Heriditäres non-polypöses kolorektales Karzinom (Lynch-Syndrom)

Letzte Aktualisierung am 20. August 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Als heriditäres non-polypöses kolorektales Karzinom (Lynch-Syndrom) wird eine Dickdarmkrebsart bezeichnet, die hauptsächlich auf Erbfaktoren beruht und keine Polypen in der Darmschleimhaut bildet. Die Krankheit, die synonym auch als Lynch-Syndrom nach dem US-amerikanischen Chirurgen T. Lynch bezeichnet wird, stellt die häufigste Form vererbbarer Darmkrebserkrankungen dar. Als Verursacher wurden insgesamt 6 mutierte Gene identifiziert, die am Reparaturmechanismus fehlerhaft replizierter DNA-Sequenzen beteiligt sind.

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein heriditäres non-polypöses kolorektales Karzinom?

Das hereditäre non-polypöse kolorektale Karzinom (HNPCC), auch nach dem US-amerikanischen Chirurgen Henry T. Lynch als Lynch-Syndrom bezeichnet, ist ein Dickdarmkrebs, der auf bereits identifizierten Genmutationen beruht und autosomal dominant vererbt wird. Das bedeutet, dass der oder die Gendefekte nicht auf den beiden Geschlechtschromosomen X oder Y liegen und dass bereits ein mutiertes Allel eines Gens (heterozygot) die Krankheit verursachen kann.

Im Fall des Lynch-Syndroms sind etwa 75 Prozent der heterozygoten Träger der mutierten Gene von der Krankheit betroffen. Kinder von Eltern, von denen entweder der Vater oder die Mutter Träger der Genmutationen sind, werden mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent ebenfalls heterozygoter Träger der Genmutationen. Etwa 90 Prozent aller Darmkrebserkrankungen entwickeln sich aus polypösem Gewebe über das Stadium benigner Adenome.

Im Gegensatz dazu steht das hereditäre non-polypöse kolorektale Karzinom in keinerlei Zusammenhang mit eventuell vorhandenen Polypen der Darmschleimhaut. Die Entstehung der Tumoren des Lynch-Syndroms wird ausschließlich auf einen Funktionsverlust des Reparaturmechanismus für fehlerhaft replizierte DNA-Sequenzen zurückgeführt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich neben der Erkrankung an HNPCC noch weitere Krebserkrankungen des Darms oder anderer Organe einstellen, ist gegenüber nicht an HNPCC erkrankten Personen stark erhöht.

Ursachen

Das HNPCC wird durch einen Defekt im Reparaturmechanismus fehlerhaft replizierter DNA-Sequenzen verursacht. Der Reparaturmechanismus verhindert normalerweise, dass replizierte DNA-Stücke mit falsch besetzten Nukleinbasen weiter verwendet werden. An dem Mechanismus sind Reparaturproteine beteiligt, die von sogenannten Tumorsuppressorgenen kodiert werden.

Es sind Mutationen mehrerer Suppressorgene bekannt, von denen fast immer die Gene mlh1 auf Chromosom 3 und msh2 auf Chromosom 2 betroffen sind. Bei einem Ausfall der Reparaturproteine kumulieren Zellmutationen bei der Bildung neuer Zellen, so dass sich fehlerhafte Zellen in Klonen anhäufen, die sich weitestgehend autonom verhalten und nicht mehr auf die üblichen Wachstumsbegrenzer reagieren. Sie bilden typischerweise die Keimzelle eines malignen Tumors.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das HNPCC verursacht im Frühstadium kaum Beschwerden und Symptome. Die ersten Anzeichen wie Blut im Stuhl sind unspezifisch und können verschiedene Ursachen haben. Bei fortschreitender Krankheit wechseln sich Phasen von Verstopfung und Durchfall ab. Allmählich gesellen sich Bauchschmerzen, Gewichtsabnahme und Zeichen einer Blutarmut (Anämie) als typische Begleiterscheinungen dazu.

Falls auch Lymphknoten des Mesenteriums, den Haltebändern der Därme, mit Schwellungen und Druckempfindlichkeit reagieren, kann es bereits zu einer Metastasierung einer HNPCC gekommen sein. Eine Abgrenzung zwischen einem non-polypösen HNPCC zu einem mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit viel häufigeren Darmkrebs, der sich aus Polypen der Darmschleimhaut entwickelt, ist im Frühstadium anhand der unspezifischen Symptome nicht ohne weiteres erkennbar. Erst gezielt eingesetzte differenzierte Diagnoseverfahren schaffen die notwendige Klarheit.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Ursachen für eine HNPCC-Erkrankung sind rein genetischer Natur, so dass in Verbindung mit dem autosomalen dominanten Erbgang der Krankheit die familiäre Statistik bezüglich HNPCC-Erkrankungen für Diagnosezwecke bemüht wird. Zur Vereinheitlichung des Aussagewertes statistischer Parameter wurden 1990 die sogenannten Amsterdam-I- und Amsterdam-II-Kriterien eingeführt.

