgebliche Medizinproduktegesetz wurde 2021 durch die EU-Medizinprodukteverordnung und das Medizinprodukterecht-Durchführungsgesetz abgelöst; die Betreiberverordnung gilt weiterhin. Der Gesetzgeber setzt bei Therapien mit Wasser in Kombination mit Strom sehr strenge Richtlinien, um mögliche Gefahren abzuwenden. Außerdem müssen die Spezialwanne und alle anderen Geräte, die für ein Stangerbad benötigt werden, eine CE-Kennzeichnung tragen.
Das Stangerbad wird als Leistung von den Krankenkassen für verschiedene Krankheitsbilder und Beschwerden angeboten. Welche Krankheitsbilder dabei als Indikation gelten, ist im Heilmittelkatalog festgelegt. Durch die individuell einstellbaren Möglichkeiten des Stangerbads können sowohl verkrampfte Muskeln (Hypertonus) als auch schwache Muskeln (Hypotonus) therapiert werden. Des Weiteren ist das Stangerbad bei Beschwerden der Stützmuskulatur, rheumatischen Erkrankungen oder chronischen und schmerzhaften Wirbelsäulenerkrankungen indiziert. Absolut kontraindiziert ist das Stangerbad, wenn schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ob akut oder chronisch, vorliegen. Außerdem sollte diese Therapie nicht durchgeführt werden, wenn ein grippaler Infekt mit Fieber vorliegt.
Als weitere Anwendungsgebiete nennt die Fachliteratur Störungen des Muskeltonus bei Spastik und bei Lähmungen, Beschwerden bei Morbus Bechterew und bei degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule sowie in das Bein ausstrahlende Schmerzen wie beim Ischiassyndrom. Allen diesen Anwendungen ist gemeinsam, dass das Stangerbad nicht als alleinige Maßnahme, sondern als ein Baustein innerhalb eines physiotherapeutischen Gesamtplans eingesetzt wird.
Verordnet wird es ärztlich als Heilmittel und in aller Regel als Behandlungsserie, nicht als einzelne Anwendung; erbracht wird es in physiotherapeutischen Praxen mit entsprechender Ausstattung sowie in Rehabilitations- und Kureinrichtungen. Gesetzlich Versicherte leisten dabei die für Heilmittel vorgesehene gesetzliche Zuzahlung. Ob die Anwendung im Einzelfall zulasten der Krankenkasse abgerechnet werden kann, richtet sich nach der ärztlichen Diagnose und nach der Verordnungsmöglichkeit, die ihr im Heilmittelkatalog zugeordnet ist.
Ob sich für den Einzelnen ein Nutzen ergibt, zeigt sich erst im Verlauf einer solchen Serie. Üblich ist deshalb, nach den ersten Anwendungen zu prüfen, ob sich Schmerz, Beweglichkeit oder Muskelspannung erkennbar verändert haben, und die Fortführung von diesem Zwischenergebnis abhängig zu machen. Bleibt eine Veränderung aus, kommen andere Verfahren der physikalischen Therapie in Betracht, etwa eine Wärmeanwendung ohne Strom, eine Elektrotherapie mit trockenen Elektroden oder eine Bewegungsbehandlung an Land.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Weil die Stromstärke nach dem Empfinden des Behandelten eingestellt wird, sind Störungen der Empfindung besonders heikel: Wer den Reiz gar nicht oder erst verzögert wahrnimmt, kann eine zu hohe Stromstärke nicht rückmelden. Aus demselben Grund kommt das Verfahren für Menschen nicht in Betracht, die sich nicht verständlich äußern können. Auch offene Wunden, frische Narben und entzündete Hautstellen sprechen gegen die Anwendung, weil sie den Hautwiderstand örtlich herabsetzen und der Strom sich dort bündelt.
Außerdem sollte jegliche Form der Elektrotherapie nicht durchgeführt werden, wenn Erkrankungen wie Entzündungen, Thrombosen, Herzrhythmusstörungen, Arteriosklerose oder andere Erkrankungen im Bereich der Durchblutung vorliegen. Auch wenn sich Metalle im Körper des Patienten befinden wie beispielsweise eine Gelenksprothese oder ein Herzschrittmacher, ist das Stangerbad kontraindiziert. Das gilt für alle implantierten elektrischen Geräte, also auch für Defibrillatoren, Neurostimulatoren oder Medikamentenpumpen.
Des Weiteren darf ein Stangerbad nicht durchgeführt werden, wenn bösartige Tumorerkrankungen, eine erhöhte Blutungsneigung (Hämophilie) oder andere Erkrankungen mit fieberhaften Krankheitsverläufen vorliegen. Für Patienten, die vor Strom Angst haben, sollte eine alternative Therapie zur Elektrotherapie herangezogen werden. Damit sich die Anwendung jederzeit unterbrechen lässt, bleibt der Therapeut während der gesamten Zeit anwesend und kann die Anlage über das Schaltpult sofort abschalten. Meldet der Behandelte Schmerz, ein Brennen an einer umschriebenen Stelle oder Unwohlsein, wird der Strom zurückgenommen, statt die Einstellung beizubehalten; ein Brennen an einer einzelnen Stelle deutet darauf hin, dass sich der Strom dort bündelt. Im Allgemeinen gelten beim Stangerbad der hydrostatische Druck, der elektrische Strom und die Wärme als Risikofaktoren.
Zurückhaltend beurteilt wird die Anwendung außerdem in der Schwangerschaft. Hinzu kommen die Risiken, die jedes warme Vollbad mit sich bringt: Die Weitstellung der Gefäße kann beim Aufstehen zu Schwindel bis hin zum Kreislaufkollaps führen, weshalb die Behandlung nicht ohne Aufsicht stattfindet. Der Betrieb der Anlage unterliegt zudem der Medizinprodukte-Betreiberverordnung: Die Geräte sind in festgelegten Abständen sicherheitstechnisch zu prüfen, und bedienen darf sie nur, wer zuvor in sie eingewiesen wurde. Ein erheblicher Teil der genannten Gefahren ist damit weniger eine Eigenschaft des Verfahrens als eine Frage seiner sachgerechten Durchführung.
Quellen
- Kerkhof, P. van: Evidenzbasierte Elektrotherapie.
ISBN: 9783662707319
- Reichert, B. (Hrsg.): Physikalische Therapie.
ISBN: 9783132461673
- Bossert, F.-P., Müller, P., Vogedes, K. (Hrsg.): Leitfaden Physikalische Therapie.
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- Gutenbrunner, C., Hildebrandt, G. (Hrsg.): Handbuch der Balneologie und medizinischen Klimatologie.
ISBN: 9783642800481
- Crevenna, R. (Hrsg.): Kompendium Physikalische Medizin und Rehabilitation.
ISBN: 9783662490341
