Orthostatische Dysregulation


Medizinische Qualitätssicherung am 15. Februar 2019 von Dr. med. Nonnenmacher

Als orthostatische Dysregulation wird eine Regulationsstörung des Blutdrucks bezeichnet. Sie entsteht, wenn die betroffene Person eine aufrechte Körperhaltung annimmt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine orthostatische Dysregulation?

Die orthostatische Dysregulation ist in der Medizin auch als Orthostase-Syndrom oder orthostatische Hypotonie bekannt. Gemeint ist damit eine Regulationsstörung des Blutdrucks, wenn der Mensch in eine aufrechte Körperposition wechselt.

Der Begriff Orthostase entstammt dem Griechischen und bedeutet „aufrechter Stand“. Die orthostatische Dysregulation wird zu den Formen der Arterielle arteriellen Hypotonie gerechnet. Dabei besteht eine Fehlfunktion der Orthostase-Reaktion, die bei gesunden Menschen dafür sorgt, dass es auch in aufrechter Stellung zu einer einwandfreien Arbeit des Herz-Kreislaufsystems kommt.

Die orthostatische Hypotonie hat jedoch Beschwerden wie Herzrasen, Schwächegefühle, Schwindel und Übelkeit zur Folge, wenn der Mensch eine aufrechte Körperhaltung einnimmt. Setzt oder legt der Betroffene sich wieder hin, lassen die Symptome schnell wieder nach.

Die Medizin teilt die Regulationsstörung in drei Formen ein:

  • die sympathikotone orthostatische Hypotonie
  • die asympathikotone orthostatische Hypotonie
  • das posturale orthostatische Tachykardiesyndrom.

Ursachen

Während mit dem Begriff Hypotonie niedriger Blutdruck gemeint ist, bezeichnet eine orthostatische Hypotonie einen abrupt einsetzenden Abfall des Blutdrucks nach dem Aufstehen. Bei diesem Vorgang kommt es zum Abfluss des Blutes vom Kopf in Richtung Füße. Als Reaktion auf diesen Vorgang fällt der Herzschlag schneller aus und es erfolgt das Zusammenziehen der Blutgefäße, sodass der Blutdruck rasch ansteigt.

Der Organismus kann das Blut in kurzer Zeit zum Kopf zurückbefördern. Setzt diese Reaktion jedoch zu langsam ein, bewirkt dies kurzfristig einen unzureichenden Zufluss des Blutes in Richtung Gehirn, wodurch sich der Betroffene benommen fühlt. Eine lebensbedrohliche Störung ist die orthostatische Dysregulation nicht, sie kann jedoch mitunter zu einem Bewusstseinsverlust und sogar zu einem Sturz führen, der mit einer Verletzung einhergeht.

Nicht selten ist ein erhöhtes Lebensalter für eine orthostatische Dysregulation verantwortlich. So büßt der Körper im Laufe der Jahre die Fähigkeit zur Orthostase-Reaktion teilweise ein. Aber auch bestimmte Krankheiten gelten als Risikofaktor für ein Orthostase-Syndrom. Dazu gehören in erster Linie die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) sowie Erkrankungen, von denen die Nerven in Mitleidenschaft gezogen werden, die für die Blutdruckregulation von Bedeutung sind.

Eine weitere mögliche Ursache für eine orthostatische Dysregulation ist die Einnahme von bestimmten Medikamenten. Dabei handelt es sich um Arzneimittel, die gegen Bluthochdruck wirken und für eine Gefäßerweiterung sorgen. Neben Blutdruckmitteln kommen außerdem Diuretika, Zytostatika, Medikamente gegen die Parkinson-Krankheit, Hypnotika.

Aber auch Tranquilizer, trizyklische Antidepressiva, Opiate, Psychopharmaka, Insulin, Muskel-Relaxantien sowie Alkohol und Drogen wie Marihuana kommen als Auslöser eines Orthostase-Syndroms infrage. Weitere denkbare Ursachen sind Herz- und Blutgefäßerkrankungen wie eine Herzinsuffizienz oder eine Herzbeutelentzündung.

