Herpesviren
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Herpeserkrankungen sind vielfältig und machen sich auf unterschiedlichste Art bemerkbar. Das bekannteste Herpesvirus äußert sich durch brennende Bläschen, meistens in den Mundwinkeln. Sie sind unangenehm und kehren oftmals trotz einer fachgerechten Behandlung zurück. Es gibt jedoch nicht nur ein Herpesvirus, sondern viele verschiedene Herpesviren.
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Was sind Herpesviren?
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Die hartnäckigen Herpesviren lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Alpha-, Beta- und Gammaherpesviren führen zu Erkrankungen von Haut und Schleimhäuten, des Auges oder des Nervensystems. Ebenfalls verantwortlich sein können sie für die Tumorbildung.
Für den Menschen bedrohlich werden acht Herpesviren. Offiziell werden sie als Humanes Herpesvirus 1 bis 8 (HHV-1 bis HHV-8) bezeichnet; daneben sind ihre gebräuchlichen Namen üblich: Herpes-simplex-Virus Typ 1 und Typ 2 (HHV-1 und HHV-2), Varizella-Zoster-Virus (HHV-3), Epstein-Barr-Virus (HHV-4) und Zytomegalievirus (HHV-5). Gerade bei Erstinfektionen kann es passieren, dass der Betroffene seine Erkrankungen nicht auf Herpesviren zurückführt, weil diese sich in einem untypischen Rahmen bemerkbar machen. Es ist ebenfalls möglich, das Virus in sich zu tragen, ohne dass es ausbricht und krankheitstypische Symptome äußert. Weltweit tragen rund 85 Prozent der Bevölkerung das HSV-1-Virus in sich.
Herpesviren besitzen eine doppelsträngige DNA und eine Größe von etwa 150 bis 200 nm im Durchmesser. Sie entwickeln sich seit 200 Millionen Jahren weiter und sind somit eine alte Virenfamilie. Dabei infizieren sie nicht nur Menschen, sondern ebenfalls Tiere. Verbreitet werden die Viren je nach Art durch Tröpfcheninfektion, Schmierinfektion oder direkten Kontakt.
Bedeutung & Funktion
Bevor dies geschieht, haben die HSV-Viren jedoch bereits Nervenzellen, die Ganglienzellen, infiziert. Das Immunsystem schafft es jetzt, den größten Teil der Viren unter Kontrolle zu bringen und die Infektion heilt. Dabei bleiben einige Viren jedoch im Zellkern der Neuronen, wo das Immunsystem sie nicht bekämpfen kann. Dadurch, dass sie den Körper nie verlassen haben, ist jederzeit eine Reaktivierung der Infektion möglich.
Man unterscheidet bei Auftreten der Symptome somit zwischen einer Erstinfektion und einer Reaktivierung der Herpesviren. Haben die Viren einmal die Spinalganglien erreicht, verbleiben sie dort das gesamte Leben des Wirtes. Ausgelöst wird eine Reaktivierung oftmals durch Stress, Fieber, Schlafmangel und UV-Licht.
Trägt der Betroffene ein Herpesvirus in sich, ohne dass Krankheitsausbrüche auftreten, wird dies latente Infektion genannt, das Virusgenom ist stumm. Herpesviren sind für eine Vielzahl von Erkrankungen verantwortlich, welche die Gesundheit des Menschen bedrohen können. Sie sind breit gefächert und können mit anderen Krankheitserregern interagieren, wobei sie ernsthafte Erkrankungen auslösen können.
Viele Menschen stecken sich bereits im Kindesalter mit den Viren an. Während sich auftretende Symptome behandeln und die Infektion eindämmen lassen, ist es bisher unmöglich, die Herpesviren aus dem Körper zu verbannen. Im Verlauf kann dann jederzeit mit einem erneuten Ausbruch gerechnet werden.
Krankheiten & Beschwerden
Viruserkrankungen können ebenfalls die Leber und das Gehirn befallen, wo sie entzündliche Prozesse auslösen. Das HHV-1 Virus, welches meistens in Form von Bläschen auftritt, ist eines der harmlosesten. In extrem seltenen Fällen kann es jedoch auch zu Lähmungen, Krampfanfällen, Fieber und zum Koma führen. Das sind Anzeichen einer Gehirnentzündung, die unbehandelt in etwa 70 Prozent der Fälle tödlich verläuft.