Dabei können mit den Amsterdam-I-Kriterien ausschließlich kolorektale HNPCC und mit den Amsterdam-II-Kriterien zusätzlich Karzinome an anderen Stellen innerhalb des Urogenitaltraktes erfasst werden. Die erste Bedingung der Amsterdam-Kriterien ist, dass bei mindestens drei Familienangehörigen, von denen einer ein Verwandter 1. Grades der beiden anderen Familienmitglieder sein muss, eine HNPCC-Erkrankung gesichert nachgewiesen wird.

Die 2. Bedingung ist erfüllt, wenn die Erkrankungen in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Generationen auftraten. Als dritte Bedingung wurde festgelegt, dass bei einem der Betroffenen die Erkrankung im Alter von unter 50 Jahren auftrat. Falls die familiären Verhältnisse beziehungsweise die Krankheitsvorgänge nicht bekannt sind, wurden 2004 zur Beurteilung die revidierten Bethesda-Kriterien eingeführt, von denen jeweils ein Kriterium erfüllt sein muss, um den Verdacht auf HNPCC zu begründen.

Nach Feststellung des Verdachts auf HNPCC stehen eine Reihe von diagnostischen Möglichkeiten zur Verfügung zur Erhärtung oder Verwerfung des Verdachts. Einerseits sind Ultraschalluntersuchungen und histologische Untersuchungen zielführend und andererseits molekulargenetische Untersuchungen, die Hinweise auf Vorliegen mutierter Suppressorgene liefern können. Der Verlauf der Krankheit ist – unbehandelt – schwerwiegend.

Komplikationen

Beim Lynch-Syndrom handelt es sich um eine schwerwiegende Krankheit. Diese kann unbehandelt zum Tode führen und ist auch mit einer Behandlung in vielen Fällen mit einer Verringerung der Lebenserwartung verbunden. In den meisten Fällen kommt es durch das Lynch-Syndrom in erster Linie zu einem blutigen Stuhlgang. Dieser kann bei vielen Menschen eine Panikattacke auslösen.

Weiterhin leiden die Patienten an Durchfall und Verstopfung und damit an einer Verringerung der Lebensqualität. Es kommt zu einem Gewichtsverlust und oft zu starken Bauchschmerzen und zu einer Anämie. Weiterhin können die Betroffenen das Bewusstsein verlieren und sogar in ein Koma verfallen. Es treten Schwellungen und Schmerzen auf. Ohne Behandlung des Lynch-Syndroms kommt es zu einer Metastasierung und damit auch zu einem Darmkrebs.

In der Regel können Krebserkrankungen nur dann gut behandelt werden, wenn eine frühzeitige Diagnose erfolgt. Nicht selten leiden die Betroffenen neben den physischen Beschwerden auch an Depressionen und anderen psychischen Verstimmungen. Ebenso können auch die Angehörigen des Patienten von diesen Verstimmungen betroffen sein. Das Lynch-Syndrom kann durch einen operativen Eingriff entfernt werden. Allerdings hängt der weitere Krankheitsverlauf von der Diagnose und der Ausbreitung des Tumors ab, sodass ein positiver Krankheitsverlauf nicht in jedem Fall vorausgesagt werden kann.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei wiederholt auftretendem Blut im Urin besteht Anlass zur Besorgnis. Ein Arztbesuch ist notwendig, um die Ursachen abklären zu lassen. Kommt es zu Auffälligkeiten bei der Verdauung, sollte eine Untersuchung der Beschwerden erfolgen. Bei Durchfall oder Verstopfung ist ein Arzt zu konsultieren, um eine Behandlung einleiten zu können. Stellt sich eine Gewichtsabnahme des Betroffenen ein kann es zu einer Unterversorgung des Organismus kommen. Es ist daher ratsam, diese rechtzeitig ärztlich untersuchen zu lassen.

Bei anhaltenden sowie regelmäßig wiederkehrenden Bauchschmerzen oder Unterleibsbeschwerden ist eine Konsultation bei einem Arzt nötig. Kommt es zu Schwellungen, Wucherungen oder Hautauffälligkeiten, ist ein Arztbesuch ebenfalls notwendig. Bei einer Zunahme vorhandener Beschwerden oder dem Auftreten neuer Symptome, gilt dies als ungewöhnlich und ist untersuchen zu lassen. Stellen sich Schmerzen ein oder kommt es zu einer Druckempfindlichkeit, ist ein Arztbesuch notwendig. Bei Schwindel, einem allgemeinen Krankheitsgefühl, Übelkeit und Erbrechen sollte ein Arzt aufgesucht werden.

