Aprotinin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 10. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Aprotinin ist ein Antifibrinolytikum und wirkt als solches hemmend auf die Spaltung des Eiweißes Fibrin (also auf die Fibrinolyse). Auf Grund dieser Eigenschaft kommt es in Gewebeklebern vor. Als eigenständiges Arzneimittel wird Aprotinin heute nur noch bei Operationen zum Anlegen eines Koronararterien-Bypasses angewendet; früher wurde der Wirkstoff auch bei dem sehr seltenen, genetisch bedingten Alpha2-Antiplasmin-Mangel eingesetzt. Wegen möglicher Risiken von Aprotinin ist der Wirkstoff in Deutschland nur unter bestimmten Bedingungen zugelassen.
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Was ist Aprotinin?
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Bei Aprotinin handelt es sich um einen Medikamentenwirkstoff aus der Gruppe der Antifibrinolytika. Der Name dieser Substanzgruppe geht auf das Enzym Fibrinolysin zurück, das heute besser unter dem Namen Plasmin bekannt ist.
Genauer gehört Aprotinin zu den Proteinaseinhibitoren mit breitem Wirkungsspektrum. Es bildet mit seinen Zielenzymen umkehrbare Verbindungen und hemmt auf diese Weise nicht nur Plasmin, sondern auch das eiweißspaltende Enzym Trypsin sowie das Kallikrein des Blutplasmas und des Gewebes. Über die Hemmung des Kallikreins greift der Wirkstoff zusätzlich in die sogenannte Kontaktaktivierung ein – jenen frühen Abschnitt der Gerinnung, der die Gerinnselbildung einleitet und zugleich die spätere Auflösung des Gerinnsels vorbereitet. Aus dieser doppelten Wirkung erklärt sich, weshalb Aprotinin den Blutverlust bei großen Eingriffen verringern kann.
Als Fibrinolyse bezeichnet die Medizin außerdem den Vorgang der Fibrin-Spaltung durch das Enzym Plasmin, welches eine Serinprotease darstellt. Eine vorübergehende Hemmung von Plasmin ist unter anderem mit Aprotinin möglich, da sich der Wirkstoff reversibel an das Enzym bindet und es deaktiviert. Das Plasmin bleibt dabei jedoch intakt und kann später wieder aktiv werden.
Aprotinin kommt auf natürliche Weise in den Lungen von Rindern vor. Die pharmakologische Herstellung des Wirkstoffs basiert auf der Vergärung jenes Gewebes. Anschließend befreit eine Filtration die Substanz von überflüssigen Bestandteilen. Ein spezielles Gel dient bei der Reinigung des fermentierten Rinderlungen-Gewebes als Hilfsmittel.
Nach der Gabe in eine Vene verteilt sich Aprotinin rasch im Raum zwischen den Zellen, weshalb die Konzentration im Blutplasma zunächst schnell abfällt; erst später folgt eine langsamere Ausscheidungsphase. Der Abbau des Eiweißmoleküls zu kürzeren Bruchstücken und einzelnen Aminosäuren findet in der Niere statt. Nur ein kleiner Teil des noch wirksamen Stoffs verlässt den Körper unverändert über den Urin. Weil Aprotinin ein Eiweiß ist, wird es bei einer Aufnahme über den Mund im Verdauungstrakt zerlegt und gelangt gar nicht erst in den Blutkreislauf – der Wirkstoff kommt deshalb ausschließlich als Injektion oder Infusion zur Anwendung.
Pharmakologische Wirkung
Auf diesen Rohstoff geht auch Thrombin zurück, das zur Komponente 2 des Gewebeklebers gehört und aus dessen Vorstufe Prothrombin gewonnen wird. Zur Komponente 2 gehört außerdem Kalziumchlorid oder Kalziumchlorid-Dihydrat, das die benötigten Kalziumionen liefert.
Bei der chirurgischen Verwendung interagieren die verschiedenen Wirkstoffe miteinander: Das Thrombin der Komponente 2 ist enzymatisch aktiv. Es spaltet den Gerinnungsfaktor Fibrinogen in Fibrin und aktiviert den Faktor XIII. Dieser wiederum verwebt die einzelnen Fibrinmonomere zu einem Netz, das der menschliche Körper selbst abbauen kann.