Der Genitalherpes, HHV-2, verläuft bei Menschen mit gesunder Abwehr meist ohne Komplikationen; ansteckend ist er auch dann, wenn keine Bläschen sichtbar sind. HHV-6 wird ebenfalls in Verbindung mit Multiple Sklerose gebracht. Es befällt die T-Zellen und kann dabei auch das zentrale Nervensystem erreichen. Tritt es nun mit anderen Krankheitserregern in Verbindung, kann dies die Entstehung einer Multiplen Sklerose begünstigen. HHV-6 wird besonders häufig bei Menschen gefunden, die unter einer Autoimmunerkrankung des Bindegewebes leiden.
Andere Krankheiten, die durch Herpesviren ausgelöst werden, sind Windpocken und die Gürtelrose. Treten sie in Form von Windpocken auf, wandern einige Viren in die Nähe der Wirbelsäule, wo sie in Nervenzellen verbleiben und meistens erst im Erwachsenenalter reaktiviert werden. Bei der nun auftretenden Infektion handelt es sich um Gürtelrose, welche sich mit leichtem Fieber und geröteten Flecken sowie Knötchen äußert, die zum Teil erhebliche Schmerzen mit sich bringen.
Auch das Pfeiffersche Drüsenfieber geht auf eines der unterschiedlichen Herpesviren zurück, das Epstein-Barr-Virus. Während der Infektion bildet der Körper Antikörper, die eine zweite Erkrankung dieser Art in der Regel verhindern. Das Virus selbst verbleibt jedoch lebenslang im Körper und kann bei geschwächter Abwehr wieder aktiv werden. Typisch für das Pfeiffersche Drüsenfieber sind Anschwellen von Lymphknoten in Hals und Nacken, Fieber, Schluckbeschwerden, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Bei dem Epstein-Barr-Virus handelt es sich um das HHV4-Herpesvirus.
Herpesviren werden oftmals nur mit Bläschenbildung in Verbindung gebracht, ihr wahres Ausmaß ist jedoch wesentlich größer.
Die acht humanen Herpesviren
Die acht für den Menschen bedeutsamen Vertreter verteilen sich auf die drei Unterfamilien. Welcher Unterfamilie ein Virus angehört, sagt viel darüber aus, wie es sich verhält: welche Zellen es befällt, wie schnell es sich vermehrt und wohin es sich zurückzieht.
Zu den Alpha-Herpesviren gehören die beiden Herpes-simplex-Viren und das Varizella-Zoster-Virus. Sie vermehren sich rasch, zerstören dabei die befallenen Haut- und Schleimhautzellen und überdauern anschließend in Nervenknoten. Das Varizella-Zoster-Virus (HHV-3) löst bei der Erstinfektion Windpocken aus und bei einer späteren Reaktivierung die Gürtelrose.
Die Beta-Herpesviren umfassen das Zytomegalievirus (HHV-5) sowie die eng miteinander verwandten Erreger HHV-6 und HHV-7. Sie vermehren sich langsam und haben ein enges Wirtsspektrum. Ihre Ruhephase verbringen sie nicht in Nervenzellen, sondern vor allem in weißen Blutkörperchen, in deren Vorläuferzellen im Knochenmark und in Drüsengewebe. Das Humane Herpesvirus 6 ist der übliche Erreger des Dreitagefiebers im Kleinkindalter; HHV-7 wird in einem Teil der Fälle für ein ähnliches Krankheitsbild verantwortlich gemacht. Das Zytomegalievirus verläuft bei gesunden Menschen meist unauffällig, kann aber bei Ungeborenen und bei Menschen mit unterdrückter Abwehr schwere Schäden anrichten.
Zu den Gamma-Herpesviren zählen das Epstein-Barr-Virus (HHV-4) und das Humane Herpesvirus 8. Sie befallen bevorzugt Lymphozyten und ruhen auch dort. Beide können die Teilung der befallenen Zellen anstoßen und werden deshalb zu den wenigen Viren gezählt, die beim Menschen an der Entstehung bösartiger Erkrankungen beteiligt sind; das Humane Herpesvirus 8 ist der Erreger des Kaposi-Sarkoms.