Auch eine Verengung der Aorta oder Störungen beim Herzschlag, Infektionen, eine Schilddrüsenunterfunktion, Fehlfunktionen von Hypophysenvorderlappen und Nebennierenrinde, dauerhafter Bewegungsmangel, längere Bettlägerigkeit sowie ein Mangel an Flüssigkeit.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die orthostatische Dysregulation ist durch unspezifische Symptome gekennzeichnet. In der Regel zeigen sie sich nach einem plötzlichen Lagerungswechsel des Körpers, was vor allem das Aufstehen nach dem Liegen betrifft. Steht der Betroffene über einen längeren Zeitraum, können sich die Beschwerden noch verstärken.

Als allgemeine Symptome gelten ein Gefühl der Kälte, Übelkeit, Blässe, Schweißausbrüche und innere Unruhe. Außerdem kommt es häufig zu Herzrasen, einem Gefühl der Beklemmung, Schwindelanfällen, Kopfschmerzen, Benommenheit, Unsicherheiten beim Gehen und Stehen, Ohrensausen, Augenflimmern sowie ein Gefühl der Leere im Kopf.

Aufgrund der Beschwerden ist der Patient dazu gezwungen, sich wieder zu setzen oder hinzulegen. In diesem Fall verschwinden die Symptome meist rasch wieder. In manchen Fällen ist aber auch eine kurze Ohnmacht möglich, durch die das Risiko eines schweren Sturzes und damit verbundenen Verletzungen besteht.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Verdacht auf eine orthostatische Dysregulation ergibt sich zumeist schon durch die Krankengeschichte des Patienten. Um die Diagnose abzusichern, führt der behandelnde Arzt meist eine Kipptischuntersuchung oder einen Schellong-Test durch. Beim Schellong-Test bleibt der Patient für fünf bis zehn Minuten auf einer Untersuchungsliege, während sein Blutdruck und Puls gemessen werden.

Anschließend soll er schnell aufstehen und fünf bis zehn Minuten stehenbleiben. Auch in diesem Zeitraum werden Puls und Blutdruck kontrolliert. Beim Kipptisch-Test schnallt der Arzt den Patienten auf einem Tisch fest, der sich kippen lässt. Nach einer Ruhephase von zwanzig Minuten kippt er den Tisch und richtet den Patienten damit auf.

Nachdem er zwanzig Minuten eine stehende Position eingenommen hat, wird der Tisch wieder zurückgekippt und der Vorgang wiederholt. In den meisten Fällen nimmt die orthostatische Dysregulation einen positiven Verlauf. So bessern sich die Beschwerden bei rund 80 Prozent aller Patienten wieder.

Komplikationen

In den meisten Fällen kommt es bei dieser Krankheit nicht zu besonderen Komplikationen und in der Regel auch nicht zu einem lebensgefährlichen Zustand. Die Symptome und Beschwerden können bei verschiedenen Patienten dabei unterschiedlich stark auftreten. In der Regel leiden die meisten Betroffenen bei dieser Krankheit allerdings an Blässe und Übelkeit. Es kommt zu Kopfschmerzen und zu einem Schleiersehen nach dem Wechsel der Position.

Auch ein Augenflimmern oder ein Ohrensausen kann dabei auftreten. Beim Gehen kommt es zu einer Unsicherheit und die Betroffenen wirken benommen und verwirrt. Meistens verschwinden die Beschwerden relativ schnell wieder, wenn sich der Patient hinlegt oder hinsetzt. Besondere Komplikationen treten dabei nicht auf. Allerdings kann es in schwerwiegenden Fällen eine Bewusstlosigkeit beim Patienten einsetzen, wobei sich dabei gegebenenfalls verletzt.

Eine Behandlung der Erkrankung ist nur in schwerwiegenden Fällen notwendig. Diese erfolgt mit Hilfe von Medikamenten und führt nicht zu weiteren Komplikationen. Sollte eine andere Grunderkrankung für diese Beschwerden verantwortlich sein, so muss diese zuerst behandelt werden. In der Regel wird die Lebenserwartung des Betroffenen krankheitsbedingt nicht eingeschränkt.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Menschen, die nach einer plötzlichen oder schnellen Veränderung der Körperlage Beschwerden erleiden, sollten einen Arzt konsultieren. Kommt es unmittelbar nach der durchgeführten Bewegung zu einem blassen Hautbild, einem Unwohlsein oder Übelkeit, besteht Anlass zur Besorgnis. Bei Augenflimmern, Schwindel oder dem Verlust des Gleichgewichts ist ein Arzt zu konsultieren, damit sich keine Folgeerscheinungen oder anderen Probleme ergeben. Ohrensausen, Kopfschmerzen oder ein Gefühl der Leere sind untersuchen zu lassen. Stellen sich Störungen des Herzrhythmus ein, entwickelt sich ein Herzrasen oder kommt es zu einem lauten Herzklopfen, wird ein Arzt benötigt.