Der Vorteil besteht darin, dass der Fibrinkleber aus diesem Grund auch Gewebe verbinden kann, das für ein späteres Fädenziehen nach dem Nähen nur noch schwer erreichbar wäre. Die Aufgabe von Aprotinin besteht in diesem Zusammenhang darin, das körpereigene Enzym Plasmin zu hemmen und seine Funktion zu verlangsamen. Plasmin spaltet Fibrin und könnte somit das verklebte Gewebe vorzeitig wieder lösen.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Der Einsatz von Aprotinin ist etwa bei der Operation zur Erstellung eines Koronararterien-Bypasses möglich. Bei einem solchen Bypass handelt es sich um eine künstliche Umgehung des Blutgefäßes. Ziel ist, trotz einer Verengung des betroffenen Herzkranzgefäßes den Fluss des Blutes zu ermöglichen.
Der Bypass kann sowohl aus einer Arterie als auch aus einer Vene bestehen. Die Medizin bezeichnet die Verengung des Herzkranzgefäßes auch als Koronarstenose, die häufig im Rahmen einer koronaren Herzerkrankung auftritt. Nicht in jedem Fall ist jedoch ein Bypass notwendig oder möglich. Zur operativen Behandlung der Verengung kommt beispielsweise auch ein Stent in Betracht, bei dem ein Röhrchen als Endoprothese im Blutgefäß den Durchfluss sicherstellen soll.
Früher setzten Ärzte Aprotinin auch zur Stillung von Blutungen ein, wenn eine verstärkte Fibrinolyse (Hyperfibrinolyse) diesen Blutungen zugrunde lag. Heute ist diese Vorgehensweise jedoch nicht mehr üblich, da Aprotinin mit Risiken einhergeht, welche seinen Einsatz nur unter sehr bestimmten Bedingungen sinnvoll machen.
Früher war Aprotinin außerdem bei Alpha2-Antiplasmin-Mangel indiziert. Dabei handelt es sich um ein Defizit des Serinprotease-Hemmers. Der Inhibitor bindet sich an Plasmin und deaktiviert es dadurch. Ein Mangel kann deshalb eine primäre Hyperfibrinolyse zur Folge haben.
Alpha2-Antiplasmin entsteht im gesunden Menschen in richtiger Menge in der Leber. Der Körper kann es selbst synthetisieren. Alpha2-Antiplasmin-Mangel ist mit nur wenigen beschriebenen Fällen äußerst selten und beruht in erster Linie auf einer entsprechenden genetischen Veranlagung, die sich autosomal rezessiv vererbt.
Die Beschränkung auf die isolierte Bypassoperation ist ausdrücklich gewollt. Wird die Bypassoperation mit einem weiteren Eingriff an Herz oder Gefäßen verbunden, soll Aprotinin nicht eingesetzt werden, weil das Verhältnis von Nutzen und Risiko für solche kombinierten Eingriffe ungeklärt ist. Auch innerhalb des zugelassenen Anwendungsgebiets steht am Anfang eine sorgfältige Abwägung, denn zur Verringerung des Blutverlusts stehen andere Wirkstoffe zur Verfügung.
Der eingeschränkte Vertrieb ergänzt diese Beschränkung. Aprotinin gelangt nur an Kliniken, in denen Herzoperationen unter Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine durchgeführt werden und die sich zur Teilnahme an einem Register verpflichtet haben. In dieses Register fließen Angaben darüber ein, bei welchen Patienten der Wirkstoff tatsächlich angewendet wird; auf diese Weise werden die Sicherheitsbedenken, die zur vorübergehenden Aussetzung geführt hatten, weiter beobachtet. Sicherheit und Wirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen sind nicht erwiesen, sodass sich das Anwendungsgebiet auf Erwachsene beschränkt.
Bei allen Indikationen, die für die Anwendung von Aprotinin in Betracht kommen, ist die Abwägung individueller Faktoren notwendig, die das Kosten-Nutzen-Verhältnis im Einzelfall beeinflussen.
Verabreichung & Dosierung
Aprotinin wird nicht geschluckt, sondern in eine Vene gegeben, und zwar über einen zentralen Venenzugang. Andere Arzneimittel werden nicht über denselben Zugang verabreicht. Die Gabe erfolgt langsam und ausschließlich bei Patienten, die auf dem Rücken liegen.
