Palpation
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Palpation bezeichnet das Betasten und entspricht einem der ältesten und grundlegendsten Untersuchungsverfahren. Die bekannteste Palpation ist die der Arterien zur Messung des Pulsschlags. Es werden aber auch Organe oder Gewebsstrukturen betastet, um krankhafte Veränderungen auszumachen.
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Was ist die Palpation?
Der Begriff der Palpation stammt von dem lateinischen Verb „palpare“ ab. Wörtlich übersetzt bedeutet palpare streicheln. Die Medizin meint mit der Palpation so die Untersuchung durch Abtasten. Sowohl direkt zugängliche Strukturen auf der Körperoberfläche als auch indirekt zugängliche Strukturen unter der Haut oder anderen Deckschichten lassen sich abtasten.
Dieses Untersuchungsverfahren ist die Basis aller Untersuchungstechniken der klinischen Praxis und gehört zu den ältesten Verfahren überhaupt. Wie die Auskultation, die Perkussion und die Inspektion zählt auch die Palpation zu den körperlichen oder klinischen Untersuchungen. Unter diesen Oberbegriff fasst der Mediziner alle Untersuchungsmethoden, die er mit seinen eigenen Sinnen und keinen oder kaum zusätzlichen Hilfsmitteln durchführt.
Dass die Palpation zu den ältesten Untersuchungsverfahren gehört, hat einen einfachen Grund: Sie setzt nichts voraus als die Hand des Untersuchers. Sie ist überall verfügbar, verursacht keine Gerätekosten, kommt ohne Strahlen und ohne Kontrastmittel aus und lässt sich am Krankenbett, in der Praxis und im Rettungsdienst gleichermaßen anwenden. Die Tastuntersuchung des Pulses ist in schriftlichen Zeugnissen der Heilkunde seit dem Altertum überliefert und war über Jahrhunderte eines der wenigen Mittel, um sich ein Bild vom Zustand eines Kranken zu machen. Ihre heutige Bedeutung hat sich dadurch verschoben, aber nicht erledigt: Sie steht nicht mehr am Ende der Diagnostik, sondern an deren Anfang und entscheidet mit darüber, welche weiteren Untersuchungen überhaupt veranlasst werden.
Was die tastende Hand aufnimmt, lässt sich in wenigen Größen beschreiben. Der Untersucher prüft Form und Ausdehnung einer Struktur, die Beschaffenheit ihrer Oberfläche, ihre Festigkeit, ihre Verschieblichkeit gegenüber der Umgebung, ihre Temperatur, die Feuchtigkeit der Haut darüber sowie das Vorhandensein von Pulsationen. Dabei kommen unterschiedliche Teile der Hand zum Einsatz: Feine Unterschiede der Oberfläche nimmt der Untersucher mit den Fingerbeeren wahr, Temperaturunterschiede eher mit dem Handrücken, tiefer gelegene Strukturen mit der flachen Hand. Kleine Gebilde werden zwischen Daumen und Zeigefinger gefasst.
Üblicherweise wird zwischen einer oberflächlichen und einer tiefen Palpation unterschieden. Die oberflächliche Palpation arbeitet mit geringem Druck und dient dazu, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, schmerzhafte Bereiche einzugrenzen und eine Anspannung der Bauchdecke zu bemerken. Die tiefe Palpation drückt weiter in die Tiefe und erreicht Organe, die unter der Bauchdecke liegen. In der Regel wird mit der oberflächlichen Form begonnen, weil ein sofort kräftiger Druck den Patienten anspannen lässt und die weitere Untersuchung dadurch erschwert.
Im Rahmen des manuellen Betastens will der Arzt erste Hinweise auf krankhafte Vorgänge in den inneren Organen oder Gewebestrukturen ausmachen. Die Inspektion meint dagegen die Blickbetrachtung des nackten Körpers. Die Auskultation ist das Abhorchen und bei der Perkussion klopft der Arzt den Körper ab. Oft wird die Palpation mit einer dieser weiteren klinischen Untersuchungen kombiniert.
