Tumorlyse-Syndrom
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 31. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Krankheiten Tumorlyse-Syndrom
Das Tumorlyse-Syndrom ist eine Komplikation von Chemo- und Strahlentherapien, die in kürzester Zeit bösartige Tumorzellen zum Zerfall bringen. Die Zellen setzen Stoffe wie Harnsäure ins Blut frei, die eine metabolische Entgleisung und Nierenversagen zur Folge haben können. Speziell Chemotherapien werden typischerweise nur langsam in Gang gesetzt, um dem Syndrom vorzubeugen.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist das Tumorlyse-Syndrom?
Bestimmte Tumore wachsen besonders schnell und gelten zugleich als außerordentlich empfindlich gegenüber Chemotherapie. Zu den Tumorerkrankungen mit solchen Tumoren zählen zum Beispiel akute Leukämien wie die akute lymphatische Leukämie oder die akute myeloische Leukämie. Auch maligne Lymphome wachsen schnell und zeigen sich empfindlich, so zum Beispiel das Burkitt-Lymphom oder das diffus-großzellige Lymphom.
Darüber hinaus gelten die beiden Merkmale für kleinzellige Bronchialkarzinome. Tumorerkrankungen begegnet die Medizin wegen der Empfindlichkeit gegenüber Chemotherapeutika typischerweise mit Chemotherapie, die in kürzester Zeit viele der Tumorzellen zum Zerfall bringt. Wenn innerhalb einer nur kurzen Zeitspanne zu viele Tumorzellen zerfallen, tritt das Tumorlyse-Syndrom auf.
Beim Zerfall setzen die Tumore bestimmte Stoffe in die Blutbahnen frei, die die Ausscheidungsarbeit der Nieren überfordern können. Aus diesem Grund kann sich bei der Behandlung ein akut lebensbedrohlicher Zustand einstellen, der zum Beispiel Nierenversagen begünstigen kann. Das Phänomen wird auch als tumorzerfallsbedingte Stoffwechselentgleisung bezeichnet und begünstigt neben den Negativauswirkungen auf die Nieren weitere metabolische Störungen.
Ursachen
Der Haushalt der anfallenden Stoffe unterliegt einer wesentlichen Regulation durch die Niere, sodass die Ausscheidungsorgane mit dem plötzlichen Substanzanfall überlasten können. Besonders bedenklich ist das Anfallen von großen Mengen an Harnsäure. Wenn dieser Stoff in großer Menge und kürzester Zeit gebildet wird, kann er über die Nieren nicht mehr ausreichend aus dem Organismus gefiltert werden.
Harnsäure kristallisiert sich daraufhin in den Nieren aus und führt zu einer Urat-Nephropathie, die im Extremfall in akutes Nierenversagen mündet. In der Regel wird der schnelle Zerfall von Tumoren und damit das Tumorlyse-Syndrom durch chemotherapeutische Behandlung verursacht. Bei Strahlentherapie ist das Syndrom vergleichsweise seltener. Diese Behandlungsoption lässt bösartige Zellen in der Regel weniger schnell zugrunde gehen.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Wie normale Körperzellen bestehen Tumorzellen aus einer Vielzahl an Elektrolyten, Metaboliten und anderweitig stoffwechselaktiven Teilchen. Die plötzliche Zerstörung der Tumorzellen durch ein Zytostatikum hat die Freisetzung der Inhaltsstoffe ins Blut zur Folge, sodass der Organismus mit den genannten Verbindungen überflutet wird und der Stoffwechsel entgleist.
Das Tumorlyse-Syndrom entwickelt sich meist innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen nach Beginn der Behandlung. Im Vordergrund stehen deshalb Akutzeichen: Herzrhythmusstörungen und Muskelschwäche durch den Anstieg des Kaliums, Muskelkrämpfe, Kribbeln um den Mund und Tetanie durch den Abfall des Kalziums, Übelkeit und Erbrechen sowie eine nachlassende Urinausscheidung bis hin zum vollständigen Versiegen.