Bau der Herpesviren
Alle Herpesviren sind nach demselben Bauplan aufgebaut, und genau das hat ihre Zusammenfassung zu einer Familie überhaupt erst begründet – lange bevor man ihr Erbgut vergleichen konnte, hatte man ihr Aussehen im Elektronenmikroskop verglichen. Innen liegt das doppelsträngige Erbgut. Es ist von einem Eiweißbehälter umgeben, dem Kapsid, das aus einer festen Zahl gleichartiger Bausteine zu einem Zwanzigflächner zusammengesetzt ist. Darüber liegt eine strukturarme Eiweißschicht, das Tegument, in der das Virus fertige Werkzeuge mitführt: Eiweiße, die unmittelbar nach dem Eindringen wirksam werden und die Zelle für die Virusvermehrung umstellen, noch bevor ein einziges virales Gen abgelesen worden ist. Ganz außen folgt die Hülle aus Fett mit ihren Glykoproteinen, über die das Virus an seine Zielzelle andockt.
Diese Hülle macht die Viren außerhalb des Körpers empfindlich. Sie zerfällt bei Austrocknung, unter Einwirkung von Wärme, Seife und den gebräuchlichen Mitteln zur Desinfektion. Herpesviren werden deshalb fast immer durch engen Kontakt weitergegeben und kaum über längere Zeit auf Gegenständen.
Das Erbgut liegt im Viruspartikel als Faden vor. Sobald es im Zellkern angekommen ist, schließt es sich zu einem Ring. In dieser Form bleibt es liegen, ohne sich in das menschliche Erbgut einzufügen. Bei jeder Zellteilung muss es an die Tochterzellen weitergereicht werden; die Gamma-Herpesviren besitzen dafür eigene Eiweiße, die den Ring an die Chromosomen der Zelle heften.
Gemessen an anderen Viren ist das Erbgut der Herpesviren umfangreich; es gehört zu den größten, die man bei Viren kennt. Entsprechend viele Gene tragen sie mit sich – weit mehr, als für den bloßen Bau eines Viruspartikels nötig wären. Ein großer Teil dieser Gene dient nicht der Vermehrung, sondern dem Umgang mit dem Immunsystem des Wirtes: Sie helfen dem Virus, unentdeckt zu bleiben. Darin liegt die eigentliche Leistung dieser Virusfamilie und zugleich der Grund für ihre lebenslange Anwesenheit.
Die Ordnung, zu der die Familie gehört, umfasst noch zwei weitere Familien: Die eine vereint Herpesviren der Fische und Amphibien, die andere Erreger, die bei Muscheln und Austern gefunden wurden. Im Bau ähneln sich diese Gruppen, im Erbgut sind sie aber so verschieden, dass ein gemeinsamer Ursprung nur noch in Umrissen erkennbar ist.
Herpesviren bei Tieren
Herpesviren sind bei Wirbeltieren weit verbreitet, und viele von ihnen haben in der Tiermedizin erhebliche Bedeutung. Rinder erkranken an einer Entzündung der Atemwege, Pferde an Atemwegserkrankungen und Fehlgeburten, Schweine an der Aujeszkyschen Krankheit, die zu schweren Störungen des Nervensystems führt und in mehreren Ländern durch staatliche Bekämpfungsprogramme aus den Hausschweinbeständen verdrängt worden ist. Bei Hühnern verursacht ein Herpesvirus die Marek-Krankheit, eine Tumorerkrankung, gegen die es einen wirksamen Impfstoff gibt – einen der ersten Impfstoffe überhaupt, die eine durch ein Virus ausgelöste Krebserkrankung verhindern.
Auch Katzen und Hunde haben ihre eigenen Herpesviren. Bei Katzen ist ein solcher Erreger für einen erheblichen Teil des sogenannten Katzenschnupfens verantwortlich; bei Hunden erkranken vor allem sehr junge Welpen, deren Wärmehaushalt noch nicht ausgereift ist.
Weil die meisten Herpesviren streng an eine Wirtsart gebunden sind, gehen von den Erregern der Haustiere in aller Regel keine Gefahren für den Menschen aus. Ausnahmen gibt es dennoch: Das Herpes-B-Virus, ein bei mehreren Makakenarten verbreiteter naher Verwandter der Herpes-simplex-Viren, kann in seltenen Fällen nach Bissen oder Kratzern auf den Menschen übergehen und dann schwer verlaufen. Im Umgang mit diesen Tieren gelten deshalb besondere Schutzvorschriften.