Vor der eigentlichen Anwendung steht eine kleine Testdosis. Sie wird einige Zeit vor der übrigen Menge gegeben, damit sich zeigt, ob der Körper allergisch auf das Rindereiweiß reagiert. Bleibt eine Reaktion aus, folgt die therapeutische Menge. Bei Bedarf lassen sich zuvor Arzneimittel geben, die die Wirkung des körpereigenen Botenstoffs Histamin blockieren. In jedem Fall muss die Ausstattung bereitstehen, um eine schwere allergische Reaktion sofort behandeln zu können; ohne diese Voraussetzung darf bereits die Testdosis nicht verabreicht werden.
Der zeitliche Ablauf richtet sich nach der Operation. Ein erster Anteil wird nach dem Einleiten der Narkose und vor der Eröffnung des Brustbeins langsam gespritzt oder infundiert. Ein weiterer Anteil kommt in die Füllflüssigkeit der Herz-Lungen-Maschine. Anschließend läuft eine Dauerinfusion bis zum Ende der Operation. Für die gesamte Behandlung ist eine Höchstmenge festgelegt, die nicht überschritten werden soll.
Für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion ist nach der bisherigen klinischen Erfahrung keine besondere Anpassung der Menge erforderlich. Für eine eingeschränkte Leberfunktion liegen dagegen keine Daten vor. Bei älteren Patienten haben sich keine Hinweise auf ein abweichendes Ansprechen ergeben. Blut, das dem Katheter mit der Aprotinin-Infusion entnommen wurde, wird nicht für die Konservierung des Bypass-Transplantats verwendet.
Risiken & Nebenwirkungen
Eine Überempfindlichkeit in Bezug auf Rindereiweiße ist eine Kontraindikation zur Aprotinin-Anwendung, da der Wirkstoff ein Polypeptid aus dem Rinderorganismus darstellt und aus den Lungen des Tieres stammt. Ebenso ist die Anwendung bei Patienten mit einem positiven Aprotinin-spezifischen IgG-Antikörpertest ausgeschlossen, weil bei ihnen ein erhöhtes Risiko für anaphylaktische Reaktionen besteht.
Zu den Nebenwirkungen von Aprotinin gehören anaphylaktische Reaktionen sowie verschiedene allergische Reaktionen. Letztere äußern sich vor allem als Juckreiz und pathologische Hautveränderungen (Effloreszenzen).
Nach den zusammengefassten Daten der placebokontrollierten Studien treten allergische Reaktionen ebenso wie anaphylaktische und anaphylaktoide Reaktionen selten auf und der anaphylaktische Schock sehr selten; er kann lebensbedrohlich verlaufen. Neben Juckreiz, Hautausschlag und Quaddeln können sich solche Reaktionen als Verkrampfung der Bronchien, als Abfall des Blutdrucks oder als Übelkeit zeigen. Tritt während der Injektion oder Infusion eine allergische Reaktion auf, wird die Gabe sofort abgebrochen und mit Notfallmaßnahmen behandelt.
Wie groß das Risiko ist, hängt stark davon ab, ob der Körper dem Wirkstoff schon einmal begegnet ist. Bei der ersten Anwendung sind allergische und anaphylaktische Reaktionen selten. Bei einer erneuten Anwendung steigt ihre Häufigkeit deutlich, besonders wenn zwischen beiden Anwendungen nur wenige Monate liegen. Auch eine zweite Gabe, die ohne Beschwerden vertragen wurde, schließt eine schwere Reaktion bei einer weiteren Anwendung nicht aus. Die meisten dieser Fälle treten innerhalb des ersten Jahres nach der vorangegangenen Anwendung auf, vereinzelt wurde jedoch auch später darüber berichtet.
Als schwerwiegendste Nebenwirkung gilt der Herzinfarkt. Die unerwünschten Wirkungen sind allerdings vor dem Hintergrund der Operation selbst zu beurteilen, bei der solche Ereignisse ohnehin vorkommen können. In den zusammengefassten placebokontrollierten Studien lag die von den Prüfärzten berichtete Häufigkeit von Herzinfarkten unter Aprotinin nur wenig über der unter Scheinbehandlung, und die einzelnen Studien wiesen in unterschiedliche Richtungen. Beschrieben sind außerdem Verschlüsse der Herzkranzgefäße, Thrombosen in Arterien mit ihren Folgen in lebenswichtigen Organen wie Niere, Lunge oder Gehirn, Lungenembolien sowie Störungen der Blutgerinnung.