Bleibt die Nierenfunktion darüber hinaus beeinträchtigt, treten Beschwerden hinzu, die von der Niere ausgehen; sie reguliert die Ausscheidung von Metaboliten. Ein gänzlicher Verlust der Nierenfunktion kann sich einstellen. Das Nierenversagen kann von Symptomen wie Pruritus, Foetor uraemicus und Anämie begleitet sein. Renale Osteopathie mit Knochenschmerzen kann sich einstellen. Außerdem zählen Polyneuropathien mit Schläfrigkeit, Gefühlsstörungen und Lähmungen zu den Begleitsymptomen.
Dasselbe gilt für hormonelle Störungen, Ödeme, Kopfschmerzen, Depressionen, Müdigkeit, Schwindel und Erbrechen. Im Einzelfall können auch Krampfanfälle auftreten, die mit einer metabolischen Azidose, Herzinsuffizienz, Arrhythmien oder Hypertonie vergesellschaftet sein können. Zusätzlich können Stauungen der Lunge und gastrointestinale Störungen auftreten. Pruritus, Foetor uraemicus, renale Osteopathie, Polyneuropathien und hormonelle Störungen entwickeln sich allerdings erst dann, wenn die Nierenschwäche über längere Zeit bestehen bleibt; sie sind keine Frühzeichen des Tumorlyse-Syndroms.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Die Diagnose auf ein Tumorlyse-Syndrom wird weitestgehend über die Blutwerte gestellt. Eine Entgleisung der Werte bei Chemotherapie oder Strahlentherapie spricht für das Syndrom. Meist sind sich die behandelnden Ärzte über das Risiko eines Tumorlyse-Syndroms bewusst.
Darum werden während der Behandlungen zum Zerfall von Tumorzellen die Blutwerte der Patienten in der Regel engmaschig überwacht. Meist werden Maßnahmen zur Prophylaxe eingeleitet. Je früher das Syndrom erkannt wird, desto eher lässt sich dem akuten Nierenversagen noch entgegenwirken.
Komplikationen
Das Tumorlyse-Syndrom kann beim Betroffenen im schlimmsten Fall zum Tod führen. Ob es dazu kommt, kann nicht im Allgemeinen vorhergesagt werden. Der weitere Verlauf hängt stark von der genauen Ausprägung der Erkrankung ab. Die Betroffenen leiden dabei an verschiedenen Lähmungen und ebenso an Gefühlsstörungen.
Diese können den Alltag deutlich einschränken und die Lebensqualität des Patienten verringern. Es kommt weiterhin auch zu Schwindelgefühlen und zu Erbrechen. Auch starke Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen können im Zusammenhang mit dem Tumorlyse-Syndrom auftreten und den Alltag des Betroffenen ebenso erschweren.
Sollte die Krankheit nicht behandelt werden, leiden die Patienten an einer Herzinsuffizienz und können an dieser auch versterben. Auch Beschwerden im Bereich des Bauches oder des Magens können dabei eintreten. In vielen Fällen leiden die Betroffenen dabei an Krämpfen, die mit starken Schmerzen verbunden sind. Die Behandlung des Tumorlyse-Syndroms erfolgt mit Hilfe von Medikamenten.
Dabei kann es zu weiteren Komplikationen kommen, etwa zu Herzrhythmusstörungen durch den erhöhten Kaliumspiegel oder zu Muskelkrämpfen durch den Abfall des Kalziums. Ein vollständig positiver Krankheitsverlauf wird dabei nicht immer erreicht. In schwerwiegenden Fällen sind die Patienten vorübergehend auf eine Dialyse angewiesen, bis sich die Nierenfunktion wieder erholt. Erholt sie sich nicht, kann auf lange Sicht die Transplantation einer Niere erforderlich werden. Die zugrunde liegende Chemotherapie, in deren Verlauf das Tumorlyse-Syndrom überhaupt erst entsteht, ruft darüber hinaus in vielen Fällen starke Nebenwirkungen hervor.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Da es beim Tumorlyse-Syndrom nicht zu einer selbstständigen Heilung kommen kann, muss diese Komplikation auf jeden Fall durch einen Arzt behandelt werden. Es kann dabei im schlimmsten Fall zum Tod durch ein Nierenversagen kommen, falls dieses Syndrom nicht richtig oder nicht rechtzeitig behandelt wird. Eine frühzeitige Diagnose mit der anschließenden Behandlung wirken sich sehr positiv auf den weiteren Verlauf dieser Krankheit aus. Ein Arzt ist beim Tumorlyse-Syndrom dann zu kontaktieren, wenn der Betroffene im Rahmen einer Chemotherapie an Beschwerden wie Muskelschwäche, Muskelkrämpfen, Kribbeln um den Mund, Übelkeit oder einer nachlassenden Urinausscheidung leidet.