Leidet der Betroffene unter einer Abnahme der Leistungsfähigkeit, Teilnahmslosigkeit oder Schwäche, sollte dieser gesundheitliche Zustand mit einem Arzt besprochen werden. Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme sowie Aufmerksamkeitsdefizite sind Beschwerden, die auf schwerwiegende Beeinträchtigungen hinweisen können. Daher ist ein Arztbesuch zu empfehlen, sobald der Betroffene diese Unregelmäßigkeiten über mehrere Wochen erlebt.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung des hereditären non-polypösen kolorektalen Karzinoms besteht ausschließlich in seiner operativen Entfernung. Eine medikamentöse oder sonstige Behandlung, die den Krebs heilen könnte, existiert nicht. Es ist daher im Sinne einer hohen Erfolgsquote von großem Wert, wenn ein aufgetretenes HNPCC möglichst früh erkannt und entfernt wird. In einigen Fällen kann es notwendig sein, vor der Operation eine mit Chemotherapie kombinierte Bestrahlung des erkrankten Gewebes durchzuführen.

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Aussicht & Prognose

Bei frühzeitiger Behandlung des hereditären non-polypösen kolorektalen Karzinoms, auch Lynchsyndrom genannt, besteht eine gute Prognose bezüglich der Heilung. Da es sich jedoch um ein erblich bedingtes erhöhtes Risiko für Darmkrebs und andere Krebsformen handelt, sollten beim Patienten ständige Nachuntersuchungen bei ausgeheiltem Darmkrebs und Vorsorgeuntersuchungen für andere Krebsarten stattfinden. Wenn der Tumor noch begrenzt ist und sich keine Metastasen gebildet haben, muss nach seiner vollständigen operativen Entfernung keine Chemotherapie durchgeführt werden. Unter Einhaltung ständiger Nachsorge und Vorsorge kann eine normale Lebenserwartung angenommen werden.

Nicht alle Patienten mit diesem Gendefekt erkranken im Laufe des Lebens an Krebs. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch. So wurde festgestellt, dass bis zu einem Alter von 80 Jahren 80 Prozent aller betroffenen Personen an einem Darmkrebs erkranken. Wenn sich bereits Metastasen entwickelt haben oder parallel zum Darmkrebs noch andere Organe von einem Tumor betroffen sind, verschlechtert sich die Prognose oft drastisch. Parallele Tumoren, die jeweils noch keine Metastasen gebildet haben, können unabhängig voneinander therapiert und wieder vollständig geheilt werden.

Nach Ausbildung von Metastasen kann durch verschiedene Therapiemaßnahmen wie Chemotherapie oder Bestrahlung versucht werden, das Krebswachstum zu verzögern und das Leben des Patienten zu verlängern. Zur Erhöhung der Lebensqualität in schweren Fällen trägt neben den bekannten Behandlungsmöglichkeiten oft auch die psychologische Betreuung des Patienten bei.

Vorbeugung

Vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung eines HNPCC sind nicht existent, weil die Hauptursache in Tumorsuppressorgenen liegt, die durch Mutationen ihrer Fähigkeiten zur Reparatur fehlerhaft kopierter DNA-Sequenzen weitestgehend verlieren. Darüber hinaus kann auch eine das Immunsystem unterstützende Lebensweise als bedingte Vorsorgemaßnahme betrachtet werden.

Die wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen für Personen, die aufgrund ihrer familiären Geschichte oder aufgrund molekulargenetischer Untersuchungen zu dem gefährdeten Personenkreis gehören, bestehen in der regelmäßigen Wahrnehmung von Krebsvorsorge wie Darmspiegelung und anderen Maßnahmen der Früherkennung.

Das können Sie selbst tun

Das Lynch-Syndrom bedarf in jedem Fall einer ärztlichen Therapie. Die akuten Beschwerden des Lynch-Syndroms können durch eine Reihe von Hausmitteln und Selbsthilfe-Maßnahmen gelindert werden.

Durchfall lässt sich durch eine Umstellung der Ernährung reduzieren, während bei Bauchschmerzen natürliche Schmerzmittel eingenommen werden können. Bei Schwellungen empfehlen sich kühlende Umschläge sowie sanfte Massagen der betroffenen Stellen. Nachdem das Karzinom operativ entfernt wurde, muss sich der Patient schonen und ansonsten die Vorgaben des Arztes einhalten. Meist wird eine individuelle Diät empfohlen, die sich aus Schonkost, salzarmen Speisen und dem Verzicht auf Kaffee, Alkohol und andere Genussmittel zusammensetzt.

Die Genesung kann unterstützt werden, indem die Stelle des Eingriffs besonders sorgfältig gepflegt wird. Vor allem in den ersten Tagen kann es zu Blutungen und Schwellungen kommen. Diese können mit Ringelblumensalbe und Präparaten mit Arnika oder Teufelskralle reduziert werden. Frauen, die einmal am Lynch-Syndrom erkrankt sind, sollten bei einer Schwangerschaft frühzeitig eine Untersuchung des Kindes veranlassen. Das Kind sollte nach der Geburt noch einmal eingehend untersucht werden und muss im Verlauf des Lebens regelmäßig die Krebsvorsorge wahrnehmen.

Quellen

  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Preiß, J. et al.(Hrsg.): Taschenbuch Onkologie. Zuckschwerdt, München 2014
  • Renz-Polster, H., Krautzig, S. (Hrsg.): Basislehrbuch Innere Medizin. Urban & Fischer, München 2012


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