Ihren Platz hat die Palpation innerhalb einer festen Abfolge. Zuerst betrachtet der Arzt den Patienten, dann tastet er, klopft ab und hört zu. Am Bauch wird diese Reihenfolge bewusst geändert: Dort wird vor dem Betasten abgehorcht, weil der Druck der Hand die Darmbewegung und damit die Darmgeräusche verändert. Vorausgegangen ist stets die Anamnese, also das Gespräch über die Beschwerden; erst sie sagt dem Untersucher, worauf er beim Tasten besonders achten muss.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die häufigste und bekannteste Palpation ist die der Arterien, die der Ermittlung des Pulsschlags dient. Eine Palpation kann beispielsweise aber auch am Augapfel stattfinden. An dieser Körperstelle kann das Betasten dem Arzt bei der Beurteilung des Augendrucks helfen. Auch der Bauch oder der Unterbauch werden häufig palpiert, um krankhafte Vorgänge in den Bauchorganen zu erkennen.
Der Gynäkologe palpiert dagegen regelmäßig die weibliche Brust. Diese Betastung findet insbesondere in der Woche nach der Menstruation statt und lässt den Arzt unter Umständen Knoten erkennen. Während der Schwangerschaft tastet der Gynäkologe außerdem den Uterus ab, um dessen Größenwachstum zu kontrollieren. Palpationen werden auch an den Speicheldrüsen und den Ausführungsgängen dieser Drüsen durchgeführt. So lassen sich manuell beispielsweise Steine ausmachen. An der Leber gibt die Palpation dem Arzt dagegen Aufschluss über die Konsistenz und Größe des Organs. Diese beiden Eigenschaften können unter Umständen pathologische Vorgänge reflektieren.
Am Puls werden nicht nur die Schläge pro Minute gezählt. Der Untersucher achtet ebenso auf die Regelmäßigkeit der Schlagfolge, auf die Kraft der Pulswelle und darauf, ob der Puls auf beiden Seiten gleich gut zu tasten ist. Eine völlig unregelmäßige Folge kann auf ein Vorhofflimmern hinweisen, ein einseitig abgeschwächter Puls auf eine Engstelle im Gefäßverlauf. Getastet wird der Puls unter anderem am Handgelenk, am Hals, in der Leiste, in der Kniekehle, auf dem Fußrücken und hinter dem Innenknöchel; die beiden zuletzt genannten Stellen gehören zur Beurteilung der Beindurchblutung.
Am Bauch gilt die Aufmerksamkeit einigen wenigen Befunden, die eine rasche Entscheidung nach sich ziehen. Eine brettharte, unwillkürliche Anspannung der Bauchdecke und ein Schmerz, der beim plötzlichen Loslassen der eindrückenden Hand stärker ist als beim Drücken selbst, gelten als Warnzeichen für eine Reizung des Bauchfells und gehören zu den Merkmalen des akuten Abdomens. Bricht der Patient das Einatmen ab, wenn der Untersucher unterhalb des rechten Rippenbogens drückt, kann das auf eine Gallenblasenentzündung hindeuten. Der untere Rand der Leber und in manchen Fällen auch der Milz lässt sich während einer tiefen Einatmung unter dem Rippenbogen ertasten, weil beide Organe dabei nach unten treten. Ertasten lassen sich außerdem Bruchpforten, etwa beim Leistenbruch oder beim Nabelbruch, sowie die Pulsation der Bauchschlagader.
Bei der Palpation der Lymphknoten erkennt der Arzt in verschiedenen Körperregionen vielleicht Tumore oder Entzündungen. Neben den genannten lassen sich auch Körperbestandteile wie die Aorta, die Gelenke, die Hoden, die Prostata oder die Muskeln und Sehnen auf krankhafte Veränderungen hin palpieren. Bei der Palpation beurteilt der Arzt in der Regel fünf verschiedene Eigenschaften. Neben der Größe untersucht er die Festigkeit, die Nachgiebigkeit, die Beweglichkeit und zusätzlich die Schmerzempfindlichkeit der Körperstruktur. In der Fachsprache sind diese fünf Eigenschaften auch als Dimension, Konsistenz, Elastizität, Mobilität und Druckdolenz bekannt.