Es kommt dabei häufig auch zu einer dauerhaften Müdigkeit oder zu Durchfall und Erbrechen. Bleibt die Nierenschwäche längere Zeit bestehen, können auch eine Blutarmut oder starke Lähmungen und Störungen der Gefühle auf die Krankheit hinweisen. Sie dürfen nicht mit den gewöhnlichen Nebenwirkungen einer Chemotherapie verwechselt werden und sollten immer von einem Mediziner kontrolliert werden. In der Regel sollte sich der Betroffene beim Tumorlyse-Syndrom an den Arzt wenden, der den Krebs behandelt. Die weiteren Maßnahmen hängen stark von den genauen Beschwerden und ihrer Ausprägung ab.
Treten während oder kurz nach einer Chemotherapie Herzstolpern oder Herzrasen, ausgeprägte Muskelschwäche, Muskelkrämpfe, ein Krampfanfall, Bewusstseinstrübung oder ein plötzliches Versiegen der Urinausscheidung auf, ist sofort der Notruf 112 zu wählen. Für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116 117 erreichbar.
Behandlung & Therapie
Sobald das Tumorlyse-Syndrom eingetreten ist, steht der Erhalt der Nierenfunktion im Mittelpunkt aller Therapiebestrebungen. Regelmäßig werden die Blutwerte der Patienten genommen, wobei ein Ausgleich der entgleisten Werte angestrebt wird. Ein akut erhöhter Harnsäurespiegel kann durch Rasburicase gesenkt werden. Dabei handelt es sich um ein gentechnisch hergestelltes Enzym, das Harnsäure abbaut. Rasburicase darf allerdings nicht gegeben werden, wenn ein Mangel des Enzyms Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase (G6PD) vorliegt, weil dann rote Blutkörperchen in gefährlichem Ausmaß zerstört werden können.
Bei eingeschränkter Nierenfunktion ist Allopurinol nicht grundsätzlich verboten, muss aber in der Dosis angepasst werden. Es hemmt allerdings nur die Neubildung von Harnsäure und senkt einen bereits stark erhöhten Harnsäurespiegel nicht, weshalb in dieser Lage Rasburicase bevorzugt wird. Die Behandlung einer einsetzenden Niereninsuffizienz hängt immer vom Grad des Funktionsausfalls ab. Bei leichten oder noch moderaten Funktionsverlusten wird die Verschlechterung der Nierenfunktion durch die Elimination von etwaigen Risikofaktoren verhindert.
Eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz erfordert eine Nierenersatztherapie wie Peritonealdialyse, Hämofiltration oder Hämodialyse. Zusätzliche können Erythropoetin und Phosphatbinder gegeben werden. Wenn das Nierengewebe durch die metabolische Entgleisung irreversibel geschädigt wurde, bleibt die Dialysepflicht das gesamte Leben des Patienten über bestehen.
In diesem Fall kann auf lange Sicht die Transplantation einer Spenderniere erforderlich werden. Da sich die behandelnden Ärzte bei einer Chemotherapie über das Risiko des Tumorlyse-Syndroms bewusst sind, werden gemeinsam mit einer Chemotherapie in der Regel prophylaktische Maßnahmen durchgeführt, damit es gar nicht erst zur metabolischen Entgleisung kommt.
Vorbeugung
Um einem Tumorlyse-Syndrom vorzubeugen, beginnt eine Chemotherapie idealerweise nur langsam und mit geringer Durchflussrate oder einer Vorphase-Therapie. Allopurinol wird vorbeugend gegeben, um die Synthese von Harnsäure zu kontrollieren. Durch Harn-Alkalisierung wird Harnsäure wasserlöslicher, sodass die Ausscheidung erleichtert wird. Lange Zeit wurde diese Maßnahme deshalb regelmäßig durchgeführt. Heute wird davon abgeraten, weil sich im alkalischen Harn Kalzium-Phosphat-Kristalle bilden und die Nieren zusätzlich schädigen können. Eine verstärkte Flüssigkeitszufuhr des Patienten unterstützt die Nierenfunktion und verstärkt damit die Diurese; sie steht heute im Vordergrund der Vorbeugung.