Die Nieren stehen aus einem weiteren Grund im Blick. Beobachtungsstudien deuten darauf hin, dass Aprotinin Nierenfunktionsstörungen auslösen kann, vor allem bei Patienten, deren Nierenfunktion bereits vorher eingeschränkt war. In der Zusammenschau der placebokontrollierten Studien an Bypasspatienten stieg der Kreatininwert im Blut – ein Maß für die Nierenleistung – unter Aprotinin häufiger leicht an als unter Scheinbehandlung; ausgeprägte Anstiege waren in beiden Gruppen ähnlich häufig, und die meisten dieser Störungen bildeten sich wieder zurück. Aufgeführt sind ferner eine verminderte Urinausscheidung, akutes Nierenversagen und der Untergang von Gewebe in den Nierenkanälchen.
Ein Gegenmittel, das die Wirkung von Aprotinin gezielt aufhebt, gibt es nicht.
Möglicherweise tritt eine Bradykardie auf, bei der sich der Herzschlag verlangsamt und unter den groben Grenzwert von 60 Schlägen pro Minute fällt, die als Referenz für Erwachsene gelten.
Aprotinin kann darüber hinaus einen Bronchospasmus auslösen. Dieser äußert sich im Verkrampfen der Bronchialmuskulatur, was unter Umständen den Anstieg des Atemwegswiderstands (Resistance) zur Folge hat.
Schüttelfrost und Hypertonie (Bluthochdruck) zählen ebenfalls zu den unerwünschten Nebenwirkungen von Aprotinin. Des Weiteren können sich Blutergüsse (Hämatome) und Ödeme bilden. Letztere sind durch eine erhöhte Ansammlung von Flüssigkeit im Gewebe gekennzeichnet.
An der Stelle, an der die Infusion läuft, kann es zu örtlichen Reaktionen kommen, bis hin zu einer Entzündung der Vene.
Kontraindikationen
Die Zahl der Gegenanzeigen ist klein, dafür sind sie streng gefasst. Aprotinin darf nicht angewendet werden bei einer Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder gegen einen der weiteren Bestandteile des Präparats. Da es sich um ein Eiweiß aus dem Rinderorganismus handelt, betrifft das insbesondere Menschen, die auf Rindereiweiß allergisch reagieren.
Die zweite Gegenanzeige ergibt sich aus einer Blutuntersuchung. Lässt sich im Blut ein bestimmter, gegen Aprotinin gerichteter Antikörper nachweisen, so ist das Risiko einer schweren allergischen Reaktion erhöht und die Anwendung ausgeschlossen. Vor einer Behandlung ist deshalb zu erwägen, diesen Test durchzuführen.
Kann der Test nicht durchgeführt werden, tritt an seine Stelle die Vorgeschichte. Besteht der Verdacht, dass der Betroffene innerhalb des zurückliegenden Jahres bereits mit Aprotinin in Berührung gekommen ist, ist die Anwendung ebenfalls ausgeschlossen. Zu dieser Berührung zählt ausdrücklich auch die Behandlung mit einem aprotininhaltigen Fibrinkleber. Der Körper kann dem Wirkstoff also begegnet sein, ohne dass er je als eigenständiges Arzneimittel verabreicht wurde – ein Umstand, der in der Krankengeschichte leicht übersehen wird.
Über die eigentlichen Gegenanzeigen hinaus gibt es Umstände, die besondere Vorsicht verlangen. Bei einer bereits bestehenden Einschränkung der Nierenfunktion sowie bei Patienten mit entsprechenden Risikofaktoren ist der Nutzen besonders sorgfältig gegen das Risiko abzuwägen. Bei einer Bypassoperation, die mit einem weiteren Eingriff an Herz oder Gefäßen verbunden wird, soll Aprotinin nicht zum Einsatz kommen.
Für die Schwangerschaft fehlen aussagekräftige Untersuchungen an Menschen; im Tierversuch ergaben sich keine Hinweise auf eine Schädigung des Ungeborenen. Der Wirkstoff wird daher während der gesamten Schwangerschaft nur angewendet, wenn der zu erwartende Nutzen das mögliche Risiko rechtfertigt. Dabei ist zu bedenken, dass auch die Behandlung einer schweren Nebenwirkung – etwa eines Kreislaufversagens – das ungeborene Kind gefährden kann. Ob Aprotinin in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt; da der Wirkstoff über den Magen-Darm-Trakt nicht in den Kreislauf gelangt, sind Wirkungen auf ein gestilltes Kind jedoch nicht zu erwarten.