Bei den Lymphknoten kommt es dabei weniger auf die reine Größe an als auf das Zusammenspiel der Eigenschaften. Weiche, gut verschiebliche und druckschmerzhafte Knoten sprechen eher für eine Entzündung, besonders wenn gleichzeitig Fieber besteht und sich in der Nähe ein Infektionsherd findet. Derbe, unverschiebliche und schmerzlose Knoten, die über längere Zeit bestehen bleiben oder größer werden, gelten dagegen als abklärungsbedürftig. Auch die Schilddrüse wird getastet, meist von hinten, wobei der Patient schlucken soll; das Organ bewegt sich dabei mit dem Kehlkopf nach oben und lässt sich so von umgebendem Gewebe abgrenzen.
Am Bewegungsapparat richtet sich die Palpation auf Muskelspannung, druckschmerzhafte Punkte, Schwellungen, Überwärmung und Flüssigkeit in einem Gelenk. An der Wirbelsäule werden die Dornfortsätze und die Muskulatur daneben abgetastet. An der Haut zeigt ein Fingerdruck, der eine Delle hinterlässt, eine Wassereinlagerung (Ödem) an. Am Brustkorb lässt sich prüfen, wie stark sich die von der Stimme erzeugte Erschütterung auf die Handfläche überträgt, wenn der Patient ein Wort spricht. In der Geburtshilfe dienen die nach Leopold benannten Handgriffe dazu, die Lage des Kindes durch die Bauchdecke hindurch zu bestimmen.
Anhand von Dimension, Konsistenz, Elastizität, Mobilität und Druckdolenz kann der Arzt durch die Palpation der Blinddarmregion beispielsweise erste Hinweise auf eine Blinddarmentzündung gewinnen. Palpieren findet entweder manuell oder bimanuell statt. Manuell meint in diesem Zusammenhang das Betasten mit einer Hand. Bei der bimanuellen Palpation findet die Betastung dagegen beidhändig statt. Bimanuelle Palpationen tasten meist Bauchorgane ab. Eine der Hände schlüpft dabei in die untersuchende Rolle. Die andere Hand bringt der untersuchenden Hand das jeweilige Organ näher und ermöglicht so erst das Betasten.
Nicht jede Palpation dient der Diagnose. Ein erheblicher Teil des Tastens im medizinischen Alltag dient der Orientierung vor einem Eingriff: Vor einer Blutentnahme wird die Vene ertastet, vor einer Spritze in den Muskel und vor einer Punktion werden knöcherne Anhaltspunkte aufgesucht, und bei der Wiederbelebung wird der Druckpunkt am Brustbein ertastet. In der Physiotherapie und in der Massage wird der Tastsinn genutzt, um Muskelspannung, Verhärtungen und die Beweglichkeit von Gelenken zu beurteilen und den Erfolg der Behandlung zu verfolgen.
Eine Sonderstellung nimmt die Palpation ein, die der Betroffene selbst durchführt. Zur Krebsfrüherkennung gehört die Anleitung von Frauen zum regelmäßigen Abtasten der Brust; entsprechend werden Männer angeleitet, die Hoden selbst zu untersuchen. Diese Selbstuntersuchung ersetzt weder die ärztliche Untersuchung noch weitergehende Verfahren, sie kann aber dazu führen, dass eine Veränderung früher bemerkt und ärztlich abgeklärt wird. Wichtig ist dabei die Vermittlung, wie sich gesundes Gewebe anfühlt, denn erst die Erfahrung mit dem gewohnten Befund macht eine Abweichung auffällig.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Diese Schmerzen sind in der Regel aber nur von kurzer Dauer und legen sich meist, sobald der Druck wieder nachlässt. Da die Druckdolenz ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Palpation ist, kann Druckschmerz zur Diagnosestellung letztlich sogar hilfreich sein. Mit Risiken und Nebenwirkungen für den Patienten ist eine Betastung in der Regel nicht verbunden. Bestimmte Palpationen können sich allerdings unangenehm anfühlen. Das gilt zum Beispiel für die Palpation der Prostata. Diese Prostatabetastung findet meist rektal statt. Der Arzt dringt dazu also in den Anus ein, was für viele Menschen mit einem unangenehmen Gefühl verbunden ist. Eine besondere Vorbereitung erfordert die Prostatapalpation aber nicht.