Nachsorge
Dem Betroffenen stehen beim Tumorlyse-Syndrom in den meisten Fällen nur sehr wenige und auch nur sehr eingeschränkte Maßnahmen oder Möglichkeiten der direkten Nachsorge zur Verfügung. Aus diesem Grund sollte der Betroffene bei dieser Krankheit schon sehr früh einen Arzt aufsuchen, um dadurch auch mögliche andere Komplikationen und Beschwerden zu verhindern, da es dabei auch nicht zu einer selbstständigen Heilung kommen kann.
Das Tumorlyse-Syndrom ist keine erbliche Erkrankung, sondern eine akute Komplikation der Krebsbehandlung. Wird es rechtzeitig erkannt und behandelt, bilden sich die Stoffwechselentgleisungen in der Regel wieder zurück; bleibende Nierenschäden sind jedoch möglich. Vor jedem weiteren Behandlungszyklus wird deshalb abgeschätzt, wie hoch das Risiko für ein erneutes Auftreten ist, und die Vorbeugung entsprechend angepasst. Die meisten Betroffenen des Tumorlyse-Syndroms sind dabei auf die Einnahme von Medikamenten angewiesen.
Dabei sollten alle Anweisungen des Arztes beachtet werden. Ebenso ist die richtige Dosierung und auch die regelmäßige Einnahme zu beachten. Häufig kann sich dabei auch der Kontakt zu anderen Betroffenen der Erkrankung positiv auf den weiteren Verlauf auswirken. Die Lebenserwartung wird in erster Linie durch die zugrunde liegende Krebserkrankung bestimmt; ein rechtzeitig erkanntes und behandeltes Tumorlyse-Syndrom schränkt sie in der Regel nicht dauerhaft ein.
Das können Sie selbst tun
Zur Vermeidung des Tumorlyse-Syndroms ist zunächst eine enge ärztliche Überwachung notwendig. Sollten nach oder während einer Chemotherapie typische Symptome wie Schwäche oder eine nachlassende Urinausscheidung auftreten, muss der Arzt konsultiert werden. Das Syndrom ruft unbehandelt lebensbedrohliche Komplikationen hervor und kann schließlich zum Tod durch Nierenversagen oder Hirnödeme führen. Deshalb muss der Körper während der Chemotherapie gut beobachtet werden.
Der Mediziner kann geeignete Medikamente verordnen, durch welche der Harnsäurewert absinkt und einer lebensgefährlichen Harnvergiftung vorgebeugt wird. Nach der Diagnose Krebs sollten sich die Patienten selbstständig über die Risiken einer Chemotherapie informieren, um über etwaige Symptome und Beschwerden im Bilde zu sein. Die Behandlung eines Tumorlyse-Syndroms ist dagegen eine intensivmedizinische Aufgabe und kann von Betroffenen oder Angehörigen nicht selbst übernommen werden. Entscheidend ist allein, Warnzeichen früh zu bemerken und sofort ärztliche Hilfe zu holen; verlässliche Auskunft dazu gibt das behandelnde Team.
Begleitend zur ursächlichen Behandlung lassen sich die einzelnen Symptome lindern, indem nach der ärztlichen Behandlung auf Schonung geachtet wird. Das Tumorlyse-Syndrom stellt eine große Belastung für den Körper dar, weshalb weiterer Stress unbedingt zu vermeiden ist. Die Diät und insbesondere die Nahrungsaufnahme sollte mit dem Arzt besprochen werden, um die medikamentöse Therapie optimal zu unterstützen.
Quellen
- Schmoll, H.-J. (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie.
ISBN: 9783662607473
- Berger, D. P., Engelhardt, M., Duyster, J.: Das Rote Buch – Hämatologie und Internistische Onkologie.
ISBN: 9783609512242
- Possinger, K., Regierer, A. C. (Hrsg.): Facharztwissen Hämatologie Onkologie.
ISBN: 9783437212154
- Honecker, F., Claßen, J., Preiß, J. (Hrsg.): Taschenbuch Hämatologie und Onkologie.
ISBN: 9783863714031
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655