Interaktionen mit anderen Medikamenten
Die wichtigste Wechselwirkung von Aprotinin ergibt sich unmittelbar aus seiner Wirkungsweise. Der Wirkstoff hemmt die Fibrinolyse, also die Auflösung von Blutgerinnseln. Arzneimittel, die genau diese Auflösung herbeiführen sollen, wirken deshalb schlechter. Betroffen sind die Thrombolytika wie Streptokinase, Urokinase und Alteplase, die etwa bei einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall eingesetzt werden, um ein verschließendes Gerinnsel aufzulösen. Die Abschwächung fällt umso stärker aus, je mehr Aprotinin im Körper vorhanden ist.
Eine zweite Wechselwirkung betrifft die Niere. Aprotinin kann die Nierenfunktion beeinträchtigen, und Antibiotika aus der Gruppe der Aminoglykoside gelten ihrerseits als Risikofaktor für eine Nierenfunktionsstörung. Treffen beide zusammen, ist die Nierenfunktion besonders gefährdet.
Von großer praktischer Bedeutung ist schließlich das Verhältnis zu Heparin. Aprotinin ersetzt die Gerinnungshemmung durch Heparin nicht, die während des Einsatzes der Herz-Lungen-Maschine unverzichtbar ist. Zugleich verlängert Aprotinin bestimmte Gerinnungstests, sodass die Messwerte eine stärkere Gerinnungshemmung anzeigen, als sie das Heparin tatsächlich bewirkt. Die partielle Thromboplastinzeit ist deshalb kein geeigneter Maßstab mehr, um die Heparinmenge zu steuern. An ihre Stelle treten andere Verfahren: die aktivierte Gerinnungszeit mit eigens angepassten Grenzwerten, ein festes Schema nach Körpergewicht und Dauer des Maschineneinsatzes oder die Bestimmung der Heparinkonzentration über eine Titration, die durch Aprotinin nicht beeinträchtigt wird. Werden Aprotinin und Heparin der Füllflüssigkeit der Herz-Lungen-Maschine zugesetzt, müssen sie außerdem nacheinander und ausreichend verdünnt zugegeben werden, weil sie sonst nicht miteinander verträglich sind.
Alternative Behandlungsmethoden
Aprotinin ist nicht der einzige Wirkstoff, der übermäßigen Blutverlust verhindern soll. Zur selben Klasse der Antifibrinolytika gehören die Lysin-Analoga Tranexamsäure und Aminocapronsäure. Sie greifen an einer anderen Stelle an: Während Aprotinin ein breites Spektrum eiweißspaltender Enzyme hemmt, verhindern sie gezielt, dass aus der Vorstufe Plasminogen das aktive Plasmin entsteht. Damit fehlt das Enzym, das Fibrin auflösen würde, und das Gerinnsel bleibt bestehen.
Beide Wirkstoffe sind kein Rindereiweiß, sondern kleine, im Labor hergestellte Moleküle. Die Registerpflicht und der eingeschränkte Vertrieb, die für aprotininhaltige Arzneimittel gelten, betreffen sie nicht. In der europäischen Überprüfung der Antifibrinolytika, die zur Wiederzulassung von Aprotinin führte, wurden alle drei Wirkstoffe gemeinsam bewertet. Auch die BART-Studie, die für die Aussetzung der Zulassung eine wesentliche Rolle spielte, verglich Aprotinin mit Tranexamsäure und Aminocapronsäure.
Aus diesem Grund weist die Fachinformation ausdrücklich darauf hin, dass Behandlungsalternativen zur Verfügung stehen und dieser Umstand in die Abwägung vor jeder Anwendung von Aprotinin einzubeziehen ist.
Für die örtliche Anwendung im Operationsgebiet steht Aprotinin außerdem als Bestandteil von Fibrinklebern zur Verfügung. Diese Verwendung folgt eigenen Regeln und gehört nicht zu dem Anwendungsgebiet, das für aprotininhaltige Arzneimittel zugelassen ist. Für die allergische Vorgeschichte zählt sie gleichwohl mit: Wer mit einem aprotininhaltigen Fibrinkleber behandelt wurde, gilt als dem Wirkstoff bereits ausgesetzt.
Quellen
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
- Geisslinger, G., Menzel, S., Gudermann, T., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen.
ISBN: 9783804736634
- Barthels, M. (Hrsg.): Das Gerinnungskompendium.
ISBN: 9783131317520
- Larsen, R., Annecke, T.: Anästhesie.
ISBN: 9783437225123
- Rossaint, R., Werner, C., Zwißler, B. (Hrsg.): Die Anästhesiologie.
ISBN: 9783662722770