Trotz des unangenehmen Gefühls empfinden Patienten die Betastung insgesamt meist weniger belastend, als vorab angenommen. Die Palpation wird manchmal als wenig sensitive und unspezifische Methode bezeichnet. Das Ergebnis einer Betastung hängt stark vom Können, vom Gespür und der Erfahrung des durchführenden Mediziners ab.
Wie stark ein Druck als schmerzhaft empfunden wird, sagt dem Untersucher zugleich etwas über den Befund: Ein Schmerz, der genau an einer umschriebenen Stelle auslösbar ist und sich bei wiederholter Prüfung an derselben Stelle wiederfindet, ist anders zu bewerten als ein diffuser, wandernder Druckschmerz. Deshalb wird der Druck langsam gesteigert und nicht ruckartig ausgeübt.
Vorsicht ist in einigen Lagen geboten. Besteht der Verdacht auf eine krankhafte Erweiterung der Bauchschlagader, wird auf kräftiges, wiederholtes Eindrücken verzichtet; die Klärung erfolgt dann mit einer Ultraschalluntersuchung. Auch bei einem akuten Abdomen wird die tiefe Palpation nicht beliebig oft wiederholt, weil sie für den Patienten sehr schmerzhaft ist und der Befund durch die entstehende Abwehrspannung zunehmend schlechter zu beurteilen wird. An entzündeten, verletzten oder frisch operierten Stellen richtet sich das Vorgehen danach, was der Zustand des Gewebes zulässt.
Zu den Grenzen des Verfahrens gehört, dass nicht alles tastbar ist, was vorhanden ist. Tief im Bauchraum gelegene Strukturen entziehen sich der Hand, ebenso wird die Beurteilung durch eine kräftige Bauchdecke, durch Luft im Darm oder durch eine angespannte Muskulatur erschwert. Daraus folgt zweierlei: Ein unauffälliger Tastbefund schließt eine Erkrankung nicht aus, und umgekehrt bedeutet eine tastbare Verhärtung noch keine bösartige Erkrankung. In beide Richtungen entscheidet erst die weitere Abklärung, meist durch eine Untersuchung mit Ultraschall, durch Laborwerte oder durch eine Computertomographie.
Hinzu kommt, dass viele Palpationen in den Intimbereich reichen. Untersuchungen der Brust, der Hoden, der Prostata sowie die gynäkologische Tastuntersuchung setzen voraus, dass der Patient weiß, was geschieht, und einverstanden ist. Üblich sind eine vorherige Erklärung, das Wahren der Intimsphäre durch Abdecken und Sichtschutz und auf Wunsch die Anwesenheit einer weiteren Person. Bei Untersuchungen an Schleimhäuten werden Handschuhe getragen; die Händedesinfektion vor und nach jedem Patientenkontakt gehört ohnehin zum Standard.
Hat ein Arzt nie zuvor eine Prostata abgetastet, dann wird er krankhafte Gewebsveränderungen der Prostata beispielsweise nur schwer erkennen können. Wer wenig Erfahrung hat, wird außerdem kaum einschätzen können, auf welche Krankheitsbilder aufgespürte Veränderungen hindeuten könnten. Anders als in grauer Vorzeit reicht eine Palpation daher heute nicht zur Diagnosestellung aus, sondern dient meist lediglich der Klärung, welche anschließenden Diagnostikverfahren sinnvoll sein könnten.
Quellen
- Füeßl, H. S., Middeke, M.: Anamnese und klinische Untersuchung.
ISBN: 9783132443099
- Neurath, M. F., Lohse, A. W.: Checkliste Anamnese und klinische Untersuchung.
ISBN: 9783132419797
- Buckup, J., Hoffmann, R. (Hrsg.): Klinische Tests an Knochen, Gelenken und Muskeln.
ISBN: 9783131009968
- Frisch, H.: Programmierte Untersuchung des Bewegungsapparates.
ISBN: 9783540728542
- Schünke, M.: Topografie und Funktion des Bewegungssystems.
ISBN: 9783132456037