Bei einer Benommenheit nach dem Aufstehen oder Bücken, ist die Abklärung der Beschwerden notwendig. Ein kurzzeitiger Verlust des Bewusstseins ist unverzüglich einem Arzt zu melden. Nach Möglichkeit sollte der Rettungsdienst alarmiert werden, damit schnellstmöglich der Gesundheitszustand des Betroffenen stabilisiert wird. Ein Kältegefühl, Gangunsicherheiten oder eine erhöhte Unfallgefahr sollten einem Arzt vorgestellt werden.

Entwickeln sich Ängste, ein Rückzugsverhalten oder werden Bewegungen nahezu vollständig vermieden, benötigt der Betroffene Hilfe. Bei einer Zunahme der Beschwerden oder neuen Symptomen ist ein Arztbesuch dringend anzuraten. Häufig verstärken sich die vorhandenen Unannehmlichkeiten, sobald der Betroffene eine gewisse Zeit stand und anschließend die Körperlage verändert.

Behandlung & Therapie

Soweit möglich, sollte die Therapie der orthostatischen Dysregulation ohne die Gabe von Medikamenten erfolgen. Nur in schweren Fällen erhält der Patient Alpha-Adrenozeptor-Agonisten. Um der Hypotonie, die zumeist in den Morgenstunden auftritt, entgegenzuwirken, wird empfohlen, beim Aufstehen Übungen für den Kreislauf durchzuführen.

So lässt sich der venöse Rückstrom durch das Aktivieren der Unterschenkelmuskeln schon im Liegen stimulieren. Bevor der Betroffene aufsteht, kann er auch zuvor zwei Minuten sitzen bleiben. Als hilfreich gilt außerdem eine kühle Umgebung, da die Kälte ebenfalls den venösen Rückstrom steigert. Oftmals schafft auch schon eine starke Tasse Kaffee Abhilfe.

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Aussicht & Prognose

Bei der orthostatischen Dysregulation fällt die Prognose unterschiedlich aus. Sympathikotone orthostatische Hypotonien haben eine positive Prognose. Sie sind gut behandelbar. Hingegen stellt die asympathikotone Form dieser Erkrankung eine ernsthafte Erkrankung mit schlechterer Prognose dar.

In Fall einer sympathikotonen orthostatischen Dysregulation kann der Betroffene ein relativ normales Leben führen. Er sollte allerdings durch verschiedene Maßnahmen für seinen Gesunderhalt sorgen. Es ist nicht auszuschließen, dass sonst eine Verschlechterung, oder eine Herz-Kreislauferkrankung eintritt. Inwieweit eine orthostatische Dysregulation lediglich lästig, oder der Vorbote zu späteren Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, darüber sind sich die Mediziner uneinig.

Generell fällt zu niedriger Blutdruck nicht dadurch auf, dass er gefäßschädigend wirkt. Er kann Beschwerden verursachen, aber auch Beschwerdefreiheit gewähren. Maßnahmen, die die Prognose verbessern, sind hilfreich. So sollten die Patienten beispielsweise mehr Flüssigkeit und Kochsalz zuführen. Sie sollten Medikamente absetzen, die eine orthostatische Hypotonie begünstigen. Jeder kann viel tun, um die Gefäße gesund zu halten, zum Beispiel durch Sport, Kneipp-Anwendungen oder Bürstenmassagen. Die Betroffenen mit einer orthostatischen Dysregulation können viel tun, um die Prognose positiv zu beeinflussen. Medikamentöse Therapien werden nur notwendig, wenn die eigenen Maßnahmen nicht ausreichen.

Bei der asympathikotonen Variante der orthostatischen Dysregulation handelt es sich um eine chronisch-progrediente Form. Diese ist mit therapeutischen Maßnahmen nur schwer kontrollierbar.