Nachweis und Behandlung
Der Erregernachweis stützt sich heute überwiegend auf die Polymerase-Kettenreaktion, mit der sich Virus-Erbgut auch in kleinsten Mengen aufspüren lässt. Untersucht werden je nach Fragestellung Abstriche von Bläschen, Blut, Nervenwasser oder Gewebeproben. Für die Frage, ob jemand überhaupt schon einmal Kontakt mit einem bestimmten Herpesvirus hatte, dient die Bestimmung von Antikörpern. Weil die meisten Erwachsenen mehrere Vertreter der Familie in sich tragen, ist ein positiver Antikörperbefund für sich genommen wenig aussagekräftig; erst der Verlauf mehrerer Werte oder die gemessene Menge an Virusmaterial erlaubt eine Aussage darüber, ob ein Erreger gerade aktiv ist. Das ist der wichtigste Unterschied zur Diagnostik vieler anderer Infektionen: Bei Herpesviren lautet die Frage fast nie „vorhanden oder nicht“, sondern „ruhend oder tätig“.
Zur Behandlung stehen Virostatika zur Verfügung, die den Aufbau des viralen Erbguts stören. Aciclovir, das daraus abgeleitete Valaciclovir sowie weitere Wirkstoffe wie Penciclovir und Brivudin wirken vor allem gegen die Alpha-Herpesviren. Gegen das Zytomegalievirus werden andere Substanzen wie Ganciclovir eingesetzt, weil dieses Virus jenes Enzym nicht besitzt, das Aciclovir in der befallenen Zelle erst wirksam macht.
Allen diesen Mitteln ist eine Grenze gemeinsam: Sie greifen ausschließlich in die Vermehrung ein. Ein Virus, das sich in seinen Zufluchtszellen still verhält, bietet ihnen keinen Angriffspunkt. Deshalb können sie einen Ausbruch abkürzen und abschwächen, den Erreger aber nicht aus dem Körper entfernen.
Eine Schutzimpfung gibt es innerhalb der Familie bislang nur gegen das Varizella-Zoster-Virus – gegen die Windpocken und, mit einem anderen Impfstoff, gegen die Gürtelrose. Gegen die übrigen humanen Herpesviren ist bisher kein Impfstoff zugelassen, obwohl seit Jahrzehnten daran gearbeitet wird. Ein Grund für diese Schwierigkeit liegt im Erreger selbst: Eine durchgemachte Infektion hinterlässt keinen vollständigen Schutz, denn wer das Virus trägt, ist gegen erneute Ausbrüche gerade nicht gefeit. Ein Impfstoff müsste also mehr leisten als die natürliche Erkrankung.
Meldepflicht
Von den acht humanen Herpesviren ist in Deutschland nur eines meldepflichtig. Nach dem Infektionsschutzgesetz müssen der Verdacht auf Windpocken, die Erkrankung und der Tod daran namentlich an das Gesundheitsamt gemeldet werden; ebenso meldet das Labor den Nachweis des Varizella-Zoster-Virus. Für die Gürtelrose, die durch die Reaktivierung desselben Erregers entsteht, gilt diese Meldepflicht nicht, weil dabei keine neue Ansteckung, sondern ein Wiederaufflammen einer alten Infektion vorliegt.
Hinzu kommen bei Windpocken Regelungen für Gemeinschaftseinrichtungen: Erkrankte Kinder dürfen Kindergarten oder Schule bis zum Abklingen der Ansteckungsfähigkeit nicht besuchen, und die Einrichtung muss den Fall dem Gesundheitsamt melden.
Für die übrigen Vertreter der Familie besteht keine Meldepflicht. Der Grund liegt auf der Hand: Sie sind so weit verbreitet, dass die Meldung einzelner Nachweise keinen Erkenntnisgewinn brächte. Wo ein Erreger in nahezu jedem Erwachsenen steckt, sagt sein Nachweis nichts über ein Infektionsgeschehen aus, das man beobachten oder eindämmen könnte.
Quellen
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ISBN: 9783662617809
- Doerr, H. W., Gerlich, W. H. (Hrsg.): Medizinische Virologie.
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- Hof, H., Dörries, R. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie.
ISBN: 9783132423558
- Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen.
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