Vorbeugung

Um Beschwerden durch die orthostatische Dysregulation vorzubeugen, wird ein langsames und nicht zu schnelles Aufstehen empfohlen. Als sinnvoll gilt zudem das Schlafen mit erhöhtem Oberkörper.

Nachsorge

Die orthostatische Dysregulation ist ein Erkrankungsbild, das häufig vom Verhalten des Patienten abhängt. Nachsorge ist damit Prävention zugleich, damit die Störung möglichst selten bei den Betroffenen auftritt. Es gibt ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die in der Nachsorge zum Einsatz kommen und vorab mit dem behandelnden Arzt, zum Beispiel dem Hausarzt, abgesprochen werden können.

Bewegung ist ein wichtiger Faktor, um den Kreislauf langfristig zu stabilisieren. Hier bietet die individuelle Nachsorge rund um die orthostatische Dysregulation zwei effiziente Bausteine: Zum einen ist es wichtig, sich während des Tages immer wieder kurz zu bewegen, um den Kreislauf zu aktivieren, also beispielsweise am Schreibtisch vom PC aufzustehen und ein paar gymnastische Übungen zu absolvieren.

Weiterhin ist ein konsequent durchgeführtes sportliches Training bedeutsam. Krafttraining und Fitnesskurse sind ebenso möglich wie Schwimmen oder Spielsportarten. Wichtig ist ausschließlich die regelmäßige Kreislaufaktivierung. Auch das Trinkverhalten ist im Rahmen der Nachsorge bei der orthostatischen Dysregulation wichtig. Zu wenig Trinken kann zu Flüssigkeitsmangel führen, der Kreislaufprobleme begünstigen kann.

Wasser und Tees sind als regelmäßige Getränke besonders gut geeignet. Auf Alkohol, vor allem in größeren Mengen, sollte dagegen besser verzichtet werden. Auch Nikotin kann sich ungünstig auswirken. Bei den Mahlzeiten kann darauf geachtet werden, den Organismus nicht nur üppige Portionen zu belasten, sondern lieber häufiger am Tag leichte Kost zu sich zu nehmen.

Das können Sie selbst tun

Bei der Selbsthilfe zur Erkrankung geht es nach der medizinischen Abklärung und Behandlung in erster Linie um die Verringerung der Symptome und eine Verbesserung der Lebensqualität. Diese Steigerung ist durch die Beachtung von ein paar Aspekten im Alltag möglich.

Da gerade langes Stehen problematisch sein kann, dies sich jedoch nicht immer Vermeiden lässt, sind für solche Situationen Kompressionsstrümpfe eine große Hilfe. Durch den Druck auf die Venen und die Muskulatur in den Beinen kann das Blut nicht so schnell in den Beinen versacken. Dies verringert die Gefahr eines schlagartig abfallenden Blutdrucks. Des Weiteren ist es bei einer Orthostatische Dysregulation ratsam, Lagewechsel langsam durchzuführen. Nach dem Schlafen ist es ratsam, erst mal einen Moment sitzen zu bleiben. Ebenfalls ist es unterstützend, nach längerem Sitzen sehr langsam aufzustehen. Das verringert ebenfalls die Gefahr, dass das Blut in den Beinen versackt und die Symptome der Orthostatische Dysregulation auftreten. Besonders kritisch ist der Aufenthalt in sehr warmen Räumen oder auch beim Baden. In diesen Fällen sollte ebenfalls darauf geachtet werden, dass langes Stehen oder schnelles Aufstehen vermieden wird.

Um die Empfindlichkeit des Nervensystems etwas zu reduzieren, können Wechselduschen helfen. Das bedeutet, dass beim Duschen die Wassertemperatur zwischen warm und kalt gewechselt werden sollte. Am wirksamsten ist es, wenn die Phase mit Kaltwasser etwa 30 Sekunden dauert und bevorzugt die Beinregion abgeduscht wird. Bewegung und Ernährung haben ebenfalls einen bedeutenden Einfluss. Salzreiches Essen kann den Blutdruck im Allgemeinen etwas erhöhen und der Aufbau einer guten Beinmuskulatur unterstützt den Körper bei seiner natürlichen Funktion.

Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • I care Krankheitslehre. Thieme, Stuttgart 2015
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

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